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FRAGEN NACH DEM ICE - UNGLÜCK

In den Medien wurde ausführlich über die Arbeit der Seelsorger und den Trauergottesdienst berichtet. Einige Reporter bezweifelten, dass die Seelsorger etwas ausrichten könnten. Ich hätte alles stehen und liegengelassen und mich bei ihnen eingereiht, wenn ich in der Nähe des Unglücks gewohnt hätte, um den Betroffenen zuzuhören, ihnen Nähe und Aufmerksamkeit zu geben und ein Gebet zu sprechen. Für einige erschien solcher Trost belanglos, für andere bedeutet er sehr viel. Es hat sich gezeigt, wie kompetent wir technisch und logistisch mit einer solchen Katastrophe umgehen können. Es zeigte sich auch, dass ein Solidargefühl unter uns noch nicht ausgestorben ist. Viele sind bereit, hochherzig zu geben und sich einzusetzen, wenn es nötig ist. Es tat gut, dies wahrzunehmen. Aber es bleiben auch Fragen.

Wir werden aus unseren normalen Sicherheiten gerissen. Wir haben das eben nicht so im Griff, wie wir denken. Plötzlich erfahren wir, was Martin Luther so formulierte: ,,Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen"! Auch ich hätte unter den vielen Toten und Verletzten sein können. Ich kann nicht länger so selbstherrlich dahinleben. Was ist überhaupt Sinn und Ziel meines Lebens? Ich werde einmal vor Gott stehen. Was bringe ich dann mit? Auf was kann ich mich berufen?

Und dann natürlich die Warum-Frage, die schon Hiob- gestellt hatte: Warum lässt der gute Gott uns leiden? Darauf haben auch die Frommen nicht einfach die besseren Antworten, jedenfalls nicht in wenigen Worten. Unsere Hilflosigkeit und unsere Sprachlosigkeit dürfen wir uns eingestehen. Doch zwei Gedanken haben sich mir wieder aufgedrängt:

Einmal, wir leben in einer Welt voll Leid und Schuld. Die Heilsgeschichte ist noch nicht am Ziel. Es ist so: Jeder bekommt irgendwo und irgendwann seinen Anteil an Leiden mitzutragen. Kann ich erlauben, dass das Leben wehtun darf? Ich muss meine Ansprüche überprüfen und demütiger werden.

Aber auch das Zweite gilt: Gott ist nicht nur mächtig und jenseitig, sondern er teilt auch in Christus unser Leid und unsere Ohnmacht - bis in alle Tiefen. Er war auch in Eschede und litt unter den Menschen. Aber: Er findet sich mit der leidenden und gefallenen Welt, wie sie ist, nicht ab. Einmal wird es wahr:

,,Siehe, ich mache alles neu" und ,,Gott wird abwischen alle Tränen". Das ist unsere begründete Hoffnung!

Pfr. Dr. Hans Häselbarth

für die FRANKENPOST-Ausgabe am Samstag 27. Juni 1998

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