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Für manche Escheder Helfer kann es noch "ganz dicke" kommen:

"Ich bin jetzt anders als andere"

Von Karin Toben, Kitzinger Zeitung vom 04.08.98.

Eschede.

Die mehr als tausend Katastrophenhelfer von Eschede haben Grausames gesehen, gefühlt und in sich aufgenommen.

Gleichzeitig aber haben sie eine positive Erfahrung gemacht: ,,Sie sind gereifter und erwachsener geworden, unabhängig von ihrem Lebensalter. Sie haben Kompetenz dazugewonnen und eine wertvolle Gruppenerfahrung gemacht, die sie auf ewig zusammenschweißen wird", sagt Jutta Helmerichs. Die Sozialwissenschaftlerin leitet für ein Jahr in Celle die Koordinierungsstelle Einsatznachsorge. Sie ermutigt die Helfer auch dazu, "trotz des entsetzlichen Geschehens stolz sein zu dürfen". Das so zu formulieren, das ist schwer für die meisten, für die Helfen selbstverständlich ist.

Schon wenige Stunden, nachdem am 3. Juni der ICE im Heidedorf Eschede entgleiste und 101 Fahrgäste den Tod fanden, zeichnete sich ab, dass auch die Helfer Hilfe brauchten. Kay Leonhardt, Leiter der Rettungsschule des Deutschen Roten Kreuzes in Goslar, baute mit Professor Jürgen Bengel vom Psychologischen Institut der Universität Freiburg und Jurij Ryschka vom Malteser-Hilfsdienst die Einsatznachsorge auf.  

Bilder und Gerüche können oft nicht vergessen werden

 


Hunderte von körperlich und seelisch erschöpften Sanitätern und Feuerwehrleuten, Soldaten und Männern vom Technischen Hilfswerk nahmen an ersten aufarbeitenden Gruppengesprächen mit psychologisch geschulten Kollegen teil. Wer Bilder, Gerüche und Gehörtes vom Einsatzort nicht vergessen konnte, reizbar und schlaflos war, hat in der Koordinierungsstelle Hilfe gefunden.

,,Wir mussten sie in ihrem Gefühl bestärken, dass das eine ganz normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis war", sagt Jutta Helmerichs. Die 42 jährige Ostfriesin kam mit jahrelangen Erfahrung in der Betreuung von durch plötzlichen Kindstod verwaisten Eltern nach Celle. Sie hat Rettungsdienstpersonal in Fachschulen und auf Kongressen in Psychologie und Ethik unterwiesen und die Erfahrung gemacht: "Zwei Wochen nach dem akuten Unglück muss der Mensch Bewältigungs- und Abwehrmechanismen entwickelt haben. Weil aber das Ereignis in die letzten Winkel familiärer Strukturen eingegriffen hat, gehört es zum Beratungsalltag, dass auch Ehepartner zum Beispiel mit der verzweifelten Feststellung: "Er redet nicht mehr, und ich muss zusehen, wie er leidet" offene Ohren finden.

Für manchen Retter kommt erst zwei Monate nach dem Unglück die Lawine der nicht mehr verdrängbaren Bilder ins Rollen, "und es wird andere geben, die noch viel später heimgesucht werden", weiß die Koordinatorin Helmerichs.

Wer sich im Kreis von Kollegen oder allein auf verdrängte Erschütterungen einlasse, könne die wertvolle menschliche Erfahrung von Nähe und Gruppenzusammenhalt speichern, aber auch die oft nur schwer auszuhaltende Erfahrung machen: "Ich bin jetzt anders als alle anderen, die nicht dabei waren". So etwas, sagt Helmerichs, "trennt und erschreckt". Es erfordere Mut, sich damit zu befassen - und mancher besinne sich erst in der Beratungsstelle auf seine Krisenressourcen.

Wer übrigens denke, dass ältere Helfer derartige menschliche Grenzerfahrungen leichter wegsteckten als jüngere, der irre: "Sie sind oft mehr belastet, weil sie schon mal gefühlt haben, was Verletzung und Verlust bedeuten", ist ein Teil von Helmerichs' Bilanz. Traumaexperte Professor Bengel geht davon aus, dass bis zu fünfzehn Prozent der Einsatzkräfte Spätschäden nach Eschede erleiden. "Wer die Geschehnisse immer wieder durchlebt, die schrecklichen Bilder sieht, oder Geräusche hört, wer den Ort des Geschehens meidet, der gilt als gefährdet", sagt Bengel. In Eschede seien viele Risikofaktoren für sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen zusammengetroffen: ein langandauernder Einsatz und Aufgaben wie das Bergen von toten Kindern oder Leichenteilen. ,,Junge, wenig routinierte Helfer und jene, die nach außen sehr cool wirken, sind hier gefährdet".

 

 Für das Internet bearbeitet am 04.08.98 von Hanjo v. Wietersheim.

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