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Ohnmacht, Gebet und Erste Hilfe
Christen halfen den Opfern und Angehörigen des
Zugunglücks in Eschede
Über neunzig Menschen starben beim Zugunglück im
niedersächsischen Eschede bei Celle. Viele wurden verletzt. Unfassbar, dass der
hypermoderne Eilzug nicht die Sicherheit bot, die sein glänzendes Äußeres und
die vielen unfallfreien Kilometer versprachen oder vorgaukelten. Denn keine
Technik der Welt kann absolute Sicherheit garantieren. Die Opfer und ihre
Angehörigen brauchen Hilfe, um die schrecklichen Erfahrungen bewältigen zu
können. Den Helferinnen und Helfern, die sich selbst schweren Belastungen
aussetzten, wurde viel Lob zuteil. Marcus Mockler berichtet von der Hilfe, die
Kirchengemeinden und Seelsorger geleistet haben.
Als die Schreckensnachricht eintrifft, sitzen gerade
30 evangelische und katholische Geistliche bei einer Pfarrkonferenz in Celle
zusammen. Sie brechen sofort zum Unglücksort auf. Wie Christoph Kunkel, einer
der beiden Pastoren von Eschede berichtet, ist anfangs nicht nur
seelsorgerlicher Beistand gefragt. Sie helfen dabei, Verletzte zu versorgen. In
einer Turnhalle in der Nähe des Unfallorts wird ein Seelsorgezentrum
eingerichtet, das Angehörigen als Anlaufstelle dient.
Enno Junge (40), seit neun Monaten Pastor in Eschede,
ist einer der ersten Geistlichen am Unfallort. ,,Ich finde noch keine Worte",
sagt er 30 Stunden später. Junge bringt einen Mann mit Rucksack, den die
Tragödie völlig verwirrt hat, zum Arzt. Die Ehefrau des Mannes starb im Wrack
des ICE. Der Pastor versucht zu trösten, aber es fällt ihm schwer »Ich empfinde
eine sehr große Hilflosigkeit; das entsetzliche Gefühl, dass man alleine nicht
weiterkommt.« Ein Trost für ihn ist die Hilfsbereitschaft in seiner Gemeinde.
Von vielen weiß er, dass sie in diesen Stunden für die Opfer, die Angehörigen,
die Helfer beten. Andere wollen wissen, wie sie bei Rettung und Seelsorge
mitmachen können. Und hin und wieder fragt auch einer: »Herr Pastor, wie geht's
ihnen eigentlich?" Enno Junge weiß, dass diese Frage bald auch den
Mitarbeitenden vom Roten Kreuz, Feuerwehr und Hilfswerk gestellt werden muss.
Die Kirche will Gespräche anbieten, damit die Helfer ihre Belastungen besser
verarbeiten können.
Viele Angehörige von Opfern haben sich, als sie die
Schreckensmeldung erhielten, sofort ins Auto gesetzt. Orientierungslos kommen
sie in der Gemeinde an. Hoffen, dass ihre Angehörigen oder Freunde überlebt
haben. Der Bankangestellte Ralf-Peter Stechert, Mitglied der freien
evangelischen Gemeinde im benachbarten Wienhausen, will als Christ helfen. Gegen
18 Uhr geht er zur Unfallstelle und bietet seinen Seelsorgedienst an. Er
begegnet einer verzweifelten Frau, die ihren Mann im Zug vermutet. Stechert
redet mit ihr, verspricht ihr, bei der Suche behilflich zu sein. Er lädt sie und
vier andere ein, statt in der Turnhalle bei seiner Familie zu übernachten.
Später stellt sich heraus, dass der Ehemann der Frau im Krankenhaus an seinen
Verletzungen gestorben ist.
Über den christlichen Glauben kann Stechert jetzt
nicht viel reden. »Wie soll ich dieser Frau etwas von Gottes Güte erzählen?"
fragt er. Einen Gebetsvers aus Psalm 23 kann er zitieren: »Und ob ich schon
wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.« Am
nächsten Tag nimmt er sich frei -der Dienst in Eschede ist ihm jetzt wichtiger
als der Beruf in der Bank.
Am Tag nach dem Unglück, am Abend: Bischof Horst
Hirschler (Hannover) hält einen Gottesdienst, um der Opfer zu gedenken und die
Angehörigen zu trösten. Schnelle Antworten weiß er nicht. »Angesichts dieses
fürchterlichen Geschehens kann ich nur tief erschrocken fragen: Lieber Gott,
warum muss das geschehen?" erklärt er. Doch versichert er den Hinterbliebenen,
dass Gott den Menschen in diesem Unglück nahe ist.
Beten
Auch Bernd Schlawer kommt nach Eschede. Der 45jährige
Missionar ist Mitglied einer Brüdergemeinde. Er schaltet seit 1993 regelmäßig
Anzeigen in Fahrplänen und dem Faltblatt »Ihr Zugbegleiter«. Er trifft einen
Mann und dessen Sohn, begleitet sie auf der Suche nach der Mutter. Schlawer
spürt, dass die beiden nur noch auf ein Wunder hoffen können. Das macht ihm Mut,
mit den beiden zu beten. »Viele werden jetzt wieder beten«, sagt der Missionar.
Eine von denen, die das intensiv tun, ist die 43jährige Barbara Kneifel. Sie
leidet an Multipler Sklerose und ist an den Rollstuhl gebunden. »Außer Beten
kann ich nichts machen«, sagt sie. »Aber das will ich tun.« idea

Seelsorger kommen zurück von der Einsatzstelle (idea-bild)
Artikel und Bild wurden übernommen aus dem
Rothenburger Sonntagsblatt.
Für das Internet bearbeitet von
Hanjo v.Wietersheim
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