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Ökumenischer Trauergottesdienst

für die Opfer des ICE-Unglücks am 3. Juni 1998

Donnerstag, 18. Juni 1998, 10.00 Uhr

München - St. Michael

Landesbischof D. Hermann von Loewenich

Psalm 22, 2 - 3

 

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,

und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.


Liebe Trauergemeinde,

verehrte Angehörige der Verstorbenen,

vierzehn Tage sind es her, dass durch das schwere Eisenbahnunglück bei Eschede einhundert Menschen in den Tod gerissen und über achtzig zum Teil schwer verletzt worden sind. Die Mehrzahl der Todesopfer und der Verletzten stammt aus Bayern. Erwartungsvoll waren sie am Morgen des 3. Juni in München, Augsburg, Nürnberg oder Würzburg in den ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" eingestiegen, um in den Urlaub zu fahren, um Verwandte zu besuchen oder beruflichen Verpflichtungen nachzukommen. Ein Augenblick des Schreckens hat ihr Leben ausgelöscht oder durch Verletzungen spürbar verändert. Die Bilder des Grauens werden lange in unserem Gedächtnis bleiben. Die Stunden des Bangens, liebe Angehörige, werden Sie nie vergessen und erst recht nicht den Augenblick, in dem Sie die Hiobsbotschaft vom Tod lieber Menschen erreicht hat.

Wir verstehen Ihren tiefen Schmerz und wollen ihn mit Ihnen teilen. Wir fühlen mit Ihnen. Wir bringen Ihre Klage in dieser Stunde gemeinsamer Trauer vor Gott. Auch die Hoffnung derer nehmen wir auf, die um die Genesung ihrer Angehörigen noch bangen.

Wir versuchen, in Worte zu fassen, was Ihnen seit dem 3. Juni durch Herz und Sinne gegangen ist, was uns alle seit dem furchtbaren Unglück bewegt. Aber finden wir dafür Worte? "Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne!" So bricht es aus dem Herzen des Psalmisten heraus. Ich schreie, Tag und Nacht! Aber du kümmerst dich nicht darum! Für einhundert Menschen in den zerstörten Waggons kam jede Hilfe zu spät.

Warum musste das passieren? Warum musste ein defekter Radreifen ein Unglück von so grauenhaftem Ausmaß auslösen? Warum hat Gott das zugelassen? Warum? So fragen in Stunden der Verzweiflung viele.

Alle Erklärungsversuche, die wir anstellen, enden in Sprachlosigkeit. Spürbar werden wir an die Grenzen des Verstehens gestoßen. Schmerzhaft ist es, dass sich Entscheidendes dem menschlichen Erklären entzieht. Auch für Christen ist das so. Wir stehen vor Rätseln des Lebens und sind fassungslos. Wir stehen vor einem unbekannten Gott, der sein gütiges Antlitz vor uns verbirgt.

Auch in solchen dunklen Situationen, in denen wir keine Antwort wissen, dürfen wir dennoch vor Gott unser Herz ausschütten. Wir dürfen weinen und vor ihm klagen, ja ihn sogar anklagen. "Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?" So zu rufen, ist besser, als sich in stummes Leid zu verkriechen.

Schließen wir in diese Klagegebete die mit ein, denen es unmöglich ist, zu beten, deren Herz und Mund verschlossen bleiben. Denken wir in Dankbarkeit an die Helfer, an die Männer und Frauen, die in den Stunden des Grauens eine Aufgabe zu erfüllen hatten, die menschliche Kraft übersteigt. Ihnen ist Kraft zugewachsen. Dafür danke ich Gott, dass er Kräfte gibt, wo wir an Grenzen stoßen.

Über die Ursachen des Unglücks wurde in unserem Land bis gestern heftig diskutiert. Zweifellos war es nötig, die Fehlerquellen aufzuspüren, um künftiges Unglück zu vermeiden. Die bohrenden Fragen in uns haben jedoch eine andere Dimension. Zu deutlich spüren wir, dass es keine letzte Sicherheit gibt. Das rumort in uns. Unser Reden vom Restrisiko, das wir auf uns nehmen müssen, beschönigt dies. Schmerzhaft müssen wir erkennen, dass unser Leben auch in einer hochtechnisierten Zeit nicht in unseren Händen liegt. "Meine Tage sind wie eine Hand breit vor dir, mein Gott, und mein Leben ist wie nichts vor dir!" Diese Einsicht der Bibel ist nach wie vor gültig. dass alles machbar, alles beherrschbar ist, dass wir alles im Griff haben, das hat sich im Augenblick des Schreckens als Wahn herausgestellt.

Wir fragen nach dem Sinn. Gott ist die Adresse, an die wir uns wenden. Der verborgene Gott, an dem Martin Luther fast zerbrochen ist, tritt uns gegenüber. Auch eine noch so tiefgründige Theologie kommt an der Erfahrung des verborgenen Gottes nicht vorbei. Sie ist es, die uns im Angesicht des Unglücks von Eschede am meisten zu schaffen macht.

Wir sind mit dieser Erfahrung nicht allein. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" Mit diesen Worten ruft Jesus am Kreuz nach seinem Vater. Viele kennen sie aus der Matthäuspassion. In der Finsternis des Kreuzes sucht Jesus Christus Gottes Gegenwart.

Sein Gebetsruf durchdringt die Gottverlassenheit. Darin liegt der Trost seines Kreuzes. Das Kreuz ist nicht nur Sinnbild menschlichen Leides. Es ist Zeichen dafür, dass Christus uns als Bruder zur Seite steht und nicht von uns weicht, wenn wir keinen Sinn erkennen. Kein Leid, kein Schmerz, selbst nicht der Tod kann uns von ihm trennen.

Zu ihm sollen wir hinflüchten, wenn uns alles sinnlos erscheint. So hat es Martin Luther gelehrt. Denn Christus lebt. Er hat den Tod überwunden. Er bürgt dafür, dass uns sein Vater liebt, trotz allem, was wir an ihm nicht verstehen. Wo unser Verstand nicht zur Ruhe kommt, gibt er uns Kraft ins Herz. Darauf zu vertrauen, ist wichtiger, als den Verstand mit Erklärungen zu beruhigen, die doch nichts taugen.

Als in Eschede schon fast alles getan war und der Kran das letzte große Stück Beton von den darunterliegenden Waggons hochheben sollte, sagte einer der Pfarrer, die die Männer der Feuerwehr bei ihrer schweren Arbeit begleiteten, in einer plötzlichen Eingebung: "Wartet noch einen Augenblick! Laßt uns einen Moment innehalten. Wir wissen, was kommt. Es sind nur noch Leichen und Teile davon. Laßt uns darauf vertrauen, dass Gott diesen Toten und den Resten davon einmal neues Leben schaffen wird. Laßt uns darauf vertrauen!"

Dieses Vertrauen erbitte ich für alle, die jetzt schweres Leid tragen. Der gekreuzigte Christus hat für uns die Gottesferne durchgehalten und durchbrochen. Darum ist er unser Halt. Ihn bitten wir von Herzen, dass er bei denen ist, die keinen Trost wissen. Und ihn bitten wir auch, dass sich Menschen finden, die ihn vertreten bei allen, die in diesen Tagen Trost brauchen. Amen.


Für das Internet bearbeitet von Hanjo v. Wietersheim am 28.06.98.

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