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Predigt an Trinitatis von Pfarrer Andreas Grabenstein
7.06.98, Osterkirche Worzeldorf

Eine Ferienwoche wie aus dem Bilderbuch: Die Sonne fast zu warm für Anfang Juni. Die Zeit vergeht langsamer, geruhsamer, selbst für diejenigen, die keinen Urlaub haben, ein Vorgeschmack eines großen Sommers - und mittenhinein geht ein Riss, verdunkelt sich der Himmel, eine der Zeitbomben, von denen wir längst wissen, dass sie ticken, eine explodiert.

Sie wollten in den Urlaub oder hatten geschäftlich in Hamburg oder Kiel zu tun. Oder wollten einfach Freunde besuchen in diesen schönen Tagen. Sie steigen früh in den Zug, selbstverständlich, ohne Angst, machen es sich gemütlich in den Sesseln, gehen in den Speisewagen - plötzlich ein Riss, nach allem, was wir bisher wissen, bricht ein Radreif, rumpelnd rast der Zug weiter, entgleist, knallt mit 200 Stundenkilometer gegen eine Brücke, ein furchtbarer Knall, Kreischen von Metall und Beton, Staub und Erde und alles fliegt durch die Luft - und dann Stille. Totenstille.

Liebe Gemeinde,

sie wissen, wovon ich rede. Von dem ICE-Unglück bei Eschede. Ich habe mich nach kurzem Hin und Her dazu entschlossen, diese Katastrophe in dieser Predigt aufzunehmen. Etwas dazu zu sagen versuchen, wie man da noch von Gott reden kann, wenn so etwas passiert, wie man da noch glauben kann. Das passt vielleicht nicht ganz schlecht zum Sonntag Trinitatis, an dem es darum geht, dass Gott kein einfacher Gott ist.

Also: Ich formuliere drei Antwortversuche auf die Frage: Warum? Warum kann so etwas furchtbares passieren, wenn diese Welt und wir Gottes Geschöpfe sind? Drei Antwortversuche und dazu drei Gegenfragen. Frage und Antwort halten sich also die Waage. Ich weiß noch nicht, ob diese Predigt gut ausgeht.

Die erste Antwort, warum dieses Zugunglück geschehen ist, könnte heißen: Nun, es war vielleicht Gottes Wille, es lag in Gottes unerforschlichem Plan. Hört sich brutal an. Glücklicherweise habe ich diese Antwort von niemandem in den letzten Tagen gehört, ich hätte sonst wahrscheinlich laut widersprochen. Aber ich denke, wenn man Gott als allmächtig glaubt, wenn man sagt, dass Gott die Fäden in der Hand hat, wenn man glaubt, dass das eigene Leben vorherbestimmt ist - dann muss man schrecklicherweise zu so einer Antwort kommen: Vielleicht war es Gottes Plan, was da geschehen ist. Gib dich zufrieden, und sei stille.

Was ist Gottes Wille?, frage ich zurück. Dass Menschen, ganz normale Männer und Frauen und Kinder wie du und ich, am helllichten Tag mit dem Zug an eine Brücke knallen und sterben? Um Gottes Willen, nein.

Was ist Gottes Wille für uns Menschen? Ich möchte eines schon sagen, so unhaltbar diese erste Antwort auch ist: Ich denke, es kann durchaus zu Gottes Wille gehören, dass es Krisen gibt, dass wir nicht unheilbar gesund durchs Leben gehen, sondern dass Krankheiten und Schmerz dazugehören. Ich denke daran, was Eltern von behinderten Kindern berichten können, bei allem Schmerz, bei aller Einschränkung. Was die mit ihren Kindern an Fröhlichkeit erleben können, was die auch erzählen können von einem Gewinn an Lebensqualität und Tiefe mit einem kranken Kind. Das könnte doch auch zu Gottes guter Schöpfung gehören, denke ich, dass sich uns in Krisen neue, tiefere Dimensionen des Lebens erschließen.

Aber, um Gottes Willen: Nicht alles Leid, nicht jede Krise ist sinnvoll. Es gibt einfach sinnlose Schmerzen, Erfahrungen, die nur Wunden hinterlassen, aber aus denen kein Tropfen Sinn sich herausquetschen lässt. Katastrophen, die mit Gott einfach nicht zusammenpassen.

Kurt Marti hat einmal bei einer Beerdigung eines jungen Menschen gesagt: "dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen, dass gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb // erstens war er zu jung / zweitens seiner frau ein zärtlicher mann / drittens zwei kindern ein lustiger vater / viertens ... erfüllt von vielen ideen ... // dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen, dass einige von euch dachten / es habe ihm solches gefallen. // im namen dessen der tote erweckte / im namen des toten der auferstand: / wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips".Und ich füge an: Im Namen Gottes, um Gottes Willen, wir protestieren gegen den Tod von 98 Menschen, Frauen, Männer, Kinder bei Eschede, erstens waren sie zu jung, und so weiter..

Was dann? Warum dann die Katastrophe von Eschede? Der zweite Antwortversuch knüpft an den Unterschied von sinnvollem und sinnlosem Leid an. Ich denke, nicht alles, was geschieht, kommt aus Gottes Hand. Schon gar nicht alles Schlimme. Ich denke: Gott hat nicht alle Fäden in der Hand. Er hat uns Menschen als seine MitarbeiterInnen geschaffen, als kreatives Gegenüber. Das hat damit zu tun, dass Gott kein einfacher Gott ist, sondern dreieinig, ein Gott, der aus dem Gespräch lebt und ins kreative Gespräch kommen will. Und deswegen haben wir Menschen Freiheit und Verantwortung geschenkt bekommen. Und leider ist es eine Erfahrung von Anfang an, dass wir diese Freiheit auch missbrauchen, dass Menschen einander Furchtbares antun. Gott gibt die Fäden aus der Hand. Und nimmt das Risiko auf sich, dass die Fäden ihm auch aus der Hand gerissen werden. Dass Menschen sich selbst an die Spitze setzen und sich auf Kosten anderer groß machen.

Und was heißt das für die ICE-Katastrophe? Menschliche Verantwortung? Menschliches Versagen? Zunächst möchte ich einfach sagen, dass ich den ICE trotzdem und nach allem für ein gutes Verkehrsmittel halte. Da ist in dem von Gott eröffneten schöpferischen Raum etwas sinnvolles entwickelt und gebaut worden, zehnmal sinnvoller als Autos, hunderttausendmal sinnvoller als Tretminen und Raketen. Und dabei bleibt es. Und ich traue auch der Verantwortung der Ingenieure und Technikerinnen, dass die sehr, sehr genau versuchen werden, die Unfallursache zu analysieren und alles zu verbessern, wo es nur geht.

Ich werde wohl weiterhin ICE fahren, ich werde aber wohl etwas langsamer einsteigen als früher, ich werde mir dabei mehr bewusst sein als vorher: Ich bin auch hier gefährdet, mein Leben ist so oder so riskant. Ich werde vielleicht dabei das Glück ahnen, dass ich noch sein darf, noch leben kann, dass die Zeitbombe auf meinem Weg noch nicht explodiert ist.

Es muss aber auch nach dem Unglück von menschlicher Schuld und menschlichem Versagen geredet werden. Ich halte es für sinnvoll, die Schuld dann auch dort zu suchen, wo wir alle dem Götzen Schnelligkeit und dem Götzen Mobilität nachrennen. Harter Wettbewerb zwischen Flugzeug und Schiene um wenige Minuten. Wenn ich nur daran denke, wie sie sich gestritten haben um die ICE-Strecke nach München, ob die jetzt über Ingolstadt oder Augsburg gehen soll: da stehen hektarweise schöne Landschaft gegen fünf Minuten kürzere Fahrzeit. Muss denn alles immer schneller, immer mobiler, immer flexibler sein? Und die Natur bleibt auf der Strecke? Und langsamere, ältere Menschen bleiben auf der Strecke? und das Leben bleibt auf der Strecke?

Vielleicht, ganz hart gefragt, wurden die Insassen des ICEs bei Eschede dem Götzen Mobilität geopfert? Dagegen freilich müssen wir Protestanten protestieren im Namen Gottes, der keine Opfer mehr sehen will. Protestieren, nachdenken und innehalten, obwohl und weil wir mitten drinstecken in diesem Götzendienst für den Abgott Schnelligkeit.

Also: Der zweite Antwortversuch geht auf die Verantwortung der Menschen: Wir können Gott nicht dafür zur Verantwortung ziehen, wenn uns unsere Kreativität aus dem Ruder läuft, wenn wir zu viel wollten. Menschliches Versagen. Nicht Gottes Versagen.

Aber ist das eine Antwort? Hilft das weiter? Hat das irgendeinen Trost für die Menschen, die jetzt vor einem zerrissenen Leben stehen? Gott der die Fäden nicht mehr in der Hand hält, der Macht abgegeben hat und jetzt zusehen muss, was geschieht?

Nun, ich glaube, Gott kann das alles schon längst nicht mehr mit ansehen, dieses menschliche Schlamassel von Verantwortung und Überheblichkeit, von Kreativität und Grausamkeit. Gott hat das schon lange nicht mehr sehen können. Und weil er kein einfacher, kein schlichter Schwarz-Weiß Gott ist, deswegen ist er selbst heruntergekommen ins Schlamassel hinein, herausgestiegen aus der Zuschauerperspektive, hineingestiegen in das Fegefeuer menschlicher Eitelkeiten, macht sich die Finger schmutzig in den Grauzonen unseres Lebens, arbeitet als Mensch mit, betet mit, hört zu, weint mit, lacht mit, ist dabei in den Katastrophen. Jesus von Nazareth ist der Zeuge für diesen heruntergekommenen Gott. Und mit ihm viele, viele Menschen auf der Spur von Jesus.

Also, wenn Gott irgendwo in den Trümmern bei Eschede zu finden sein sollte, dann nicht obendrüber, aus der Vogelperspektive, sondern Gott unten drin. Mit dem Gesicht eines Rettungssanitäters, mit den Händen einer Krankenschwester, mit der Vernunft eines Feuerwehreinsatzleiters. Und mit den offenen Ohren und Augen von Menschen, die bei den Opfern und Helfern und Angehörigen sitzen und nichts tun können außer dazusein. Mit aushalten. Die furchtbaren Bilder teilen, die die Menschen nie mehr loslassen werden. Weint mit den Weinenden. Seid entsetzt mit den Entsetzen, seid sprachlos mit den Sprachlosen. Sie haben vielleicht auch den Artikel über die Seelsorgerinnen und Seelsorger gelesen in der NN, die jetzt in Eschede sind, Theologinnen und Laien, Menschen, die dem heruntergekommenen Gott helfen und beistehen. Da, wenn überhaupt, finde ich Gott in Eschede. Da, wenn überhaupt, gibt es Grund zum Glauben und zum Hoffen, dass nicht alles sinnlos ist.

Der Predigttext für diesen Sonntag, liebe Gemeinde, steht im Römerbrief, im 11. Kapitel. Paulus plagt sich da auch mit einer Warumfrage herum: Warum merken viele meiner jüdischen Verwandten, warum merken meine Leute nicht, dass sich in Jesus Gott gezeigt hat? Warum fühlen sie sich von ihm angegriffen in ihrer Identität? Warum kann Gott das zulassen? Paulus argumentiert und diskutiert drei Kapitel lang, versucht, Gottes Gedanken nachzudenken. Und er hält daran fest, dass die Juden ganz besonders zu Gott gehören - auch und trotz aller Katastrophen und Verwerfungen. Und ganz am Schluss, als alles Menschenmögliche gesagt ist, da schreibt Paulus:

Wie unergründlich sind Gottes Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? ... Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.

Das ist die jüdisch-christliche Hoffnung, manchmal gegen allen Augenschein: Aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Gott ist größer, als wir es fassen können. Könnte es nicht sein, dass am Ende bei Gott wieder alle Fäden zusammenlaufen? Und könnte es nicht sein, dass da nicht nur zerschnittene und verbrannte Fäden dabei sind, sondern auch rote Fäden mit Glücksknoten, mit Inseln der Ruhe und der Zuwendung? Und könnte es nicht sein, dass diese roten Fäden schon längst und immer wieder in unser Leben hineingewebt sind, wo immer der heruntergekommene Gott uns berührt, uns begegnet - sogar, ich sag's ganz vorsichtig und fast stockend, sogar in und um Eschede?

Die Gegenfrage bleibt, und ich bitte sie, die Gegenfrage zum dritten Antwortversuch mit auszuhalten: Was, wenn diese Hoffnung ein ungedecktes Versprechen ist? Was, wenn sie nur ein selbstgemachter Trost ist ähnlich wie früher, wenn die Mutter bei einer kleinen Alltagskatastrophe gesagt hat: "Es wird alles wieder gut?" - Mittlerweile weiß ich doch: Es wird nicht alles gut. Manches bleibt ungeklärt, manches hinterlässt lebenslang schmerzende Wunden.

Manchmal erwischt mich diese Frage: Sind wir vielleicht nur Kinder, die nicht loskommen vom mütterlichen Trost: es wird ja alles wieder gut? Die das jetzt halt von Gott erwarten, nachdem es bei der Mutter nicht geklappt hat?

Ich glaube, diese Gegenfrage gehört zu einem erwachsenen Glauben dazu, dieser Zweifel am Zusammenhang und am Sinn. Und ich glaube, das darf sein, gerade in diesen Tagen, gerade an manchen schlimmen Tagen. Der Zweifel darf sein, wenn er nicht allein bleibt. Wenn sich Paulus leise dazustellen darf mit seiner Bitte: Stellt euch bitte nicht über Gott. Lasst Gott eine Chance. Er ist unbegreiflich viel größer als ihr und eure Vorstellungskraft. Lasst Gott nicht los, hinterfragt ihn, zweifelt an ihm, kämpft mit ihm - aber lasst ihn nicht los. Und lasst seine heruntergekommenen Spuren nicht aus den Augen, wo immer es im Elend Menschlichkeit und Glück gibt.

Die offenen Fragen bleiben, bleiben lebenslänglich. Aber solange es Menschen gibt, die sich dazustellen zu Sprachlosen, zu Trauernden, zu Sterbenden, solange es Menschen gibt, die ohne große Worte helfen, Blut spenden, mit weinen, solange gibt es Spuren von Gott, von unserem heruntergekommenen Gott. Und solange bekommt das kleine Feuer der Hoffnung immer wieder Nahrung: Es könnte am Ende mehr sein als nur nichts. Sondern irgendwie gut. Amen


 

Für das Internet bearbeitet von Hanjo v.Wietersheim am 15.11.98.

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