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SEELSORGE AUF DER STRECKE DES UNGLÜCKS

KIRCHLICHE NOTFALLSEELSORGE UND DIE KATASTROPHE VON ESCHEDE

Eschede. Auch Wochen danach ist das grauenvolle Unglück nicht vergessen. Neben Ärzten, Polizei, Feuerwehr, Sanitätern, Bundesgrenzschutz und Bundeswehr sowie Technischem Hilfswerk, waren auch Seelsorgerinnen und Seelsorger der hannoverschen Landeskirche für Angehörige, für Verletzte und nicht zuletzt für die Helfer da. Noch heute wird das von beiden Kirchen eingerichtete Nachsorge-Netz in Anspruch genommen.

Sie waren im Einsatz. Rund um die Uhr Superintendent Dirk Hölterhoff und Pastor Frank Waterstraat haben in der Nacht nach der Katastrophe von Eschede kaum geschlafen. Die beiden Pfarrer gehörten zu den rund drei Dutzend Pastorinnen und Pastoren, die als Seelsorger für Überlebende, Angehörige und nicht zuletzt für die zahlreichen Helfer am Unfallort da waren. Der 37jährige Waterstraat hat in der hannoverschen Landeskirche die Feuerwehr- und Notfallseelsorge aufgebaut. Sein vier Jahre älterer Kollege Hölterhoff wirkt, trotz der Daueranspannung, ziemlich gelassen. Doch über das, was er erlebt hat, erfahren, wohl auch mit durchlitten hat, will er nicht reden.

Eines steht freilich auch noch Wochen nach der schrecklichen Katastrophe fest: Ohne die Seelsorger wäre niemand dagewesen, der den Helfern zuhörend, einfach nur zuhörend zur Seite gestanden hätte. An diesem Morgen nach dem Unfalltag wird in der Superintendentur in Celle deutlich, wie vorteilhaft es ist, dass die Kirchen ihre Notfallseelsorge mit geschulten Kräften organisiert haben. »Ich kenne die Leute, die für solche Einsätze infrage kommen«, versichert Frank Waterstraat. Denn nicht jeder Seelsorger kann solche grauenvollen Ereignisse verkraften und Trost spenden. Es werden Einsatzschichten geplant: pro Schicht vier bis sechs Pastorinnen und Pastoren. Diese Teams stehen rund um die Uhr zur Verfügung.

Am zweiten Tag nach dem Unfall kommen die ersten Angehörigen in Eschede an. viele von ihnen stammen aus Mittel- und Unterfranken, aber auch aus der Oberpfalz, aus Oberbayern und Oberfranken. Sie brauchen Begleitung und Trost in dieser Zeit der Ungewissheit. Aber auch die Helfer sind weiterhin auf Ansprechpartner, auf AussprechPartner angewiesen. Das bedeutet auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer, die Trösterinnen und Tröster: Seelsorge im Stress. Deshalb ist es für den Organisator der Seelsorge-Schichten Frank Waterstraat geradezu lebensnotwendig, die richtigen Leute einzusetzen. Waterstraat: «Auch von den geschulten Kräften ist nicht jeder gleichermaßen belastbar. Niemand soll deshalb bei einem solchen Einsatz >verheizt< werden.«

Die schreckliche Katastrophe von Eschede liegt nun schon Wochen zurück. Sie ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Für die Notfallseelsorger geht der Dienst freilich weiter. Ein Nachsorgenetz soll alle diejenigen auffangen, die den Schock von Eschede nicht vergessen können, die von den Bildern des Grauens immer und immer wieder verfolgt werden.

joachim Piper

(Aus "Unser Auftrag 7/8 98)


Für das Internet bearbeitet von Hanjo v.Wietersheim am 13.07.98.

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