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Feuerwehrseelsorge
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,,Warum hatte ich so ein Glück?"

Wie Pfarrer und Psychologen Opfern und Helfern vor Ort Beistand leisteten

Die Konferenz in Celle, bei der 50 Seelsorger beider Konfessionen über geistliche Zusammenarbeit reden wollten, endete abrupt. Nach der Meldung vom Zugunglück eilten die meisten Teilnehmer sofort zum Unfallort im nahe gelegenen Eschede.

Polizeiseelsorger Matthias Stalmann ist einer der ersten. Er sieht überall Schwerverletzte und Leichen.

Plötzlich entdeckt er neben sich, halb in den Erdboden gepresst, einen Toten, den die Helfer noch nicht gefunden haben. StaImann betet laut ein Vaterunser. Kurz darauf wird er zu einer schwerverletzten alten Frau gerufen, deren Gesicht blutüberströmt ist. Sie ruft immer wieder laut den Namen ihres Enkels, der neben ihr gesessen hatte. Die Frau hat Glück: Pastor Stalmann entdeckt etwa 20 Meter weiter den Enkel, der mit einer Infusionsflasche in der Hand auf Wrackteilen sitzt. Er hat nur leichte Verletzungen.

Wenige Meter weiter liegt ein Mann, der offenbar unverletzt ist, aber ununterbrochen schreit: ,,Warum hatte ich so ein Glück? Warum hatte ich so ein Glück?" Stalmann setzt sich neben ihn, beruhigt ihn, hält seine Hände. Vergeblich versucht er wenig später, einer Frau zu helfen, die eingeklemmt neben ihrem toten Kind kauert. Er schafft es nicht, zu der Frau nach oben zu klettern, fällt mehrmals hin. Der Waggon ragt steil in den Himmel, der obere Teil ist weder von außen noch von innen zugänglich. Die Frau muß noch viele Stunden dort ausharren.

Winfried Barabasch, 41, Pastor von Groß Hehlen, wacht über eine halbe Stunde neben einem toten Mann, den die Feuerwehrleute aus dem eingeschlagenen Fenster eines Waggons gezogen hatten: Der Kopf baumelt herab, der Körper ist mit offenen Brüchen übersät, die Beine sind völlig verdreht.

Der Geistliche segnet ihn, will ihn danach nicht einfach liegen lassen. Er wartet, obwohl es ihm schwerfällt, bis die anfangs überforderten Helfer die Leiche zu den anderen Toten in eine Fabrikhalle tragen.

In der Escheder Schulturnhalle, abgesperrt für Angehörige von Opfern, wird Theologe Barabasch mit Verzweiflung und Ängsten konfrontiert.

Ein Mann, der seine Familie, Frau und zwei Kinder am Vortag in den Zug nach Hamburg gesetzt hat, ist noch nachts nach Eschede gefahren. Jetzt liest er immer wieder Listen der Verletzten und Überlebenden durch, vergebens. Die gesuchten Namen sind nicht darunter.

Der Pfarrer versucht, ihm Hoffnung zu machen, versichert, im Anfangschaos seien nicht alle Geretteten registriert worden. Doch der Mann reagiert kaum. Ein Gespräch mit ihm ist nicht möglich. ,,Da fühlt man sich ohnmächtig", sagt der Pastor.

Andere Angehörige sind froh, in den Stunden der Ungewissheit von dem Seelsorger in den Arm genommen zu werden. Sie klammem sich an die kleinste Hoffnung, warten auf neue Listen, auf denen doch noch der Name ihrer Verwandten auftauchen könnte. Doch irgendwann im Laufe des Donnerstags muss Barabasch ihnen sagen, dass sie, um Gewissheit zu erlangen, nach Hannover fahren müssen. Dort sind die Toten zur Identifizierung aufgebahrt.

Zuspruch benötigen auch Helfer. Viele von ihnen sind ganz jung, haben noch nie Tote gesehen. Setzt müssen sie plötzlich mithelfen, Körperteile abzusägen, um Tote aus den stählernen Trümmern zu bergen.

Pastor Barabasch kümmert sich um zwei Freiwillige. Sie mussten tote Kinder in Leichensäcke packen, auf einen Lastwagen laden und zur Identifizierung fahren.

Die Männer, beide selbst Väter, weinen, einer läuft einfach davon. Beide müssen den Einsatz beenden. Andere dagegen sind enttäuscht, wenn sie abgelöst werden, wollen unbedingt bis zum Schluss mithelfen.

,,Sie sind scheinbar cool" stellt Barabasch fest, ,,sie überspielen ihr Entsetzen. Die unglaublichen Szenen, die sich hier abspielen, haben für sie etwas Surreales, etwas, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat".

Pfarrer Herbert Stegmaier, der sich nur um die Helfer kümmert, beobachtet, dass die meisten ihr Entsetzen durch geradezu fanatischen Einsatzwillen zu verdrängen suchen. ,,Solange ich hier anpacke, brauche ich nicht nachzudenken", gesteht ihm ein Feuerwehrmann, der gerade Leichenteile aufsammelt.

,,Manche machen sogar Späßchen oder derbe Bemerkungen", berichtet die Psychologin Erika-Lina Rauschenbusch. Gerade für die jungen Freiwilligen sei die an den Tag gelegte Forschheit jedoch nur ,,eine Form von Betäubung": ,,Die denken, das verkrafte ich schon." Dies sei jedoch ein Irrtum.

Die meisten, prophezeit die Psychologin, würden noch nach Jahren, vielleicht sogar nach Jahrzehnten, mit den grässlichen Erinnerungen konfrontiert, müssten, wenn sie nicht schnell darüber redeten, den Einsatz womöglich mit seelischen Schäden bezahlen. Sie wüssten es vielleicht noch nicht, aber ihre Mienen verrieten es. Die Psychologin: ,,Ich habe in viele erschütterte und verletzte junge Gesichter gesehen."

aus: DER SPIEGEL Nr. 24/8.6.98

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