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"Erst mal ist man der Täter"  

Bericht in der MAIN-POST vom 25.09.2002

 

 "Ich wollte nur noch weg von meinem Zug", erinnert sich Harry Meier (Name von der Redaktion geändert) an eine der schlimmsten Stunden seiner Berufstätigkeit als Lokführer. Mit dem Mut der Verzweiflung hatte er versucht, dem Unausweichlichen zu entgehen. Mit aller Kraft zog er die Bremse, aber vergebens. Kurz konnte er in das weiße Gesicht einer Frau blicken. Dann wurden ihm die Knie weich. 

Lokführer erzählen über traumatische Erlebnisse auf der Schiene.

Es war zu spät, wie so oft. Rund Tausend Menschen werden jährlich auf Deutschlands Schienen überrollt, sagt die Statistik. Das sind zwei bis drei Lebensmüde oder Opfer von Unfällen täglich. Statistisch gesehen, fährt ein Lokomotivführer in 15 Jahren Berufstätigkeit einen Menschen tot. Aber wie
Statistiken so sind, hat der eine Glück, und der andere ist einer wie Harry Meier aus
der Nähe von Würzburg. Dreimal musste der Familienvater in seiner 22-jährigen Berufstätigkeit als Lokomotivführer schon hilflos zusehen, wie er "zum Täter gemacht" wurde.

 

 

 

Das letzte Mal passierte es in der Nähe von Ingolstadt. Die Bilder gehen dem 43-Jährigen seither nicht mehr aus dem Kopf. "Die Tage nach dem Vorfall waren besonders schlimm", berichtet Meier. Nächtelang plagte ihn Schlaflosigkeit. "Und wenn ich dann mal zur Ruhe gekommen war, waren da diese Albträume", erklärt er. Für drei Wochen hatte ihn sein Arzt krank geschrieben, aber die Erinnerung blieb. "Ich ging auch zu einem Psychologen", das hatte ihm ein Kollege empfohlen. Überhaupt sei es wichtig, mit jemandem über das Erlebte zu sprechen. Die Familie, Freunde von der Bahn, von denen viele schon Ähnliches erlebt hätten, oder auch die Gewerkschaft der Lokomotivführer sind eine wertvolle Hilfe.
Einen Zug steuern, durfte Meier seit dem Vorfall im Frühsommer nicht mehr. Der
Bahnarzt hatte Bedenken angemeldet. Zur Kur soll er fahren, ehe er wieder der Chef in der Lok sein kann. Bis dahin ist erst mal Büro-Arbeit angesagt. "Auch nicht schlecht", meint Meier, "immerhin habe ich so einmal freie Wochenenden." Aber  irgendwann muss er zurück auf die Lok.
Schon zweimal ist er kurze Zeit, nachdem er einen Menschen überrollen musste, pflichtbewusst wieder ins Führerhaus geklettert. "Die Überwindung war nicht so
groß, Angst hatte ich keine", meint er und bestärkt das Gesagte mit dem Versuch eines angedeuteten Lächelns. Er hat sich unter Kontrolle, erzählt ruhig über das  Grauen, was er mit ansehen musste. "Wenn ich will, kann ich das Gesicht der Frau  ganz deutlich vor mir sehen, auch jetzt in diesem Moment." Man spürt, dass er sie gerade vor Augen hat. Bruchteile von Sekunden haben gereicht, die Unbekannte in sein Gedächtnis zu meißeln, vielleicht für immer.
Vergessen kann Maier die drei Menschen, die er mit seiner Lok erfasst hat, nicht.
 "Jedes Mal, wenn ich an einer Stelle vorbeifahre, wo etwas passiert ist, spreche ich  ein Stoßgebet zum Himmel." Besonders schlimm sei es, wenn man den Schienenabschnitt, wo sich der Unfall ereignete, das erste Mal nach dem Vorfall wieder passiert. "Es ist ein verdammt mulmiges Gefühl, was sich da in der Magengegend breit macht", sagt Meier aus Erfahrung. Mit schweißnassen Händen, besonders langsam und ständig bremsbereit habe er sich der Stelle genähert. Wenn es sich der Betroffene wünscht, darf ihn ein Kollege auf seiner "Jungfernfahrt" begleiten. Das steht Meier nun zum dritten Mal bevor, aber nur gesetzt den Fall, ein Vertrauensarzt befindet ihn wieder für tauglich, einen Zug zu steuern.
Die Unbekümmertheit seiner ersten Jahre bei der Bahn hat Meier verloren: "Hinter
jedem Beerensammler in der Nähe des Gleisbetts oder Gärtnern, die ihre Hecken schneiden, vermutet man einen potenziellen Selbstmörder." "Auch Bahnarbeiter kann man auf die Entfernung nicht als solche ausmachen", klinkt sich Meiers Bahnkollege  Hans Krüger (Name ebenfalls von der Redaktion geändert) ins Gespräch ein. "Auch weiß man nie, ob sie den herannahenden Zug rechtzeitig bemerken." Seit auch er eine Lebensmüde überrollte, sieht der 48-Jährige in jeder Telefonbude, "die aussieht wie ein Mensch", in der Nähe der Schienen zunächst eine Bedrohung. Die Machtlosigkeit, nichts mehr tun zu können, wenn "vor dir einer auftaucht", beschreiben beide als grauenvolle Erfahrung. Man bremst mit allem, was man hat, und ist sich indes gewiss, wie unendlich lang, der Weg bis zum Stillstand seines Gefährts ist, erinnert sich Krüger. In einem ist sich Krüger sicher: "Wenn ich noch einmal in die Situation komme, schaue ich weg, ich könnt's nicht noch einmal ertragen."

Steht der Zug, wird das Notfall-Programm abgespult. Die Lokführer müssen erste Hilfe leisten und die Rettungskräfte rufen. "Es gibt oft Fälle, wo die Person noch lebt", meint Krüger. Noch unter Schock stehend, folgt auf den traumatischen Vorfall die Vernehmung durch die Polizei. "Erstmal ist man der Täter, quasi des Totschlags verdächtig", meint Meier. Zunächst wird die Blackbox kontrolliert, überprüft ob die Geschwindigkeit eingehalten wurde. Die Geschehnisse müssen detailgenau geschildert werden.
Für zwei von Meiers Kollegen war das alles zu viel. Sie stiegen nie wieder auf eine Lok, ließen sich in den Innendienst versetzen. Das kommt für Meier nicht in Frage. Er
  gibt sich stark: "Ich bin Lokführer, das ist mein Beruf, und da muss ich einfach durch." Man muss einfach versuchen, nicht mehr daran zu denken, meint Krüger.
Auch ein wenig Wut haben sie auf die Leute, die sie zu ihren Instrumenten machten. Schuldgefühle versuchen sie zu verdrängen. Krüger erklärt das so: "Der Lebensmüde wusste, was er tat. Er muss mich nicht zum Opfer machen!"

 

 

Medikamente allein können nicht helfen" - Kampf mit dem Trauma

Ein Interview mit Prof. Dr. Armin Schmidtke

 

Prof. Dr.  Schmidtke, Leitender Psychologe und Psychotherapeut an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Würzburg, hilft regelmäßig Menschen, die ein schreckliches Erlebnis zu verarbeiten haben. Neben Opfern, die Katastrophen wie das Inferno von Ramstein oder Eschede überlebt haben, zählen auch traumatisierte Lokomotivführer zu seinen Patienten. 

Frage: Welche Symptome zeigen Menschen, die Zeuge eines grausamen Vorfalls werden mussten?

Prof. Dr. Armin Schmidtke:
Häufig sind Schlafstörungen und Albträume. Das Erlebte drängt sich immer wieder auf und lässt den Patienten nicht zur Ruhe kommen. Manchmal sind auch Halluzinationen die Folge, der Patient reagiert mit emotionaler
Stumpfheit oder vermeidet an den Ort des Geschehens zurückzukommen. Dies alles sind Anzeichen eines posttraumatischen Stresssyndroms. 
 

Frage: Können sich Betroffene jemals wieder von den sie belastenden traumatischen Erinnerungen befreien?

Schmidtke:
Ja, das ist möglich. Entscheidend ist allerdings, dass sich der Betroffene
in ärztliche und psychotherapeutische Behandlung begibt. Wie lange eine Therapie dauert, ist unterschiedlich, aber einige Wochen oder Monate sind nicht selten. Allein wird man mit dem Erlebten in aller Regel nicht fertig. Unbehandelt können sich posttraumatische Stresssyndrome zu massiven psychischen Störungen auswachsen.

Frage: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Schmidtke:
Eine Therapie, die am Anfang Gespräche beinhaltet, ist am
erfolgversprechendsten. Dann ist das langsame Heranführen an die belastende und vielleicht lange gemiedene Situation durch die so genannte Expositionsmethode sinnvoll. In der Erprobung ist momentan die EMDR-Therapie, bei der durch eine Art Hypnose versucht wird, die Gedanken vom Trauma abzulenken. 

Frage: Kann auch die Verabreichung von Medikamenten dem einzelnen Patienten helfen?

Schmidtke: Am Anfang einer Therapie kann auch der Einsatz von Medikamenten geboten sein, um den Patienten erstmal zu beruhigen. Eine Heilung ist durch eine medikamentöse Behandlung allein allerdings nicht zu erreichen. Über den Vorfall zu reden, ist das A und O.

 

Das Gespräch führte Antje Wunderlich. 

 

Für das Internet bearbeitet von Hanjo v. Wietersheim am 26.09.2002. 

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