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10 Leitsätze für das Gespräch mit Suizidgefährdeten

(Aus: Frank Naumann, Erste Hilfe für die Seele, Berlin: Verlag Gesundheit 1996)

 

1. Nehmen Sie jede Suizidabsicht ernst. Es ist der letzte Versuch eines Lebensmüden, der Mitwelt sein auswegloses seelisches Leiden mitzuteilen.

2. Ein Suizidgefährdeter sieht die Welt schwarz-weiß. Dennoch hat er sich noch nicht völlig vom Leben verabschiedet, sonst würde er nicht mit Ihnen sprechen. Er erwartet von Ihnen eine klare Sprache (ohne ängstlich-wohlmeinende Umschreibungen und Verniedlichungen) und aufmerksames Zuhören.

3. Der gefährliche Höhepunkt dauert nicht länger als wenige Stunden. Nehmen Sie sich Zeit, Geduld und Interesse, auch wenn der Gefährdete Ihnen mit unangemessenen Forderungen und ungereimten Anklagen auf den Geist geht.

4. Ein Selbstmörder sucht alle ausweglosen Schwierigkeiten hinter sich zu lassen und eine Art Neugeburt zu finden. Prüfen Sie gemeinsam, ob dieses Ziel nicht auch mit Mitteln, die das Leben bietet, zu erreichen ist.

5. Lassen Sie sich niemals in seine Hoffnungslosigkeit hineinziehen, sondern erfragen Sie die hinter seinen Behauptungen stehenden Tatsachen. Gestalten Sie die Fragen nach seinen Krisen aber nicht zu einem Verhör über seine Lebensführung; Sie könnten seine Panik noch vergrößern. Zeigen Sie vielmehr wohlwollendes Interesse und überlassen Sie ihm die Entscheidung, in welchem Stil er mit Ihnen redet.

6. Menschliche Beziehungen sind das wichtigste Mittel, die ein Weiterleben rechtfertigen. Versuchen Sie herauszufinden, welche anderen Personen ihm wichtig sind. Falls es niemanden gibt, äußern Sie Ihr Interesse an ihm. Reden Sie ihn mit dem Vornamen an, damit zeigen Sie, dass er persönlich gemeint ist.

7. Zeigen Sie Angst um den anderen, aber keine Angst vor seinen Worten, Gedanken und selbstzerstörerischen Plänen.

8. Wenn der andere Ihnen darlegt »... und deshalb muss ich mich töten«, wandeln Sie seine Beweisführung um in » ... deshalb könnten Sie sich in ... (nach einer bestimmten Frist, wenn diese und jene Möglichkeit nicht mehr offen steht) erhängen (vergiften, die Pulsadern aufschneiden, vor die U-Bahn werfen».

9. Versuchen Sie eine Abmachung zu erreichen, dass der Gefährdete Sie noch einmal anruft, bevor er sich umbringt, und dass er zuvor alle anderen ausgehandelten Möglichkeiten ausprobiert.

10. Vergegenwärtigen Sie sich, dass jeder das Recht hat, durch Freitod aus dem Leben zu scheiden, dass jeder von uns in ausweglosen Lagen fähig ist, an Suizid zu denken, dass es gut ist, dass uns dieser letzte Ausweg immer offen bleibt - und dass es immer Menschen geben wird, die sich trotz aller Bemühungen unsererseits für dieses letzte menschliche Recht entscheiden werden.

 

Für das Internet bearbeitet von Hanjo v.Wietersheim am 12.12.2004

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