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»... DA WUSSTE ICH, WAS PASSIERT WAR«

SELBSTHILFEGRUPPE »TRAUER NACH SUIZID«


Das dumpfe, langgezogene Warnsignal wird sie nie vergessen; auch nicht das durch Mark und Bein dringende Quietschen der Bremsen. Auf dem Totenschein ist die gleiche Zeit angegeben, die Heinz M. auf seiner Fahrkarte abgestempelt hat:10.55 Uhr.

Ein sonniger Sommertag, dieser 21. Juli 1993. Annegret M. (Name von der Redaktion geändert) steht am Fenster ihrer Wohnung im ersten Stock des Mehrfamilienhauses in der kleinen mittelfränkischen Stadt. Sie schaut ihrem Mann nach, der zum wenige hundert Meter entfernten Bahnhof geht. Er kehrt noch einmal um, weil er seine Hausschlüssel vergessen hat.

Sieben Minuten später hört seine Frau den Hupton und das Aufheulen der Bremsen. »Ich wusste sofort, was passiert war«, sagt die heute 38jährige. Sie geht die Treppe hinunter, will zum Bahnhof, kehrt wieder um. »Ich weiß nicht, warum.« Die nächsten eineinhalb Stunden verbringt sie wie in Trance. »Ich habe nichts mehr gehört, nicht den Rettungshubschrauber, auch nicht das Sanitätsauto. Nichts. Ich war wie in Watte gepackt«, sagt sie. Dann stehen zwei Polizisten vor der Tür. »Aber ich wusste es ja schon...«

Die Lebensangst war stärker

Heinz M. war mit seinen dreißig Jahren ein lebensfroher Mensch, sportlich aktiv. Nur wenige haben einen so großen Freundeskreis wie die Familie M. Der vierjährige Andreas hat einen liebevollen Vater, seine Mutter einen fröhlichen, aufmerksamen Ehemann. Anfang der achtziger Jahre überfällt den jungen Mann eine Depression. Nach sechs Wochen Klinikaufenthalt wird er entlassen. Die nächsten Jahre sind ein unbeschwertes Glück. Bis zu dem Tag, an dem Annegret M. von einer Mutter-Kind-Kur mit ihrem Sohn Andreas heimkehrt. Ihr Heinz ist völlig verändert. Starr seine Mimik; seine Rede verwirrt sie. Er spricht von der Mafia, von Geheimdokumenten, die vernichtet werden müssten. Er, der Friedfertige, misshandelt seine Frau. Und fragt dann nach dem Woher, wenn er an ihr Blutergüsse feststellt.

Der Arzt stellt eine akute Psychose fest, gibt dem Kranken eine Spritze. Die versprochene Besserung tritt nicht ein. Es wird schlimmer Der 33jährige wird in die Psychiatrie eingeliefert. Fünf Monate ist er dort.

»Ich hätte ihn nicht fahren lassen sollen.« Diesen Vorwurf macht sich die Witwe heute immer noch. Obwohl jeder, der mit psychisch Kranken zu tun hat, weiß, dass »so etwas« nicht zu verhindern ist. Heinz M. wollte ja selbst wieder versuchen, auf eigenen Beinen zu stehen, wieder Alltägliches trainieren, das ihm die Krankheit genommen hatte. Eine Flasche Sekt wollten sie am Abend gemeinsam trinken, wenn er es geschafft hatte: den Weg zum Bahnhof, das Stempeln der Zehnerkarte, Einsteigen, nach drei Stationen aussteigen und zum Arzt gehen. Dasselbe wieder zurück. Deshalb hat sie ihn allein fahren lassen. Damit er Stück für Stück wieder entdeckt, dass er etwas kann, etwas »wert« ist. Ob ihn dann diese übermächtige Lebensangst wieder überfiel? Keiner weiß es. Auch die Ärzte, die ihn als »stabil« entließen, sind ratlos.


Schlimme Schuldgefühle

»Ich muss damit fertigwerden«, sagt Annegret M. sich jeden Tag vor. Schmerz und Schuldgefühle »drückten nach innen«. »Ich war am Platzen.« Sie, die nicht weinen kann, hat zu malen begonnen. Dann entstanden diese Bilder der Schuld, der Angst und Verlassenheit. Bilder ungeweinter Tränen. Auch Bilder ihrer eigenen Todes-sehnsucht.

Irgendwie erfährt die junge Frau, die ihren damals sechsjährigen Sohn über die Todesart des Vaters nicht im unklaren ließ, von der Bamberger Selbsthilfegruppe. Sie wurde im Oktober vor vier Jähren von der Psychologin Dorothea Rau-Lembke und zwei betroffenen Frauen ins Leben gerufen. Vierzehn Frauen besuchen derzeit die Gruppe; sie kommen aus Ober- und Mittelfranken.

Frauen, die ähnliches erlebt haben wie Annegret M. Manche von ihnen müssen auch mit dem »erweiterten Suizid« fertigwerden. Da nahm der psychisch kranke Vater auch das Kind oder die Kinder mit in den Tod. Einer wollte zuvor seine Frau töten. Warum er dann nur ihr Foto an einem Ast des Baumes anbrachte, an dem er sich erhängte, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

Alle, auch die Psychologin, arbeiten ehrenamtlich. »Wir bekommen von niemandem einen Zuschuss«, versichert die 38jährige Angehörigen-Helferin Rau-Lembke. Sie hat die »Wünsche eines trauernden Menschen nach Suizid« gewissermaßen als Richtschnur aufgeschrieben. Damit sich die Gespräche nicht immer im Kreis von Schuldgefühlen, Selbstzweifeln, Depression, Trauer, Wut und Arger drehen. Sie sind ein Appell an die Umwelt, mit Verständnis und Erbarmen zu reagieren. Annegret M. musste erleben, wie sich Verwandte und Freunde von ihr abwandten, ihre Schuldgefühle durch Vorwürfe verstärkten. Das trieb sie noch tiefer in die Isolation; bis dahin, dass sie auch für sich keinen anderen Weg mehr zu sehen glaubte, als aus dem Leben zu scheiden. Auf die gleiche Weise wie ihr Mann.

Ins Leben zurückkehren

In der Bamberger Gruppe löste sich diese fixe Idee langsam aus ihrem Kopf. Inzwischen können sich die Frauen auch wieder über die schönen Zeiten unterhalten, die sie mit ihrem Partner hauen. Dorothea Rau-Lembke: »Es gilt, die lebensfrohen Seiten wieder zu entdecken, in uns, aber auch bei den aus dem Leben geschiedenen Angehörigen. Denn sie hatten durchaus auch diese lebensfrohen Seiten.«

Etwa 14.000 Menschen nehmen sich in der Bundesrepublik jährlich das Leben Mehr Männer als Frauen. Männer, sagen Suizidforscher, wählen meist die todsichere Methode.

Heinz M. lief direkt vor den einfahrenden Zug.

Günter Dehn

Hoffnung und Schmerz drückte ein Mitglied der Selbsthilfegruppe in dieser Seidenmalerei aus. Der Weg zu neuer Lebensfreude geht durch viele Tiefen.

(Aus "Unser Auftrag 7/8 98)


Kontaktadresse:

Bamberger Selbsthilfegruppe "Trauer nach Suizid"

Diplompsychologin Dorothea Rau-Lembke
Weipelsdorfer Straße 17, 96120 Bischberg bei Bamberg
Telefon: 0951-64252


 

Für das Internet bearbeitet von Hanjo v.Wietersheim am 13.07.98.

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