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Vom Mitgefühl erschlagen
In den zurückliegenden Monaten ist - ausgelöst durch das Escheder Zugunglück - verstärkt über die seelsorgerliche Begleitung von Einsatzkräften nachgedacht, geredet und geschrieben worden. Das ist grundsätzlich uneingeschränkt begrüßenswert. Allerdings hat es in Eschede selbst und dann auch in der Folge einzelne Probleme gegeben, die der Idee qualifizierter Begleitung von Frauen und Männern an belastenden Einsatzstellen eher schaden als nutzen. Zu nennen wären aus meiner Sicht diese Punkte: Einzelne Kollegen aus dem Bereich der Kirchen oder im weitesten Sinn dem der Lebensberatungsarbeit konnten sich beim besten Willen nicht vorstellen, NlCHT gebraucht zu werden. Diese Überaktivität war am ersten Tag, schon wegen der Fernsehbilder, noch verständlich. Zu späteren Zeitpunkten war sie eher lästig. Konsequenz: Wir brauchen bei Ereignissen dieser Größenordnung eine weisungsberechtigte Seelsorgeeinsatzleitung. Sehr vereinzelt gab es eine relativ große Zahl von Seelsorgern an einem Ort, an dem sie in dem Moment gerade NICHT gebraucht wurden. Dieses Problem gab es allerdings auch bei Helfern anderer Organisationen... Konsequenz: Eine ausgebildete und mit Fernmeldetechnik versehene Einsatzleitung kann hier für Ordnung sorgen. Das von wenigen Einzelnen oder auch einzelnen Einheiten oder - leider - auch einzelnen Organisationen vorgeführte Maß von Selbstbeweihräucherung war und IST denn doch erstaunlich. Jetzt, in diesen Tagen, erfährt der erstaunte Leser, selbst dabeigewesen, wer alles schon in den ersten Stunden alles im Griff hatte und anderen geholfen hat. Konsequenz: vielleicht angesichts dieser Tragödie mehr Zurückhaltung und schlichte Bescheidenheit - Eschede sollte nicht zur Selbstdarstellungschance herabgewürdigt werden. Es gibt Feuerwehrfrauen und -männer, die seit Jahren oder Jahrzehnten an Unfall- und Gefahrenschwerpunkten im Einsatz sind und dort mit Tod und Leid konfrontiert werden, hauptberuflich wie ehrenamtlich. Vielleicht bringt ein besonders schlimmes Ereignis diese Einsatzkräfte einmal kurz ins Blickfeld der Öffentlichkeit, und dann wird es wieder still. Ich meine, wir dürfen über die Großschadenslagen die nicht vergessen, die seit Jahren mehr oder weniger im Stillen arbeiten und ebenfalls Anspruch auf seelsorgerliche Aufmerksamkeit haben. Was ist, wenn angebotene Hilfe abgelehnt wird? Wenn nach einem als belastend einzustufenden Einsatz eben doch kein Gespräch gewünscht wird? Wenn der betroffene Kamerad oder die Kameradin auch nach wiederholtem Anerbieten einer Begleitung bei einem "Nein" bleiben? Ein Argument ist dann mit Sicherheit für jeden weiteren Kontakt tödlich: Wer Hilfe ablehnt, braucht sie am dringendsten. Denn wer entmündigt werden soll, wird sich wehren. Natürlich kann dieses Argument richtig sein, aber dann hilft kein Druck, sondern vorsichtiges ,,Dranbleiben", ohne dass der mögliche zukünftige Gesprächspartner sich vom Seelsorger mit Zuwendung und Mitgefühl erschlagen fühlt. Veröffentlicht in: Feuerwehr-Magazin 4/99 Für das Internet bearbeitet von Hanjo v.Wietersheim am 22.3.1999. |
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