CELLE (AP/RTR) · Die furchtbaren Erlebnisse
während des Einsatzes fordern von den Helfern ihren Tribut.
Dirk Hölterhoff hat in den letzten 24
Stunden viele Menschen weinen sehen. Jetzt kommen ihm die Tränen.
"Ich habe auch ab und zu ein Tief," sagt der evangelische
Pfarrer, der seit Mittwoch nachmittag im Heideort Eschede einen
der schwersten Einsätze seines Lebens leistet: Er steht den
Angehörigen bei, die nach der ICE-Katastrophe um ihre Toten
trauern oder auf ein Wunder hoffen. "Wir nehmen sie in den
Arm, lassen sie reden, weinen, schluchzen, manchmal stundenlang",
beschreibt Hölterhoff die Szenen, die sich in der Turnhalle
des Dorfes abspielen. Etwa 50 Geistliche beider Konfessionen kümmern
sich um mehrere Dutzend Familienmitglieder. Auch Psychologen und
Ärzte stehen bereit.
Aber nicht nur diese verzweifelten Menschen
benötigen Beistand - in Eschede brauchen auch die Helfer
Hilfe. Oberkreisdirektor Klaus Rathert, der den Einsatz von rund
1200 professionellen Helfern und Freiwilligen koordiniert, sagt:
"Jetzt geht es um die Betreuung der Helfer. Die haben Schreckliches
erlebt." Feuerwehrleute, Grenzschützer, die Männer
vom Technischen Hilfswerk, Ärzte, Polizisten und die vielen
freiwilligen Helfer haben Furchtbares gesehen: Tote, Schwer- und
Schwerstverletzte, grausam verstümmelte Körper, Leichenteile.
Fast niemand, der vor Ort war, will darüber
reden. "Bitte, fragen sie nicht", sagt ein erschöpfter
Feuerwehrmann. Auch der Notarzt Detlef Ringbeck, der als einer
der Ersten am Unfallort eintraf, mag keine Details preisgeben:
"Das macht man nicht in der Öffentlichkeit".
Einer redet ein wenig, erzählt, was das
Schlimmste war: Drei tote Kinder aus dem Wrack zu ziehen, wo er
doch selbst Vater sei. Der Notfall-Seelsorger der Feuerwehr, Martin
Prüber berichtet: "Ich habe gestern bis Mitternacht
auf der Hauptwache der Feuerwehr in Celle mit zurückkehrenden
Helfern gesprochen. Viele waren einfach fertig!" Mit anderen
Pfarrern war er seit Mittwoch vor Ort, leistete Erste Hilfe und
betete. "Es gab auch Tränen. So ein Einsatz geht nicht
spurlos vorüber", berichtete der Pastor, der selbst
mit dem Erlebten kämpft: "Wenn ich zur Ruhe komme, werde
ich mit Kollegen und meiner Familie sprechen", sagte er.
"Wenn die Stille kommt, kommen die Bilder", weiß
der Geistliche. Superintendent Hölterhoff will im Kirchenkreis
in den nächsten Wochen eine Krisen-Hotline einrichten - für
alle die, die Beistand und Zuspruch brauchen.
Feuerwehrmann Dieter Stöder aus Eschede,
der als einer der ersten am Einsatzort war, schildert seine Gefühle:
"Ich habe keine Lebenden gesehen. Ich habe nur Leichen geborgen."
Er ist seit zehn Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr und kämpft
mit den Tränen. "Der wirkliche Schock kommt ein bis
zwei Tage später, wenn man zur Ruhe kommt," fürchtet
er. Die Seelsorger hätten jedoch schon eine Menge aufgefangen.
Für den THW-Einsatzleiter Wolfgang Lindmüller
in Celle war es schlimm, als er die Helfer nach dem Einsatz zurückkommen
sah und erkannte, in welcher Verfassung sie waren. "Ein Familienvater
ist im Gespräch mit den Pastoren zusammengeklappt wie ein
Kartenhaus. Wir haben versucht, ihn wieder aufzubauen", berichtete
der Einsatzleiter. Der 35jährige THW-Helfer, der ein zweijähriges
Kind hat, habe auf dem Lkw auch tote Kleinkinder transportieren
müssen. Der Mann habe sich trotzdem nach zwei bis drei Stunden
Schlaf zurückgemeldet und gesagt, er sei wieder einsatzbereit.
Viele Helfer hätten im ersten Gespräch zum ersten Mal Entsetzen, Frust und Unzufriedenheit herausgelassen, weil sie nicht genug helfen konnten, hieß es. "Natürlich haben sie alle viel getan. Aber angesichts des großen Elends kam ihnen das so wenig vor," schilderte die Diakonin Anette Hüble ihre Eindrücke. Um den Schmerz von Helfern und Angehörigen lindern zu können, feierte die evangelische Kirche gestern in Celle einen Gottesdienst in der Stadtkirche. Dort sprach Pastor Udo Titgermeyer vielen aus dem Herzen: "Es wird ein Leben lang mitgehen. Alle, die dabei waren, brauchen offene Ohren, in die sie erzählen und klagen können."