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Andacht für Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger,
für SbE-lerinnen und SbE-ler
gehalten auf dem Kurs "Seelsorge in Extremsituationen"
beim Abschlussgottesdienst am 27.09.2002

von Joachim Müller-Lange

 

Worte zum Eingang

Gemeinde: Lied: Lobe, den Herren, den mächtigen König der Ehren...

Ps 69 im Wechsel

Gemeinde: Lied: Ich lobe meinen Gott...

Liebe Kameradinnen und Kameraden, liebe Kolleginnen und Kollegen,

am Montag habe ich bei der Begrüßung gesagt, körperlich sei ich schon da, aber meine Seele komme noch hinterher. Ich bin froh, dass sie nun da ist, aber es wird immer noch an ihr gezerrt.
Am Mittwoch im Diakonischen Werk musste ich erfahren, dass in allen Bereichen von Brot für die Welt nachhaltige Strukturen zur Hilfe zur Selbsthilfe aufgebaut werden, nur bei der Flutkatastrophe in Deutschland wird das Geld aller Voraussicht nach nur zum Wiederaufbau reichen, wahrscheinlich nicht für den Aufbau von präventiven Strukturen in der Katastrophenhilfe. So weit zu meinem Termin am Mittwoch in Stuttgart.

Am Ende des letzten Kurses Seelsorge in Extremsituationen - Großschadenslagen und Katastrophen habe ich gefragt: Was ist das für ein Gott, mit dem ich in die Katastrophe gehe? Aber die Antwort habe ich euch noch suchen lassen.
Heute möchte ich euch einen Teil meiner Antwort geben, erst die alttestamentliche Antwort. Und da werdet ihr merken, dass ich Westermann-Schüler bin.

Doch zunächst der Text:

1.Mose 8,15-22
15 Da redete Gott mit Noah und sprach:
16 Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir.
17 Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.
18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,
19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.
22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Ich sagte, ich bin Westermann-Schüler. Westermann hatte die besondere Gabe, als Alttestamentler nicht Texte auseinander zu pflücken, um sie dann unterschiedlichen Autoren zuzuordnen und die Biblische Geschichte zu zerhacken. Das könnte man natürlich hier auch. Um es mit dem einen Beispiel zu sagen: Wie kann es sein, dass zwei Tiere je Gattung in der Arche sind, dann aber von den reinen Tieren welche geopfert werden. So zu fragen, wäre der Tod im Topf für die Noah-Geschichte.

Westermann ist umgekehrt vorgegangen und hat sich und uns gefragt: Was für Linien ziehen sich denn durch das ganze Alte Testament? Eine dieser Linien ist "der rettende und der segnende Gott". Noah und seine Familie, aber auch alle Tiere haben die Erfahrung der Bewahrung gemacht. Sie sind noch einmal davongekommen. Das Wasser stand ihnen bis zum Hals und darüber hinaus, aber auf Gottes Geheiß wurden sie gerettet.

Damit beginnt die Geschichte des rettenden Gottes, sie geht weiter mit Sodom und Gomorrha und Lots Errettung in der ersten Brandkatastrophe der  biblischen Geschichte, Isaaks Bewahrung und vielen weiteren Erfahrungen bis dahin, dass Moses das ganze Volk aus Pharaos despotischer Geiselhaft rettet.
Und spätestens im Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht singen wir dann: Christ, der Retter ist da. Der rettende Gott zieht sich durch die ganze Geschichte Gottes mit seinem Volk hindurch.

 Und hier in der Noah-Geschichte verbinden sich die Traditionen des rettenden und des segnenden Gottes miteinander.
 Noah baut dem Herrn einen Altar und bekommt gesagt:
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Ich will dir die Lebensbedingungen erhalten auf dieser Erde.
Zu dem akuten Handeln Gottes kommt das stetige, der Segen, der jedem Menschen gilt.
Und dies gilt, auch über den Tag hinaus.
 

Was hilft mir das in einer Katastrophe?
Ich habe gemerkt, dass unsere Notfallseelsorger in der sächsischen Schweiz nach drei Tagen erschöpft waren, so viele Gespräche haben sie geführt mit verzweifelten Menschen, wohlig erschöpft, weil sie auch gemerkt haben, dass sie etwas sehr sinnvolles getan haben.
Aber angesichts so vieler Verzweiflung kann man möglicherweise selbst in den Strudel hineingeraten. Wir haben vom Stockholm-Syndrom gehört, dass Geiseln die Ideologie ihrer Peiniger annehmen, in der Hoffnung, dann wird es nicht ganz so schlimm.
Uns kann es auch so gehen, dass wir von der Verzweiflung angesteckt würden. Oder von der Aggressivität auf die Politiker oder die Verwaltung, weil die Not dieser Menschen uns so nahe kommt.
Da braucht es vielleicht auch schon einmal die vorsichtige Frage nach dem einer verzweifelt berichtet hat, dass sein ganzes Hab und Gut verloren ist. "Und dein Leben?"
Es hat dramatische  Rettungseinsätze gegeben. Vielen Menschen ist das Leben gerettet worden. Manche Menschen sagten dann: Es hätte schlimmer kommen können. Ich habe im Müglitztal und an der Elbe viele Botschaften gesehen. Meist auf ein Bettlaken geschrieben: Wir machen weiter! Wir tauchen wieder auf! Oder wir danken unseren Helfern!
Botschaften, die zu Herzen gehen. Diese Menschen haben ihr inneres auf den Stoff gemalt. Wir lassen uns nicht unterkriegen.
Da ist es gut zu wissen, dass Gott zugesagt hat: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Solange die Erde steht. Das ist wohl auch die Botschaft, die diese Menschen jetzt brauchen. Diese Zusage Gottes gilt - uns die gilt über den Tod hinaus.

Und natürlich gilt auch das andere.
Dass viele von dem Segen, den sie erleben dürfen, abgeben an die, die ihn jetzt vor Ort brauchen. Nicht nur Geld - auch Trost ist ein Segen.
Und so werdet auch Ihr an Orte gehen, wo Verzweiflung ist, Chaos und Aggressivität.
Ich wünsche Euch, dass Ihr auch Gott in Eurem Rücken spürt, der Euch stärkt für diese Aufgaben, sei es in der Notfallseelsorge, sei es in der Einsatznachsorge für Helfer.
Ich wünsche Euch , dass ihr ihn spürt als den rettenden und den segnenden Gott, unter dem Ihr selbst zu rettendem und segnendem Tun befähigt werdet. Und das in anscheinend gottlosen Situationen.
Da stehe Er euch bei.
Amen.

Gemeinde: Lied

Und nun die neutestamentliche Antwort.
Wegzehrung brauchen wir für die Wege, die von uns liegen.
Jesus - er war:

Ein Mensch wie Brot

Er lehrte uns die Bedeutung und Würde
des einfachen und unansehnlichen Lebens
unten am Boden
unter den armen Leuten
säte er ein
seine unbezwingbare Hoffnung

Er kam nicht zu richten sondern aufzurichten
woran ein Mensch nur immer leiden mag
er kam ihn zu heilen

Wo er war
begannen Menschen freier zu atmen
Blinden gingen die Augen auf
Gedemütigte wagten es zum Himmel aufzuschauen
und Gott
ihren Vater zu nennen
sie wurden wieder Kinder
er rief sie alle ins Leben

Er stand dafür ein
dass keiner umsonst gelebt
keiner vergebens gerufen hat
dass keiner verschwindet namenlos
im Nirgends und Nie
dass der letzte noch
heimkehren kann als Sohn

Er wurde eine gute Nachricht
im ganzen Land ein Gebet
ein Weg den man gehen kann
ein Licht
das man in Händen halten kann
gegen das Dunkel

Ein Mensch wie Brot
das wie Hoffnung schmeckt
bitter und süß

Ein Wort das sich verschenkt
das sich dahingibt wehrlos
in den tausendstimmigen Tod
an dem wir alle sterben

Ein Wort
dem kein Tod gewachsen ist
das aufersteht und ins Leben ruft
unwiderstehlich
wahrhaftig dieser war Gottes Sohn 

(Lothar Zenetti)

Agape-Feier mit Brot- und Weinwort:

Brot
ein Wunder aus Erde, Wasser und Sonne.
Leben auf der Zunge.
Brot des Lebens.
Widerstandkraft
gegen den zugefügten Tod.

 Und wenn wir es teilen,
gewinnen wir Freunde,
Schwestern und Brüder.

Wein
ein Wunder aus Sonne, Erde und Wasser.
Licht auf der Zunge,
Feuer in Geist und Herz,
Botschafter der Freude.

 Und wenn wir ihn ausschenken,
knüpfen wir eine neue Verbindung
zu einem menschenfreundlichen Gott.

 Vater Unser

 Gemeinde: Lied: Jesus Brot, Jesus Wein

 Austeilung

 Gemeinde: Lied: Laudate omnes gentes

 Segen

Mit freundlicher 
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