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"Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen
zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit
Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen,
keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du dich nach
und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz
entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen
Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt
führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst, an welchen Punkt? An den
Punkt, wo das Herz hart wird. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei; wenn Du
jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit.
Das harte Herz ist
allein; es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst nicht spürt. Was
fragst Du mich? Keiner mit hartem Herzen hat jemals das Heil erlangt, es sei
denn, Gott habe sich seiner erbarmt und ihm, wie der Prophet sagt, sein Herz aus
Stein weggenommen und ihm ein Herz aus Fleisch gegeben (Es. 36, 26).
Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und
keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Darin lob
ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomons
kennt: "Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit" (Sir 38, 25). Und
bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die
Besinnung vorausgeht.
Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der
allen alles geworden ist (1. Kor. 9, 22), lob ich Deine Menschlichkeit - aber
nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein,
wenn Du Dich selbst verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine
Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur
für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn
was würde es Dir sonst nützen, wenn Du - nach dem Wort des Herrn (Mt. 16, 26) -
alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle
Menschen ein Recht auf Dich haben, dann auch Du selbst Mensch, der ein Recht auf
sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben? Wie lange
bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps. 78, 39)? Wie
lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir
selber?
Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also
daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu
das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch
für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen."
Bernhard von Clairvaux an seinen früheren Mönch Papst Eugen III. (ca. 1140)
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