|
|
|
Predigt zur Beauftragungsfeier
der Notfallseelsorger
im Kreis Heidenheim am 11.7.98
(Lk 10, 25-37)
Liebe Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, liebe Gemeinde!
„Was muss ich tun, um das ewige
Leben zu gewinnen?“ Das ist die Ausgangsfrage für die Geschichte, die
wir eben gehört haben. Es ist im Grunde die zentrale Frage im
menschlichen Leben überhaupt, die da formuliert wird. Wir würden es mit
unseren Worten heute vielleicht so sagen: „Was gibt meinem Leben Sinn?
Wofür lohnt es sich zu leben?“ Für Jesus ist die Antwort klar und schon
in den Lebensregeln Israels vorgegeben: Die Liebe zu Gott, die sich in
der Liebe zu seinen Geschöpfen, nämlich zu mir und meinen Mitmenschen,
äußert.
Bleibt die Frage, wer denn mein
Nächster ist. Die Antwort, die die Geschichte Jesu gibt, ist vielleicht
unerwartet: Ich bin nicht automatisch irgend jemandes Nächster,
sondern ich werde zum Nächsten da, wo ich bereit bin, mich auf
eine Not einzulassen, bereit bin, sie zu sehen und zuzupacken.
Liebe Mitarbeiter in Feuerwehr,
DRK und Polizei: Ich denke, genau das ist es, was Sie täglich tun - ob
ehrenamtlich, freiwillig oder berufsmäßig. Sie lassen sich zu Nächsten
machen von Ihren Mitbürgern, und Sie tun damit, was Jesus für den
Inbegriff eines christlichen - und vor allem eines sinnvollen Lebens -
hält.
Aber noch eines muss hier auch
gesehen und gesagt werden: Mir jemanden zum Nächsten zu machen, kostet
mich etwas. In unserer Geschichte eben sind es zwei Denare, die es der
Helfer sich kosten lässt. Sie zahlen in anderer Münze, denke ich:
Nerven, Zeit, Lebenskraft, evt. sogar Gesundheit, Familienleben. Sie
bekommen etwas ab von der Not und dem Elend, dem Sie sich stellen:
Bilder, die Sie verfolgen; Gerüche, die Sie nicht mehr loslassen;
Geräusche, die Sie aufschrecken lassen. Einer der Helfer von Eschede hat
den Satz geprägt: „Wir sind hier auch zum Opfer geworden.“ Ich glaube,
etwas davon trifft auf jeden zu, der sich der Zerstörung und dem Leid
in unserer Welt stellt.
Auf diese verschiedenen Nöte sind
die Seelsorger unseres Dekanats bzw. Kirchenbezirks gestoßen - oder
genauer: gestoßen worden, und wir möchten nun versuchen, unsererseits
zuzupacken, wo wir es auf unsere Art und mit unseren Mitteln können. Wir
möchten uns dem menschlichen Leid, auf das Sie stoßen, stellen und als
Mitmenschen einfach dasein und Zeit haben, wo Sie vielleicht keine Zeit
haben können, weil dringlichere Aufgaben Sie fordern. Wir möchten Sie
damit entlasten, wo Sie an Grenzen stoßen, sei es bei der Überbringung
von Todesnachrichten, beim Abschiednehmen von einem Unfallopfer, beim
Kaffeekochen und stillen Dabeisitzen neben Hinterbliebenen oder im
Gespräch über nachhaltige Erlebnisse, die Sie belasten.
Eines ist uns wichtig: Wir wollen
als Menschen unter Menschen da sein und so wie das Symbol der
Notfallseelsorge - ein heller kreuzförmiger Stern, der einen roten Kreis
sprengt - es andeutet, etwas Wärme bringen, wo die dunklen, blutigen
Seiten des Lebens Menschen einzuschließen und zu erdrücken drohen. Und
wenn sie es möchten, werden wir selbstverständlich mit ihnen und für sie
beten.
So möchten wir 28
Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger unsere Begleitung und Erste
Hilfe für die Seele anbieten und auf diese Art Samariterdienst tun. Wir
tun das, weil wir es für uns - siehe oben - für sinnvoll halten, anderen
Menschen zum Nächsten zu werden. Und wir tun es auch, um unserer
Anerkennung für Ihre Arbeit sichtbaren Ausdruck zu geben. So hoffen wir,
dass dieser Dienst angenommen wird und es zu einer wohltuenden
Zusammenarbeit kommt.
Karl-Heinz Kocka
Für das Internet bearbeitet von
Hanjo v. Wietersheim
am 12. Dezember 2004 |