|
|
|
Predigt zu
Num 21, 4 – 9
(unter
Nutzung der Predigtmeditation von Corinna Dahlgrün,
in
Predigtstudien IV, 1, S. 186ff. )
Liebe Gemeinde,
„Da sandte der HERR
feurige Schlangen unter das Volk, die bissen das Volk, und viele aus Israel
starben.
Ein Katastrophenszenario.
Katastrophen gibt es viele. Eine hat uns in der Notfallseelsorge in dem
letzten Jahr besonders beschäftigt. Das war der Tsunami vom 2.
Weihnachtsfeiertag vor einem Jahr. Die Flutwelle hatte ja auch in
Thailand nahezu 600 Deutsche getötet oder Angehörige zu Vermissendengemacht.
In einem bundesweiten Projekt, da wir hoffen bis zuletzt genannt und mit dem
Deutschen Roten Kreuz zusammen durchgeführt haben, haben wir Angehörige
begleitet in diesem ersten Jahr danach. Die Begegnungen mit diesen Menschen
gehört mittlerweile zu den wichtigsten Erfahrungen, die ich als Pfarrer und
Notfallseelsorger gemacht habe. Darum möchte ich sie, liebe Gemeinde, zur
Auslegung dieses Predigttextes, an mehreren Stellen einfließen lassen.
„Da sandte der HERR
feurige Schlangen unter das Volk, die bissen das Volk, und viele aus Israel
starben.
Ein Katastrophenszenario in
einem Satz. Und was für eins. In unserem Kulturkreis sind tödliche
Schlangenbisse nahezu unbekannt, höchstens vor der extrem seltenen
Kreuzotter hat man Respekt, was sich aber auch in Deutschland bei einzelnen
in eine Schlangenphobie auswachsen kann. In anderen Kulturkreisen ist das
völlig anders. Als wir im vergangenen Oktober zur Vorbereitung des
Jahrestages der Tsunami-Katastrophe in Thailand waren, besuchten wir die
Zentrale des Thailändischen Roten Kreuzes. Inmitten eines weiträumigen
Zentrums lag die Schlangenfarm.
Wir waren gerade im
richtigen Augenblick zugegen, als den bis zu fünf Meter langen, ganz
unterschiedlichen Schlangen die Giftdrüsen entleert wurden, um damit Seren
gegen Schlangenbisse herzustellen. Wir vernahmen deutlich, mit welchem
Respekt vor den tödlichen Giftzähnen die Arbeiter ihren Dienst verrichteten.
Uns lief ein Schauer über den Rücken. Im Dschungel, auf freier Wildbahn
wären wir diesen Schlangen sehr ungern begegnet. Denn das typische in der
Begegnung mit Schlangen liegt ja gerade darin, das Böses, Angst
einflößendes, schmerzliches den Blick bannt.
Allgemeiner gesagt: Wir
starren auf die unausweichliche Gefahr, sehen sie näher kommen und werden
von ihr gefesselt. Wir rühren uns nicht vom Fleck. Uns gegenüber ist der
Schrecken, er kommt auf uns zu, wir sind gelähmt.
Genau so habe ich viele
Schilderungen von Tsunami-Überlebenden gehört, die wir mit einem
vierzehnköpfigen Team Weihnachten zum Jahrestag der Katastrophe begleitet
hatten. Die Überlebenden berichteten: Viele der Getöteten waren noch
fasziniert von dem Schauspiel, das sich vor ihren Augen bot, als das Meer so
weit zurückging und konnten gar nicht oder nicht schnell genug auf die aus
sie zukommende Welle reagieren. Und dann kam das Inferno, und man selber war
mitten drin.
Es gibt auch andere
Schrecken, nicht nur die großen Katastrophen, sondern auch die persönlichen
Katastrophen, genauso wirkmächtig. Eine Krankheit, die über einen
hereinbricht mit einer bedrohlichen Diagnose, die drohende Arbeitslosigkeit,
ein überbordender Konflikt, der Bruch einer Beziehung mit einem ungeahnten
Abschied.
Da stehen wir auf einmal
mitten in einem Chaos, etwas anderes gibt es nicht mehr. Den Blick lösen,
über die Bedrängnis hinaussehen, Abstand gewinnen, Hilfe annehmen? Das ist
nicht so leicht, wie es sich vielleicht anhört. Wer in äußerer Not oder in
sich selbst gefangen ist, kann eben gerade nicht aufsehen, kann das
aufgehende, aufstrahlende Licht aus der Höhe, das wir noch zur
Epiphaniaszeit besungen haben, eben nicht wahrnehmen. „Incurvatus in
se ipse“ hat das Martin Luther genannt, in sich hinein verkrümmt
sein. Er hat das damals an die Sünde gebunden und gesagt. Die Sünde
verkrümmt uns so, dass wir das Licht des Evangeliums nicht mehr sehen
können. Ich möchte heute sagen: Es kann gerade auch der Schrecken sein, der
uns das rettende Ufer oder den sicheren Ort nicht mehr wahrnehmen lässt. Das
Schreckliche hält den Blick im Bann. Und worauf sollte man auch sehen. Was
für ein Bild kann helfen in so einer Situation?
Ein Gewimmel schneller,
zubeißender Schlangen. Tödliche Bisse, die wie Feuer brennen, Schmerz,
Lähmung, Sterben ringsum. Angst macht sich breit. Alle Augen sind auf die
Angreifer gerichtet. Die Schlangen sind in diesen Momenten, die einzige
Realität, das Einzige, was zählt. Das Leben ist Schrei, Ekel, Schrecken, der
Versuch zu entkommen, Vergeblichkeit.
Dann die befremdliche
Weisung: Seht auf zu dem Bild, und ihr seid gerettet. Lasst eure konkrete
Not los, beachtet die Gefahr nicht weiter, denkt nicht an den nahenden Tod.
Seht auf, seht auf zu dem Bild und empfangt euer Leben neu.
Gehen wir noch einmal einen
Schritt zurück und fragen uns: Wie war es zu der Situation gekommen? Schon
lange war das Volk in der Wüste, sie lebten von Wasser und Brot,
von Manna und Wachteln,
aber das schale Brotzeug ekelte sie inzwischen. Sie wollten normale Nahrung,
wollten beteiligt sein an ihrem Auskommen, nicht immer alles aus Gottes Hand
empfangen müssen. Ägypten erscheint auf diesem Hintergrund auf einmal nicht
mehr als der Ort der Unterdrückung, sondern als Heimat mit Herdfeuern und
Fleischtöpfen. Die Israeliten sind gefangen in ihrer Hoffnungslosigkeit, in
ihrem Murren, in ihrer verklärten Erinnerung. Sie sind gefangen in sich
selbst. Das ist die Wahrheit ihrer Wüste.
Und, liebe Gemeinde, diese
Wahrheit hat ein Gegenüber: Nur sie rechnen nicht mehr mit ihr. Gott hört
ihr Murren schon. Nur wie er darüber denkt, wird nicht erzählt. Er lässt die
Giftschlagen los gegen das Volk. Hier liegt der feine Unterschied. Die
Schlangen waren wohl schon immer da, aber Gott hat sie am Töten gehindert.
Er gab ihnen Nahrung und ließ sie Wasser finden. Aber jetzt, wo die Menschen
das Brot des Himmels nicht mehr mögen, auf natürliche, auf alltägliche Weise
leben wollen, theologisch gesagt: Ohne auf Gottes Gnade täglich angewiesen
zu sein, da gibt ihnen Gott den Alltag zurück
Er lässt den Gang der Welt
wieder zu, und die Schlangen dürfen tun, was seit dem Sündenfall zu ihnen
gehört. Weil die Israeliten Gottes Fürsorge nicht mehr vertrauen, begegnet
er ihnen im gar nicht wunderbaren, begegnet er ihnen im Alltäglichen, im
tödlichen Geschehen der Welt. Ja mehr noch, er lässt der Welt ihren Lauf,
verhindert die Gefahren nicht mehr.
Ist das nicht eine
Erfahrung, die auch in unserer gegenwärtigen Welt alltäglich ist? Wir haben
uns eingerichtet. Wir kommen auch so gut zurecht. Auf Gottes Gnade und
vielleicht sogar Rettung angewiesen zu sein, ist nicht unsere alltäglich
Erfahrung. Die Menschen, die
Weihnachten 2004 nach
Thailand reisten, wollten nichts anderes als unbeschwert Urlaub machen. Der
Tsunami war eine für sie unbekannte Gefahr. Sie kam in unserem Kulturkreis
nicht vor. Wer bei uns im Straßenverkehr mitfließt, denkt nicht an die
potentielle Gefahr, bis er selbst davon betroffen ist. Auch wir
reagieren wie auf die Schlange.
Doch das ist ja nicht das
Ende der Geschichte. Gott befiehlt Mose, eine eherne Schlange auf einem Stab
zu machen und verheißt: Wer gebissen ist und auf diesen Stab schaut, wird
nicht sterben. Gottes Rettung naht, sie ist aber anders als erwartet. Die
Schlangen bleiben, die Gefahr ist nicht aus der Welt geschafft, aber in
ihrer Wirkung begrenzt. Ein Blick auf die eherne Schlange am Stab verhindert
den Tod. Gott gewährt die Rettung, aber er bindet sie an ein Zeichen, das
den einzelnen Menschen an seiner Rettung beteiligt: Er muss den Blick nach
oben heben, er muss über sich selbst hinausschauen. Nicht die eherne
Schlange heilt, sondern Gott allein. Gott heilt und führt aus der Wüste
hinaus, wenn ihm die Menschen neu begegnen, wenn sie ihm Vertrauen
entgegenbringen. Gott bannt den Tod in der Gefahr.
Ja, liebe Gemeinde, erst
mit dieser Quintessenz aus der Geschichte wird deutlich, warum sie in die
Passionszeit gehört. Sie bereitet uns auf Ostern vor, indem wir uns den
Themen, Leiden, Sterben und Tod stellen.
Und darum gehört jetzt
natürlich auch die Frage hierher: Was ist denn, wenn wir von der Schlange
gebissen sind? Etliche der Menschen, die wir nach dem Tsunami begleitet
haben, erzählten uns, dass sie in psychotherapeutischer Behandlung gewesen
seien. Eine Katastrophe ist eben geeignet, einem völlig den Boden unter den
Füßen weg zu
hauen, und es gibt so
vieles, was für einen Menschen eine Katastrophe sein kann, nicht nur die
globale, sondern gerade auch die persönliche..
Die Psychotherapie arbeitet
inzwischen mit Hilfsmitteln, die sie z.B. „die inneren Helfer“
oder den „sicheren Ort“ nennt. Sie weiß, es muss für den
Menschen ein Fundament geben, unter das er nicht mehr fallen kann. Dann sei
so etwas wie Stabilisierung erreicht. Und die sich so wissenschaftliche
gebende Psychologie muss erkenne, dass es gerade die religiösen
Überzeugungen sind, die Menschen einen besonderen Halt bieten.
Im Abendmahl, liebe
Gemeinde, verinnerlichen wir den inneren Helfer, den wir seit Jahrhunderten
Heiland nennen, als den, der unsere Seele heilt, im wahrsten Sinne des
Wortes, indem wir ihn in Brot und Wein in uns aufnehmen.
Und wenn wir singen „ein
feste Burg ist unser Gott“, dann ist damit in kaum zu überbietender
Weise beschrieben, was ein sicherer Ort für uns sein kann. Die Psalmen sind
voll von diesen Bildern Gottes, die uns Zuflucht bieten wollen und die
Helfer sind Heerscharen von Gottes Engeln, die uns auf unseren Wegen behüten
wollen. Die Kraft dieser Bilder, wie die Kraft der ehernen Schlange des Mose
zeigt sich allerdings erst in der Situation, in der Gefahr, nicht unbedingt
im Alltag.
Ein letztes, liebe
Gemeinde:
Im Oktober letzten Jahres
hatten wir zu einem bundesweiten Angehörigentreffen von Tsunami-Opfern,
Vermissenden und Hinterbliebenen eingeladen. 75 kamen, und von denen haben
sich 25 dafür ausgesprochen, den ersten Jahrestag der Katastrophe in
Thailand zu begehen. Für uns ein deutliches Signal, dass wir eine
Unterstützung vor Ort an den Stränden in Thailand anbieten müssten. Mit acht
Kleinbussen haben wir an drei Tagen rund um den Jahrestag Angehörige an die
Orte gefahren, wo ihre Lieben verstorben waren oder zuletzt gesehen worden
waren. Die Begegnung mit diesen Orten gehörte für unsere Helfer zu den
ergreifendsten und anrührendsten Situationen der ganzen Gedenkzeit. Die
vorsichtige Annäherung und die eigene Konfrontation mit dem Ort des Todes
und damit mit dem Tod selbst hat nicht nur nicht geschadet oder diese
Menschen nicht geschwächt. Im Gegenteil: Viele der Angehörigen haben uns
hinterher gesagt: Nachdem ich diesen Ort aufgesucht habe, ein Blumengesteck
ablegen oder ins Meer geben konnte, habe ich wieder nach vorne schauen
können.
Und für uns als Helfer eine
kaum beschreibbare Erfahrung, wie sie sich auch körperlich in diesen
Menschen vollzogen hat. Am Anfang gekrümmt in sich selbst, incurvatus in
se ipse, beim Rückflug wieder mit aufrechtem Gang. Alle unsere Helfer
sagten: Diesen Menschen war Erleichterung förmlich abzuspüren.
Diese Erfahrung, liebe
Gemeinde, wollte ich Ihnen heute mitbringen:
Unsere Gesellschaft
tabuisiert den Tod, wo sie nur kann und starrt dann wie gebannt auf die
Schlange, wenn er denn näher kommt.
Diese Menschen haben sehr
bewusst dem Tod noch einmal ins Auge geschaut, sich den Orten gestellt und
nicht verdrängt und gehen gestärkt aus dieser Erfahrung heraus.
Die Passionszeit gibt uns
sieben Wochen Zeit, von der ehernen Schlange auf das Kreuz zu schauen, die
Erfahrungen Jesu mit seinen Jüngern zu teilen und auf den Gott zu schauen,
der den Tod endgültig überwunden hat.
Und das Abendmahl, liebe
Gemeinde, will uns Wegzehrung sein für jeden einzelnen Schritt dorthin.
Amen.
Für das Internet bearbeitet von
Hanjo v.Wietersheim am 11.03.2006
|