|
|
|
Predigt über Matthäus 5, 14-16 im Gottesdienst zum
Abschluss der
Kerzenstafette für die Einsatzkräfte in New York
am 3. November 2001 im Dom zu Aachen
(Karl-Heinz Schanzmann)
Gnade sei mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Eine Flammenwalze rast durch die oberen Etagen des Hochhauses und tritt als
gewaltiger Feuerball aus der Fassade aus.
Wir alle, liebe Gedenkgemeinde,
haben dieses Bild vor Augen, wenn wir an die entsetzlichen Terroranschläge vom
11. September denken,
- wenn wir daran denken, wie viel tausend Arbeiter und Angestellte,
Geschäftsleute und Besucher, wie viel hundert Einsatzkräfte von Feuerwehr,
Rettungsdienst und Polizei verletzt und getötet worden sind,
- wenn wir daran denken, wie viele Menschen den Ehemann, die Tochter, den
Freund, die Kollegin verloren haben,
- wenn wir daran denken, wie viele Einsatzkräfte seit 53 Tagen zunächst zu
retten versucht haben und nun darum kämpfen, zu bergen, um Trauernden
Gewissheit zu geben, die schlimme Gewissheit, die aber doch so wichtig
ist für den Weg der Trauer.
14 Kerzen sind zu Beginn dieses
Gottesdienstes in den Dom getragen worden:
- Kerzen, die in den vergangenen Wochen in den verschiedensten Feuer- und
Rettungswachen unseres Landes gestanden haben,
- Kerzen, an denen Feuerwehrleute ihrer Kameradinnen und Kameraden in New York
gedacht haben, an denen sie ihre Anteilnahme ausgedrückt und
gebetet haben,
- Kerzen, denen eine Fülle von Ängsten und Sorgen, von Klage und Hoffnung
anvertraut worden ist.
Heute sind diese Kerzen, die im
ganzen Land unterwegs waren, hier im Dom zu Aachen wieder zusammengeführt
worden. Und wir alle, für die diese Kerzen wichtig geworden sind, wir alle sind
Ihnen, sehr geehrter Herr Bischof, zu großem Dank verpflichtet. Wir danken
Ihnen, dass Sie ohne Zögern dieses altehrwürdige Gotteshaus zur Verfügung
gestellt haben, um den Vertretern und Abordnungen der nordrhein-westfälischen
Feuerwehrleute und ihrer Angehörigen und Freunde einen Ort der Gemeinschaft und
der Sammlung zu geben.
Wir sind dankbar, dass wir uns in diesem Gotteshaus versammeln dürfen, das als
Weltkulturerbe dafür steht, zu welch schöpferischer Kraft Menschen fähig sind,
wenn sie verzichten auf Gewalt und Krieg und sich vereinen zu gemeinsamen
Werken, wie es Gottes Auftrag an uns Menschen ist.
Wir sind dankbar, dass wir uns an diesem Ort
versammeln dürfen, der die Gebete vieler Generationen gehört hat und nun auch
der Raum für unsere Sorgen und Ängste, für unser Klagen über Unrecht und Gewalt,
für unsere Hoffnung auf Kraft und Hilfe ist.
Sichtbares Symbol für das, was uns in unseren Gedanken an die Ereignisse vom 11.
September, was uns in unserem Gedenken an die vielen betroffenen Menschen
bewegt, sind diese 14 Kerzen.
In den vergangenen Wochen mag mancher von Ihnen, liebe Feuerwehrkameradinnen
und –kameraden überlegt haben: Wie ist es möglich, dass ein so kleines Licht,
eine so schutzbedürftige Flamme Menschen anrührt, ihr Herz erreicht und bewegt?
Oder es kam der Gedanke: Wie soll ein so kleines Licht gegen das Inferno stehen,
das wir nicht für möglich gehalten haben, bei dessen ersten Bildern wir gedacht
haben: Das kann doch nur ein Film sein!
Ja, das Entsetzen ist groß über diesen menschenverachtenden Terror. Und wir
können dieses Entsetzen nicht einfach wegreden, liebe Gedenkgemeinde. Denn die
Terroranschläge haben unsere Illusion von Sicherheit zunichte gemacht, die davon
ausging, dass Menschen zu einer solch menschenverachtenden Aggression, zu einem
Anschlag, der Tausende von Zivilisten in den Tod reißt, nicht fähig sind.
Die Terroranschläge haben Feuerwehrleuten Pflichten aufgezwungen, deren Last und
Bitterkeit Außenstehende kaum begreifen können, die nur dürftig umschrieben
sind, wenn Medien melden: ‚Um die Feuerwehrleute vor dem
World-Trade-Center-Husten zu schützen, wurde die Zahl der Kräfte bei den
Bergungsarbeiten von 500 auf 80 pro Schicht reduziert. Dafür werden sie öfter
ausgewechselt.‘
Die Terroranschläge haben unschuldige Menschen in Afghanistan in die
Eskalationsspirale von Gewalt und Krieg gezogen, vergrößern Armut dort, wo sie
kaum noch größer sein kann.
Die Terroranschläge haben rund um die Welt Menschen in anhaltende Angst und
bedrückenden Schrecken versetzt, sie lassen Kinder ängstlich fragen, ob wir
jetzt alle sterben müssen.
Wir können diesen Ängsten nicht ausweichen. Wir dürfen diesen Ängsten nicht
ausweichen! Wir müssen sie ernst nehmen und – nach Hilfe gegen die Angst und
nach Zeichen der Hoffnung suchen. Dafür stehen hier bei uns die Kerzen mit ihrem
Licht, das so klein und schutzbedürftig ist und dennoch Menschen anrührt, ihre
Herzen bewegt und sie zu Hoffnung und Tatkraft befreien kann. Gerade wir in
Deutschland, liebe Gedenkgemeinde, haben etwas davon erfahren. Wir haben die
Kraft des Kerzenlichtes erfahren, als es vor zwölf Jahren in Leipzig leuchtete.
Wir haben erfahren, wie Kerzenlicht den Menschen in der DDR Hoffnung auf
Freiheit und Mut gegen die Diktatur gegeben hat.
Wir haben erfahren, dass Menschen vom Kerzenlicht, das so klein und
schutzbedürftig ist, Hoffnung erhalten haben gegen die Angst und Kraft gegen die
Resignation. So dürfen wir uns auch in dieser Zeit, über der soviel Schatten,
soviel Dunkles liegt, der Kraft und der Hoffnung des Lichtes anvertrauen. Lassen
Sie uns, liebe Gedenkgemeinde, dazu auf das hören, was unser Herr Jesus uns in
der Bergpredigt zugesprochen hat:
14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht
verborgen bleiben.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man
stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.
16 So soll euer Licht vor den Menschen
leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Ihr seid das Licht der Welt.
Ihr seid. Kein Appell: Ihr müsst Licht sein! Keine Aufforderung: Seid doch bitte
Licht! Nein, eine Feststellung: Ihr seid das Licht der Welt. Und wie sollte es
auch anders sein? Licht leuchtet. Eine Stadt, die auf einer Anhöhe liegt, wird
wahrgenommen, besonders am Abend, wenn die Lichter angehen. Und wie gut ist es,
im Dunkeln ein Licht erkennen zu können. Nicht eine Feuersbrunst. Die macht
Angst. Sondern ein Licht, das Orientierung gibt und den Weg weist.
Liebe Gedenkgemeinde, in diesem Gotteshaus brennt ein solches Licht, das ewige
Licht, Zeichen der Gegenwart des Herrn Jesus, der von sich gesagt hat: Ich bin
das Licht der Welt. Weil er unser Licht ist, brauchen wir unser Licht nicht
unter ein Gefäß zu stellen. Da könnte es seinen Zweck nicht erfüllen, weil es
niemandem leuchtet. Da würde es ersticken, weil ihm der Sauerstoff ausgeht. Für
uns heißt das: Wir müssen uns nicht verstecken. Wir brauchen uns nicht zu
schämen. Unser Licht darf leuchten, denn es hat nicht eine
zerstörerische, vernichtende Flamme. Unser Licht soll leuchten, weil
Menschen das Beispiel anderer brauchen, die sich wie Feuerwehrleute einsetzen
zur Hilfe für alle Menschen ohne Ansehen der Person, die wie
Rettungsdienstleute um die Erhaltung des Lebens ringen. Unser Licht muß
leuchten, weil diese Welt Hoffnungszeichen braucht, Orientierung, die nicht auf
die Feuersbrunst des Terrors ausgerichtet ist, sondern auf das Miteinander der
Menschen wie Gott es gewollt hat. Dafür stehen die 14 Kerzen. Sie werden eine
Verbindung herstellen zwischen uns und den Kameraden in New York, zwischen
unserer und ihrer Betroffenheit, zwischen unserer und ihrer Kraftquelle,
zwischen unserer und ihrer Hoffnung.
Natürlich werden wir, liebe
Gedenkgemeinde, auch wenn wir die Zusage des Herrn Jesus ernst nehmen und unser
Licht leuchten lassen, natürlich werden wir mit unseren menschlichen
Möglichkeiten keine heile Welt schaffen. Es wird weiterhin Sorge und Angst, Not
und Leid geben. Doch wir brauchen in alledem nicht zu verzweifeln, denn wir
dürfen Hoffnung haben.
-
Hoffnung, dass Gott uns die Kraft zum Guten schenkt.
-
Hoffnung, dass Menschen das Gute sehen und sich anspornen lassen, es auch
zu tun.
-
Hoffnung, dass wir in der letzten Not nicht verloren gehen, sondern in
Gottes Hand bleiben.
Denn es gilt, was in New York ein Feuerwehrmann formuliert hat, als der
Franziskanerpater und Feuerwehrseelsorger Mychal Judge, der mit den ersten
Einsatzkräften ausgerückt war, tödlich verletzt gefunden wurde:
Er ist zur Himmelstür vorausgesandt worden, um auf unsere Kameraden zu achten,
wenn sie hinein kommen.
Ich möchte ein Gebet sprechen,
das unser verstorbener Bruder Mychal Judge formuliert hat:
Gott, bringe du mich dorthin, wo du mich haben willst.
Lass du mich denen nahe sein, für die ich da sein soll.
Gib du mir die Worte, die ich sprechen soll.
Und lass mich dir nicht im Wege stehen. Amen.
Für das Internet bearbeitet von
Hanjo v. Wietersheim am 10.06.2002.
|