|
Es ist früh dunkel
geworden an diesem Herbstabend. Die Jahreszeit der langen Nächte
kündigt sich an. Und mit der Dämmerung ziehen wieder Nebelschwaden auf.
Noch schnell die Freundin nach hause bringen. Am nächsten Tag die
Matheklausur. Da wird es ohnehin kein gemütlicher Abend mehr. „Fahr
vorsichtig……!“, der obligatorische Ruf der Mutter geht unter im
Motorengeräusch des schnellen Zweirades.
Als die beiden
Polizeibeamten ein Stunde später den Seelsorger durch die Absperrungen
begleiten, ahnt der nur: es wird eine sehr lange Nacht werden.
Noch weiß niemand genau,
wie es geschehen ist. Die Trümmer von PKW und Moped haben sich
vermischt. Sie bieten ein ähnlich diffuses Bild, wie die ersten Gerüchte
an der Einsatzstelle. Mit Wolldecken versuchen Feuerwehrleute eine
lebende Mauer zu bilden. Schutz vor neugierigen Blicken und dem Klicken
der Kameras. Instinktiv ahnen sie etwas von der verletzlichen Würde der
beiden leblosen Körper auf dem Asphalt. Sie bieten ihren Schutz an.
Dann der aufgeregte
Funkspruch aus dem Streifenwagen: „Kann der Pfarrer mal eben vor
die Straßensperre kommen. Die Mutter des einen Opfers ist hier und will
durchgelassen werden.“
Es wird und darf wohl nie
Routine werden, der Umgang mit Menschen in extremen Lebenssituationen.
Auch nach 7 Jahren Arbeit in der Sonderseelsorge, zwischen Feuerwehr,
Polizei und Rettungsdiensten, ist es jedes Mal wieder eine
Herausforderung der besonderen Art.
Da tun sich Abgründe auf,
vor denen der Seelsorger selbst nie persönlich stehen möchte.
Wo kann er jetzt helfen.
Was erwartet man von ihm. Was ist er bereit anzubieten? Wird er als
Pfarrer gebraucht oder „nur“ als Mitmensch. Wird er von seinem
Glauben und seiner Hoffnung reden können und wird sein Gegenüber etwas
davon in Anspruch nehmen ?
Das sind die Dinge, die
mir als erstes durch den Kopf gehen, wenn es einen Klagepsalm zu
meditieren gilt. Vielleicht auch, weil das zu meinen Erfahrungen gehört:
die Klage braucht ihren festen und geschützten Raum. Wer mitten aus der
Unbeschwertheit des Lebens gerissen wird; wer sich plötzlich neben dem
abgedeckten Körper des eigenen Kindes wieder findet, der braucht ein
Ventil für den Abfluss seiner Gefühle.
„Ich rufe aus ganzem
Herzen; erhöre mich Herr! Ich rufe zu Dir: Hilf mir! In der Dämmerung
stehe ich auf und schreie !“
Die Klagepsalmen der Heiligen Schrift haben für mich eine zutiefst
seelsorgerliche Funktion. Ein jahrtausende altes Therapeutikum gegen den
Gefühlsstau. Ein erster Versuch, das Gleichgewicht der Seele neu
auszubalancieren. Klagepsalmen machen Mut: schrei heraus, bevor es Dich
zerreißt. Du darfst jetzt infrage stellen, wenn Du selbst infrage
gestellt wirst. Auch Gott und seine geglaubte Barmherzigkeit. Was
für eine Herausforderung des eigenen Glaubens. Nicht nur für
Betroffene, sondern auch für Retter und Helfer.
Wir haben sprichwörtliche
Umschreibungen für solche Seelenzustände. „Es raubt mir den Atem“, „Ich
finde keine Worte“, „es verschlägt mir die Sprache“…………………!
Und trotzdem will es
heraus, das Unfassbare. Wohl dem, der noch nicht verlernt hat, zu weinen
und zu schreien.
Wohl dem, der dann
jemanden neben sich hat, der das aushält und zulässt; ohne zu
beschwichtigen und sofort einen Stopfen aufs Ventil zu pressen.
Klage und Anklage – wenn
sie ihre Berechtigung haben, dann doch wohl jetzt!
Wohl dem, der anknüpfen
kann, an den Versuchen der Väter und Großväter, den Stau der Gefühle
herauszulassen, in Worte zu fassen.
Lakonischer Kommentar
eines Notarztes: „Wer schreit, beweist, dass seine Vitalfunktionen
noch in Ordnung sind.“ Eine erste Form des Durchatmens. Wer
schreien will, muss vorher tief Luft holen. Das Blut hört auf zu
stocken, die Lungenflügel weiten sich und Lebensgeister werden geweckt.
Die braucht es dringend, bei aller Trostlosigkeit.
In unseren drei
Psalmversen geschieht etwas Sonderbares. Hinter jedem Hilferuf,
und das unterscheidet sie von anderen Klageliedern im Psalter, steht
immer sofort die Vergewisserung.
„Ich rufe aus ganzem Herzen, erhöre mich! Deine Satzungen will ich
halten.“
„Ich rufe dich an:
Hilf mir ! Ich will Deine Mahnungen befolgen.“
„In der Dämmerung stehe
ich auf und schreie um Hilfe. Ich sinne nach über Deinem
Wort.“
Es ist wie ein Luftholen
in der Verzweiflung. Der Blick um sich herum. Was hält mich? Was (Wer)
verhindert, dass ich falle. Die Leitplanken des persönlichen Glaubens im
Blick behalten. Ist das schon Halt genug ?
Erneuter Hilferuf und gleich wieder die Vergewisserung. Vielleicht auch
die unterbewusste Versicherung an den, der da um Hilfe angefleht wird:
„Ja Herr! Mir ist es
wirklich ernst mit meinem Glauben ! Ich gehöre doch zu
deinen Kindern. Mir sind sie wichtig, deine Leitplanken, das
Gerüst deiner Gebote. Du wirst mich doch nicht im Stich lassen. Gerade
jetzt !?“
Die Regel ist es nicht,
im Alltag der Sonderseelsorge: nur selten bekommen wir es mit Menschen
zu tun, wo man anknüpfen kann, an den Glaubenserfahrungen des
Gegenübers. Mit unter 15 Prozent Christen hierzulande wird es vielmehr
Aufgabe des Seelsorgers sein,
unaufdringlich und
authentisch vom eigenen Glauben zu reden. Der Hilfeschrei braucht einen
Adressaten. Soviel Urreligiosität lebt trotz allem immer
noch in den meisten
unserer Mitmenschen, dass selbst erklärte Atheisten sehr wohl Gott
anrufen in der Not. Dort darf ich abholen, einladen und von meinem
„Adressaten“ reden, wenn ich bete:
„Ich rufe aus ganzem
Herzen, erhöre mich! Ich rufe Dich an: Hilf mir! In der Dämmerung
stehe ich auf und flehe um Deine Hilfe - Herr Gott!“
Was sagt nun die Exegese
zu unserem Psalmfragment?
Wer mehr wissen will, der darf bei Hans-Joachim Kraus in seinem
Psalmenkommentar doch einiges erfahren. Zum Beispiel, dass trotz allem
Thora-Bezug der 119. Psalm kein Gesetzespsalm ist, „…sondern ein
Psalm vom Worte Jahwes. Dabei ist Wort in seiner umfassendsten Bedeutung
zu nehmen. Es umgreift alles Tun Gottes nach außen.“ (Zitat A.
Deißler)
Dazu gehören sicherlich
die Fülle der Bekenntnisse zu den Wundertaten Gottes ebenso, wie das
Unverständnis vor dem Unfassbaren. Dort setzen unsere Verse an und hier
finde ich zuerst meinen Bezug zum Text. Sicherlich auch deshalb, weil
mein besonderer, kirchlicher Auftrag mich immer wieder mit der
Unfassbarkeit und den Momenten der Gottesferne in Berührung bringt.
Und ich bin dankbar
dafür, dass ich – wie der Psalmbeter auch – anknüpfen kann an den
„Leitplanken“ in Gottes Wort. Dass darf dann auch nicht
verschwiegen werden, in der Begegnung mit erschütterten Mitmenschen.
Und gerade hier liegt die
Stärke unserer Psalmverse: sie unterstreichen die Ambivalenz
zwischen erlebbarer Gottesferne und der Tragfähigkeit persönlichen
Glaubens. Kein billiger Trost und keine zementierte Glaubensgewissheit.
So bleiben Menschen erreichbar, an den Grenzen von Leiderfahrung und
Lebensmüdigkeit. |