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Meditation zum 13. Sonntag nach Trinitatis  - Vergessene Texte

Text:  Psalm 119, 145 – 147
145   Ich rufe von ganzem Herzen; erhöre mich, HERR,
         dass ich dein Rechte halte.

146   Ich rufe zu dir; hilf mir, dass ich deine Zeugnisse halte.

147   Ich komme in der Frühe und schreie; auf dein Wort hoffe ich.

 

Es ist früh dunkel geworden an diesem Herbstabend.  Die Jahreszeit der langen Nächte kündigt sich an. Und mit der Dämmerung ziehen wieder Nebelschwaden auf. Noch schnell die Freundin nach hause bringen. Am nächsten Tag die Matheklausur. Da wird es ohnehin kein gemütlicher Abend mehr. „Fahr vorsichtig……!“,  der obligatorische Ruf der Mutter geht unter im Motorengeräusch des schnellen Zweirades.

Als die beiden Polizeibeamten ein Stunde später den Seelsorger durch die Absperrungen begleiten, ahnt der nur: es wird eine sehr lange Nacht werden.

Noch weiß niemand genau, wie es geschehen ist.  Die Trümmer von PKW und Moped haben sich vermischt. Sie bieten ein ähnlich diffuses Bild, wie die ersten Gerüchte an der Einsatzstelle. Mit Wolldecken versuchen  Feuerwehrleute eine lebende Mauer zu bilden. Schutz vor neugierigen Blicken und dem Klicken der Kameras. Instinktiv ahnen sie etwas von der verletzlichen Würde der beiden leblosen Körper auf dem Asphalt. Sie bieten ihren Schutz an.

Dann der aufgeregte Funkspruch aus dem Streifenwagen:  „Kann der Pfarrer mal eben vor die Straßensperre kommen. Die Mutter des einen Opfers ist hier und will durchgelassen werden.“

Es wird und darf wohl nie Routine werden, der Umgang mit Menschen in extremen Lebenssituationen.  Auch nach 7 Jahren Arbeit in der Sonderseelsorge, zwischen Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten, ist es jedes Mal wieder eine Herausforderung der besonderen Art.

Da tun sich Abgründe auf, vor denen der Seelsorger selbst nie persönlich stehen möchte. 

Wo kann er jetzt helfen. Was erwartet man von ihm. Was ist er bereit anzubieten? Wird er als Pfarrer gebraucht oder „nur“ als Mitmensch.  Wird er von seinem Glauben und seiner Hoffnung reden können und wird sein Gegenüber etwas davon in Anspruch nehmen ?

Das sind die Dinge, die mir als erstes durch den Kopf gehen, wenn es einen Klagepsalm zu meditieren gilt. Vielleicht auch, weil das zu meinen Erfahrungen gehört:  die Klage braucht ihren festen und geschützten Raum. Wer mitten aus der Unbeschwertheit des Lebens gerissen wird; wer sich plötzlich neben dem abgedeckten Körper des eigenen Kindes wieder findet, der braucht ein Ventil für den Abfluss seiner Gefühle. 

„Ich rufe aus ganzem Herzen; erhöre mich Herr! Ich rufe zu Dir: Hilf mir! In der Dämmerung stehe ich auf und schreie !“ 

Die Klagepsalmen der Heiligen Schrift haben für mich eine zutiefst seelsorgerliche Funktion. Ein jahrtausende altes Therapeutikum gegen den Gefühlsstau. Ein erster Versuch, das Gleichgewicht der Seele neu auszubalancieren. Klagepsalmen machen Mut: schrei heraus, bevor es Dich zerreißt. Du darfst jetzt infrage stellen, wenn Du selbst infrage gestellt wirst.  Auch Gott und seine geglaubte Barmherzigkeit. Was für eine Herausforderung des eigenen Glaubens.  Nicht nur für Betroffene, sondern auch für Retter und Helfer.

Wir haben sprichwörtliche Umschreibungen für solche Seelenzustände. „Es raubt mir den Atem“, „Ich finde keine Worte“,  „es verschlägt mir die Sprache“…………………!

Und trotzdem will es heraus, das Unfassbare. Wohl dem, der noch nicht verlernt hat, zu weinen und zu schreien. 

Wohl dem, der dann jemanden neben sich hat, der das aushält und zulässt; ohne zu beschwichtigen und sofort einen Stopfen aufs Ventil zu pressen.

Klage und Anklage – wenn sie ihre Berechtigung haben, dann doch wohl jetzt!  

Wohl dem, der anknüpfen kann, an den Versuchen der Väter und Großväter, den Stau der Gefühle herauszulassen, in Worte zu fassen.

Lakonischer Kommentar eines Notarztes: „Wer schreit,  beweist, dass seine Vitalfunktionen noch in Ordnung sind.“ Eine erste Form des Durchatmens.  Wer schreien will, muss vorher tief Luft holen. Das Blut hört auf zu stocken, die Lungenflügel weiten sich und Lebensgeister werden geweckt. Die braucht es dringend, bei aller Trostlosigkeit.

In unseren drei Psalmversen geschieht  etwas Sonderbares. Hinter jedem Hilferuf, und das unterscheidet sie von anderen Klageliedern im Psalter, steht immer sofort die Vergewisserung.
„Ich rufe aus ganzem Herzen, erhöre mich! Deine Satzungen will ich halten.“  

„Ich rufe dich an:  Hilf mir !    Ich will Deine Mahnungen befolgen.“

„In der Dämmerung stehe ich auf und schreie um Hilfe.   Ich sinne nach über Deinem Wort.“

Es ist wie ein Luftholen in der Verzweiflung. Der Blick um sich herum. Was hält mich? Was (Wer) verhindert, dass ich falle. Die Leitplanken des persönlichen Glaubens im Blick behalten. Ist das schon Halt genug ?
Erneuter Hilferuf und gleich wieder die Vergewisserung. Vielleicht auch die unterbewusste Versicherung an den, der da um Hilfe angefleht wird: 

„Ja Herr! Mir ist es wirklich ernst mit meinem Glauben !   Ich gehöre doch zu deinen Kindern.  Mir sind sie wichtig, deine Leitplanken, das Gerüst deiner Gebote. Du wirst mich doch nicht im Stich lassen. Gerade jetzt !?“ 

Die Regel ist es nicht, im Alltag der Sonderseelsorge: nur selten bekommen wir es mit Menschen zu tun, wo man anknüpfen kann, an den Glaubenserfahrungen des Gegenübers. Mit unter 15 Prozent Christen hierzulande wird es vielmehr Aufgabe des Seelsorgers sein,

unaufdringlich und authentisch vom eigenen Glauben zu reden. Der Hilfeschrei braucht einen Adressaten. Soviel Urreligiosität lebt trotz allem immer

noch in den meisten unserer Mitmenschen, dass selbst erklärte Atheisten sehr wohl Gott anrufen in der Not. Dort darf ich abholen, einladen und von meinem „Adressaten“ reden, wenn ich bete:

„Ich rufe aus ganzem Herzen, erhöre mich! Ich rufe Dich an: Hilf mir!  In der Dämmerung stehe ich auf und flehe um Deine Hilfe -  Herr Gott!“

Was sagt nun die Exegese zu unserem Psalmfragment?
Wer mehr wissen will, der darf bei Hans-Joachim Kraus in seinem Psalmenkommentar doch einiges erfahren. Zum Beispiel, dass trotz allem Thora-Bezug der 119. Psalm kein Gesetzespsalm ist, „…sondern ein  Psalm vom Worte Jahwes. Dabei ist Wort in seiner umfassendsten Bedeutung zu nehmen. Es umgreift alles Tun Gottes nach außen.“  (Zitat A. Deißler) 

Dazu gehören sicherlich die Fülle der Bekenntnisse zu den Wundertaten Gottes ebenso, wie das Unverständnis vor dem Unfassbaren. Dort setzen unsere Verse an und hier finde ich zuerst meinen Bezug zum Text. Sicherlich auch deshalb, weil mein besonderer, kirchlicher Auftrag mich immer wieder mit der Unfassbarkeit und den Momenten der Gottesferne in Berührung bringt.

Und ich bin dankbar dafür, dass ich – wie der Psalmbeter auch – anknüpfen kann an den „Leitplanken“ in Gottes Wort.  Dass darf dann auch nicht verschwiegen werden, in der Begegnung mit erschütterten Mitmenschen. 

Und gerade hier liegt die Stärke unserer Psalmverse:  sie unterstreichen die Ambivalenz zwischen erlebbarer Gottesferne und der Tragfähigkeit persönlichen Glaubens. Kein billiger Trost und keine zementierte Glaubensgewissheit. So bleiben Menschen erreichbar, an den Grenzen von Leiderfahrung und Lebensmüdigkeit.


Eine Meditation von Michael Kleemann, Stendal,
für das Internet bearbeitet am
 22.06.2003 von Hanjo v. Wietersheim

Mit freundlicher 
Unterstützung  von: