Gedanken zur
Notfallseelsorge
Pfarrer Ulrich Gratz, Obere Gasse 11, 71739 Oberriexingen,
Ev-Ori@t-online.de
01. 10.01
Grundsätzlich:
Es braucht nicht für jede Aufgabe eine/ Pfarrer/in!
Manchmal braucht es aber tatsächlich eine/n - und zwar sofort! Um der
Menschen und auch um der Kirche willen muss sichergestellt sein, dass dann
auch eine/r kommt! Auch in einer Kirche des Wortes spielt das Tun eine
wesentliche Rolle! Die Erfahrung zeigt, dass Pfarrer/innen - auch im Notfall
- sehr schwer erreichbar sind. Das ist eine Feststellung und keine Wertung!
Es braucht also eine Organisationsform, die sicherstellt, dass rund um die
Uhr ein/e Pfarrer/in erreichbar ist. Notfallseelsorger/innen leisten einen
ganz wichtigen Beitrag zum Dienst am Nächsten (das bezieht die Kolleg/innen
mit ein) und an der Kirche. Sie profitieren allerdings auch menschlich und
fachlich von Einsatz und Ausbildung.
Konzeptionen:
Zum Dienst in der Notfallseelsorge gehören Ausbildung, Einsatz, laufende
Fortbildung und Begleitung. Das Verhältnis dieser Komponenten ist in jedem
System unterschiedlich gewichtet. Ich halte es für wichtig, dass sowohl die
Konzeption als auch die (eigene) Praxis der Notfallseelsorge konstruktiv
kritisch begleitet wird.
Entscheidung:
Nicht jede/r kann und
muss
alles tun!
Ich muss mir darüber klar werden, ob ich diesen Dienst - jetzt - mit dieser
Konzeption und in meiner gegenwärtigen Lebens- und Arbeitssituation tun kann
und will. Dazu muss ich mich entscheiden, wie wichtig mir dieser Dienst im
Vergleich zu anderen Aufgaben ist. Wenn ich bei der Notfallseelsorge
mitmache, dann sollte ich dafür in anderen Bereichen für Entlastung sorgen.
Planung:
Meine Bereitschaftswoche/n lege ich fest nach der Urlaubs- und der
Veranstaltungsplanung in Kirchengemeinde und Kommune. In der
Bereitschaftswoche halte ich normalerweise keine Kasualien und
Gottesdienste. Falls es doch erforderlich wird, melde ich der Leitstelle,
wer mich in dieser Zeit vertritt. (mind. zwei Stunden vorher!) Dafür lege
ich in diesen Zeitraum Büroarbeiten und andere Tätigkeiten in Haus und Hof,
zu denen ich sonst nicht so komme.
Transparenz:
Kirchengemeinderat, Dekan, Kirchengemeinde, Schulleitung, Kommune, ...
werden persönlich und öffentlich informiert über die Bereitschaftswochen.
Sie wissen so, dass ich plötzlich weggerufen werden kann bzw. u.U. gar nicht
komme. Möglicherweise nötige Vertretungen (Schule!) werden vorher
abgesprochen.
Übernahme:
Am festgelegten Übernahmetag gehe ich nach tel. Vorabsprache zu meinem/r
Vorgänger/in, übernehme dort die Bereitschaftstasche mit Handy etc., mache
einen kurzen Erfahrungsaustausch, kontrolliere und bestücke die Tasche mit
den für mich wichtigen Zusätzen und melde mich bei der Leitstelle an. Das
ist dann gleich der Funktionscheck für das Handy.
Einsatz:
Die
Leitstelle informiert mich über Art
und Anlass des Einsatzes. Sie gibt mir Name und Adresse, evtl. auch Tipps
zur Anfahrt, Telefonnummern der Betroffenen und des Rettungsdienstpersonals
für Rücksprachen. Je nach Einsatz versuche ich zuerst, das zuständige
Pfarramt zu erreichen. Dann mache ich mich in der gebotenen Eile aber ohne
Hektik auf den Weg. Ankommen ist das
Ziel!
Das hinter die Sonnenblende geklemmte
Notfallseelsorge Schild identifizieren mich und mein Auto vor Ort. Je
nach Einsatz leistet u.U. die
Einsatzweste und/oder der
Notfallseelsorge-Dienstausweis
unverzichtbare Dienste im Blick auf die Einsatzleitung vor Ort. Unmittelbar
nach dem Eintreffen erfolgt eine kurze Besprechungs- und
Informationsrunde mit den beteiligten Kräften, z.B. Rettungsdienst
und Kripo/Schupo. Sowohl bei der Überbringung von Todesnachrichten als auch
bei erfolgloser Reanimation mit evtl. unklarer Todesursache als auch beim
plötzlichen Kindstod und sowieso bei Großschadensfällen ist das eine
unverzichtbare Voraussetzung für ein sinnvolles Miteinander aller
Beteiligten vor Ort.
In die betroffene Familie eingeführt/vorgestellt werde ich in der Regel
durch die bereits länger vor Ort befindlichen Kräfte. Meist ist durch eine
entsprechende Frage vor meiner Alarmierung sowieso schon alles klar.
Beim Folgenden muss für mich klar sein:
Es handelt sich um ein echtes Problem - aber es ist nicht mein Problem!
Ich kann nur in einem begrenzten Zeitabschnitt helfen, mit den Folgen dieses
Problems besser zurecht zu kommen, indem ich Menschen zum Nächsten werde.
Folgende Schritte haben sich dabei für mich bewährt:
In Erfahrung
bringen: Was
ist wie passiert? Was ist im Moment das bedrängendste Problem? Wer muss
informiert werden?
Ordnung schaffen:
In der Situation, in den Gedanken, Planungen, Vorbereitungen, Zukunftsängsten,
... .
Konkrete Hilfen:
Übernahme kleiner Dienste wie z.B. Telefonate, Begleitung zum Verstorbenen,
Gestaltung einer Abschiedszeremonie vor Ort, ... .
Übergabe:
Menschen, die ich in einer schlimmen Situation ein Stück weit begleitet habe,
nun wieder hergeben und anderen Menschen anvertrauen, die ab jetzt für sie
da sind. (Soziales Netz, Gemeindepfarrer/in, ...)
Rückfahrt: Ich darf erst starten, wenn ich in der Lage bin, verantwortlich am
Straßenverkehr teilzunehmen.
Auswertung:
Für mich persönlich und für die Statistik
Meldung
an Leitstelle nach Einsatzende.
Es folgen evtl. weitere Einsätze.
Übergabe an Nachfolger/in.
Für das Internet bearbeitet von Hanjo
v. Wietersheim am 27.11.2002.
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