Thesenreihe zur
Notfallseelsorge
(Kasseler Thesen)
Notfallseelsorge ist "erste
Hilfe für die Seele"
in Notfällen und Krisensituationen.
Notfallseelsorge ist damit
ein Grundbestandteil des Seelsorgeauftrages der Kirchen. Sie sieht den Menschen
in Not und Bedürftigkeit, in Schwäche und Schuld als ein von Gott getragenes,
geliebtes und auf Hoffnung hin versöhntes und erlöstes Geschöpf.
Notfallseelsorge wendet
sich in ökumenischer Weite und Offenheit an primär Geschädigte, andere
Betroffene und an Einsatzkräfte.
Seelsorge in
Notfallsituationen
nimmt ernst, dass bei den Menschen in existentiellen Extremsituationen die
faktisch wirksamen religiösen und weltanschaulichen Prägungen offenbar werden.
Notfallsituationen sind Schnittstellen des Lebens, an denen Sinn- und Wertfragen
aufbrechen, der eigene Lebensentwurf und seine schlagartige Veränderung
besonders bewusst werden, Schuld- und Theodizeefrage die Gegenwart überschatten
und die Lebenskraft absorbieren.
Seelsorge für Einsatzkräfte
in Extremlagen begleitet die Einsatzkräfte in ihrer Arbeit, vor allem
bei einem akut zusammenbrechenden Retterbild, das einhergeht mit Gefühlen von
Versagen und Hilflosigkeit, Ohnmacht und ggf. Angst und hilft im Anschluss an das
Einsatzgeschehen, belastende Eindrücke, die sich in die Seele eingebrannt haben,
zu verarbeiten.
Die Arbeit der Notfallseelsorge
geschieht im wesentlichen durch Beziehung und Kommunikation, seelsorgerliches
Gespräch und Präsenz des Seelsorgers, der Seelsorgerin vor Ort.
Konkrete Tätigkeiten des
Notfallseelsorgers vor Ort können sein:
- Begleitung von unverletzten
Beteiligten
- Begleitung von Verletzten
während der Rettung und in Wartezeiten
- Begleitung von Angehörigen,
die am Einsatzort sind und dahin kommen
- Fürsorge für
erschöpfte Einsatzkräfte
- auf Wunsch Spende der
Sakramente und Gebet für Sterbende und Tote
- Überbringung von
Todesnachrichten gemeinsam mit der Polizei
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
in der Kirchlichen Arbeit in Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz
professionalisieren ihre seelsorgerliche Kompetenz
in extremen Arbeitsfeldern, um Einsatzkräfte an den Einsatzstellen unterstützen
zu können bzw. die seelsorgerliche Begleitung nach dem Abrücken der
Einsatzkräfte weiterführen zu können, vor allem bei folgenden (häufigeren)
Einsatzindikationen:
- erfolglose Reanimation
- Tod von Kindern
- Suizidabsicht/Suizid
- schwere Verkehrsunfälle
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
in der Notfallseelsorge erwerben sich seelsorgerliche und theologische Kompetenz
und insbesondere Kenntnisse und Fähigkeiten über
- Reaktionsformen von Menschen
in Not- und Extremsituationen und das mögliche Eingehen darauf
- Gefahren an der
Einsatzstelle
(Erkennbarkeit, Selbstschutz, Schutzausrüstung)
- organisationsübergreifende
Zusammenarbeit (Arbeitsweisen und Zusammenwirken von allen am Einsatz
beteiligten Organisationseinheiten und die eigene Mitwirkung)
Sie halten engen Kontakt
zueinander und reflektieren ihre Erfahrungen regelmäßig in Fortbildungen der
Notfallseelsorge. Für den Dienst ist Supervision unabdingbare Voraussetzung.
Die Notfallseelsorge entwickelt
regional Strukturen, die mit den Gegebenheiten von Kommune und Kirche
kompatibel sind.
Die beteiligten Kirchen sprechen
geeignete Beauftragungen aus auf den Ebenen der Kirchenkreise, Dekanate und
Landeskirchen, Bistümer und kommen für die Personalkosten auf.
Die Notfallseelsorger organisieren
sich auf Bundesebene in einem Konvent.
Diese Thesenreihe wurde
verabschiedet von Vertretern von
Notfallseelsorgediensten aus
verschiedenen Landeskirchen und Bundesländern
auf der Tagung der
Bruderhilfe-Verkehrsakademie in Kassel am 5.2.1997
und beschreibt die gemeinsamen
Essentials der unterschiedlich organisierten und geprägten
Notfallseelsorgedienste.
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Diese Seite wurde zuletzt
überarbeitet von Hanjo
v.Wietersheim am 14.12.2000.
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