|
|
|
Was macht „das Ding“ mit mir?
Gedanken über das Leben mit dem
Piepser.
1. Der Piepser versetzt mich eine
Woche lang in einen Zustand starker innerer Anspannung und äußerer Verspannung,
in dem ich
a) unaufhörlich hoffe, nicht
alarmiert zu werden, aber
b) seltsam enttäuscht wäre,
nicht gerufen zu werden.
In letzterem Fall wird sofort der
Zweifel wach, ob Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste überhaupt an meinem
Engagement interessiert sind und mich wirklich so brauchen, wie mir gesagt
wurde.
2. Er macht mich äußerlich zum
seelischen Ersthelfer, ohne dass ich klare Vorstellungen von meiner Aufgabe
habe.
3. Er lässt angstbesetzte Fragen
aufsteigen:
a) Wie gehe ich mit einem Alarm
um, wenn ich soeben einen Gottesdienst/
Unterricht/Krankenbesuch
begonnen habe?
Oder lasse ich den Piepser
überhaupt vor der Tür, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit gegen meine Gemeinde
nicht infrage stellen zu lasen bzw. eine Situation, die Anspruch auf
Ungestörtheit hat, zu schützen?
b) Lässt Alarm keine Wahl, oder
gibt es Möglichkeiten, Vereinbarungen zu treffen? Weder bin ich die Feuerwehr,
noch automatisch Vollzugsgehilfe für irgendwen, sondern ich möchte als Partner
beteiligt sein.
c) Werde ich selber dem Ruf
folgen müssen, oder werde ich jemand finden, der das Nötige „vor Ort“ tut?
Werden KollegInnen erreichbar, werden sie hilfreich sein oder mir Schwierigkeiten
machen?
d) Werde ich der seelsorgerlichen
Herausforderung unter ganz ungewohnten Umständen gewachsen sein?
4. Er suggeriert, dass
Schnelligkeit eine Tugend und der Krisenmoment allein richtig für eine sinnvolle
Hilfe ist. Sobald es piepst, neige ich dazu, den Kopf zu verlieren und in Hektik
zu verfallen. Wie lerne ich, mit meinem Stress so umzugehen, dass ich bei aller
Dringlichkeit doch die für die Seelsorge nötige Langsamkeit nicht vermissen
lasse?
5. Er schränkt mich in meiner
gewohnten „Bewegungsfreiheit“ ein: ggf. An- und Abmeldung bei Leitstelle, evtl.
Beschränkung sonstiger Termine, bewusster Alkoholkonsum bis -verzicht u.a.m.
6. Er setzt mich der Unterstellung
aus, wohl sonst nicht genug zu tun zu haben; immerhin ist es für eine Anzahl von
Kollegen Anlass zu beteuern, dass sie selbst ohne diese Aufgabe genügend Arbeit
hätten.
7. Er verschreckt mich und andere
Bereitwillige, wenn unsere Zahl zu klein ist, so dass wir ihn in allzu
kurzfristigem Wechsel zu übernehmen haben.
8. Er lässt mich in Kontakt kommen
mit einer sehr männlichen Welt der Technik, Abzeichen und Ränge, die ich seltsam
faszinierend finde; zugleich bemerke ich eine innere Ablehnung, gar Verachtung
für solch „kindische Verspieltheit“, die meiner Vorstellung von Erwachsensein
zuwiderläuft.
9. Er macht mir bewusst, dass die
Arbeit von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten, nicht zu vergessen die
Notfallseelsorge, in die Verantwortung der Gemeinde und deshalb in ihre
Bildungsarbeit sowie das sonntägliche Kirchengebet gehört.
10. Er lässt folgende Wünsche
hinsichtlich Organisation und Planung des Notfallseelsorge-Bereitschaftsdienstes
in meinem Dekanat aufsteigen:
a) Die Einführung sollte im
Pfarrkapitel einen ausreichend großen Rückhalt haben; das Kapitel sollte nicht
den Eindruck bekommen, mit der Entscheidung kaum mehr etwas zu tun zu haben.
b) Nicht alle KollegInnen müssen
sich daran aktiv beteiligen, aber von allen muss erwartet werden können, sich
auf Anfrage „vor Ort“ einzubringen.
c) Grundsätzlich sollte er
ökumenisch getragen sein; ist das nicht zu erreichen, ist auch hier eine
Verabredung über die Mitwirkung vor Ort anzustreben.
d) Mit der
Organisationsverantwortung im Dekanat sollte ein(e) Beauftragte(r) für NFS
betraut werden, der/die das selber möchte, nicht dazu gedrängt oder gar
gezwungen werden muß; nicht schon durch andere Beauftragungen überbelastet ist;
bereit ist, Zeit, Ideen und Energie für Organisation und Fortbildung
aufzuwenden.
e) So wichtig es für NFSeelsorger
ist, Struktur und Arbeitsweisen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten zu
kennen, so sehr sollte umgekehrt auch ihnen - am besten von vornherein -
verdeutlicht werden, in welchen Zwängen sich Pfarrer befinden können und welchem
Ethos sie sich verpflichtet fühlen. Andernfalls hängt es am Einzelnen, dies auf
geeignete Weise zu klären.
f) Vom Dekan darf erwartet
werden, dass er
- ständig für diese (und andere)
moderne kirchliche Arbeitsform wirbt
- zur Begleitung der örtlichen
Feuerwehren und Polizei, auch THW und
Rettungsdienstverbänden, anregt und selber auf geeignete Weise Kontakt
herstellt
- zur Überwindung
gemeindezentrierten Egoismus nötige Perspektiven ent-
wickelt
- der kollegialen Killerfrage,
was man denn noch alles tun solle, durch ein Ar-
beits- und
Diskussionsklima begegnet, in dem die Überprüfung sog. be-
währter Arbeitsformen auf
Effektivität zur Selbstverständlichkeit wird
- besonders die jungen
KollegInnen, die persönlich mit Seelsorge oft die
grössten Schwierigkeiten
haben, zur Teilnahme an den NFS-Fortbildungs-
veranstaltungen ermutigt
- den Gemeinden deutliche Signale
für die Wichtigkeit der Aufgabe gibt, zu
gleich aber Klarheit
hinsichtlich der Erstattung von Unkosten schafft.
Detlev Hake, 5.12.1995
Detlev Hapke ist
Polizeiseelsorger in Nürnberg und arbeitet mit im Notfallseelsorge-System
Nürnberg.
Für das Internet bearbeitet von
Hanjo v.Wietersheim am 16.01.2000
|