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Das Sterben ins Leben holen

Trauernde Kinder begleiten
von Angelika und Waldemar Pisarski

Diese Broschüre kann bestellt werden beim
Kindertagesstättenverband Bayern, Vestnertorgraben 1, 90408 Nürnberg,
Tel.: 0911 / 36779-0, Fax: 0911 /36779-19

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einführung

1. "Dafür bist du nicht zu klein"
Auch kleine Kinder spüren den Verlust
Bei uns selbst bleiben
Auf das kleine Sterben achten

2. Leben und Sterben im Wandel
Zwei Lieder im Vergleich
Sterben damals und heute
"... klug werden"

3.Der Kindergarten und das Krankenhaus
Eine Mutmachgeschichte

4. Trauer verstehen
Trauerarbeit
Trauersituationen
Trauerphasen

5. Wenn Kinder trauern
Wie Kinder das Leben verstehen
Wie Kinder den Tod verstehen
Wie Kinder trauern
Was trauernde Kinder brauchen

6. Resonanz geben
Eine Mutmachgeschichte

7. Trösten und vertrösten
Der feine Unterschied
Die Hioberfahrung
Drei Grundsätze
"Selig die sich zu ihrem Leid bekennen..."

8. Mit trauernden Kindern sprechen
Bei uns selbst anfangen Was uns das Kind entgegenbringt
Exkurs: Was kommt nach dem Tod?
Miteinander reden
Miteinander beten

9. Mit Kindern Trauer gestalten
Wir schenken Berührung
Wir schenken Zuwendung
Ein Trauertisch für Jürgen
Maria - Beispiel einer Begleitung

10. Mit Kindern abschiedlich leben
Exkurs: Gefühle
Aufmerksam leben
1. Ich bin da, und du bist da (Ankommensübungen)
2. Ich bin da (Achtsamkeitsübungen)
3. Du bist da (Vertrauensübungen)
4. Auch andere sind da (Besuche in der Nachbarschaft)
Exkurs: Ein Friedhofsbesuch
Texte und Lieder zum abschiedlichen Leben

11. Arbeit mit Eltern

Literaturhinweise

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Einführung

Die Arbeit an diesem Heft wurde für uns selbst zu einer Entdeckungsreise. Zunächst haben wir uns durch die kleine Bibliothek gearbeitet, die zu unserem Thema bereits erschienen ist. Alle Autorinnen und Autoren, das fiel uns auf, betonen dabei, wie wichtig die Trauer auch für kleine Kinder ist. Aber diese Aussage bleibt oft theoretisch. So richtig anschaulich und ausführlich werden die Bücher erst ab dem Schulalter. Was davor liegt, klingt oft allgemein und vage.

Wir haben uns dann ins Gedächtnis gerufen, wie unsere eigenen Kinder mit Sterben und Tod umgingen, und wie sie getrauert haben. Verwandte sind gestorben, als sie noch klein waren. Eine ganze Reihe von Haustieren ist gestorben. Ein paar Mal mussten sie mit uns umziehen und den Wohnort wechseln. Wir erinnerten uns unserer Gefühle und ihrer. Oft genug haben wir gemeinsam getrauert. Manchmal aber haben die Rollen gewechselt. Wir haben sie gehalten, gewiegt, gestreichelt, haben versucht, ihren Kummer zu verstehen. Und manchmal haben wir in unserer Traurigkeit ihr Mitfühlen gespürt, das Mitgefühl eines großen, kleinen Herzens.

Sehr bewegt haben uns die Berichte von Eltern, die uns vom Sterben ihrer Kinder erzählten, von ihrer Trauer und von der Trauer der Geschwister. Es war, als ob wir ein Haus betraten, in dem es auf einmal dunkel geworden war. Für jede einzelne Person und noch einmal für alle zusammen. Für viele dauerte es, dauerte es quälend lange, bis sie sich in dieser Dunkelheit zurecht fanden. Erst allmählich, ganz allmählich tauchte so etwas wie eine neue Orientierung auf, ein heller Punkt, ein frisches Vertrauen zum Leben. Oft konnten die Menschen in dem dunklen Haus einander dabei helfen, konnten einander beistehen, konnten sich gegenseitig trösten und ermutigen. Manchmal gelang dies auch nicht. Sie machten sich gegenseitig das Leben noch schwerer, als es sowieso schon war und fügten der großen Verletzung des Todes noch viele kleine Verletzungen hinzu. Es ist besonders tragisch, wenn nach so viel Leid auch noch eine Partnerschaft zerbricht und eine Familie noch einmal zerrissen wird.

In dieser Arbeitshilfe soll es vor allem um die Kinder gehen, die ein Geschwisterchen oder ein Elternteil verloren haben. Um ihren Schmerz, um ihre Trauer, um ihr Leid. Dabei wollen wir mit Ihnen, verehrte Leserin und verehrter Leser, einen Weg gehen. Wir wollen zu verstehen versuchen, wie kleine Kinder Sterben und Tod erfahren, und wie wir ihnen darin nahe sein können. Auf diesem Weg werden wir sehr schnell unseren eigenen Ängsten begegnen und uns mit ihnen auseinandersetzen. Unser Leben besteht ja aus einer unaufhörlichen Folge von Abschieden. Wir können dieser Erfahrung ausweichen, wir können sie überdecken, wir können gegen sie angehen. Versöhnt zu leben gelingt wohl nur, wenn wir uns dieser Erfahrung stellen, wenn wir ja dazu sagen. Abschiedlich leben zu lernen, das Sterben ins Leben zu holen, darum geht es! "Wir müssen täglich sterben, damit wir nicht sterben, wenn wir sterben" lautet eine alte Inschrift im Dom zu Schleswig.

Wenn wir es lernen, dies nicht nur hinzunehmen, sondern anzunehmen und zu gestalten, wird unser Leben - und das ist jedes Mal eine beglückende Erfahrung - weiter, reicher, wärmer, tiefer, herzlicher. Für uns selbst und für unsere Kinder.

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1. "Dafür bist du nicht zu klein!"

"Dafür bist du noch zu klein!" Sicher haben Sie die Redewendung schon einmal gehört. Vielleicht haben Sie diese Worte sogar schon selbst einmal benutzt. Frage: Stimmt das, was wir da behaupten? Wir haben Menschen besucht, die um einen lieben Mitmenschen trauerten. Wir fragten, wie ihre kleinen Kinder diesen Tod erlebten. Die Antworten waren eindeutig, und in diesem Kapitel wollen wir Ihnen davon erzählen. "Dafür bist du noch zu klein!" Es ist an der Zeit, diese Redewendung zu hinterfragen. 


"Dafür bist du noch zu klein", denken sich viele Eltern und verzichten darauf, ihrem Kind etwas von ihrem Schmerz und ihrer Trauer zu zeigen. "Dafür bist du noch zu klein", entscheiden sie und lassen nicht zu, dass ihr gesundes Kind das kranke Geschwisterchen in der Klinik besuchen darf. "Dafür bist du noch zu klein", meinen sie und nehmen ihr Kind nicht mit auf die Beerdigung der Großeltern oder des Vaters. "Das verstehst du noch nicht, dafür bist du noch zu klein", antworten sie auf Fragen wie "Warum musste mein Bruder sterben?" oder "Wo ist meine Schwester jetzt?" oder "Warum müssen Kinder so schlimme Schmerzen haben?"

Zu klein?

Richtig ist, dass Kinder auf den unterschiedlichen Altersstufen ganz verschiedene Vorstellungen von Sterben und Tod haben. Richtig ist auch, dass sie dabei ihre Trauer sehr unterschiedlich ausdrücken. Aber alle Kinder, alle, so klein sie auch sein mögen, spüren, dass in ihrer unmittelbaren Nähe etwas ganz Dramatisches passiert ist, wenn ein Elternteil oder ein Geschwister stirbt. Nicht nur, dass sich ihre Welt verändert hat. Diese Welt scheint zutiefst ins Wanken gekommen und gefährdet. Und in dieser Welt, die aus allen Fugen zu fallen droht, müssen sie sich neu zurechtfinden. Mehr noch. Kleine Kinder beziehen alles auf sich. Sie können gar nicht anders. An ihnen liegt es, so empfinden sie, die Teile zusammenzuhalten, die da auf einmal auseinanderzufliegen drohen. Dies kann nicht ohne tiefe Erschütterungen und ohne Schmerzen gehen. Die kleine Kinderseele empfindet diese Erschütterungen viel elementarer als die Seele eines Erwachsenen. Zum einen hat sie noch nicht so viele Möglichkeiten der Auseinandersetzung. Zum anderen ist sie doch selbst noch ganz auf Geborgenheit angelegt. Darauf, Geborgenheit zu empfangen und nicht, Geborgenheit zu geben.
 

Auch kleine Kinder spüren den Verlust

Janin war ein halbes Jahr alt, als ihr Vater, Alfi, bei einem Segelflug tödlich verunglückte. Ihre Mutter berichtet: "Nachts schlief unser Töchterchen immer sehr unruhig. Wir holten Janin dann einfach zu uns ins Bett. So hatten wir alle drei eine ruhige Nacht. Morgens, wenn Janin aufwachte, betrachtete sie ihre kleinen Händchen und lachte und plapperte munter darauf los. Mein Mann sagte dann immer: 'Das ist so süß! Janin wacht morgens auf und lacht'. Schon am ersten Morgen nach dem Unfall allerdings veränderte sie sich. Sie wachte nicht mehr auf und lachte und plapperte, sondern weinte. So ging das weiter. Sie wachte jeden Morgen auf und weinte. Ich konnte sie immer erst beruhigen, wenn ich mit ihr aufstand. An gemütliches Spielen im Bett wie vorher war nicht mehr zu denken..."

Frau V. hat Sarah im fünften Monat durch eine Fehlgeburt verloren. Die beiden anderen Töchter, Julia und Annalena, waren damals fünf und zwei Jahre alt: "Die Kinder waren unendlich traurig, als sie gehört haben, dass die Sarah tot ist, und dass sie sie nie sehen werden. Sie haben viel geweint, bei der Beerdigung und auch über diesen Tag hinaus. Oft geschah es am Nachmittag, ganz grundlos, da haben sie angefangen zu weinen. Die Sarah ist tot! Die Sarah kommt nicht mehr... Die Annalena wollte nicht mehr in ihrer Spielgruppe bleiben. da gab es große Schwierigkeiten. Sie hat getobt und geschrieen... Das geht an keinem Kind spurlos vorüber! So wie man immer sagt, ach die Kleinen, die kriegen das nicht mit. Das stimmt einfach nicht! Die können sich vielleicht nicht so artikulieren, aber mitkriegen tun die alles..."

Sarahs Vater, Herr V., erzählt, wie schwer es Julia auch im Kindergarten hatte. Ganz schwierig war es für sie, Gehör zu finden und Aufmerksamkeit für Ihre Trauer. "Wenn ein Kind erzählt", meint er, "stell dir vor, meine Schwester ist tot, dann muss man auf jeden Fall auf das Kind eingehen, muss nachfragen, was denn passiert ist, muss sich Zeit nehmen, sich erzählen lassen, denn das Kind will ja etwas loswerden..."

Auf einen anderen Aspekt machen die beiden folgenden Berichte aufmerksam. Ein trauerndes Kind nimmt Rücksicht auf seine Eltern, deren Trauer es wahrnimmt. Es will sie nicht noch zusätzlich belasten!

Philipp war sechs Monate alt, als seine Schwester Anne erkrankte. Ein Jahr später starb Anne an einem Hirntumor. Ihre Mutter: "Philipp, der bisher ein sehr lebhaftes Kind war, ging auf einmal auf 'Mamaschonung'. Von heute auf morgen wurde er still, er wurde brav, er beobachtete mich ständig und war in allem sehr rücksichtsvoll. Im Gegensatz zu diesem angepassten Verhalten rebellierte aber sein ganzer Körper und reagierte mit allen möglichen Krankheiten. Ein gutes Jahr lang ging das so. Durchfall, Keuchhusten, Bronchitis...Dann, erst nach dieser Zeit, setzten auf einmal die Fragen ein. Tausend Fragen. Sie alle wollten wissen: 'Warum ist Anne nicht mehr da?'"
 

Frau G.'s Sohn Maximilian war zu früh geboren worden. Er lag ein halbes Jahr auf der Intensivstation, ehe er starb. Seine Schwester Natalie behielt ihre Trauer eine ganze Zeit lang für sich, machte alles mit sich allein aus und wartete, bis die Mutter stark genug für sie war: "Am Anfang war Natalie sehr verstört und hat gewusst, da ist was ganz Schlimmes passiert. Aber sie hat das überhaupt nicht angesprochen. Sie hat auch nicht geweint, nichts. Das ging so vier, fünf Monate...Ich hatte das Gefühl, sie hat sich den Zeitpunkt ausgesucht, an dem ich wieder gefestigt genug war, um ihr eine tröstende Schulter bieten zu können. Jetzt hat sie gemerkt: ich kann meiner Mutter meine Trauer zumuten..."

Zu klein?

Ein "Zu klein" sieht auf das Kind herunter und wertet es ab und schließt es aus. Es versperrt Zugänge, anstatt sie zu öffnen. Das erste, das Wichtigste, aber ist: Kinder, so klein sie auch sein mögen, wollen gesehen werden, wollen wahrgenommen werden, ernst genommen werden und brauchen viel, viel Zuwendung. In einer ganz besonderen Weise sind sie auf Nähe, auf Liebe, auf Fürsorge und Verstehen angewiesen.
 

Bei uns selbst bleiben

Zu klein! Das klingt wie ein Urteilsspruch. Worin ist er begründet? In der Regel hat er wohl etwas mit unserer Unsicherheit zu tun, mit der Unsicherheit der Erwachsenen. Wir übertragen unser Gefühl auf die Kinder und machen es bei ihnen fest. Es ist ihr Problem! Kleine Kinder, so beschließen wir dann, sind ganz einfach überfordert! Ein großer Schritt ist schon getan, wenn wir diese Übertragung zurücknehmen können: "Ich, ich, fühle mich unsicher, fühle mich ratlos und hilflos. Ich weiß nicht so recht, wie ich auf mein Kind eingehen, wie ich ihm helfen, ihm antworten, wie ich ihm nahe sein kann!" So bleiben wir bei uns und können unterscheiden: Hier bin ich mit meiner Unsicherheit, und dort bist du, und dir gestehe ich zu: "Du, du, bist groß genug!"

Bei uns selbst bleiben. Das gilt auch noch in einem anderen Sinn. Die Versuchung liegt ja nahe, jetzt gleich über Kinder zu reden. So als gäbe es da ein paar Informationen und dazu einige Tipps und Ratschläge, die man nur anwenden müsste. Dies würde aber zu einem sehr oberflächlichen Umgang mit unseren Kindern führen. Wenn wir Kindern in ihrer Trauer begegnen wollen, wirklich begegnen wollen, dann müssen wir zunächst einmal uns selbst begegnet sein. Müssen uns ein bisschen besser kennen in dem, was uns traurig macht und kennen in dem, was uns glücklich macht. In unseren Hoffnungen und in unserer Angst, in unseren Wünschen und in unserer Verzweiflung, in unserer Art, Leben zu begegnen und Sterben zu begegnen. Und auch in unserer Art, beides zu vermeiden. Dem Leben auszuweichen und dem Sterben.

Wenn wir für beides ein Gefühl haben, für unser Leben und unser Sterben, wenn wir darin ein bisschen freier, offener, sicherer werden, wenn wir uns ein bisschen besser annehmen lernen, so wie wir sind, dann werden wir auch unseren Kinder freier und offener und sicherer begegnen. Werden aufmerksamer hören und wahrnehmen, wie sie Tod und Sterben erleben, und was Trauer für sie bedeutet. Wir werden ihnen dann auf eine gute Weise nahe sein können. Auf eine Weise, die ihnen hilft, und die auch für uns befriedigend ist.
 

Auf das kleine Sterben achten

Dazu ein Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch dieses Buch ziehen wird. Wenn wir vom Sterben reden, dann meinen wir in der Regel das große, dramatische Ereignis am Ende unseres Lebens. Dies hat sein gutes Recht. Daneben aber gilt es, auch das Sterben zu sehen, das unser Leben begleitet, die Sterbelinie, die von Anfang an mit uns geht. Vom Augenblick unserer Geburt an. Dies gilt in einem biologischen Sinn. Zellen sterben, werden erneuert, sterben wieder und werden erneuert. Ohne dieses Sterben gäbe es keine Erneuerung und kein Leben! Und dies gilt auch in übertragenem Sinn. Lebensphasen kommen und gehen, und es kommen neue, und auch diese sterben und machen anderen Platz. Also die frühe Kindheit, das Schulalter, die Jugendzeit, die frühe Erwachsenenzeit usw. In diesem Kommen und Gehen liegt ein Stück Sterben. Und auch ohne dieses Sterben gäbe es kein Leben!

Wir alle kennen Menschen, die gegen diese Erfahrung anzuleben versuchen. Eine Vierzigjährige vielleicht, die sich immer noch benimmt wie ein Teenager. Ein Fünfzigjähriger, der immer noch so auftritt wie mit zwanzig. Und man merkt: Hier ist keine gute Lebendigkeit mehr. Es wirkt alles ein bisschen abgeschmackt und verbraucht und lächerlich und überlebt. Und man ahnt, was da passiert ist: Eine Lebensphase wurde nicht abgeschlossen, wurde nicht losgelassen, durfte nicht sterben. So konnte sich auch keine neue Lebensphase entfalten und entwickeln.

Wer auf dieses "kleine Sterben" in seinem Leben achtet, der wird genügend Erfahrung sammeln können, genügend Übung haben, genügend Vertrauen ausbilden für die Zeit am Ende, wenn es einmal an das große Loslassen geht. Wer bewusst mit den "kleinen Toden" in seinem Leben umgeht, für den mag der große Tod am Ende nicht mehr der völlig überwältigende Feind sein, der nur noch Panik und Entsetzen auslöst.

Das kleine Sterben gestalten, von Kindheit an gestalten, darum geht es. Sich im Loslassen üben, nicht im Halten und Klammern, wie dies so oft geschieht. Loslassen. Lebensphasen loslassen, Menschen loslassen, Beziehungen loslassen, Güter loslassen, Werte loslassen, Erlebnisse loslassen. Dabei das Abnehmen spüren, das Vergehen, das Auf-Wiedersehen-Sagen, die Traurigkeit, den Schmerz. Aber auch das andere erahnen und willkommen heißen, das hinter all diesem Loslassen steht. Den neuen Anfang, die neuen Chancen, die neuen Begegnungen, das neue Wachsen, das neue Leben. Am Ende, ganz am Ende, wird diese Bewegung, die von Geburt an zu uns gehört, noch einmal wichtig. Sich dann endgültig loslassen und dennoch vertrauen, dass wir nicht ins Bodenlose fallen, sondern immer noch geliebt und gehalten werden. 


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2. Leben und Sterben im Wandel

Die Einstellung zu Tod und Sterben wandelt sich. In diesem Kapitel zeigen wir Ihnen zwei Beispiele dafür. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Epochen. Vielleicht finden Sie sich dabei an der einen oder anderen Stelle wieder. Danach machen wir auf ein paar Entwicklungen aufmerksam, die uns heute wichtig erscheinen. Manches davon stimmt eher nachdenklich, manches klingt freilich auch sehr ermutigend.


Zwei Lieder im Vergleich

Wir stellen Ihnen zwei Lieder vor. Bitte lassen Sie beide Texte auf sich wirken und prüfen Sie dabei, wie es Ihnen damit geht. Was haben diese Lieder gemeinsam, und worin unterscheiden sie sich? Wo fühlen Sie sich selbst angesprochen und wo nicht? Was klingt für Sie vertraut, und was ist Ihnen fremd?

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende..."

 

1. Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!
Hin geht die Zeit, her kommt der Tod.
Ach, wie geschwinde und behende
Kann kommen meine Todesnot!
Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut:
Mach's nur mit meinem Ende gut!

2. Es kann vor Nacht leicht anders werden,
Als es am frühen Morgen war;
Denn weil ich leb' auf dieser Erden,
Leb' ich in steter Todsgefahr.
Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut:
Mach's nur mit meinem Ende gut!

3. Herr, lehr mich stets mein End' bedenken
Und, wenn ich einstens sterben muss,
Die Seel' in Jesu Wunden senken
Und ja nicht sparen meine Buß'!
Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut:
Mach's nur mit meinem Ende gut!

4. Lass mich beizeit mein Haus bestellen,
Dass ich bereit sei für und für
Und sage frisch in allen Fällen:
Herr, wie du willst, so schick's mit mir!
Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut:
Mach's nur mit meinem Ende gut!


 

Wie ein Baum den man fällt

 

Wenn's wirklich gar nicht anders geht,
wenn mein Schrein schon beim Schreiner steht,
wenn der so hastig daran sägt als käm's auf jede Stunde an,
wenn jeder Vorwand jede List,
ihm zu entgehen, vergebens ist,
wenn ich, wie ich's auch dreh und bieg, den eignen Tod nicht schwänzen kann,
sich meine Blätter herbstlich färben,
wenn's also wirklich angehen muss,
hätt ich noch einen Wunsch zum Schluss:
Ich möcht' im Stehen sterben.
Wie ein Baum den man fällt,
eine Ähre im Feld,
möcht, ich im Stehen sterben.

2.Wenn ich dies Haus verlassen soll, fürcht' ich, geht das nicht würdevoll, ich habe viel zu gern gelebt, um demutsvoll bereitzusteh'n. Die Gnade, die ich mir erbitt', ich würd' gern jenen letzten Schritt, wenn ich ihn nun mal gehen muss, auf meinen eignen Füßen geh'n, eh' Gut und Böse um mich werben, eh' noch der große Streit ausbricht, ob Fegefeuer oder nicht, rnöcht' ich im Stehen sterben.

Wie ein Baum ...

3.Ohne zu ahnen, welche Frist mir heute noch gegeben ist, ohne das Flüstern wohlvertrauter Stimmen vor der Zimmertür, ohne zu ahnen, was man raunt, zum Schluss nur unendlich erstaunt, wenn ich Freund Hein wie einen eisgen Luftzug um mich wehen spür. Zum letzten Abgang, jenem herben, der mir so unsagbar schwerfällt, hätt' ich den leichtesten gewählt: Ich möcht' im Stehen sterben.

Wie ein Baum ...

(Reinhard Mey)

Das erste Lied kommt aus dem Jahr 1686, das zweite ist fast 300 Jahre älter und kommt aus den späten 70-er Jahren unseres Jahrhunderts. Das erste wurde von einer Frau verfasst, von Ämilie Juliane Reichsgräfin von Schwarzburg-Rudolstadt, das zweite von dem Berliner Chansonsänger Reinhard Mey. Das erste Lied mündet immer wieder sehr deutlich in die Gebetsform ("Mein Gott, ich bitt..."). Aber auch im zweiten Lied klingt diese Form an, wenn auch sehr verhalten ("... hätt´ ich noch einen Wunsch zum Schluss" oder "Die Gnade, die ich mir erbitt´..."). Das erste hat allerdings einen Adressaten, an den es sich wendet ("Gott" oder "Herr"), beim zweiten bleibt diese Stelle frei.

Reizvoll ist vor allem der Kontrast in der Aussage, und hier fällt auf, wie sehr sich das Empfinden gewandelt hat. Beim ersten Lied sind Sterben und Tod ringsum gegenwärtig. Es ist ein Leben in ständiger Todesgefahr. Die größte Angst der Beterin besteht darin, unvorbereitet, plötzlich zu sterben. Ihr größtes Anliegen ist, das Haus zu bestellen, bereit zu sein. Ihre inständigste Bitte: "Lehr mich stets mein End´ bedenken..."

In Reinhard Meys Chanson drückt sich ein ganzes anderes Lebensgefühl aus. Das Sterben ist völlig an den Rand gerückt. Es kommt ins Bewusstsein, "wenn´s wirklich gar nicht anders geht..." und "wenn´s also wirklich angeh´n muss..." Seine größte Angst ist, etwas von der Frist zu ahnen, die dem Leben noch gegeben ist. Und sein größter Wunsch besteht darin, umgehauen zu werden wie ein Baum, geknickt zu werden wie eine Ähre, mitten aus dem vollen Leben herausgerissen zu werden.
 

Sterben damals und heute

Nun sind beide Texte aus einem Kontext heraus entstanden. Für das erste Lied waren Tod und Sterben tatsächlich täglich nahe und erfahrbar. Ein Auszug aus einer Familienchronik mag das veranschaulichen:

"Als Frau Arnaud fünfzehn Jahre alt war, wurde ihr erstes Kind geboren, das fünf Tage lebte. Danach bekam sie jedes Jahr ein Kind: Robert, Catherine, Jacqueline, Anne, Jeanne, ein totgeborenes Töchterchen, Antoine, der drei Jahre alt wurde, Simon, der nicht lange lebte, Henry, ein Söhnchen, das jugendlich starb, Marie, Madelaine, die nach einigen Jahren starb, und Simon. 1603 hatte Frau Arnaud während einer Zeit von fünfzehn Jahren vierzehn Kinder geboren, acht blieben leben. Sie war damals 30 Jahre alt. Danach kamen die Kinder in längeren Zwischenpausen. Zunächst Zwillinge, die im Kindesalter starben, dann noch drei Kinder, von denen eines leben blieb. Das letzte Kind brachte ihren eigenen Tod. Da war sie neununddreißig Jahre alt. In vierundzwanzig Jahren hatte sie neunzehn Kinder geboren, von denen zehn als Kinder starben." (Eckart Wiesenhütter, S. 84f.)

Vielleicht ist das ein sehr extremes Beispiel. Dennoch, die Beobachtung ist nicht nur bei dieser Familie zutreffend: "Man sieht, die Pforte des Todes wurde für jedes Kind von seinem Brüderchen oder Schwesterchen offengehalten - und von seiner Mutter. Erreichte das Kind die Erwachsenheit, heiratete es, dann waren es die eigenen Kinder, die dafür sorgten, dass die Türe nicht zuschlug. Der Tod war ringsum anwesend und sichtbar." (ibid, S. 85)

Wie sehr sich die Dinge gewandelt haben! Vor hundert Jahren betrug die durchschnittliche Lebenserwartung etwa fünfunddreißig Jahre. Heute liegt sie bei über siebzig Jahren. Damals starben die meisten Menschen zu Hause, im Kreise der Familie. Die Angehörigen erlebten das Sterben mit. Sie mussten es miterleben. Wochenlang, monatelang. Heute sterben die meisten Menschen im Krankenhaus oder im Altersheim bzw. auf der Pflegestation. Tote waren damals für alle ein alltäglicher Anblick, und damit war für die Lebenden auch die Auseinandersetzung mit dem Tod eine tägliche Herausforderung. Die folgende Tabelle, die aus dem Jahre 1796 kommt, lässt etwas davon erahnen.


"Danach starben damals von 100 Menschen, die geboren wurden

50 vor dem 10. Lebensjahr,
20 zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr,
10 zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr,
6 zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr,
5 zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr,
3 zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr,
6 nach dem 60. Lebensjahr!"

(Aus: Josef Mayer-Scheu und Rudolf Kautzky, S. 120)


Heute sind die meisten Menschen in der Lebensmitte oder bereits in der zweiten Lebenshälfte, ehe sie einen Leichnam zu Gesicht bekommen. Gestorben wird hinter Neonlicht und weißen Klinikwänden. Oft genug anonym und steril und isoliert. Die Begegnungsmöglichkeiten mit dem Tod sind weit, weit weg. Wer will, kann diesen Möglichkeiten leicht ein Leben lang ausweichen. Die Frage ist: Tut es uns gut, wenn wir einer Erfahrung ausweichen, die ganz wesentlich zum Leben gehört? Welchen Preis zahlen wir dafür, wenn wir Tod und Sterben ganz an den Rand des Lebens rücken? Welchen Preis zahlen wir für den Wunsch nach dem schnellen Tod, dem "Instant Death", dem Sterben im Stehen? Manchmal ahnt man etwas von dem Preis. Wie eigentümlich stumm und verlegen können Menschen werden, wenn sie Tod und Sterben denn doch begegnen.

Doch wieder beginnt es sich zu wandeln. Eine Gegenbewegung formiert sich. Eine Bewegung, die Mut macht, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Rechtzeitig auseinanderzusetzen. Es war eine junge Ärztin in Chicago, Elisabeth Kübler-Ross, die sich ihre Unsicherheit und Ratlosigkeit im Umgang mit Sterbenden eingestand. Ich weiß nicht, wie ich mit Sterbenden reden soll, was ich sagen soll, wie ich mich verhalten soll, wie ich mich geben soll! "Wer kann mir helfen?", fragte sie und fand zu einer Antwort, die verblüffend einfach und revolutionär zugleich war: "Nur die Sterbenden selbst können mir helfen! Nur sie können mir sagen, was Sterben heißt und was sie in dieser Zeit brauchen!" So entstanden Ende der 60-er Jahre die "Interviews mit Sterbenden". Das Buch begründete eine neue Wissenschaftsrichtung, die Thanatologie, die Sterbeforschung. Sterbende besser zu verstehen, darum geht es. Ihre Sprache, ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse, ihr Verhalten besser zu verstehen. Nicht nur, weil wir dann sachgemäßer und liebevoller darauf eingehen können, sondern auch deswegen, weil wir darin auch etwas für uns selbst lernen. Für unser eigenes Leben und Sterben.

Da ist die Hospizbewegung. Im Jahre 1967 wurde in einem ruhigen Londoner Vorort ein Haus eröffnet, das sterbenden Menschen und ihren Angehörigen wieder einen Platz in der Gesellschaft einräumen wollte. Die Ärztin Cicely Saunders hatte dieses St. Christopher's Hospiz gegründet. Mit der Namensgebung griff sie auf eine alte Tradition zurück. Ein Hospiz. Ursprünglich, im frühen Mittelalter, war das eine Unterkunft für Reisende oder für Pilger. Es gehörte zu einem Kloster und lag oft in entlegenen Gebieten. Hier konnten die Wanderer ein paar Tage bleiben. Sie fanden Unterkunft und Erfrischung, Fürsorge und Beistand. Heute ist es ein Haus für die letzte Phase unserer Wanderschaft durch das Leben. Ein Ort der Pflege und Zuwendung. Ein menschliches Sterben, ein Sterben in Würde soll hier möglich sein. Nicht nur von Apparaten umgeben und chemisch gesteuert. Ein begleitetes Sterben im Familienkreis. So lange es irgendwie geht, sagt die Hospizbewegung, sollen Sterbende zu Hause, im Familienkreis leben. Erst, wenn dies nicht mehr möglich ist, sollten sie in einem Krankenhaus weiterbetreut werden.

Patientinnen und Patienten, die in einem Hospiz aufgenommen werden, erhalten ein Versprechen: "Sie werden keine Schmerzen leiden, und Sie werden nicht einsam sein!" Das Hospiz ist ein Ort aufmerksamer Pflege, ein Ort verlässlicher Zuwendung, ein Ort der Begegnung. Dabei ist es ein Geben und Nehmen. "Körper und Seele, Geschehen und Geschehenlassen, Geben und Empfangen, alles muss zusammengesehen werden..." sagt Cicely Saunders und fährt fort: "Die Sterbenden brauchen die Unterstützung und Geborgenheit der Gemeinschaft... die Gemeinschaft braucht die Sterbenden als Anstoß, um über grundlegende Fragen nachzudenken und das Zuhören zu lernen." (Zitiert bei Sandol Stoddard, S. 17f.)
 

"... klug werden"

Es ist, als ob wir etwas von der mittelalterlichen Ars moriendi wiederentdecken, der Kunst zu sterben. Einer Kunst, die nicht erst auf dem Sterbebett gelernt werden will. Dann ist es oft viel schwerer, und manchmal ist es wohl zu spät. Die Sterbekunst will ein Leben lang eingeübt werden. Ein altes Psalmwort ist darin aufgenommen: "Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen...." Warum sollen wir das lernen? Damit wir Angst bekommen, so richtig Angst bekommen? Nein, das ist nicht der Sinn des Bedenkens! Um Weisheit geht es, um Klugheit. "Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden." (90, 13)

Klug werden. Was könnte das bedeuten? Es könnte bedeuten, dass wir bewusster leben, intensiver leben, nicht mehr so oberflächlich und in den Tag hinein wie bisher. Es könnte bedeuten, dass wir unterscheiden lernen, was wichtig ist und was nicht. Wofür wir Zeit, Kraft und Energie aufwenden wollen und wofür nicht. Es könnte bedeuten, dass wir mehr Verbundensein spüren und weniger Isolierung, mehr Zusammengehörigkeit und weniger Getrenntsein. Es könnte bedeuten, dass wir unsere Möglichkeiten und unsere Grenzen besser wahrnehmen, und in beiden Bereichen freundlicher, barmherziger mit uns selbst und anderen umgehen.

"Welche Weisheit soll das Denken an den Tod vermitteln?", fragt Peter Noll, Professor für Strafrecht in Zürich. Im Jahre 1981 war der Gelehrte an Blasenkrebs erkrankt. In den folgenden Monaten entstanden seine "Diktate über Sterben und Tod". Aufzeichnungen für die Lebenden sollten es sein, Gedanken über Gott und die Welt. "Welche Weisheit soll das Denken an den Tod vermitteln?"

"1. Die Zeit wird wertvoller, viel wertvoller als Geld, um auf den dummen Vergleich anzuspielen (Zeit ist Geld). Zeit ist alles, Geld ist nichts... Du wirst gegenüber den zahllosen Möglichkeiten des Lebens selektiver sein und nicht einfach diejenigen akzeptieren, die konventionell z.B. zur steileren Karriere führen, oder, wenn du schon ziemlich weit oben bist, nicht Amt auf Amt häufen, nur um überall dabei zu sein. Dies ist die vertane, verlorene Zeit... 2. Sehen wir das Leben vom Tode her, werden wir freier, vieles wird leichter, manches intensiver... 3. Das Verhältnis zu den anderen wird anders. Daran kannst du so kurz vor dem Tode nicht viel ändern. Aber vorher. Mehr diejenigen lieben, die dich lieben, weniger dich denjenigen widmen, die dich nicht lieben. Geduldiger werden, wo du zu ungeduldig warst, ruhiger, wo du zu unruhig warst, offener und härter, wo du zu nachgiebig und anpassungswillig warst..." (S. 81ff.)

Die Berührungsangst verlieren. Sich mit dem Sterben auseinandersetzen. Von Kindheit an, wirklich von Kindheit an, auseinandersetzen und - klug werden.


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3. Der Kindergarten und das Krankenhaus

Eine Mutmachgeschichte
 

Am Anfang standen Gespräche. Ein Gespräch mit dem Ärztlichen Direktor. Ein Gespräch mit dem Verwaltungsdirektor. Ein Gespräch mit der Oberin. Ein Gespräch mit allen dreien zusammen. Ich war damals Krankenhauspfarrer in dem neuen Klinikum am Stadtrand. "Also, Sie wollen mit dem Kindergarten, den Ihre Tochter besucht, zu uns kommen, nicht wahr? Sie wollen uns mit den Kindern einen Besuch abstatten!?" Ich nickte. Darauf Schweigen, Stirnrunzeln, Kopfwiegen. "Hm, eine interessante Idee..."
 

Die Idee

So hat es begonnen. Damals wohnten wir in einem alten Münchner Viertel. Mit schönen Bürgerhäusern. Mit Villen in ruhigen Vorgärten und mit einem großen Neubaugebiet. Ansonsten kleine Geschäfte, ein paar Restaurants und hier und da sogar noch ein Bauernhof. Aber alles wurde überragt von dem neuen Krankenhaus. Vierzehn Stockwerke in die Höhe, drei in die Tiefe. Ein 200 Meter langer Betonkasten. Ein Tempel der modernen Medizin. Die Aluminiumverkleidung schaffte es kaum, dem Gebäude etwas von seiner Wucht zu nehmen. Es überragte einfach alles. Einen Vorteil jedenfalls hatte das. Man konnte sich in diesem Stadtteil und auch in den Nachbarbezirken nicht mehr verirren. Man musste nur ein oder zwei Ecken weitergehen, und - darauf konnte man wetten - irgendwo tauchte der Kasten auf.

Der Kindergarten und das Krankenhaus. Für meine Familie und mich waren das damals, neben unserer Wohnung, die beiden wichtigsten Orte der Welt. Das Klinikum war nach langen Jahren der Ausbildung meine erste Arbeitsstelle, und den Kindergarten besuchte unsere Tochter Tatjana. Abends, am Familientisch, kamen diese beiden Welten manchmal zusammen. Wenn ich zu erzählen begann. Von Babies, die geboren wurden, von jungen Männern, die verunglückt waren oder von Patientinnen, die gestorben sind. Auffallend, wie intensiv unsere Kinder daran Anteil nahmen, wie aufmerksam und mitfühlend sie immer zuhörten. Trauer und Niedergeschlagenheit, Glück und Befreiung, alles ließen sie in ihre kleine Seele hinein. Abends, nach der Gute-Nacht-Geschichte, haben wir manchmal für einen Patienten oder eine Patientin gebetet. Sie machten mit, mit jeder Faser ihrer Seele, voller Andacht und Herzlichkeit.

Zurück zu den Gesprächen auf der Direktionsetage des Klinikums. "Ja", antwortete ich noch einmal, und dann erzählte ich von unseren Gesprächen beim Abendbrot. "Sie müssten einmal erleben, wie unsere Kinder dabei sind, wie sie nachfragen, endlos nachfragen, wie sie mitweinen und sich mitfreuen können, es ist einfach wunderschön... Ich habe mit den Kindergärtnerinnen gesprochen, und sie waren von der Idee begeistert. Ja, die älteren Kinder, fünf Jahre und darüber, sollten einmal das Klinikum besuchen!"

Wiederum Schweigen, Stirnrunzeln, Kopfwiegen. Und dann die Bedenken. Viele Bedenken. "Wollen denn die Patientinnen und Patienten so etwas?", fragte der Ärztliche Direktor. "Wer haftet eigentlich dafür, wenn irgendetwas passiert?", fragte der Verwaltungsdirektor. "Wird das nicht eine unverhältnismäßig große Belastung für unser Pflegepersonal?", fragte die Oberin. Und hundert Bedenken mehr. Damals kamen sie mir weit hergeholt vor. Heute, im Rückblick, bin ich froh, dass dieser Besuch so gründlich vorbedacht wurde. Nicht nur von den Äußerlichkeiten her.

Auch das andere kam zur Sprache. Der Wunsch, einmal beide Welten zusammenzubringen. Den Kindergarten und das Klinikum. Sie seien ja nicht einmal einen Kilometer voneinander entfernt. Ob sie in Wirklichkeit nicht viel näher zusammengehörten?! Meine Hoffnung kam zur Sprache. Die Hoffnung, es würde beiden gut tun, den kleinen Menschen am Anfang ihres Lebens und den großen, von den manche sich dem Ende ihres Lebens näherten. Meine Überzeugung, dass wir zusammengehören, in gesunden und in kranken Tagen zusammengehören, Kinder und Erwachsene, Menschen, die das Leben noch vor sich und Menschen, die es schon hinter sich haben. Dass es beide Male um das gleiche geht. Um Geborgenheit, um Behütetsein, um Vertrauen, um Gehaltenwerden. Wenn wir in das Leben hineingehen und wenn wir aus dem Leben hinausgehen.

Ein letztes Schweigen, ein letztes Stirnrunzeln, ein letztes Kopfwiegen, und dann bekam ich grünes Licht. In ein paar Wochen, am Martinstag, dürften wir kommen. Am späten Nachmittag, nach dem Abendbrot, das sei eine gute Zeit. Die Betriebsamkeit des Tages mit all den Tests, Untersuchungen, Visiten, sei dann vorbei, die Station käme zur Ruhe, aber bis zur Schlafenszeit sei es noch eine Weile hin. Ganz zum Schluss, wir hatten uns schon erhoben, die letzte Frage: "Was, wenn irgendetwas Dramatisches passiert?? Ein Notfall, ein Herzstillstand oder so??" Für einen Moment schien alles wieder in Frage zu stehen. "Ach was", meinte der Ärztliche Direktor, "es wird schon nichts passieren, und wenn, dann müssen Sie eben damit fertig werden..."
 

Die Vorbereitung

Am nächsten Tag setzte ich mich mit dem Kindergartenteam zusammen. Wir begannen zu planen. Auf jeden Fall sollten die Eltern verständigt werden. Besonders skeptischen oder ängstlichen Eltern wollten wir anbieten, dass ein Familienmitglied mitkommen könnte. Die Idee, doch alle Eltern miteinzuladen, verwarfen wir wieder. Die Gruppe sollte nicht zu groß werden.

Ein paar Tage vor dem Besuch würde ich in den Kindergarten kommen und erzählen. Vom Krankenhaus erzählen, von meiner Arbeit als Klinikpfarrer, von den anderen Menschen, die dort lebten und arbeiteten. Vielleicht könnte ich auch ein paar Photos mitbringen. Die Kinder würden das Thema an den folgenden Tagen weiter vertiefen. Zum Schluss der Vorbereitungszeit würden die Kinder Laternen basteln und Lieder lernen. Sie könnten den Menschen auf Station damit eine Freude machen. Genauso wichtig wie die Vorbereitung - darüber waren wir uns schnell einig - sollte die Nachbereitung sein. Mit einem weiteren Besuch meinerseits, mit Gesprächsrunden, mit Rollenspielen, mit Malen usw.

Ich wählte eine neurochirurgische Privatstation für unseren Besuch aus. Dort lagen Patientinnen und Patienten mit Bandscheibenschäden, mit Gehirntumoren, mit Kopfverletzungen, mit allen möglichen Ausfallerscheinungen. Viele von ihnen befanden sich mitten in aufwendigen und langwierigen Untersuchungen. Viele waren vor kurzem operiert worden oder warteten auf ihren Eingriff. Meine Wahl war auf diese Station gefallen, einmal, weil sie nahe am Eingang lag, so dass wir nicht lange durch das Haus gehen mussten. Zum anderen, weil ich sowohl den Stationsarzt, als auch die Stationsschwester gut kannte, und weil wir bei mehreren Gelegenheiten eng zusammengearbeitet hatten.

Wir besprachen den Ablauf des Besuches. Zu Beginn würden sich die Kinder auf dem Gang unter der großen Stationsuhr aufstellen, würden ihre Laternen entzünden und ein paar Lieder singen. Zunächst vielleicht "Ich geh´ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne, und unten leuchten wir..." und dann ein oder zwei Abendlieder. Die Türen zu den Krankenzimmern sollten dabei geöffnet sein, so dass die Patientinnen und Patienten auf den Gang herauskommen konnten. Dann würden die Kinder in die Zimmer derer gehen, die liegen mussten und würden ihnen eine Laterne schenken. Am Tag vorher ging ich noch einmal durch alle Zimmer der Station und bat die Patientinnen und Patienten um ihr Einverständnis. Sie reagierten durchweg mit Erstaunen und mit Freude.
 

Der Besuch
 

Der Tag des Besuches kam. Der Martinstag, der Abend des 11. November. Ich holte die Kinder an der Eingangspforte ab, begleitete sie zur Garderobe, und von dort gingen wir zur Station. Es wurde ein bewegendes Erlebnis. Patientinnen und Patienten und die Angehörigen, die noch da waren, standen dichtgedrängt in den Türen. Manche hörten einfach zu, manche summten die Lieder mit. Viele hatten Tränen in den Augen. Alle, alle ohne Ausnahme freuten sich und bedankten sich mit überschwänglichen Worten. Am anrührensten war es sicherlich in den Krankenzimmern. Je zwei Kinder gingen zu den bettlägerigen Patienten und Patientinnen und brachten ihnen eine Laterne. Manchmal kam es zu kurzen Gesprächen. Manchmal war da nur ein Heben der Hände oder ein Winken oder ein geflüstertes Dankeschön. Noch lange nach diesem Tag erzählten mir die Kranken, dass sie in dieser Nacht ihre Ängste und ihre Schmerzen vergaßen, oder dass sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder durchschlafen konnten. Pfleger berichteten, dass sie an dem Abend unseres Besuches weniger Beruhigungstabletten ausgaben als sonst. Die Nachtschwester wurde seltener gerufen. Eine Frau, deren Mann am nächsten Tag starb, rief mich an und sagte, dass er, der sich in den Tagen vorher ruhelos herumgewälzt hatte, friedlich und versöhnt einschlafen konnte.

Zum Schluss, wir waren schon beim Aufräumen und Verabschieden, geschah das Dramatische, von dem in der Chefetage die Rede war. Nein, kein Notfall, kein Herzalarm! Etwas anderes passierte. Völlig unerwartet. Aus einem der Zimmer kam ein langgezogener, markerschütternder Schrei. Die Kinder sahen uns erschreckt an. Wir Erwachsene erstarrten. Das darf doch nicht wahr sein! Wann, wann schreit jemand schon in einem Krankenhaus?! Einmal in vielen Jahren vielleicht. Und ausgerechnet jetzt!! So ein beglückender Besuch und dann dieser Ausgang! Sicher würden die Kinder einen Schock davontragen! Sicher würden sich die Eltern beschweren! Sicher würden die Skeptiker triumphieren! Sie hätten mich nicht umsonst gewarnt! Sicher würde das der erste und der letzte Besuch sein!!
 
 

"... dann schreie ich auch"

Mit sehr gemischten Gefühlen ging ich am nächsten Tag in den Kindergarten. Die Kinder hatten um diese Zeit, so war es verabredet, schon über den Besuch gesprochen. Hatten Fragen gesammelt, hatten Bilder gemalt. Ich sollte einfach dazukommen und mitmachen. Schon auf den ersten Blick nahm ich die lebhafte und doch konzentrierte Atmosphäre wahr. Nanu? Kein Schock? Kein Trauma? Keine Beschwerden?

Nichts von alledem. Ich sah bunte, lebensvolle Bilder. Bilder mit Stationsuhren, mit Rollstühlen, mit Laternen. Ich sah verbundene Köpfe, sah Krankenbetten, Infusionsflaschen, Nachtschüsseln. Alles war zu Papier gebracht. Die Kindergärtnerinnen erzählten von einem ganz dichten Hin und Her. Gespräche um Kranksein und Gesundsein, um Schmerzen haben und Wehtun, um Eine-Spritze-bekommen und Nicht-aufstehen-dürfen, um Fiebermessen und Einen-Verband-anlegen.

Und der Schrei? Was war mit dem Schrei?

Natürlich sei es auch um den Schrei gegangen, ganz am Anfang, hörte ich, aber dann hätte das schon bald keine Rolle mehr gespielt. Ich konnte es kaum glauben und wollte es selbst noch einmal wissen: "Wie war denn das, als da auf einmal jemand geschrieen hat? Ihr erinnert euch doch! Wie war das?" Es kamen ein paar Antworten, und dann stellte ein kleines Mädchen lapidar fest: "Wenn es mir weh tut, dann schreie ich auch!" "Ich auch", kam es von allen Seiten, "ich auch!"

Unglaublich!

Wie erleichtert ich war! Unendlich erleichtert. Ein Stein war von meiner Seele gefallen. Und gleichzeitig war ich beschämt, zutiefst beschämt. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Ich hatte meine Gefühle und die Gefühle der Kinder vermischt. Mich hatte dieser Schrei in Katastrophenängste gestürzt. Es war ein ganzen Chor anklagender Stimmen, der da anhob. In mir anhob: "Jetzt ist alles vorbei!" und "Du hast dich in etwas verrannt" und "Du wolltest nicht hören, wie stehst du jetzt da?!"

Diese Gefühle, meine Gefühle, habe ich an die Kinder weitergegeben. Die Stimmen, die zu mir gehörten, habe ich auf sie übertragen: "Sicher steht Ihr unter Schock!" und "Das muss ja traumatisch für euch gewesen sein!" und "Manche von euch werden einen bleibenden Schaden davontragen!" und "Ich möchte nicht wissen, was ich von euren Eltern zu hören bekomme!"

"Wenn es mir weh tut, dann schreie ich auch!"

Unglaublich! Das hätte ich doch wissen können! Unsere eigenen Kinder lebten es mir doch täglich vor! Für sie war Schreien nichts Ungewöhnliches, nichts Außergewöhnliches. Es gehörte zu ihrer Welt und hatte seinen Platz im Alltag genauso wie Lachen, Weinen, Essen, Spielen, Nasebohren oder Schmusen. Den Kindern ihre Gefühle lassen, sie sein lassen, zulassen, kommen lassen und wertschätzen. Wie leicht das sein könnte, und wie schwer es ist! Keine Bevormundung, kein Überstülpen der eigenen Probleme, keine falsche Fürsorge. Für Kinder gehört vieles noch zusammen, was bei uns großen Leuten auseinander fällt. Es ist, was es ist, und das, was ist, wird nicht weggemacht und wegzensiert.

Nachwirkungen

Manche Kinder schenkten mir an jenem Tag die Bilder, die sie gemalt hatten. Ich nahm sie mit auf die neurochirurgische Station und schenkte sie weiter. Sie hingen dort noch viele Wochen. Sie lagen auf dem Nachttisch oder wurden an der Wand gegenüber dem Bett befestigt oder klebten an der Schranktür. Erinnerungen an einen denkwürdigen Tag. Einen Tag, an dem sich Jungsein und Altsein, Kranksein und Gesundsein, Leben und Sterben begegneten.

Der Kindergarten und das Krankenhaus. Eine Mutmachgeschichte.


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4. Trauer verstehen

Wie können wir trauernden Eltern und Geschwistern nahe sein? Wie können wir ihnen beistehen, wie können wir sie trösten und begleiten? Eine Voraussetzung dafür ist, dass wir ihre Trauer verstehen. Dass sie uns einfühlbar erscheint, dass wir uns vorstellen können, was Trauernde erleben, und wie es ihnen dabei ergeht. Davon handelt dieses Kapitel. Von Trauerarbeit, Trauersituationen und Trauerphasen. Vom Trauerweg, der einen Anfang und ein Ende hat


Sebastian Ruoff

geboren und gestorben
am 30. September 1995
47 cm, 2339 g

Sebastian
hat seine Spuren
in uns hinterlassen

Sein kurzes Leben ist ein Geschenk,
welches für immer
in unseren Herzen weiterleben wird.

Es tut gut zu wissen,
dass es Menschen gibt

die den Schmerz teilen
die die Trauer mitfühlen
die versuchen zu verstehen
und die durch ihren Beistand
Kraft verleihen.

In Deutschland sterben Jahr für Jahr mehr als 16.000 Kinder und Jugendliche. Für die meisten von ihnen endet das Leben bereits, ehe es begonnen hat. Sie sterben vor der Geburt oder während der Geburt oder kurz nach der Geburt. An zweiter Stelle folgen Unfälle, vor allem Verkehrsunfälle. Erst an dritter Stelle taucht eine Todesart auf, die den Familien eine Vorbereitungszeit lässt. Es ist der Krebstod. An vierter Stelle steht dann schon wieder eine plötzliche Todesart, die Selbsttötung. Der Tod des eigenen Kindes trifft Eltern und Familien also sehr häufig unerwartet und unvorbereitet. Wie können wir ihnen nahe sein?

In den letzten Jahrzehnten haben wir sehr viel über Trauer gelernt. Unendlich viele Bücher sind zu diesem Thema erschienen. Wissenschaftler haben die Ergebnisse ihrer Untersuchungen vorgelegt. Psychotherapeutinnen und -therapeuten haben ihre Erfahrungen veröffentlicht. Vor allem aber haben sich Trauernde selbst zu Wort gemeldet. In Briefen, in Tagebüchern, in Berichten und Erzählungen. Menschen, die ganz einfach von sich erzählen. Davon, was sie erlebt und erlitten haben, was ihnen dabei gut getan hat und was nicht. So wissen wir heute viel mehr als frühere Generationen. Wir wissen, was Trauer heißt, wozu sie da ist, wie sie aussieht, wie sie sich entfaltet, und was sie zur Heilung braucht.
 

Trauerarbeit

Die meisten der modernen Trauerbücher beziehen sich immer noch auf einen kleinen Aufsatz, kaum 16 Seiten lang, den Sigmund Freud bereits im Jahre 1917 geschrieben hat: "Trauer und Melancholie".

"Trauer", so Freuds Grundgedanke, "ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw." (S. 197). Drei ganz wichtige Aspekte sind in diesem Zitat festgehalten:

Erstens: Trauer ist die Reaktion auf einen erlittenen Verlust. Trauer ist, so könnten wir noch kürzer zusammenfassen, eine Verlustreaktion.

Zweitens: Trauer als Verlustreaktion tritt regelmäßig ein, tritt immer dann ein, wenn Menschen etwas verloren haben, das ihnen kostbar und wichtig war.

Drittens: Der Tod stellt sicherlich die dramatischste Verlustsituation dar, aber er ist nicht die einzige. Auch um Ideale, um Werte und um viele andere Dinge können Menschen trauern.

Schauen wir uns diese drei Aspekte genauer an. In der Trauer, so hören wir zunächst, reagiert ein Mensch auf eine Verlusterfahrung, die er oder sie erlebt haben. Diese Reaktion ist regelmäßig. Damit meint Freud: Sie ist einfühlbar, sie ist verstehbar, sie ist natürlich und vollkommen normal. Trauer ist vor allem keine Krankheit! Das unterscheidet sie, wie der Titel des Aufsatzes sagt, von einer Melancholie oder, wie wir heute besser sagen würden, von einer Depression. Trauer ist eine durch und durch "gesunde" Reaktion! Sie ist notwendig im wahrsten Sinne des Wortes, sie ist not-wendig. Sie wendet eine Not, und zwar die Not des Verlustes. Ohne diese not-wendige Reaktion der Trauer könnte ein Verlust nicht heilen.

Trauer ist, so können wir genauer sagen, die Antwort der Seele auf einen erlittenen Verlust. Ohne diese Antwort würde die Seele beschädigt, verletzt, verwundet bleiben. Nur durch die Trauer kann sie wieder heil werden. Würde ihr die Trauer verweigert, oder würde sie sich selbst die Trauer verweigern, dann würde sie krank werden. (Zum Folgenden siehe Waldemar Pisarski, S. 15ff.)

Um dies zu veranschaulichen, benutzt Sigmund Freud in seinem Aufsatz noch einen anderen Begriff. Er spricht von Trauerarbeit und will damit sagen: Trauer ist nicht nur ein Gefühl, nicht nur eine Stimmung, nicht nur eine Anwandlung, die einfach kommt und geht. Trauer ist seelische Arbeit, und diese seelische Arbeit bedarf viel Zeit, viel Aufmerksamkeit, viel Geduld und viel Ermutigung. Die folgende Skizze mag dies veranschaulichen:


 

Zwei Menschen leben zusammen. Sie sind Ehepartner oder Kolleginnen oder Freunde oder Eltern und Kinder. Im Lauf der Zeit entsteht eine Fülle von Bindungen zwischen ihnen. Materielle Bindungen entstehen. Sie kaufen sich manches, schenken sich manches, erwerben manches, bekommen vieles von anderen. Ideelle Bindungen entstehen. Werte und Ideale, die sie vielleicht übernehmen oder aber selbst entdecken und erarbeiten. Werte und Ideale, die in ihrem Leben immer wieder eine Rolle spielen. Die immer wieder überprüft, bestätigt, ergänzt oder auch geändert werden. Religiöse Bindungen entstehen. Sie glauben miteinander, streiten darüber, zweifeln, beten, träumen miteinander, teilen Glück und teilen Sorgen. Sie haben vieles miteinander erlebt, sind durch Höhepunkte und durch Krisen gegangen, haben sich an vielem gefreut und haben manches durchlitten. Gemeinsam und manchmal jede und jeder für sich. Ein ganzes Netz ist zwischen ihnen gewachsen und entstanden. Tausend unsichtbare Fäden, die ihre Beziehung einzigartig und unverwechselbar machen.

Nun ist einer oder eine der beiden gegangen. Sei es, dass er gestorben ist, sei es, dass er umgezogen ist, sei es, dass sie sich hat scheiden lassen, dass sie die Beziehung aufgekündigt hat oder wie auch immer. Er oder sie ist nicht mehr da. Aber die Bindungen sind noch da. Nur: Jetzt haben sie kein Gegenüber mehr, kein Ziel, keine Adresse, kein Du. Mächtig und doch eigenartig verloren stehen sie im Raum. Es ist ein Verlieren, ein Alleingelassenwerden, ein Zurückbleiben, ein Übrigbleiben. Verständlich, warum Eric Lindemann, einer der großen amerikanischen Trauerforscher, die Trauersituation eine "psychologische Amputation" nennt.

Deutlich wird dabei auch, dass ein Mensch, der noch so gehalten ist, nicht neue Bindungen eingehen kann. Er ist erst wieder neu bindungsfähig, wenn die alten Bindungen zurückgenommen sind. Dieses Zurücknehmen ist nach Sigmund Freud die Aufgabe der Trauerarbeit. Die Bindungen, die kein Gegenüber mehr haben, werden zurückgenommen und formen nun Erinnerungen in der eigenen Seele. Erinnerungen, die manchmal noch traurig stimmen mögen, an denen sich der, der seine Trauer gut verarbeitet hat, aber auch freuen und für die er dankbar sein kann. Erst nach diesem Prozess kann sich der oder die Trauernde wieder voll dem Leben und damit auch neuen Bindungen zuwenden.


 

Trauersituationen

Noch einmal sei betont, dass der Tod nur eine Trauersituation darstellt, wenn auch die deutlichste und schmerzlichste. Wichtig ist, dass wir auch für all die anderen Trauersituationen offen und empfindsam bleiben. Viele von ihnen kennen wir unter einem ganz anderen Namen. Die Gefahr ist dabei, dass wir sie verniedlichen und verharmlosen. Wenn wir dies tun, dann würdigen wir nicht, wieviel auch bei ihnen die Trauerarbeit bedeutet und wie mühsam sie ist.

Liebeskummer ist solch eine Trauersituation. Wie viele Teenager müssen sich Beschwichtigungen wie "Das wird schon wieder" oder "Es gibt so viele andere Jungen auf der Welt" anhören! Heimweh stellt eine solche Trauersituation dar. Denken wir an einen Wohnungsumzug. Wie sehr macht dieser Wechsel vor allem Kindern zu schaffen, die ja oft die Gründe dafür nicht nachvollziehen können. Sie spüren nur, dass sie ihre vertraute Umgebung verlieren, die Spielkameraden in der Nachbarschaft oder das Schaufenster des Spielwarengeschäftes, an dem sie sich oft genug die Nase plattdrückten und vieles andere mehr.

Amputationen sind immer große Trauersituationen. Wie viele Menschen werden mit dem Hinweis auf die inzwischen ach so guten Prothesen vertröstet. Brustprothesen, Armprothesen, Beinprothesen. All diese Hinweise sind richtig und gehen dennoch am Erleben der Betroffenen vorbei, völlig vorbei, weil sie die Trauer nicht ernst nehmen.

Die verschiedenen Lebensphasen, Schulzeit, Jugend, Lebensmitte, die Wechseljahre, die Versetzung in den Ruhestand, stellen Trauersituationen dar. Immer verlieren wir etwas. Auch dann, wenn wir gleichzeitig etwas anderes gewinnen. Wir verlieren den Status, den wir bisher hatten, verlieren die Anerkennung, die uns bisher zuteil wurde, verlieren die Ordnung, die uns bisher Halt gab, verlieren die Gemeinschaft, der wir bisher angehörten, verlieren etwas von den Fähigkeiten, die uns bisher zur Verfügung standen und anderes mehr (Sie können sich dies jeweils mit ähnlichen Skizzen wie oben deutlich machen, wenn Sie an die Stelle der zweiten Figur ein Symbol für das setzen, was verloren ist).

Die Erfahrung zeigt nun, dass es leichtere und schwerere Trauersituationen gibt. Auch dies ist ja einfühlbar. Wenn ein Großvater nach langer Krankheit stirbt, dann wird dieser Tod von der Familie auch als ein Stück Erlösung empfunden. Die Angehörigen haben sich in der Zeit der Krankheit mit seinem Sterben auseinandergesetzt. Sie haben gehofft, gebangt, vielleicht auch gebetet und sich langsam an den Gedanken gewöhnt, dass Großvater einmal nicht mehr sein wird. Sie haben darüber gesprochen, haben es sich ausgemalt und vor Augen geführt, haben sich Gedanken über die Zeit danach gemacht und haben vielleicht dafür schon Vorkehrungen getroffen. In all den Wochen oder Monaten haben sie schon getrauert, und wenn der Tod dann eintritt, ist ein Großteil der Trauerarbeit getan.

Wie anders, wie total anders, ist die Situation, wenn etwa eine Familie beim Abendbrot sitzt. Wenn es dann an der Wohnungstür klingelt. Wenn zwei Polizisten vor der Tür stehen und um Einlas bitten. Sie hätten eine traurige Nachricht zu überbringen, ob sie denn hereinkommen dürften. Und wenn sie dann, nachdem ihnen ein Platz angeboten wurde, das Furchtbare aussprechen: "Wir müssen Ihnen sagen, dass Ihr Sohn vor einer Stunde tödlich verunglückt ist..." Hier gibt es keine Vorbereitung, keine Erwartung, kein langsames Sich-darauf-einlassen und Sich-daran-gewöhnen. Hier kommt der Tod wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wie schwer und wie leidvoll wird die Trauerarbeit in diesem Fall sein!

Trauer, so hatte Sigmund Freud gesagt, ist regelmäßig die Reaktion auf einen erlittenen Verlust. Wir wissen heute: Je unerwarteter, je unvorhergesehener, je plötzlicher, je gewaltsamer ein Verlust ist, desto schwieriger und schmerzlicher wird die Trauerarbeit sein. Der Tod eines Kindes durch eine Krankheit oder, noch schlimmer, durch einen Unfall oder durch ein Verbrechen gehört zu den schwersten Trauersituationen überhaupt. "Wenn ein Erwachsener stirbt," so sagte eine betroffene Mutter, "dann stirbt ein Stück der eigenen Vergangenheit und der eigenen Gegenwart. Wenn ein Kind stirbt, dann stirbt auch immer etwas von der eigenen Zukunft." Die Trauer um ein totes Kind bedarf in ganz besonderer Weise unserer Aufmerksamkeit, unserer Sorgfalt und unserer Liebe.
 

Der Trauerweg

Für ihre Trauerarbeit benötigen Menschen eine Wegstrecke. Diese Wegstrecke hat einen Anfang und ein Ende. Anfang und Ende eines Trauerweges lassen sich gut erkennen, und darin unterscheidet sich die Trauer klar von einer Depression, mit der sie ansonsten manches gemeinsam hat, etwa eine gewissen Antriebslosigkeit oder eine traurige Verstimmtheit. Am Anfang der Trauer steht die Verlusterfahrung. Auch das Ende des Trauerweges zeichnet sich deutlich ab. Der Schmerz lässt nach, die Traurigkeit nimmt ab, und das Interesse für das Leben, für die Umgebung, für alles Äußere beginnt wieder zu erwachen.

Wenn man trauernden Menschen zuhört, dann entdeckt man in ihren Erzählungen Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten. Die Gefühle ähneln sich. Das Verhalten, die Gesten, die Worte, die Einstellung zu sich selbst, zu dem Verlorenen und zur Umwelt sind ähnlich. Aus dieser Beobachtung heraus sprechen die meisten Trauerbücher nicht nur von einer Wegstrecke, sie beschreiben auch einzelne Etappen auf dieser Wegstrecke, die sogenannten Trauerphasen.

Ich selbst tue dies mit einem gewissen Vorbehalt. Denn es ist nicht so, dass der Ablauf dieser Phasen immer und in jedem Fall derselbe ist. Das Leben entzieht sich jedem Schema! Da gibt es Auslassungen, Wiederholungen, Übergänge, Ergänzungen und Brüche.

"Der Weg durch die Trauer verläuft bei niemandem gleichförmig geradlinig. Er gleicht eher einer Wellenlinie: Mal leuchtet ein Funken Hoffnung auf, und wir meinen ein Stück Weges geschafft zu haben, aber dann zieht einen Trauernden der Schmerz des Verlustes wieder ganz tief nach unten... Nach der Zeit intensiver Trauer öffnet sich allmählich wieder der Horizont: Anderes und andere werden wahrgenommen, und der Trauernde versucht, sich in der veränderten Situation zurechtzufinden. Zögernd sucht er nach neuen Möglichkeiten und Fähigkeiten, die dem Leben wieder einen Sinn geben." (Ingetraud Krebber, S.129ff.)

Bitte sehen Sie in den Trauerphasen also nicht eine mechanische Abfolge. Bitte gehen Sie auf Trauernde auch nicht mit der heimlichen Frage zu: In welcher Phase bist du jetzt? Aus einer Verstehenshilfe würde so eine Verstehensbarriere werden. So ist es nicht gemeint! Die Trauerphasen wollen uns helfen, manches besser zu verstehen, was uns sonst unverständlich erscheinen könnte, etwa die Widersprüchlichkeit im Verhalten Trauernder oder ihre Sprunghaftigkeit.
 

Die Trauerphasen

Unter diesem Vorbehalt und wiederum für die Trauersituation des Todes werden wir vier Trauerphasen beschreiben. Jede dieser Phasen erhält ihre Prägung von bestimmten Erfahrungen, die eine Zeitlang im Vordergrund stehen und dann zurücktreten. Im einzelnen sind dies:


1. Der Aufschrei der Seele - Die Zeit des Schocks

2. Alles erledigen müssen - Die kontrollierte Phase

3. Suchen und Sehnen - Die regressive Phase

4. Sich wieder dem Leben annähern - Die adaptive Phase


Der Aufschrei der Seele - Die Zeit des Schocks
 

Nein, nein, das kann doch nicht sein. Das darf nicht wahr sein. Das gibt es doch nicht. Die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen trifft die Angehörigen wie ein Schock. Dieser Schock wird besonders schwer sein, wenn der Tod plötzlich und unerwartet kommt. Sie können es nicht fassen, können es nicht begreifen. Es ist fremd, überwältigend. Alles im Inneren bäumt sich auf und wehrt sich gegen den hereinbrechenden Schmerz. Eine Frau, deren 18-jähriger Sohn an Krebs starb, schreibt:

"Ich habe zwar gewusst, er ist todkrank, aber ich habe es nicht geglaubt. Das ging einfach nicht rein. Ich habe immer nur gedacht: Das gibt es doch nicht, nicht Christian; nein, der doch nicht. Das passiert anderen Familien, aber dir doch nicht." (Ursula Goldmann-Posch, S. 101)

Der Schock der Todesnachricht kann sich ganz unterschiedlich äußern. In einem physischen Zusammenbruch oder aber in einem Gefühlsausbruch, in Weinen, Schreien, Jammern, Klagen, aber auch in einer völligen Lähmung und Erstarrung. Alles ist dann weit weg, undeutlich, schemenhaft und doch wieder bedrohlich nahe.

"Regnete es, schien die Sonne, war es heiß oder kalt, Sonntag oder Werktag? Wir lebten wie Marionetten und doch gleichzeitig in einer hellhörigen Wirklichkeit." (Ingetraud Krebber, S. 11)

Eine Welt bricht zusammen, und Trauernde spüren die Erschütterung, spüren das Zermalmende, das Einstürzende, die Bedrohung. Ob der Glaube an Gott dabei helfen kann? Liliane Guidice hat es so erlebt:

"Jetzt war der Schmerz eingebrochen, und jetzt war Gott da. Es war, als ob er mich in Fetzen reißen würde. Es war der Gott, der mich entsetzte. Mein Gott, mein Gott - ich hing nur an diesem Wort. Wenn ich es losließ und nicht mehr vor mich hinsagte, fiel ich in einen Abgrund. Eine Welt, in der man das Liebste nicht festhalten kann, ist eine Welt, in der man ertrinkt, wenn es Gott nicht gibt... Ich konnte nicht beten, ich konnte nur verstandlos wimmern: Mein Gott, mein Gott. Das Wort hielt mich." (S. 16)
 

Alles erledigen müssen - Die kontrollierte Phase

Die Zeit des Schocks dauert nur wenige Stunden, vielleicht einen Tag. Die folgende Zeit steht ganz im Zeichen der bevorstehenden Beerdigung. Sie verlangt den Trauernden alles ab. Anzeigen müssen entworfen werden. Dokumente wollen herausgesucht sein. Ein Bestattungsunternehmen soll verständigt werden. Einen Sarg gilt es auszuwählen. Die Gestaltung der Trauerfeier ist anzusprechen. Trauerkleidung will besorgt sein. Dazwischen kommen Nachbarn zu Besuch. Freunde und Verwandte rufen an. Tausend Dinge sind in kurzer Zeit zu erledigen.

Es ist eine doppelte Kontrolle. Zunächst üben all die Anforderungen, die erfüllt werden müssen, eine starke Kontrolle aus. Dann aber können Trauernde all die Aufgaben nur bewältigen, wenn sie ihre Gefühle - soweit es nur irgendwie geht - kontrollieren. Kein Wunder, dass Trauernde in dieser Zeit ein eigenartiges Gefühl des Gespaltenseins erleben. Der Schmerz ist ganz nahe. Jedes Photo, jedes Dokument, jeder Bericht, jede Entscheidung ruft ihn neu hervor. Und doch will er beherrscht und gezügelt werden, denn nur so sind diese Tage einigermaßen zu bewältigen. Manchmal schildern Trauernde dieses Gefühl so, als ob sie an einem Theaterstück mitwirkten, und dies gleichzeitig in der Rolle des Schauspielers und der Zuschauerin. Frau A., deren drei-jähriges Töchterchen tödlich verunglückt war, beschrieb uns diese Tage so:

"Es war merkwürdig!. Es war, als ob ich auf einer Bühne stünde und eine Rolle spielte. Ich folgte dabei einem Drehbuch. Und wenn ich nicht weiterwusste, dann war da eine Souffleuse, die mir den nächsten Einsatz zuflüsterte. Ich folgte dieser Stimme, aber ich war auch diese Stimme. Und dann war ich auch noch Zuschauerin. Ich saß im Parkett und sah diesem Ein-Personen-Stück zu, in dem ich agierte, Schauspielerin und Souffleuse und Zuschauerin in einer Person... "

Mit der Bestattung erreicht diese Phase ihren Höhepunkt und ihren Abschluss. Bis vor kurzem war die Beerdigung noch einer der stabilsten kirchlichen Riten. Jetzt bröckelt es auch hier. Anonyme Bestattungen nehmen zu. Es gibt Institute, die den Hinterbliebenen alles abnehmen. Irgendwann, ein paar Wochen nach dem Tod, kommt dann eine Einladung zu einem Gräberfeld, einem "Hain des Friedens" oder einem "Hain der Ruhe", in dem die oder der Verstorbene begraben worden ist.

Eine solche Feier erspart den Trauernden anscheinend manches Leid. Sie erspart ihnen den Anblick des Leichnams und des Sarges. Sie erspart ihnen die Öffentlichkeit der herkömmlichen Bestattungen, den Gang von der Aussegnungshalle zum Grab, den Anblick des offenen Grabes, in das der Sarg gesenkt wird und nicht zuletzt die Beileidsbezeugungen. In all dem erspart sie den Trauernden viele Schmerzen.

Das ist richtig. Aber alle Erfahrung zeigt, wie wichtig es für Trauernde ist, dass ihr Schmerz ausgehalten und angenommen ist. Denn Heilung geschieht nicht am Schmerz vorbei, sondern nur, nur, durch den Schmerz hindurch. Die Beerdigung gehört zu den Übergangsriten, die - einer Brücke gleich - Menschen von einer Lebensphase in die andere begleiten wollen. Solche Riten - die Taufe, die Konfirmation, die Eheschließung - ermutigen uns, von dem Abschied zu nehmen, was hinter uns liegt und uns auf das einzulassen, was vor uns liegt. Dabei dürfen wir viel von dem ausdrücken, was uns bekümmert und bewegt. Die Gefühle, die uns zu überwältigen drohen, erhalten einen Ort und eine Form. Die Verzweiflung, die manchmal übermächtig erscheint, ist gehalten von Worten der Hoffnung und des Vertrauens. Vor allem sind wir auf diesem Weg nicht allein. Andere sind bei uns, gehen mit uns, nehmen uns an und nehmen uns ernst.

So ist die ganze Beerdigung voller Zeichen. Zeichen, die beides beinhalten, Schmerzliches und Heilendes, Verlassenheit und Gehaltensein, Ende und Anfang. Der Leib des Toten wird in die Erde gelegt. Langsam, so wie er im Mutterleib gewachsen und entstanden ist, wird er jetzt verfallen und verwesen. Bei der Feuerbestattung ist es mehr das Symbol der Reinigung, der Läuterung, des erneuerten Lebens, das im Vordergrund steht. Die Liturgie fasst all diese Zeichen unter dem Zuspruch zusammen: Gott behüte unseren Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.
 

Suchen und Sehnen - Die regressive Phase

"Als wir den Friedhof verließen, schien sich irgendetwas verändert zu haben. Eine schwere Tür hatte sich geschlossen. Eine Art Erleichterung stellte sich für einen Moment ein. Da gab es kurze Augenblicke, in denen wir das Schreckliche vergessen konnten. Die Grundstimmung jedoch blieb tieftraurig." (Ingetraut Krebber, S. 27)

Auf dem Trauerweg folgt jetzt die längste, die schwierigste, die schmerzlichste und die wichtigste Phase. Regreddi, zurückgehen - ein lateinische Wort gibt ihr den Namen. Vieles geht zurück. Alles verlangsamt sich und scheint innezuhalten. Der Lebensrhythmus, die Lebensfreude, der Lebensatem. Es ist ein zurückgenommenes Leben. Trauernde brauchen diese Zurücknahme, weil sie alle Kraft und alle Energie für sich selbst brauchen. Das Interesse an äußeren Dingen, an der Kleidung, am Aussehen, an der Wohnung, am gesellschaftlichen Leben geht zurück. Regressiv auch in dem Sinn, dass Trauernde zu einem Verhalten zurückgehen, das ihnen schon in der Kindheit geholfen hat, mit Ängsten umzugehen und Schmerzen zu lindern. Das Weinen gehört dazu, das Klagen und Jammern, das ruhelose Umhergehen, das Nichtaufstehenwollen, alles, was schon damals Entlastung und Erleichterung brachte.

Im Vordergrund und im Mittelpunkt steht der Verstorbene. Alles Denken und alles Fühlen sind ganz an ihn gebunden. Es ist eine Zeit großer Sehnsucht. Oft sind Trauernde mehr in der Welt des Verstorbenen zu Hause als in der Welt der Lebenden. Manchmal ist der Wunsch ganz stark, dem Geliebten nach-sterben zu können, um wieder mit ihm vereinigt zu sein.

Die Sehnsucht führt zu ganz intensiven Suchbewegungen. Gemeinsame Wege werden noch einmal abgeschritten. Gemeinsame Orte werden noch einmal aufgesucht. Die Sachen des Verstorbenen werden durchsucht und durchwühlt, so als ließe sich auf diese Weise noch eine Verbindung herstellen. Christa, 49, deren Sohn mit sechs Jahren an Krebs starb, schildert es so:

"Du schnüffelst dich halb verrückt. Du suchst ihn, willst ihn wenigstens noch einmal riechen. Ich habe in seinen Schuhen, in seinem Bett, in seinen Kleidern gerochen, um ihn wenigstens auf diese Weise noch ein bisschen für mich zu retten. Und du schaust dir dabei zu und denkst, jetzt drehst du durch." (Ursula Goldmann-Posch, S. 103)

Die Sehnsuchtsgefühle lassen den Verstorbenen hin und wieder ganz nahe erscheinen. So, als sei er oder sie auf eine unsichtbare Weise gegenwärtig. Ja, es gibt Augenblicke, in denen er sogar aus der Unsichtbarkeit herauszutreten scheint. Trauernde "schwören" manchmal, dass sie den Toten gesehen oder gehört haben. Eine akustische oder optische Ähnlichkeit und die große Sehnsucht verdichten sich zu solchen Erlebnissen.

Die regressive Phase. Es ist eine Zeit großer Gefühlsstürme. Trauernde erleben Verzweiflung, Einsamkeit, erleben Angstausbrüche, erleben Schuldgefühle, klagen das Leben an, das Krankenhaus oder die Umgebung oder die Kirche oder Gott. Dabei sind Erleben und Verhalten in dieser Zeit durchaus nicht stimmig oder geradlinig, sondern eher sprunghaft, unberechenbar und anscheinend zusammenhanglos. Stunden der Apathie wechseln sich ab mit Stunden großer Unruhe und Erregbarkeit. Tagen großer Beherrschung folgen Tage des Sich-gehen-lassens. Gefühlsschwankungen sind an der Tagesordnung. Trauernde sehnen sich nach Nähe und Zuwendung und halten doch manchmal andere Menschen durch ihre Schroffheit und Barschheit auf Distanz. Stunden großer Anlehnungsbedürftigkeit folgen Stunden äußersten Misstrauens.

Wichtig ist eine seelische Bewegung, die vom Idealbild zum Realbild führt. Anfangs wird der Verstorbene nur in hellen Farben geschildert. Gütig, zärtlich, liebevoll, einfühlsam. Oder bei einem Kind: brav, zärtlich, rücksichtsvoll, ausgeglichen. Erst im Lauf der Zeit lässt die Erinnerung auch die dunklen Seiten zu, das Wissen, dass es auch Zorn und Hass und Fremdheit und Ratlosigkeit gegeben hat und jetzt noch gibt.
 

Sich wieder dem Leben annähern - Die adaptive Phase

"Die Nacht hat sich ausgeweint
und einem blauen Himmel
Platz gemacht.
Die ist ein Tag,
der nach Aufbruch riecht."

(Brigitte Heidebrecht, S. 16)

Das Leben geht weiter. Es ist nicht alles aus. Der Verstorbene beansprucht die Aufmerksamkeit nicht mehr so umfassend wie bisher. Das Sinnen und Trachten sind nicht mehr ausschließlich auf ihn gerichtet. Die dauernde, intensive innere Beschäftigung mit dem Verlust lässt nach. Die Vergangenheit/Gegenwart ist nicht alles. Es gibt auch noch eine Zukunft. Das Leben meldet sich zurück. Der Trauerweg nähert sich seinem Ende.

Gewiss, auch jetzt gibt es noch Rückschläge. Traurigkeit und Angst kehren zurück und scheinen noch einmal alles in Frage zu stellen. Der Todestag, der Geburtstag, der Anblick eines Kinderwagens oder einer glücklichen Familie, die Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis, - und das Leben scheint wieder in die dunkle Hälfte einzutauchen. Aber solche Einbrüche klingen wieder ab und gehen vorüber. Die Waagschale neigt sich mehr und mehr dem Leben zu. Zögernd zuerst, aber dann immer deutlicher und länger und verlässlicher.

Viele Trauernde bemerken es zuerst beim Gang auf den Friedhof. Früher, da war da nur das Grab. Manchmal mit einer lockenden Tiefe. Jetzt erwacht das Interesse auch für die Umgebung. Für das Vogelgezwitscher, für das Spiel des Windes, für die raschelnden Blätter am Boden, für die anderen Besucherinnen und Besucher. Neben das Gefühl des Verlustes tritt langsam das Gefühl der Dankbarkeit.

In der Seele des Trauernden entsteht ein Erinnerungsbild. Bisher hatte der Trauende in einem eigentümlichen Zustand des "als ob" gelebt. Er hatte gelebt, als ob es den Verstorbenen noch gäbe, als ob er demnächst zurückkehren würde, als ob sich alles nur als ein böser Traum erweisen würde. Jetzt darf sich dieses "als ob" auflösen. Der Verstorbene wird nicht mehr außerhalb des eigenen Lebens gesucht, er hat seinen Platz im Inneren gefunden. Er wird auch nicht mehr idealisiert. Ein Erinnerungsbild ist entstanden, in dem alle Facetten und Schattierungen Platz haben und sein dürfen.

Die klein gewordene Welt beginnt sich wieder zu weiten. Es ist, als ob sich Fenster und Türen öffneten, die lange verschlossen waren. Trauernde interessieren sich wieder für andere Dinge und Ereignisse. Alte Hobbys leben wieder auf, neue kommen dazu und werden ausprobiert. Es ist wieder schön, sich zurechtzumachen und sich hübsch anzuziehen. Es ist wieder schön, anderen zu gefallen.

So kommt ein Weg zu seinem Ende. Gewiss, es wird immer wieder Punkte geben, an denen die Trauer zurückkommt. Aber sie kommt dann mehr wie eine Besucherin, die einige Zeit bleiben mag, aber dann auch wieder geht. Im Vordergrund steht das Gefühl eines neuen Verbundenseins, einer neuen Dankbarkeit, einer neuen Tiefe. Es berührt immer wieder, wie sehr Menschen, die sich dem Trauerweg stellen, all dem Leid und all der Verzweiflung, in ihrem Menschsein reifen. 


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5. Wenn Kinder trauern


Auch Kinder trauern, aber sie trauern anders. Anders als große Leute. Die Trauerarbeit, von der wir bisher gesprochen haben, setzt Fähigkeiten voraus, die Kindern - und hier geht es vor allem um das Kindergartenalter - so noch nicht oder noch nicht in vollem Umfang zu eigen sind. Das gilt in mehrfacher Hinsicht, vor allem aber im Blick auf unser Zeitempfinden, auf unser Lebensgefühl und auf unser Beziehungsverhalten. Wie trauern Kinder, und was brauchen sie in ihrer Trauer? Darum soll es in diesem Kapitel gehen.


Erwachsene erleben Zeit als gegliederte Zeit, als Vergangenheit, als Gegenwart und als Zukunft. Kinder haben dieses klar strukturierte Zeitgefühl noch nicht. Bei ihnen gehen die Zeitphasen immer wieder ineinander über. Erwachsene können außerdem deutlich zwischen Lebendigem und Unbelebtem unterscheiden. Für Kinder besteht diese endgültige Abgrenzung noch nicht. Schließlich empfinden Erwachsene sich selbst als eigenständige Person, die wiederum mit anderen eigenständigen Personen in Beziehung treten und diese Beziehung auch wieder lösen kann. Für Kinder gibt es noch nicht diese Eigenständigkeit und diese Klarheit im Kontakt mit anderen.

Kinder trauern anders. Aber auch ihre Trauer hat ihr Recht und ihre Würde und verdient unseren Respekt. Wenn wir Kindern in ihrer Trauer nahe sein wollen, dann müssen wir ihre Zeichen, ihre Botschaften und Signale aufnehmen können. Wenn wir verstehen wollen, wie Kinder trauern, dann müssen wir uns in ihr Denken und Empfinden, in ihre ganze Erlebniswelt, einfühlen. Dies wollen wir an ein paar Punkten versuchen.
 

Wie Kinder das Leben verstehen

In den Jahren zwischen drei und sechs entwickeln Kinder eine enorme Selbständigkeit. Das Kindergartenkind hat weitgehend gelernt, seinen Körper selbst willentlich zu steuern, und seine Bewegungen zu kontrollieren. Es fällt beim Laufen nicht mehr so oft hin, es kann die Seiten eines Buches umblättern oder die Tür mit der Klinke öffnen. Es kann sich dorthin bewegen, wo es hinmöchte, um Neues zu erkunden oder Bekanntes wieder aufzusuchen. Es kann kleine Wege ganz allein zurücklegen und viele Handgriffe im täglichen Leben selbst tun. Es kommt bereits mehrere Stunden ohne die Eltern aus und vertraut darauf, dass die Mutter oder der Vater es wieder vom Kindergarten abholen werden.

Das Gedächtnis reicht immer weiter in die Vergangenheit. Ein dreijähriges Kind kann sich nur selten an seinen letzten Geburtstag erinnern, ein vierjähriges in der Regel recht gut. Auf Grund seiner Lebenserfahrungen entwickelt es auch zunehmend eine gewisse Vorstellung von Zukunft. Es vermag sich auszumalen, wie es sein wird, wenn die Oma kommt, oder was der Papa vielleicht von seiner Dienstreise mitbringt. Dennoch entsteht erst ganz allmählich ein Zeitgefühl. Zeitansagen wie "in einer Stunde" oder "letzte Woche" können kleine Kinder noch nicht erfassen und daher auch kaum voneinander unterscheiden. Begriffe wie "endgültig" oder "nie mehr" liegen weit außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Dinge, die es noch nie erlebt hat, kann sich ein Kind in diesem Alter - wie wir Erwachsene übrigens auch! - nicht vorstellen. Es versucht aber alles, was es wahrnimmt, zu verstehen. Was es sich nicht vorstellen kann, füllt es mit Bildern aus seiner Phantasie. Wir Erwachsene tun dies genauso. Allerdings - und das ist ein wichtiger Unterschied - stehen uns viel mehr Wissen und Erfahrung zur Verfügung, mit denen wir zunächst einmal unsere Vorstellungslücken füllen. Unsere Phantasie müssen wir deshalb viel seltener in Anspruch nehmen.

Auch die Sprache entwickelt sich. Im Alter von drei Jahren kann sich ein Kind oft schon recht differenziert ausdrücken. Es kann sagen, was es will, und es kann Gedanken, Vorstellungen und Gefühle ganz gut beschreiben. Es erfährt zunehmend, dass es sich auch Menschen gegenüber verständlich machen kann, mit denen es nicht so vertraut ist wie mit Mutter oder Vater.

Dennoch ist die Sprache für Kinder nur eine von zahlreichen Ausdrucksformen. In Stimmungen und Gesten, in Blicken und Bewegungen, im Lachen und Weinen und in manch anderen Verhaltensweisen teilen sie anderen Menschen mit, was in ihnen vorgeht. Da die Körpersprache aber eine ganz persönliche und individuelle Sprache ist, gilt es hier genau hinzusehen und hinzuhören, um zu verstehen, was gemeint ist. In manchem Lachen klingt Verzweiflung mit, und lautes Auftrumpfen meint zuweilen: Ich fühle mich klein und hilflos, bleib´ doch bei mir!

All diese Fortschritte in Richtung Eigenständigkeit erlauben dem Kind immer mehr, sich in seiner Umgebung umzusehen. Sie verhelfen ihm dazu, sich das Erlebte zu merken, es zu verstehen und zu verarbeiten. Zunehmend vermag es seine Bedürfnisse so zu äußern, dass sie auch von Fremden verstanden werden. So lernt es immer besser, sich zu orientieren und sich Zusammenhänge zu erklären.

Wie Kinder das Leben verstehen, erkennen wir oft an den Fragen, die sie uns stellen und manchmal auch an den Antworten, die sie uns auf unsere Fragen geben. Wir können es auch an den Bildern erkennen, die sie malen oder an den Geschichten, die sie erzählen oder an den Rollenspielen, die sie erfinden. Wenn wir aufmerksam sind, erfahren wir dabei viel von ihren Hoffnungen und Wünschen, von ihren Ängsten, von ihrem Schrecken und von ihren Sorgen.

Dabei beziehen Kinder alles auf sich. Sie sind der "Nabel der Welt". Sie selbst, ihr Tun, ihr Denken, ihr Wünschen ist das Zentrum, um das herum alles andere stattfindet. Ein kleiner Mensch ist also mit einer großen Portion Allmachtsgefühl ausgestattet. Wie sonst auch könnte er all den Herausforderungen eines Kinderalltags begegnen? Wie sonst den Misserfolgen standhalten? Das Gefühl "Ich bin das Wichtigste auf der Welt, ich kann alles!" verhilft dem Kind dazu, nicht vor der Fülle dessen, was es zu lernen gibt, zurückzuschrecken und sich von den Blessuren, die es dabei davonträgt, nicht entmutigen zu lassen. Wenn man miterlebt, wie ein einjähriges Kind laufen lernt oder ein fünfjähriges Rad fahren, dann ahnt man etwas von der schier unerschöpflichen Energie, die ihm dabei zur Verfügung steht.

Schon das kleine Kind will die Welt in den Griff bekommen. Dazu dient auch sein magisches Denken. Mit ihm erschafft es sich - zuweilen bis ins erste, zweite Schuljahr hinein - seine eigene Welt. Eine Welt, in der es Dinge geschehen und ungeschehen machen kann, denn alles - und das ist das Magische daran - geschieht auf seinen Wunsch hin. Von diesem Wunsch geht eine Kraft aus, die die Welt in Bewegung setzt. Eine Vorstellung, die gar nicht so verwunderlich ist. Auch sonst werden ja Wünsche erfüllt. Das Kind bittet um ein Plätzchen, und es bekommt ein Plätzchen. Es dreht am Radio und hört Musik. Warum sollen nicht auch Dinge, die völlig ohne sein Zutun stattfinden, auf seinen Wunsch hin geschehen. Dies kann Befriedigung und Stolz hervorrufen, aber auch Ängste und Schuldgefühle. (Zu Allmachtsphantasien und magischem Denken siehe auch die Arbeitshilfe Nr. 2, S. 62)

Denn überaus häufig verspüren kleine Kinder auch Vernichtungswünsche. Solche Wünsche sind einfühlbar und stellen einen ganz normalen Bestandteil der Gefühlsentwicklung dar. Sie helfen den Kindern, all die Einschränkungen und Grenzen zu verkraften, die ihrem Expansionsdrang und ihrer Begierde, die Welt kennenzulernen, im Weg stehen. Sie helfen ihnen auch in ihrem großen Bedürfnis nach Angenommensein und bedingungsloser Liebe. "Ich will keinen Bruder haben... komm, wir tun ihn in die Mülltonne", sagt etwa eine Vierjährige, die schmerzlich spürt, dass sie nun die Liebe der Eltern mit einem Baby teilen muss. Und in einem Augenblick der Wut: wünscht sie sich "Die Mama soll weg sein!

Wenn allerdings dann einem Familienmitglied tatsächlich ein Unglück widerfährt, wenn der kleine Bruder stirbt, oder wenn die Mutter ins Krankenhaus muss, erlebt sich dieses Kind als Verursacherin. Es entwickelt quälende Schuldgefühle und Angst vor Vergeltung. In solchen Situationen muss es ganz besonders spüren, dass es geborgen und geliebt ist.

Von Allmachtsphantasien Abschied zu nehmen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Phantasie und realem Erleben zu unterscheiden, sich lediglich als Teil der Welt zu verstehen oder sich gar in einen andern Menschen hineinzuversetzen, diese Reifeschritte vollzieht das Kind im Laufe der ersten Schuljahre. Sie sind ganz wichtig für das weitere Leben. Erst wenn wir das eigene Können realistisch einschätzen, und wenn wir erkennen, dass wir nicht allmächtig sind, werden wir unsere eigenen Grenzen und die Begrenztheit des Lebens anerkennen können.
 

Wie Kinder den Tod verstehen

Wir Erwachsene haben unterschiedliche Vorstellungen vom Tod. Dennoch stimmen wir in ein paar Punkten überein:

- Der Tod ist unwiderruflich. Er ist nicht rückgängig zu machen.

- Der Tod betrifft ausnahmslos alle Menschen. Alle müssen sterben.

- Der Tod ist unvermeidbar. Er tritt ein, wenn der Körper seine Funktionen einstellt.

Von ihrer ganzen Entwicklung her beginnen Kinder erst zwischen dem fünften und dem achten Lebensjahr, solche Aussagen zu verstehen. Erst in diesem Alter können sie Erfahrungen in eine sinnvolle Ordnung zueinander setzen, können die Abfolge von Ursache und Wirkung oder von Vorher und Nachher erkennen: "Wenn ich das Spielzeug im Garten liegen lasse, kann es vom Regen nass werden und kaputtgehen."

So im Alter von drei bis vier Jahren lernen Kinder, zwischen belebten Wesen und unbelebten Gegenständen zu unterscheiden. Sie haben damit etwas Grundsätzliches gelernt: Lebendig ist, was sich bewegen kann, und tot ist, was unbeweglich ist. Dennoch bleibt ihr Denken noch vorwiegend animistisch, d.h. das Kind erlebt alle Dinge als beseelt. Bei sich selbst spürt es ja Wünsche und Bedürfnisse, und so schreibt es allen Dingen Wünsche und Bedürfnisse zu. Es schimpft mit dem Tisch, an dem es sich gestoßen hat. Und dies in der festen Überzeugung, dieser Tisch habe ihm Böses gewollt. Es liebkost den Teddybär und ist dabei ganz sicher, dass diese Liebe erwidert wird. Es zeigt großes Mitleid mit einem kaputten Auto, weil dieses Fahrzeug "natürlich traurig ist und große Schmerzen hat".

Allmählich lernen die Kinder, dass es da Übergänge gibt, Übergänge von beweglich zu unbeweglich, von lebendig zu tot. Blumen, die in voller Blüte standen, verwelken und verdorren. Insekten, die gerade noch umherschwirrten, liegen auf einmal reglos auf der Fensterbank. Das lustige Kaninchen, das sich so warm und weich anfühlte, liegt eines Morgens steif und kalt in seinem Stall. Das Kind bemüht sich, solche Erfahrungen in sein bisheriges Verständnis von unbelebt und lebendig einzuordnen. Zunächst will dies noch gar nicht gelingen. Sehr kleine Kinder sind immer wieder höchst verwundert und erstaunt, dass ein Wesen, das sie als lebendig und beweglich kennen, plötzlich starr und reglos daliegt. "Totsein und wieder lebendig werden" ist ein beliebtes Spiel, mit dem sie sich wieder und wieder mit diesem Phänomen beschäftigen.

Für ein Kind unter fünf Jahren bedeutet der Tod nichts Unumkehrbares. Der Tod ist wie eine Reise in eine andere Welt, vergleichbar mit der Welt der Märchen oder der "Als-ob-Welt" im Spiel. Das kleine Kind ist es gewohnt, zwischen verschiedenen Welten hin- und herzureisen, und das innerhalb kurzer Zeit. So spricht die dreijährige Annalena oft davon, dass ihr Schwesterchen Sara tot ist und dennoch besteht sie ganz selbstverständlich darauf, dass Sara ein Weihnachtsgeschenk bekommt.

Totsein bedeutet in dieser Entwicklungsphase vor allem das Fehlen von Eigenschaften, die lebendigen Wesen zugeschrieben werden. Dies ist vor allem Bewegung, aber auch Wachsen, Atmen, Essen, Trinken und Ausscheiden. Kinder spielen "totsein", indem sie sich bewegungslos hinlegen. Und der Kasperl ist erst "tot", wenn er schlapp und reglos herabhängt.

Wenn Kinder bemerken, dass einem Lebewesen diese "lebendigen" Eigenschaften fehlen, reagieren sie oft mit Neugier und Forschungseifer. Sie heben einen toten Vogel auf und untersuchen ihn genauer. Sie beugen sich über den kleinen Käfer, der auf dem Boden liegt, zerteilen ihn und schauen sich alles genau an. Es sind normale Reaktionen auf Neues und Unbekanntes.

Als unangenehm und schlimm erleben Kinder den Tod nur da, wo er gleichzeitig Trennung bedeutet, Trennung von einem geliebten Menschen oder auch von einem vertrauten Haustier. Einen Anflug davon erleben sie, wenn Mutter schlafend und bewegungslos auf dem Sofa liegt. Oder beim Spiel. Wenn sich der Vater beim Verstecken nur einen Augenblick zu lang verborgen hält. Sie reagieren dann sehr ängstlich, werden unsicher und unruhig.

Zeit, Lebenszeit, erleben die Kinder ganz persönlich und subjektiv. Dass sie früher einmal nicht gelebt haben und irgendwann einmal nicht mehr sein werden, liegt weit außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Der eigene Tod oder die endgültige Trennung von lieben Menschen erreichen nicht ihr Gefühl. Wenn ein Fünfjähriger fragt "Oma, stirbst du bald?", dann ist dies keinesfalls als Wunsch zu verstehen, sondern als eine der vielen Bemühungen eines Kindes, mehr über den Gang der Dinge zu erfahren und sich die Welt zu erklären. In diesem Fall hat der Junge verstanden, dass mit zunehmendem Alter der Tod näherrückt, und diesem Sachverhalt möchte er jetzt weiter auf den Grund gehen. Bei wem sollte er das besser tun als bei der geliebten Oma? Solche Augenblicke können eine schöne Gelegenheit sein, mit dem Kind über Vergänglichkeit und Sterben zu sprechen.

Drei- bis sechsjährige Kinder bringen Sterben und Tod zunächst allenfalls mit hohem Alter, mit Krankheit und Gewaltanwendung in Verbindung. Die Endgültigkeit davon erfassen sie noch bei weitem nicht. Deutlich wird dies bei all den Spielen, in denen Kinder sich gegenseitig "erstechen" oder "erschießen". Nicht lange danach springen die Toten wieder quicklebendig herum.

Die Todesvorstellungen sind also in die gedanklichen Fähigkeiten insgesamt eingebettet. Diese entwickeln sich vom Wunscherfüllungsdenken, vom magischen Denken der Kleinkinderzeit hin zum logischen, schlussfolgernden Denken der ersten Schuljahre und dann weiter zur abstrakten Denkfähigkeit des älteren Schulkindes und des Jugendlichen. Jetzt erst erwacht die Fähigkeit, auch Unanschauliches und Nichtgreifbares gedanklich zu bewegen und zu erfassen. Jetzt erst kann sich unser erwachsenes Verständnis vom Tod ausbilden.

Noch einmal eine Übersicht:


Altersabhängige Vorstellungen von Sterben und Tod

2-3 jährige Kinder verbinden mit den Begriffen "Sterben" und "Tod" noch gar keine Vorstellungen

3-4 jährige Kinder verstehen Sterben als ein Ereignis, das Trennungsängste in ihnen auslöst und den Tod als einen Schlafzustand, als eine Abwesenheit

4-5 jährige Kinder haben noch eine sehr unklare Vorstellung von Sterben und Tod; beide Worte verbinden sie mit dem Zustand von Dunkelheit und Bewegungslosigkeit

5-6 jährige Kinder fassen Sterben und Tod häufig als Bestrafung für böse Taten auf und verbinden damit die Vorstellung von Begrabenwerden

6-7 jährige Kinder wissen bereits, dass nach dem Sterben und dem Tod der Körper des Menschen zerfällt

8-9 jährige Kinder beginnen bei dem für sie noch unannehmbaren Gedanken an Sterben und Tod an eine Unsterblichkeit des Menschen zu glauben

9-10 jährige Kinder sehen Sterben und Tod sachlich-nüchtern als ein Ereignis, das jeden, auch sie selbst irgendwann treffen kann; sie stellen Fragen nach dem Sterben und dem Tod und wissen, dass dieser nicht umkehrbar ist.

(Aus: Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand e.V., S. 4)


Wie Kinder trauern

Schon sehr kleine Kinder, sogar Säuglinge, nehmen den Verlust eines Menschen in der Familie wahr. Dieses Wahrnehmen besteht nicht so sehr aus einem Erkennen von Einzelheiten, sondern stellt mehr ein ganzheitliches Erspüren dar. Sie spüren, dass sich etwas geändert hat! Die Atmosphäre hat sich geändert, die Stimmung und die Stimmen haben sich geändert, das emotionale Klima hat sich geändert. Das, was ihr Wohlfühlen bisher ausmachte, hat sich verändert, und dies nehmen sie wahr. Ihre Reaktionen zeigen das. Sie sind oft unruhig, und ihr Schlaf/Wachrhythmus ändert sich. Sie trinken nicht mehr wie gewohnt und ihre Verdauung ist gestört. Sie fühlen sich insgesamt unwohl, und manchmal werden sie ernstlich krank.

Erinnern Sie sich an Janin. Sie war ein halbes Jahr alt, als ihr Vater verunglückte: "Nachts schlief unser Töchterchen immer sehr unruhig," hatte ihre Mutter erzählt. "Wir holten sie dann einfach zu uns ins Bett. So hatten wir alle drei eine ruhige Nacht. Morgens, wenn Janin aufwachte, betrachtete sie ihre kleinen Händchen und lachte und plapperte munter darauf los. Mein Mann sagte dann immer: 'Das ist so süß! Janin wacht morgens auf und lacht.' Schon am ersten Morgen nach dem Unfall allerdings veränderte sie sich. Sie wachte nicht mehr auf und lachte und plapperte, sondern weinte. So ging das weiter. Sie wachte jeden Morgen auf und weinte. Ich konnte sie immer erst beruhigen, wenn ich mit ihr aufstand. An gemütliches Spielen im Bett wie vorher war nicht mehr zu denken..." (Siehe oben, Kapitel 1)

Wie sollten auch sehr kleine Kinder den Tod eines Familienmitglieds nicht wahrnehmen, wo sie doch oft schon sehr sensibel auf vergleichsweise geringe Veränderungen im Familienalltag reagieren? Auf einen handfesten Streit oder auch nur auf "dicke Luft", auf einen geplanten Theaterbesuch der Eltern mit all seinen Ankündigungen, auf ein Fest, zu dem Besuch erwartet wird, und das seine Schatten vorauswirft.

Kinder sind in hohem Maße auf Geborgenheit und Sicherheit angewiesen, auf die verantwortungsvolle Fürsorge und Liebe der Erwachsenen. Dort, wo sie diese Sicherheit in Frage gestellt oder gefährdet sehen, werden sie selbst alle Anstrengungen unternehmen, um sie zu erhalten. Viele Verhaltensweisen, die ein Kind nach dem Tod eines Angehörigen zeigt, sind ein Versuch, sich an die veränderte Situation anzupassen.

Wenn in der Familie ein naher Angehöriger, Mutter, Vater oder Geschwister, stirbt, müssen wir damit rechnen, dass Kinder von großen Verlassenheitsängsten geplagt sind. Wer kann ihnen denn garantieren, dass jetzt noch für sie gesorgt ist? Wer gibt ihnen denn die Gewissheit, dass nicht noch ein anderer fortgeht und demnächst nicht mehr da ist? Dabei gilt: Je näher ein Kind den Verlust erlebt, desto intensiver wird es trauern. So mag es viel stärker unter dem Tod der Nachbarkatze leiden als unter dem Tod der Tante, die nur selten zu Besuch kam.

Ihre Gefühle äußern Kinder oft sehr indirekt. Manchmal erscheinen sie überaus angepasst, brav, hilfsbereit und kooperativ, auch wenn sie zutiefst aufgewühlt und verängstigt sind. Jetzt nur nichts falsch machen, nur keine zusätzliche Gefährdung, so scheint der unbewusste Vorsatz zu lauten.

Noch einmal Philipp, der eineinhalb Jahre alt war, als seine Schwester starb: "Philipp, der bisher ein sehr lebhaftes Kind war, ging auf einmal auf 'Mamaschonung'. Von heute auf morgen wurde er still, er wurde brav, er beobachtete mich ständig und war in allem sehr rücksichtsvoll. Im Gegensatz zu diesem angepassten Verhalten rebellierte aber sein ganzer Körper und reagierte mit allen möglichen Krankheiten. Ein gutes Jahr lang ging das so. Durchfall, Keuchhusten, Bronchitis..." (Siehe oben, Kapitel 1).

Ein andermal verhält sich das trauernde Kind zerstörerisch. Es quengelt, nervt, schreit, kneift, schlägt andere und tut ihnen weh. "Die Annalena wollte nicht mehr in der Spielgruppe bleiben. Da gab es große Schwierigkeiten. Sie hat getobt und geschrieen," hatte die Mutter von ihrer zweijährigen Tochter erzählt. (ibid.)

Kinder unter acht Jahren, so können wir verallgemeinernd sagen, drücken ihre Trauer vorwiegend auf diese indirekte Weise aus. Sie können krank werden und mit körperlichen Beschwerden reagieren. Sie können aggressive Gefühle gegen Erwachsene oder Gleichaltrige entwickeln. Sie mögen versuchen, besonders "brav" und "lieb" zu sein. Sie können sich besonders verschlossen und zurückhaltend geben oder sie können sich in noch anderer Weise ungewöhnlich oder auffällig verhalten. Vieles davon geschieht auch gar nicht immer im direkten Kontakt mit den Erwachsenen, sondern im Spielen und Malen, in Selbstgesprächen oder auch in Gesprächen mit andern Kindern.
 

Was trauernde Kinder brauchen

Trauernde Kinder sind ganz und gar auf die Nähe, auf das Verständnis, auf die Fürsorge der Erwachsenen angewiesen. Deren Zuwendung entscheidet darüber, wie ein Kind über den erlittenen Verlust hinwegkommt. Sie entscheidet darüber, ob sich die seelische Wunde schließt und gut ausheilt, oder ob sie offen bleibt. Der folgende Bericht erzählt von einer frühen Trauererfahrung. Wie so oft bei Kindern steht das Sterben eines Haustieres im Mittelpunkt dieser Erfahrung:

"Die erste Begegnung mit dem Tod hatte ich mit etwa sechs Jahren. Mein Vater besaß einen Jagdhund, Argo; er war von sanftem, freundlichem Wesen und mein liebster Spielgefährte. Ganze Nachmittage fütterte ich ihn mit Breichen aus Schlamm und Gras, oder ich zwang ihn, sich von mir frisieren zu lassen, und er trottete, ohne sich aufzulehnen, mit clipsgeschmückten Ohren durch den Garten. Eines Tages jedoch, als ich wieder einmal eine neue Frisur an ihm ausprobierte, bemerkte ich eine Schwellung an seinem Hals. Schon seit einigen Wochen hatte er keine Lust mehr zu laufen und zu springen wie früher, und wenn ich mich in eine Ecke setzte, um mein Nachmittagsbrot zu essen, baute er sich nicht mehr hoffnungsvoll seufzend vor mir auf.

Eines Mittags erwartete Argo mich nicht mehr am Gartentor, als ich aus der Schule kam. Zuerst dachte ich, er sei mit meinem Vater unterwegs. Als ich aber meinen Vater, ohne Argo zu seinen Füßen, ruhig in seinem Arbeitszimmer sitzen sah, geriet ich in eine große innere Erregung. Ich ging hinaus und rief laut schreiend überall im Garten nach ihm, kehrte auch zwei- oder dreimal ins Haus zurück und durchsuchte es vom Keller bis zum Dachboden. Am Abend, als ich meinen Eltern den obligatorischen Gutenachtkuss geben sollte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte meinen Vater: "Wo ist Argo?" "Argo", erwiderte er, ohne den Blick von der Zeitung zu heben, "Argo ist weggegangen." "Warum denn?" fragte ich. "Weil er deine Quälereien satt hatte."

Taktlosigkeit? Oberflächlichkeit? Sadismus? Was lag in dieser Antwort? Genau in dem Augenblick, in dem ich die Worte hörte, zerbrach etwas in mir. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, und tagsüber brach ich bei der geringsten Nichtigkeit in Tränen aus. Nach ein bis zwei Monaten wurde ein Kinderarzt zu Rate gezogen. "Die Kleine ist erschöpft", sagte er und verordnete mir Lebertran. Warum ich nicht schlief, warum ich immer Argos zernagten Ball, mit mir herumtrug, hat mich nie jemand gefragt.

Diese Begebenheit bezeichnet meiner Ansicht nach meinen Eintritt ins Erwachsenenalter. Mit sechs Jahren? Ja, genau, mit sechs Jahren. Argo war weggegangen, weil ich böse gewesen war, mein Betragen hatte also einen Einfluss auf das, was um mich war. Einen Einfluss, der zum Verschwinden, zu Zerstörung führte.

Von da an waren meine Handlungen nicht mehr unbeschwert, nicht mehr folgenlos. Vor Angst, noch weitere Fehler zu begehen, habe ich sie nach und nach auf ein Mindestmaß beschränkt, bin apathisch und zögerlich geworden. Nachts presste ich den Ball zwischen den Händen und sagte weinend: "Argo, bitte komm zurück, auch wenn ich etwas verkehrt gemacht habe, mag ich dich doch lieber als alle anderen." Als mein Vater einen neuen Welpen mit nach Hause brachte, wollte ich ihn nicht einmal ansehen. Er war für mich ein Fremder, und so musste es bleiben.

Heuchelei bestimmte die Kindererziehung. Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal, als ich beim Spazieren gehen mit meinem Vater an einer Hecke vorüberkam, ein totes Rotkehlchen fand. Ohne jede Scheu hob ich es auf und zeigte es ihm. "Leg's wieder hin", hatte er sofort geschrieen, "siehst du denn nicht, dass es schläft?" Der Tod war, wie die Liebe, ein Thema, über das nicht gesprochen werden durfte. Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, wenn sie mir gesagt hätten, dass Argo tot war? Mein Vater hätte mich in den Arm nehmen und zu mir sagen können: "Ich habe ihn getötet, weil er krank war und zuviel leiden musste. Wo er jetzt ist, ist er viel glücklicher." Natürlich hätte ich mehr geweint, wäre verzweifelt gewesen, monatelang wäre ich immer wieder zu der Stelle gegangen, wo er begraben lag, hätte lange durch die Erde hindurch mit ihm gesprochen. Dann hätte ich ganz langsam angefangen, ihn zu vergessen, andere Dinge wären interessant geworden, andere Leidenschaften hätten mich ergriffen, und Argo wäre in meinen Gedanken in den Hintergrund getreten wie eine Erinnerung, eine schöne Erinnerung meiner Kindheit. Auf diese Weise aber wurde Argo zu einem kleinen Toten, den ich in mir trage."

(Susanne Tamaro, Seite 40ff.)

Trauernde Kinder brauchen Zuwendung. Sie brauchen seelische Nähe und sie brauchen körperliche Nähe. Dabei brauchen sie bei aller Behutsamkeit auch Wahrhaftigkeit. Möglichst wahrheitsgetreu, in einfachen und klaren Worten und ihrem Verständnis entsprechend, sollen Kinder erfahren, was geschehen ist und warum es geschehen ist. Dies entlastet auch von dem Gefühl, "schuld" zu sein.

Dabei müssen Kinder die Möglichkeit haben, über den Verlust zu sprechen, und sie brauchen Menschen, die zuhören, die nachfragen, die Anteil nehmen. Woran denkst du jetzt? Woran erinnerst du dich besonders? Was stellst du dir vor, und wie stellst du es dir vor? Sicher werden wir dabei auch darauf zu sprechen kommen, dass wir manchmal ganz ärgerlich miteinander sind, und dass wir dann in unserem Ärger einem anderen die schlimmsten Dinge wünschen. Aber dass niemand an solchen Wünschen stirbt.

Am meisten erschüttert Kinder der Tod eines Elternteils. Sie fühlen sich verlassen und hilflos Was bisher selbstverständlich und sicher war, steht für sie auf einmal total in Frage. Wird Mutter morgen da sein? Gibt es etwas zu Essen? Wer bringt mich zu Bett? Alles ist aus dem Gleichgewicht. In dieser Zeit brauchen Kinder Sicherheit und Geborgenheit und die Gewissheit, auch weiter geliebt und umsorgt zu werden. Sie sollen in alles einbezogen werden, was um sie herum vor sich geht. Sie sollen erklärt bekommen, wer jetzt was warum macht. Sie sollen spüren, dass sie behütet sind, auch wenn das Familienleben momentan durcheinander ist und sich jeder anders verhält als bisher. Wir können ein Kind erfahren lassen, dass es erlaubt ist, sehr, sehr traurig zu sein, wenn man Papa oder Mama verloren hat, und dass man gleichzeitig zuversichtlich ist, dass die Zeit der Traurigkeit auch einmal vorübergehen wird.

Wenn der verbliebene Elternteil selbst stark betroffen ist oder gar nicht präsent sein kann, braucht das Kind andere Menschen, die es möglichst schon gut kennt, und zu denen es Vertrauen fassen kann. Menschen, die einen Teil der elterlichen Aufgaben übernehmen und ihm die Gewissheit geben, dass es verlässlich versorgt ist. Sicherlich, die Gefühle von Angst und Verzweiflung können wir nicht wegreden, aber wir können ein Kind durch unser Dasein, durch unsere selbstverständliche Fürsorge erleben lassen, dass es nicht allein und nicht vergessen ist. Vielleicht gehört dazu auch der Schutz vor Spott und vor Hänseleien. Ein Kind wird sich in dieser Zeit nicht in der gewohnten Weise verteidigen und durchsetzen können. Schön, wenn es dann hören darf: "Daniel fühlt sich heute nicht so stark wie sonst. Er ist traurig, weil sein Bruder gestorben ist."

Kinder brauchen auch jetzt ein geregeltes Leben, brauchen ihren vertrauten Alltagsrhythmus, in dem Essen und Trinken, Spielen und Ruhen, Alleinsein und Zusammensein ihren selbstverständlichen Platz behalten. Das bedeutet nicht, dass der bisherige Tagesrhythmus um jeden Preis eingehalten werden muss. Aber ein Rahmen für den Alltag, in dem nicht alles in Frage steht, in dem bestimmte Dinge selbstverständlich bleiben, kann einem trauernden Kind manche Ängste und Verunsicherungen leichter machen.

Hilfreich sind Rituale. Es sind feste Punkte, von denen inmitten allen Aufruhrs Halt und Sicherheit und Ruhe ausströmen. Rituale bedürfen der Gemeinschaft, aber sie stiften auch Gemeinschaft. Sie helfen uns auf unserem Trauerweg und lassen uns neu zusammenwachsen. Rituale des Gedenkens, des Erinnerns, der Erzählens, des miteinander Redens. Da ist zunächst das große Ritual der Bestattung. Auch kleinere Kinder sollten an der Beerdigung teilnehmen, aber sie sollten dabei begleitet sein, seelisch und körperlich begleitet. Wichtig ist, dass sie etwas davon spüren, dass das Leben gehalten ist, dass wir gehalten sind, auch wenn wir weinen. Das "und" der Erfahrung ist wichtig. Ich bin traurig, und ich bin geliebt. Wir sind verzweifelt, und wir sind voller Hoffnung. Wir können diesen Tod nicht verstehen, und wir vertrauen darauf, dass Gott auch weiter mit uns ist.

Das, was Kinder wissen wollen, werden sie erfragen, und es ist wichtig, dass wir ihnen so ehrlich wie möglich antworten. Also keine Beschönigung, keine Beschwichtigung, kein Ausweichen. Sehr oft haben Kinder schon eine Antwort in sich, die ihnen in dieser Phase hilft. Wir werden diese Antwort hören, wenn wir danach fragen: "Wie stellst du dir das vor?" oder "Was denkst du darüber?" Wenn wir selbst unsicher sind, dann sagen wir dies. Ein "Ich weiß es nicht, aber ich stelle es mir so vor..." kann ein sehr schöner Gesprächseinstieg sein (Mehr dazu in Kapitel 8).

Später kann der Besuch am Grab zu einem Ritual werden oder das gemeinsame Erinnern vor einer brennenden Kerze beim Nachmittagstee oder vor dem Schlafengehen. Gerade die Abendstunden, in denen der Tag zu Ende geht und die Nacht kommt, haben etwas Friedvolles und Bergendes. Sie laden dazu ein, noch einmal nachzuspüren, was uns bewegt, was uns beschäftigt, was uns bekümmert, und wo wir gerade sind. Wenn die Hektik des Tages vorüber ist, noch einmal miteinander reden, noch einmal aufeinander hören. Hier ist oft eine ganz besondere Nähe und Achtsamkeit möglich. Vielleicht kann dieses Miteinander zum Schluss in einem Gebet aufgenommen werden und in einem Abendlied ausklingen und so zu einer Guten Nacht führen. Es ist eine tiefe Erfahrung von Geborgenheit, von jenem "Dies Kind soll unverletzet sein", von dem Paul Gerhardt singt:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen, auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so las die Englein singen:
"Dies Kind soll unverletzet sein."

(Evangelisches Gesangbuch 477, 1+8)


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6. Resonanz geben

Eine Mutmachgeschichte
 

Die Frage, wie wir Kindern in ihrer Trauer helfen können, löst oft Ängste aus. Um Gottes Willen, was sage ich? Wie antworte ich? Wie gehe ich mit einer leid-vollen Situation um? Ich möchte darauf mit einer zweiten Mutmachgeschichte antworten. Sie kommt, wie auch die erste Geschichte vom Besuch des Kindergartens im Krankenhaus, aus meiner Zeit als Klinikseelsorger. Diese Geschichte spielt zunächst einmal ganz in der Welt der Erwachsenen. Aber sie handelt von einer Erfahrung, von der wir alle leben, ganz gleich, wie jung oder wie alt, wie groß oder wie klein wir sind.
 

Mitgehen

In meiner Schreibtischschublade liegt ein Schächtelchen. Ich habe es vor vielen Jahren von einer Patientin bekommen, und das kam so. Ich hatte Frau U. kennengelernt, als sie in einem Zimmer unseres Krankenhauses lag. Sie eröffnete unser Gespräch mit den Worten: "Ich bin sehr schwer krank, ich habe Krebs. Ich weiß auch, dass ich an dieser Krankheit sterben werde, und ich weiß, welcher Weg mir bevorsteht. Welche Medikamente es gibt, welche Behandlungsmethoden, und welche Nebenwirkungen sie verursachen. Dennoch - ich will den Weg gehen, der vor mir liegt. Aber ich sehne mich danach, dass ich dabei nicht allein bleibe. Ich sehne mich danach, dass jemand mit mir geht."

Ich besuchte Frau U. etwa zweimal wöchentlich. Dabei überließ ich ihr den Rhythmus und das Thema unserer Gespräche. Ich versuchte, sie einfach an dem Punkt ernstzunehmen, an dem sie gerade war. Manchmal erzählte sie sehr viel, manchmal schwieg sie. Ich saß dann an Ihrem Bett, und manchmal hielt ich ihre Hand. Manchmal bat sie mich Frau U., von mir zu erzählen, von meiner Familie, von dem Leben, das sich draußen, vor ihrem Fenster, abspielte. An manchen Tagen ging sie weit zurück in ihre Kindheit und Jugendzeit, und an anderen Tagen blieb sie ganz im Erleben dieses Heute. Sie berichtete vom Aufwachen, von den türkischen Putzfrauen, die schon beim Morgengrauen das Zimmer sauber machten, vom Frühstück oder von der Visite. Manchmal stand die Trauer um das Verlorene im Vordergrund, manchmal der Zorn über das, was ihr zugemutet wurde, manchmal die Sehnsucht nach Erlösung.
 
 

Hell und Dunkel, Tag und Nacht

Die Herbstmonate vergingen. Es kam die Zeit des Advent. In diesen Wochen begleiteten uns Verse von Jochen Klepper. Der Schriftsteller und Liederdichter, in der Nazizeit mit einer jüdischen Frau verheiratet, musste einen Passionsweg gehen, einen Leidensweg, der im Dezember 1942 mit dem Suizid der Familie endete. In seinen Versen spiegelt sich etwas vom Auf und Ab seines Lebens, von seinem Glück und von seinen Schmerzen. Immer wieder geht es um Hell und Dunkel, um Tag und um Nacht, um Licht und um Finsternis. Vielleicht fühlte sich Frau U. deswegen so tief in diesen Zeilen verstanden:

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern,
so sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein,
der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Lange haben wir den Bildern dieses Liedes nachgespürt. Sie bestimmten viele Gespräche. Wie sieht meine Nacht aus und wie mein Tag? Wie buchstabiert sich meine Angst heute und welche Pein wartet wohl noch auf mich? Und vor allem: wird der Morgenstern auch mich finden und meine Not bescheinen?

Während der Wintermonate wurden die Schmerzen stärker. Die Krankheit nahm ihren Lauf. Frau U. bekam immer stärkere Mittel und war nur noch stundenweise wach und ansprechbar. In einem unserer letzten Gespräche gab sie mir ein Schächtelchen. Sie hatte es liebevoll in Geschenkpapier eingepackt und bat mich, es zu Hause zu öffnen.
 

Die Botschaft der Spieluhr

Dies tat ich dann. Ich löste das Band, packte die kleine Schachtel aus und öffnete sie. Heraus kam eine Spieluhr. Ich freute mich sehr an diesem Geschenk, denn es war die erste Spieluhr meines Lebens. Manchmal hatte ich Blumen oder Pralinen bekommen, aber eine Spieluhr hatte mir noch niemand geschenkt. Langsam begann ich, sie in meiner Hand zu drehen. Ich erkannte die Melodie. Es waren die Anfangstakte einer Filmmusik, die Musik aus dem Film "Der Clou". Eine Gaunergeschichte. Ein farbenfroher, lauter, lebensvoller Film.

Ich erinnerte mich, dass es in einem unserer ersten Gespräche um diesen Film gegangen war. Es war der letzte Film, den sie gesehen hatte, und so wurde er für sie zu einem Symbol für Gesundheit, für Vitalität, für Daseinsfreude. Schön, dachte ich, eine schöne Erinnerung an unser Kennenlernen.

Dennoch wurde ich den Gedanken nicht los: Irgendetwas fehlt. Frau U. will dir noch etwas anderes sagen, etwas, was du noch nicht verstehst. Aus einer Intuition heraus legte ich die Spieluhr auf meine Schreibtischplatte und begann noch einmal zu drehen. Auf einmal, auf einmal klang sie viel voller, viel stärker, viel getragener als vorher. Jetzt wusste ich, was mir meine Patientin sagen wollte. Meine Spieluhr klingt hohl und leer und verloren, wenn sie keine Resonanz findet, wenn ich sie zwischen meinen Fingern drehe. Findet sie aber Resonanz, dann gewinnt sie an Stärke und an Tiefe und an Kraft.

Die Spieluhr ist mir zum Gleichnis geworden. Wenn mich etwas bekümmert und bewegt und ich finde darin keine Resonanz, dann bleibt mein Lied schwach, einsam, dünn, kaum hörbar. Es ist ein verlorenes Lied! Wenn ich aber Resonanz finde, dann wird es voller und stärker und getragener.
 

Keine Resonanz

Die Lehrerin, Frau M., weiß, dass sie an diesem Morgen einen neuen Schüler in der Klasse hat. Fred ist mit seinen Eltern aus einem anderen Bundesland zugezogen. Sie geht auf den achtjährigen zu, der unsicher und verstört in einer Bank sitzt und begrüßt ihn sehr jovial. Aber den Jungen verschreckt diese Begrüßung mehr, als dass sie ihn freut. Frau M. bemerkt dies und sagt: "Ach komm, Fred, jetzt stell dich nicht so an. Wir sind hier eine ganz feine Klasse, und es wird dir bei uns sicher gefallen..."

Keine Resonanz. Nichts, was mitschwingt oder mitfühlt.

Pfarrer S. hat ein sechsjähriges Mädchen zu beerdigen. Er hatte die Eltern zu Hause besucht und von ihnen immer wieder die Frage gehört: "Warum hat Gott das zugelassen, dass unser Kind sterben musste?" In seiner Ansprache geht Pfarrer S. nun auf diese Frage ein und sagt: "Einen menschlichen Trost gibt es nicht. Aber einen göttlichen Trost gibt es. Der allmächtige Gott weiß, warum Ulrike sterben musste. Wollen wir uns ihm ganz anvertrauen..."

Keine Resonanz. Kein Mitfühlen und kein Mitgehen und kein Mitleiden. Steine statt Brot.

Frau A., die Leiterin eines Kindergartens, erlebt den vierjährigen Simon, den sie als ruhigen, fröhlichen Buben schätzen gelernt hat, auf einmal zerstörerisch und aggressiv. Er wirft mit Bauklötzen und droht den anderen Kinder immer wieder, er würde sie umbringen. Nach einem erneuten Streit schreit Simon Frau A. an. Er würde gleich machen, dass sie tot umfalle! Frau A erwidert: "Simon, so etwas ist sehr, sehr hässlich! Ich möchte es nie mehr hören! Nie mehr in unserem Kindergarten!"

Eine Aggression, die sicherlich ihre Ursache hat, wird mit einer Zurechtweisung beantwortet. Keine Resonanz. Nicht einmal der Versuch eines Verstehens.
 

Entlastung

Resonanz geben. Es ist eine Entlastungsgeschichte. Ich muss nicht in jeder Situation souverän sein. Ich muss nicht jeder Situation gewachsen sein. Ich muss nicht in jeder Situation eine Antwort oder eine Erklärung oder einen guten Rat geben. Es gibt Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Warum müssen kleine Kinder sterben? Ich kenne keine Antwort auf diese Frage. Die Antworten, die ich lese, machen mich nur wütend!

Warum müssen sich manche Menschen so sehr quälen, ehe sie sterben dürfen? Warum wird eine unschuldige Familie in einem Verkehrsunfall ausgelöscht? Fragen, Fragen, tausend Fragen. Und keine Antworten und keine Lösungen, und guter Rat ist wahrhaftig teuer. Aber immer, immer, gibt es Resonanz, immer gibt es so etwas wie Mitfühlen, Mitschwingen, Mitgehen, Mitleiden.

Eine Mutmachgeschichte. Gefragt sind nicht elegante Formulierungen. Gefragt sind nicht schnelle Antworten. Auch nicht richtige Erklärungen. Das alles sind Steine, von denen Trauernde nicht leben können. Unser Verstummen, unser Zögern, unser Mitweinen, unser Erröten, unser Nach-Worten-Suchen, unser Stammeln, unser Seufzen, unsere hilflose Berührung, vieles, was wir gemeinhin unter der Rubrik "peinlich, peinlich" einordnen, mag Resonanz sein. Es kommt von unserem Herzraum her und ist unendlich viel kostbarer als das, was von unserem Kopf her formuliert wird. Dem Fühlen vertrauen, nicht so sehr dem Denken, das stiftet Nähe.
 

Resonanz

Resonanz geben. Das folgende Gesprächsprotokoll, das in einem Kurs der Klinischen Seelsorgeausbildung entstanden ist, mag davon einen Eindruck geben. Es zeigt den Besuch einer Pfarrerin auf einer Kinderstation. Hier ist ihr Bericht:

"Als ich heute auf meine Station kam, verbrachte ich zuerst einige Zeit damit, mich umzusehen und zu prüfen, was sich seit meinem letzten Besuch geändert hatte. Dabei bemerkte ich in einem der größeren Zimmer einen etwa dreijährigen kleinen Jungen, der laut weinend auf dem Boden saß. Er war allein, und um ihn herum verstreut lagen Spielsachen. Ich ging auf ihn zu und bemerkte, dass sein ganzer Körper mit Ekzemen bedeckt war. Er musste wohl wegen einer Hautinfektion hier sein. Ich setzte mich zu ihm und begann das Gespräch
(P = Pfarrerin, J = Junge):

P: "Ich hörte dich weinen und bin gekommen, dich zu besuchen"

J: (Blickt mit einem sehr verängstigten Gesichtsausdruck auf und heult weiter)

P: "Ich setz´ mich ein bisschen zu dir, ja?" (Setzt sich auf den Boden neben den Jungen)

J: (weint weiter)

P: (Beginnt mit einem Plastikrädchen zu spielen, das in der Nähe lag)

J: (Beobachtet langsam und zaghaft, was die Pfarrerin macht. Das Weinen geht in ein Schluchzen über)

P: "Möchtest du es fangen?"

J: (Keine Antwort, aber er hört auf zu weinen und macht den Eindruck, als würde er gerne spielen)

P: (Rollt das Rad zu dem Jungen)

J: (Fängt es auf und dreht es um sich selbst)

P: "Willst du es wieder zu mir rollen?"

J: (Keine Erwiderung. Beschäftigt sich mit sich selbst)

P: "Bitte, roll' es doch zu mir, damit ich es auffangen und dann wieder zu Dir zurückrollen kann"

J: (Rollt das Rädchen zur Pfarrerin)

P: (Rollt das Rädchen zurück zu dem Jungen)

J: (Lässt das Rädchen liegen, krabbelt unter das Bett, holt einen roten Lastwagen hervor und fängt an, damit zu spielen)

P: (Schaut in Ruhe zu)

J: (Zeigt das Lastauto der Pfarrerin. Dabei deutet er auf eine Plastikfigur hinter dem Steuer, die wohl etwas verrutscht ist)

P: "Möchtest du, dass ich sie herausnehme?"

J: (Keine verbale Erwiderung, deutet aber weiterhin auf die Figur)

P: (Nimmt an, er möchte die Figur haben und versucht, sie herauszunehmen)

J: (Hilft der Pfarrerin, die Figur herauszunehmen)

P: "Ist dies der Lastwagenfahrer?"

J: (Keine verbale Erwiderung, aber er nimmt den Wagen, stößt ihn mit den Füßen gewaltsam durch das Zimmer und tritt ihn gegen die Wand. Dann nimmt er die Figur, setzt sie auf den Wagen und schlägt sie gewaltsam herunter) "Ich habe ihn niedergeschlagen!"

P: "Ja, das hast du"

J: (Wiederholt den Vorgang) "Ich habe ihn wieder niedergeschlagen!"

P: "Ja, du hast ihn wieder niedergeschlagen!"

J: (Lässt von der Spielzeugfigur ab, nimmt den Wagen, wirft ihn auf den Boden und tritt ihn ein zweites Mal gegen die Wand)

P: (Beobachtet ruhig)

J: (Nimmt den Wagen und die Figur in die Hand und lässt beide auf den Boden fallen und wiederholt diese mehrere Male)

P: (Schaut ruhig zu)

J: (Setzt sich auf den Boden, etwa einen Meter von der Pfarrerin entfernt, und schiebt ihr den Wagen zu, so wie er es mit dem Rädchen gemacht hatte)

P: (Fängt den Wagen auf und rollt ihn zurück)

J: (Spielt so einige Minuten lang weiter)

P: (Spielt mit)

J: (Völlig überraschend für die Pfarrerin bricht der Junge das Spiel ab, läuft zu ihr hin, springt auf ihren Schoß und legt beide Arme ganz fest um sie. Nach etwa zwei Minuten löst er die Umarmung und macht es sich auf ihrem Schoß bequem. Er schaut auf und lacht über das ganze Gesicht)

Resonanz geben. In einer ruhigen, geduldigen, mitgehenden, liebevollen Art und Weise. Resonanz geben. Eine Mutmachgeschichte und ein Mutmachgespräch.


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7. Trösten und Vertrösten


Trost und Vertröstung, die beiden sehen sich täuschend ähnlich, und dennoch liegen Welten zwischen ihnen. In diesem Kapitel wollen wir genauer hinsehen, um den Unterschied zu erkennen. Was ist Trost? Was ist Vertröstung? Biblische Beispiele sollen uns dabei helfen. Die Bibel ist ein Trostbuch. Sie macht Mut zur Trauer und verheißt denen, die sich zu ihrem Leid bekennen, dass sie getröstet werden.


Der feine Unterschied

Kein Zweifel, viele Menschen meinen es gut mit ihren trauernden Mitmenschen. Sie nehmen ihr Leid wahr, sie spüren ihren Schmerz, sie sehen ihr Aufgewühltsein und wollen ihnen hilfreich zur Seite stehen. Sie sagen dann vielleicht "Du musst nicht an diesen Verlust denken! Das macht dir nur das Herz schwer" oder sie sagen "Gönne dir doch etwas Gutes, mach´ mal richtig Urlaub, spann´ mal richtig aus, du wirst sehen, du bist dann ein ganz anderer Mensch!" Kein Zweifel, solche Äußerungen sind gut gemeint, aber sie sind nicht gut. Sie helfen nicht weiter. Sie vertrösten, wo sie trösten wollen.

Wo liegt der Unterschied? Vertröstungen gehen immer weg vom Gefühl, Trost hingegen bleibt beim Gefühl. Vertröstungen meinen, es gäbe eine Heilung ohne den Schmerz und an ihm vorbei. Trost weiß, Heilung gibt es nur durch den Schmerz hindurch. Vertröstungen lenken ab, klammern aus, schieben auf, nehmen Raum. Trost hingegen nimmt an, lädt ein, hört zu, gewährt Raum, nimmt ernst. Noch einmal in der Gegenüberstellung:


Vertröstungen 

Weg vom Gefühl: Schmerzliche Gefühle machen uns nur traurig und belasten uns unnötig! 

Also:

Trost 

Hin zum Gefühl: Das Durchleben schmerzlicher Gefühle und deren schrittweise Aufarbeitung ist wichtig! 

Also:

- Denke nicht an Dein Leid! Lenke dich ab, zerstreue dich, komme auf andere Gedanken - Las zu, was da ist, las deine Gedanken zu, las deine Gefühle zu und sieh´, wohin sie dich führen
- Sprich nicht über deinen Kummer, und falls du doch darüber sprichst, dann werde ich dich schon davon abbringen - Erzähle mir von deinem Kummer. Ich werde dir zuhören, und ich werde an deiner Seite bleiben
- Selig sind, die ihr Leid möglichst schnell vergessen, dann ist es nämlich vorbei - Selig sind, die sich zu ihrem Leid bekennen, sie werden getröstet werden
- Heilung geschieht am Schmerz vorbei - Heilung geschieht durch den Schmerz hindurch

Es lohnt sich, einmal auf die Formen zu achten, auf die Gewänder, in denen sich Vertröstungen zeigen. Oft sind es ganz einfach Zurückweisungen: "So musst du nicht reden!" oder "Deine Tränen sind unberechtigt" oder "Du darfst nicht immer so traurig sein!" Oft sind es Verallgemeinerungen: "Denke doch an die vielen Menschen, denen es ähnlich geht!" oder "Du bist nicht der einzige, der so Schlimmes erlebt!" Oft sind es Beschwichtigungen: "Du wirst sehen, in ein paar Monaten sieht alles wieder ganz anders aus!" oder "Du musst ein bisschen Geduld haben, das wird schon wieder werden" Bei Kindern sind es sehr oft emotionale Verpflichtungen: "Wie kannst du nur so reden?!" oder "Wenn dich jetzt dein Vater hören würde, was der wohl sagen würde...!" oder "Meinst du denn, der liebe Gott mag das, was du jetzt gesagt hast?!"

Immer sind es Äußerungen, die dem anderen vermitteln: Dein Gefühl ist unberechtigt, es ist nicht einfühlbar, es ist nicht in Ordnung, es hat keinen Platz. Tröstende Äußerungen hingegen haben immer einen annehmenden, einladenden, gewährenden, ermutigenden Klang: "Erzähl´ mir doch ein bisschen von deinem Kummer!" oder "Willst du mir sagen, was dich bedrückt?" oder "Es ist schön, dass du mir deine Tränen zeigst" oder "Was macht dich so zornig?"

Die Hioberfahrung

In den Kapiteln des biblischen Hiobbuches ist fast urbildhaft dargestellt, worum es geht. Hiob war ein frommer, rechtschaffener und wohlhabender Mann. Dann aber wird ihm alles aus den Händen geschlagen, sein Vieh, seine Knechte, sein Besitz, seine Familie, seine Gesundheit, alles. Er sitzt in der Asche. Mutterseelenallein. Mit einer Scherbe schabt er sich seine Geschwüre. Da hören seine Freunde von ihm. Sie wollen ihm nahe sein und machen sich auf den Weg, um ihn zu trösten. Und dann heißt es:

"Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn kaum wieder. Sie erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und setzten sich zu ihm und saßen mit ihm auf der Erde, sieben Tage und sieben Nächte, und redeten nichts, denn sein Schmerz war sehr groß..." (Hiob 2,12f)

Hier ist alles gesagt. Die Freunde sehen ihn von Ferne. Kaum, dass sie ihn erkennen, so entstellt ist er. Aber sie kehren nicht um. Sie gehen zu ihm. Und sie setzen sich zu ihm und halten bei ihm aus. Sie spüren es wohl, dass es für dieses Leid keine Worte gibt. Aber Nähe, Gegenwart, Dasein, das gibt es. Und so bleiben sie.

Später, so erzählt das Hiobbuch weiter, werden sie ihren Mund öffnen. Sie werden lange Reden halten. Erklärungen werden sie suchen für Hiobs Leid. Gott werden sie verteidigen, und Himmel und Erde werden sie anrufen und immer neue Argumente auftürmen, die das Unverständliche verstehbar machen wollen. Und Hiob hält es nicht mehr aus. Er fällt ihnen ins Wort und schleudert ihnen entgegen:

"Ihr seid mir leidige Tröster! Vertröster seid ihr! Wollen eure leeren Worte denn kein Ende nehmen?" (16,2f) Und dann: "Hört mir doch zu, und lasst mir das euren Trost sein..." (21,2)

Zuhören. Die Grundform des Tröstens. Menschen, die viel verloren haben, sind empfindsam gegenüber leeren Worten und hohlen Floskeln.
 

Drei Grundsätze
 

Natürlich ist das persönliche Element in der Trauerbegleitung unendlich kostbar. Natürlich soll unsere ganz individuelle Handschrift ihren Platz darin haben, unsere Spontaneität und unsere Intuition. Nichts wäre schlimmer als ein starres Regelwerk. Dennoch scheint es hilfreich, sich einiger weniger Grundsätze zu erinnern.

1. Zum Schmerz hin

Erfahrungsgemäß verhalten sich die meisten Menschen genau umgekehrt. Sie meinen, etwas Gutes zu tun, wenn sie Trauernde von ihrem Schmerz wegführen. Aus dieser Richtung kommen die vielen guten Ratschläge in Richtung Ablenkung und Zerstreuung und Aufheiterung und Vergessen. Die vielen Überredungen à la "Mach doch mal..." und "Tu doch mal..." und "Sei doch mal..." Es sind Vorschläge zur Geschäftigkeit und Betriebsamkeit, als könnte man so dem Schmerz entrinnen. Also: "Kauf´ dir doch was Schönes!", "Gönn´ dir doch was Neues!", "Geh´ doch ab und zu mal aus und lerne andere Leute kennen!", "Schau´ doch mal, was du sonst an Spielsachen hast!", "Vergiss doch bitte nicht, was dir alles noch bleibt!", "Jetzt könntest du doch die Weltreise machen, von der du schon lange träumst" usw usw.

Was steht hinter diesem großen Bedürfnis nach Ablenkung? Es ist wohl die eigene Furcht. Die Furcht, sich dem Schmerz des anderen stellen zu müssen, seine Fragen aushalten zu müssen, seine Tränen, seinen Kummer, seine Klagen. Und - noch eine Ebene tiefer - es ist wohl die Furcht, auf diese Weise auch der eigenen Gefährdung und Begrenztheit und Vergänglichkeit zu begegnen. Der Verlust eines anderen Menschen erinnert mich immer daran, wie verletzlich auch mein eigenes Leben ist. So haben die guten Ratschläge zur Ablenkung immer zwei Adressaten. Sie sollen mein Gegenüber beruhigen und sie sollen mich selbst beruhigen!

Das Problem ist, dass diese "Weg vom Schmerz" - Parole nicht funktioniert. Ich kann mich in Arbeit stürzen, ich kann alle Zerstreuung der Welt suchen, ich kann zum entferntesten Punkt der Erde reisen, meine Trauer wird wie ein Schatten mit mir gehen. Sie wird sich immer wieder bemerkbar machen und mich - einmal leiser und einmal lauter - daran erinnern: "Du, ich bin noch da, ich bin immer noch da!"

Hilfreich, heilend, tröstlich ist nur der andere Weg: hin zum Schmerz. Also achtsam sein für meine Gefühle, aufmerksam sein für meine Erinnerungen, freundlich sein zu meinem Kummer, liebevoll sein zu dem, was weh tut. Kundige Begleiter und Begleiterinnen werden - mit aller Behutsamkeit - beim Schmerz verweilen und zum Schmerz hinführen. Also: "Erzählen Sie mir doch bitte noch einmal, wie das war, als Ihr Kind krank wurde..." oder "Was ist in jener Nacht geschehen?" oder "Woran denkst du, wenn wir das Bild von Papi anschauen?" oder "Erinnerst du dich noch an die Beerdigung?"

Vielleicht spüren Sie jetzt, schon beim Lesen, das solche Impulse weh tun. Aber es ist ein Schmerz, der zur Heilung gehört. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns ihm stellen.

2. Fließen lassen

Im Amerikanischen gibt es ein Sprichwort "Don't push the river!" Du musst den Fluss nicht anschieben! Du musst ihn nicht anschieben, denn er fließt von selbst! Damit ist die eine Gefahr benannt. Es tut nicht gut, wenn ich "pushy" bin, wenn ich einen trauernden Menschen bedränge, wenn ich ihm zusetze, wenn ich Druck auf ihn ausübe. Er oder sie wird sich wehren, wird vielleicht das Gespräch abbrechen oder auf ein anderen Thema wechseln und dabei jedes Zutrauen zu mir verlieren. Trauer braucht Zeit, braucht Geduld, braucht einen langen Atem.

Das andere Extrem heißt "Don't stop the river!" Du musst den Fluss nicht stauen. Du musst keinen Damm errichten. So würde Trauer nur angehalten, kaum dass sie in Bewegung gekommen ist. Es könnte nicht mehr fließen, nicht mehr weiterfließen, es würde sich stauen.

Das gilt nicht nur im Blick auf andere, dies gilt auch, wenn ich selbst in Trauer bin. Es tut nicht gut, wenn ich mich selbst zu etwas dränge, was noch nicht ansteht. Es tut aber auch nicht gut, wenn ich eine Bewegung aufhalte, für die die Zeit gekommen ist.

Es ein gutes Bild: Ein Fluss fließt von selbst. Von selbst bestimmt er das Tempo und den Rhythmus und die Bewegung seines Fließens. Mit unserer Seele ist es ganz ähnlich. Seelische Regungen wollen fließen und finden dabei ihre eigene Intensität und ihren Rhythmus und ihre Gestalt. Das gilt für unsere Freude, das gilt für unseren Kummer, das gilt für unser Lachen und für unser Weinen. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen zu manipulieren. Wenn wir zensieren und kontrollieren, wenn wir unterdrücken und stauen, oder wenn wir zu sehr pressen und drängen.

Kleine Kinder haben sich an dieser Stelle noch ihre Unbekümmertheit bewahrt. Sie können es noch fließen lassen, ihre Tränen fließen lassen, ihre Wut fließen lassen, ihre Eifersucht, ihre Angst, alle ihre Gefühle. An einem Kind können wir noch etwas von der Selbstheilungskraft unserer Seele beobachten. Es schreit seinen Zorn heraus, es weint seinen Kummer heraus, und wenn es das alles tun darf, ohne von außen bedrängt zu werden, dann hat es sich auch ausgeschrieen und ausgeweint und ist für ein neues Erleben bereit. "Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt" - Kinder haben sich noch beides bewahrt. Sie können himmelhoch jauchzen, weil sie auch zu Tode betrübt sein können. Wir Erwachsenen haben mit dem einen oft auch das andere verloren.

3. Ausdrücken, was sich eindrücken will

Dies ist der dritte Grundsatz. Er gilt auch zu ganz normalen Zeiten. Es tut gut, wenn wir uns ausdrücken können. Es tut nicht gut, wenn allzu vieles eingedrückt bleibt. In Krisenzeiten wird dieser Grundsatz lebenswichtig, ja überlebenswichtig. Unseren Kummer ausdrücken, unsere Angst ausdrücken, unsere Traurigkeit ausdrücken, unseren Zorn ausdrücken. Sich ausdrücken. Nicht nach innen weinen, sondern nach außen weinen. Nicht nach innen schreien, nach außen schreien. Nicht nach innen schimpfen, nach außen schimpfen. Nicht implodieren, sondern explodieren.

Wenn wir unsere Gefühle ständig hinunterschlucken, dann sind wir ganz verschluckt. Wenn wir immer nur eindrücken, dann bleibt es in uns ganz verdrückt. Wir spüren dies bis ins Körperliche hinein. Unsere Sprichworte geben etwas davon wieder. Wir werden engstirnig, weil wir vom Kopf her ständig zensieren. Ver-bissen werden wir im Kieferbereich, weil wir ja nicht frei reden können. Wir werden hals-starrig, weil unsere Halsmuskeln ständig krampfen, um alles unter Verschluss zu halten und hart-näckig im Schulterbereich, weil wir dort so viel tragen müssen. Wir werden hart-herzig, weil es dort, im Herzraum nicht abfließen kann. Und kein Wunder, dass es sich bei all dem Gefühlsgedränge im Bauchraum ver-stopft.

Wir Erwachsenen drücken uns vor allem sprachlich aus. Wenn wir aussprechen, was uns belastet, dann ist dies immer auch ein heraus-sprechen. Mit unseren Worten sprechen wir auch etwas von unseren Schmerzen und von unserem Leid heraus. Und so, wie es ein Heraus-sprechen gibt, gibt es auch ein Heraus-weinen, ein Heraus-schimpfen, ein Heraus-schreien.

Von unseren Kindern können wir allerdings lernen, dass es über die verbale Ebene hinaus noch viele andere Möglichkeiten des Ausdrucks gibt. Kinder - darüber später mehr - drücken sich etwa in einer Bewegung aus oder in einer Körperhaltung oder in einer Gebärde oder im Spiel oder im Seufzen oder im Grimassieren oder im Summen oder im Jammern. Ausdrücken, was sich eindrücken will. So heißt die Grundbewegung. Je mehr Ausdrucksmöglichkeiten wir dabei zur Verfügung haben, desto leichter tun wir uns in den großen und kleinen Krisensituationen unseres Lebens.
 

"Selig, die sich zu ihren Leid bekennen..."

Manche meinen, zum christlichen Glauben gehöre das geduldige und stumme und ergebene Aushalten und Annehmen allen Leides. Solche Anklänge finden sich auch tatsächlich in der Heiligen Schrift. Sie kommen aber mehr von außen her, etwa von der griechischen Philosophie der Stoa, und gehören nicht zur Mitte der Bibel. Hier, in der Mitte der Bibel, steht die zweite Seligpreisung der Bergpredigt. Sie ist so etwas wie eine Zusammenfassung all dessen, was zum Thema Trauer zu sagen ist. Dabei wählt Martin Luther eine sehr verinnerlichte Übersetzung "Selig sind die Leidtragenden..." (Matthäus 5,4). Im Urtext heißt das Wort "klagen, jammern". Es weist auf den Schmerz hin, der herausgeschrieen, herausgeweint, herausgerufen wird. Man führe sich nur die Trauerbilder vor Augen, die wir heute immer wieder aus dem Nahen Osten sehen. "Selig sind, die sich zu ihrem Leid bekennen und es lauthals hinausschreien..." So könnte man besser übersetzen. Und die, die solches tun, die werden getröstet werden.

Hinter dieser Passivwendung steht die fromme jüdische Tradition, den Namen Gottes zu umschreiben. "Selig, die sich zu ihrem Leid bekennen und es lauthals hinausschreien," so lautet also die Verheißung, "Gott wird sie trösten." Unser Leid rührt Gott an. Unsere Schmerzen gehen ihm an´s Herz. Gott schenkt uns die Trostkräfte, die wir brauchen. So lautet die christliche Botschaft.

Neben dieser Verheißung gibt uns die Bibel noch ganz konkrete Hilfen für unsere Trauerarbeit. Da ist zunächst einmal die Klage des Alten Testamentes. In der Klage hat sich das Aussprechen von Trauer eine eigene Form geschaffen, ja die Klage ist Sprache gewordene Trauer. In einer unvergleichen Weise zeugt sie von der menschlichen Fähigkeit, sich auch im dunkelsten Leid noch mitteilen zu können.

Hören wir einmal in eine solche Klage hinein. Achten wir dabei darauf, wie es in immer neuen Bildern aus dem Beter herausbricht, wie es sich aufbaut und auftürmt und dann loslässt. Achten wir auf die sprachliche Kraft und auf die Schönheit, die Poesie dieser Strophen. Achten wir darauf, mit welcher Intensität die leib-seelischen Zusammenhänge nachgezeichnet werden. Achten wir auch auf die Nähe und Vertrautheit, die bei aller Ausweglosigkeit und Verzweiflung aus diesen Zeilen spricht:

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe...
Gewaltige Stiere haben mich umgeben,
mächtige Büffel haben mich umringt.
Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf
wie ein brüllender und reißender Löwe.
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst;
mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.
Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe,
und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.
Denn Hunde haben mich umgeben,
und der Bösen Rotte hat mich umringt;
sie haben meine Hände und Füße durchgraben.
Ich kann alle meine Knochen zählen;
sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.
Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand..."

(Psalm 22, 2-3 und 13-19)

Es ist nur eine einzige Aussage, die sich in immer wieder neuen Wendungen ausdrückt: Ich fühle mich ganz allein, ich fühle mich ganz verlassen, von Gott und den Menschen fühle ich mich verlassen. Ich bin ganz, ganz unten.

Eine Weile fließt das so aus dem Klagenden heraus, und dann auf einmal, oft ganz abrupt, kommt ein Wechsel. Mit einem Mal endet die Klage, und unmittelbar darauf folgt ein Bekenntnis der Zuversicht oder ein Lobpreis. "Du, Gott, hast meine Klage in einen Reigen verwandelt," heißt es im 30. Psalm, "du hast meinen Trauersack ausgezogen und mich mit Freude gegürtet." Es ist wie das Zu-Tode-betrübt sein und Himmelhoch-jauchzen-können unserer Kinder. Wer das eine kann, der kann auch das andere. Wer überschwänglich trauern kann, der kann sich auch überschwänglich freuen. Wo gezagt wird, da kann auch gehofft werden. Das Zutrauen zum einen und das Zutrauen zum anderen gehören zusammen. Wo viel Reichtum nach der einen Seite ist, da ist auch viel Reichtum nach der anderen Seite!

Sich zu seinem Leid bekennen. Vielleicht können uns die Klagepsalmen Mut machen, aus dem Verstummen herauszufinden und unsere Sprachlosigkeit zu überwinden. Warum nicht einen trauernden Menschen einladen, einen Klagepsalm zu schreiben, seinen Klagepsalm zu schreiben? Warum in Zeiten der Trauer nicht selbst zur Feder greifen, und es aus sich herausfließen lassen?

Etwas aufzuschreiben, das gehört sicher zur Trauerarbeit der Erwachsenen. Mit einer anderen biblischen Trauergestaltung nähern wir uns wieder den Möglichkeiten der Kinder. Dazu kehren wir noch einmal zu dem Bericht aus dem Hiobbuch zurück. Die Freunde Hiobs, so erinnern wir uns, setzen sich zu ihm und bleiben bei ihm. Achten Sie jetzt bitte darauf, was dabei noch geschieht:

"Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn kaum wieder. Sie erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und setzten sich zu ihm und saßen mit ihm auf der Erde, sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts, denn sein Schmerz war sehr groß..." (Hiob 2,12f)

Sie erhoben ihre Stimme. Sie weinten. Sie zerrissen ihre Kleider. Sie warfen Staub gen Himmel. Sie warfen Staub auf ihr Haupt. Sie saßen mit ihm auf der Erde.

Sich zu seinem Leid bekennen. Neben der Klage kennt die Bibel noch eine ganze Reihe von Äußerungsformen für Trauernde und Mittrauernde, die sogenannten Trauerriten. Riten, etwa, die die Kleidung betreffen: Kleidung wird zerrissen, das Kopfband wird abgelegt, die Schuhe werden ausgezogen, man hüllt sich in ein Trauertuch. Dann Riten, die leiblich vollzogen werden: sich das Haar raufen, sich das Haar scheren, sich den Bart stutzen, Staub auf den Kopf werfen, sich an die Brust schlagen, sich die Haut aufritzen, fasten. Schließlich Riten, die sich in einer bestimmten Körperhaltung ausdrücken: sich auf den Boden setzen oder legen, sich in den Staub setzen, sich im Staub wälzen.

Nein, wir können nicht Bräuche einfach wiederbeleben, die längst gestorben sind. Aber wir können darauf achten, wie wir heute Trauer gestalten. Können uns zu eigenen Riten anregen lassen. Wir müssen nicht bei der Verlegenheit und bei der Ausdrucksarmut stehen bleiben, die heute so weit verbreitet sind. "Selig, die sich zu ihrem Leid bekennen, sie werden getröstet werden!" Darum geht es.


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8. Mit trauernden Kindern sprechen


Kinder auf ihrem Trauerweg begleiten. Kindern in ihrer Trauer Resonanz geben. Kindern beim Ausdruck ihrer Trauer helfen. Mit Kindern reden, auf ihre Fragen eingehen, mit ihnen beten. Darum soll es in diesem Kapitel gehen. Dennoch ist es sinnvoll, nicht sofort bei den Kindern einzusetzen, sondern unsere Aufmerksamkeit zunächst auf uns selbst zu richten. Bei uns selbst, bei den Erwachsenen, anzufangen. Eine alte Erzählung soll uns dabei helfen.


In einem chinesischen Dorf hatte es monatelang nicht mehr geregnet. Der Boden war ganz aufgerissen und ausgedorrt. Die Wasservorräte gingen zu Ende. Mensch und Tier litten entsetzlichen Durst. Was tun? In ihrer Verzweiflung ließen die Bewohnerinnen und Bewohner nach einem Regenmacher rufen. Der kam auch und baute sich am Rande des Dorfes eine Hütte. Dann bat er um etwas Brot und etwas Wasser und vor allem um Ruhe. Bald begannen die Dorfbewohner unmutig zu werden. Er tut ja nichts! Er hat sich eingeschlossen und lässt den Dingen ihren Lauf! So lud sich die Stimmung auf. Nur mit Mühe konnten die Ältesten die anderen davor zurückhalten, die Hütte am Rande des Dorfes zu stürmen. Da endlich, am vierten Tag, begann es zu regnen. Die Menschen stellten den seltsamen Mann zur Rede. Wie in aller Welt ist das zu erklären?? Du hast nichts getan! Du hast nichts unternommen! Du hast dich bei Wasser und Brot in deiner Hütte eingesperrt und hast dich um nichts gekümmert! Und doch begann es zu regnen, und auf einmal haben wir Wasser. Wie war das möglich? "Ich habe dafür gesorgt", antwortete der Regenmacher, "dass ich heil wurde. Und als ich heil wurde, wurde die Natur heil. Und als die Natur heil wurde, begann es zu regnen."

Eine archaische Geschichte. Und dennoch vermag sie uns zum Gleichnis zu werden. Wenn wir selbst heil-los sind, wenn wir selbst innerlich in Aufruhr sind, wenn wir selbst zu sehr belastet und beschädigt sind, dann werden wir unseren Kindern nur schwer etwas Heiles und Heilendes vermitteln können. Die erste Verantwortung haben wir deshalb für uns selbst. Dass wir selbst einigermaßen im Reinen, einigermaßen im Frieden, einigermaßen versöhnt sind. So möchten wir Sie gerade auch an dieser Stelle, wie schon an vielen Stellen vorher, zu diesem liebevoll prüfenden Blick auf sich selbst ermutigen. Vielleicht entdecken Sie dabei, dass Sie zunächst einmal etwas für sich selbst brauchen. So etwas wie - in den Bildern der Geschichte - ein behütetes Haus und Wasser und Brot.

Wer andere in ihrer Trauer begleiten will, ist immer zuerst selbst angefragt: Wie gehst du mit deiner eigenen Trauer um, mit deinen eigenen Tränen, mit deiner eigenen Angst, mit deinem eigenen Zorn? Aber auch: Was gibt dir Hoffnung und Zuversicht durch alles Sterben und durch alle Trauer hindurch? Noch einmal: Je freier, je offener, je versöhnter wir an dieser Stelle sind, desto besser werden wir in der Lage sein, anderen Resonanz zu geben und sie an den Punkten ihrer Not hilfreich zu begleiten. Nur wenn wir selbst sicheren Boden unter unseren Füßen spüren, wenn wir selbst gut verwurzelt sind, werden wir Menschen beistehen können, die ihren festen Boden verloren haben oder sich ganz entwurzelt fühlen. Hilfreich für sie beistehen können und befriedigend und erfüllend für uns selbst. Nichts ist tröstlicher für Kinder, als wenn sie sich im Glauben der Erwachsenen bergen können. In der Gewissheit, dass Gott sich kümmert. Dass Menschen nicht, auch nicht durch den Tod, aus seiner Liebe herausfallen können. Dass Trauer und Tränen und Schmerzen ihre Zeit und ihr Recht und ihren Sinn, aber dass sie auch ihre Grenze haben, und dass das Leben weitergeht.
 

Was uns das Kind entgegenbringt

Jemand ist gestorben. Vielleicht die Mama oder der Papa oder das Brüderchen oder die Schwester eines unserer Kinder. Es gibt zwei Fragen, mit denen wir Erwachsene uns in einer solchen Situation gern unter Druck setzen. Die eine heißt: Um Himmels willen, was sage ich jetzt? Und die andere heißt: Um Himmels willen, was tue ich jetzt? Wenn sich der Druck verstärkt, dann antworten wir mit einem "Programm": Aha, das muss ich jetzt tun, das muss ich jetzt sagen, erstens, zweitens, drittens, usw. Es hilft schon, wenn es mir gelingt, den Druck wegzunehmen. Wenn ich mir selbst innerlich ein "Halt" zurufen kann. Halt, keine Hektik, keine Panik, kein Programm! Ich muss gar nichts tun! Ich muss gar nichts sagen! Ich warte zunächst einmal ab, was mir das Kind entgegenbringt. Was es mir sagt, zeigt, andeutet, erzählt. Ich höre zu und nehme wahr, wie das Kind mit seiner Trauer umgeht. Ganz oft genügt es, wenn wir einfach da sind, ruhig, liebevoll, einfühlsam da sind.

"Die Männer sind gekommen," sagt der fünfjährige Axel, dessen kleine Schwester gestorben ist, "und haben Mira in eine Truhe gelegt und sie zugedeckt, damit ihr nicht kalt ist. Dann haben sie die Truhe mitgenommen, und morgen tun wir dann die Truhe vergraben."

Axel ist mit dieser Beobachtung völlig zufrieden. Sie "stimmt" für ihn, sie genügt ihm, und darin nehmen wir ihn ernst und nehmen ihn an. Nichts wäre verkehrter, als darauf mit einem Programm der Berichtigung oder der Belehrung oder der Vertiefung oder der Verkündigung zu antworten. Wir können auf diese Aussage mit einem teilnehmenden "Aha" oder einem "Hmhm" oder einem "Ach so" antworten, und diese Reaktion gibt Axel Resonanz. Er weiß dann: "Ich bin gehört worden!" und "Ich bin wahrgenommen worden!" und "Das, was ich erzählt habe, ist angekommen!"

Auch wenn Kinder Fragen stellen, liegt oft schon eine ganz persönliche Antwort in ihnen bereit, eine Antwort, die ihnen für den Moment genügt. Wichtig ist, dass wir uns für diese Antwort interessieren. Die sechsjährige Anne erzählt, dass sie mit ihren Eltern auf den Friedhof geht und ihren kleinen Bruder Kalli besucht. An einem Tag, an dem es fürchterlich regnet, und an dem manche Kinder morgens ganz durchnässt ankommen, fragt Anne die Kindergärtnerin: "Du, Frau Wolf, du, meinst du, dass mein Bruder aufweicht, wenn es immer regnet." Frau Wolf wartet eine Zeit lang und antwortet: "Hm, was meinst du denn, Anne?" Anne überlegt, und man kann förmlich spüren, wie es in ihr arbeitet. Dann sagt sie: "Ich glaube nicht". Frau Wolf wartet wiederum ein bisschen und fragt zurück: "Und wie kommst du jetzt darauf?" Und wieder arbeitet es in Anne, und dann sagt sie: "Mein Papa erlaubt das nicht, dass mein Bruder aufweicht."

Stellen Sie sich vor, Frau Wolf hätte von sich aus eine Antwort gegeben. Niemals hätte sie diese Dichte und Einfachheit erreichen können, die Anne für sich selbst gefunden hat. Mein Bruder, das sagt Anne im Grunde, ist immer noch in der Liebe unserer Familie geborgen. Aber wie trocken, wie hölzern klingt diese "erwachsene Übersetzung" im Vergleich zu Annes Formulierung.

Helga ist vier Jahre alt. Eines Tages kommt sie vom Kindergarten nach Hause und erzählt, dass die Mutter von Alexander, eines der Kinder aus ihrer Gruppe, gestorben ist. Eine gute Stunde später, beim Abendessen, sagt Helga aus tiefster Überzeugung: "Wenn man tot ist, dann fliegt die Seele in den Himmel!" Wie sollen die Eltern darauf reagieren? Sollen sie Helga erzählen, dass sie selbst gar nicht so viel mit einem solchen Himmel anfangen können? Sollen sie ihr zu erklären versuchen, dass die Idee einer Trennung von Leib und Seele im Tod nicht eigentlich christlichen, sondern vielmehr griechischen Ursprungs ist? Wir merken, wie unsinnig ein solches Unterfangen wäre. Aber wie sonst reagieren? Sollen sie zustimmend "Ja, so ist es" sagen oder korrigierend "Nein, so ganz stimmt das nicht!"? Wozu würde eine solche Reaktion führen? Im Moment hat Helga doch für sich eine Erklärung gefunden, die ihr hilft, mit der Todesnachricht aus ihrer Gruppe umzugehen. Und später einmal wird sie für sich entscheiden, wie sie diese Aussage ergänzen oder korrigieren will. Helgas Vaters reagiert sehr einfach und liebevoll, indem er zurückfragt: "Stellst du dir das so vor?" Darauf Helga "Ja, so stelle ich mir das vor", und das Gespräch geht zu anderen Themen über.
 

Exkurs: Was kommt nach dem Tod?
 

Für die Hebräische Bibel, das Alte Testament, ist das Ziel des Menschen, "alt und lebenssatt" zu sterben. So geht etwa Abrahams Leben zu Ende (1. Mose 25,8), so stirbt Isaak (1. Mose 35,29). Gott wird dabei zunächst einmal nur als Gott der Lebenden gesehen. Aus der Beziehung zu diesem Gott der Lebenden fällt der Tote hinaus. Mit bewegenden Worten beklagt das "Lied des Königs Hiskia" (Jesaja 38,10-20) ein frühes Sterben, beklagt aber vor allem das Getrenntsein von Gott in diesem Sterben:

"Nun muss ich zu des Totenreichs Pforten fahren in der Mitte meines Lebens, da ich doch hoffte, noch länger zu leben. Nun werde ich den Herrn nicht mehr schauen im Lande der Lebendigen... denn die Toten loben dich nicht, und die in die Grube fahren warten nicht auf deine Treue..."

Noch vor Christus wird die Hoffnung laut, dass mit dem Tod doch nicht alles aus ist. Dass Gottes Liebe weitergeht! Es sind einzelne Stimmen, zurückhaltende Stimmen, Stimmen, die auf jedes Ausmalen verzichten. Stimmen, die lediglich an dem Du Gottes festhalten und dort ein Vertrauen verankern, das über das Sterben hinausweist:

"Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei deiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil..." (Psalm 73,23-26)

Die Ostererfahrung des Neuen Testamentes treibt diese Hoffnung noch ein ganzes Stück weiter. Das letzte Ziel des Christen ist nicht der Tod, sondern das Leben, ein unzerstörbares, ein ewiges Leben. Die Bibel bedient sich an dieser Stelle einer sehr bildreichen Sprache, wobei alle Bilder - so unterschiedlich sie sein mögen - Freude, Ganzheit und Heil ausdrücken. Es ist ein Leben in Fülle:

- ein Bräutigam wartet auf seine Braut

- eine Hochzeitsgesellschaft feiert fröhlich und ausgelassen

- das neue Jerusalem wird sichtbar, eine Stadt voller Schönheit

- lebendiges Wasser kann man schöpfen, klar und erfrischend

- ein Baum des Lebens steht vor uns, voller immerwährender Grünkraft

Bilder, die jene Gemeinschaft ausmalen, die wir aus dem 73. Psalm kennen. Dort war sie ja lediglich benannt worden. Voller Hoffnung und mit Vertrauen. Jetzt kommt die Erfahrung mit Jesus dazu. Dass da einer war, der Hungrige speiste, der sich zu Kranken hinabbeugte, der sich durch Trauer anrühren ließ, der Kinder liebte, der Falschheit beim Namen nannte und Ausbeutung geißelte, der die Verzweifelten zu sich rief und die aufrichtete, die man beleidigt hatte. Ein Stück Himmel auf Erden.

Mit dieser Erfahrung hofft man nun auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Ein Leben in Gemeinschaft mit Gott, versöhnt und befreit. Ohne Tränen und ohne Schmerzen und ohne Gewalt (siehe etwa Römer 8,19ff. und Offenbarung 21,3-4). An manchen Stellen freilich verzichtet das Neue Testament auf jede Ausschmückung und bringt die Hoffnung auf eine kurze Formel: "Gott wird alles in allem sein" (1. Korinther 15,28) oder eine kurze Schlussfolgerung: "Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben sind wir des Herren" (Römer 14,8). Oder sie bringt diese Hoffnung auf einen einzigen Punkt: "Bei Christus sein". So heißt es einmal bei dem Apostel Paulus: "Ich habe Lust zu sterben und bei Christus zu sein" (Philipper 1,23).

Was kommt nach dem Tod? Die Bibel antwortet, so können wir zusammenfassen, auf diese Frage nicht einstimmig, sondern mehrstimmig. Sie ist reich an Vorstellungen und Bildern und kommt damit den Kindern sehr entgegen. Denn auch sie denken, wünschen und fühlen in Bildern und nicht bildlos und abstrakt. Dabei gibt uns die biblische Vielfalt die Freiheit, auch unsere Hoffnung ganz persönlich und in ganz unterschiedlichen Farben und Formen auszudrücken. Wir können dabei auf die Bilder der Bibel zurückgreifen, wir können uns an sie anlehnen, wir können aber auch nach eigenen Hoffnungsbildern suchen.

Zu den ersten Hoffnungsbildern eines Kindes gehört der "Himmel". Gott wohnt im Himmel, sagen Kinder und meinen damit zunächst einmal einen Ort, der eine große Faszination ausübt. Auch wir Erwachsenen schauen ja manchmal nach oben und staunen über die Tiefe und die Weite des unendlichen Blau. Wir schauen dem Spiel der Wolken zu und kommen ins Träumen. Etwas in unserer Seele wird dabei angesprochen. Unter diesem weiten Himmel können wir uns ganz leicht verlassen und vergessen fühlen, aber auch aufgehoben und geborgen.

Wenn Kinder vom "Himmel" sprechen, dann kennen sie noch nicht diese Doppelwertigkeit. Gott wohnt im Himmel, sagen sie und meinen damit nur eines: In dieser Welt kann nichts verloren gehen, in dieser Welt ist alles geborgen. Alle Erfahrungen, alle Wünsche und alle Ängste sind darin aufgehoben. Es gibt Kummer und Traurigkeit auf dieser Welt, aber ihnen ist eine Grenze gesetzt. Im Mund von Kindern ist "Himmel" ein Wort unbedingten Vertrauens. Es ist ein ähnliches Vertrauenswort wie das frühere "Mama" oder "Papa". So wie diese ersten Worte für die unbedingte Verlässlichkeit des Lebens stehen, so steht Himmel für die unbedingte Verlässlichkeit der Welt. Wenn Kinder nach oben schauen und sagen "Dort wohnt Gott", dann haben sie einen Ort, an dem sie dieses Vertrauen festmachen können.

Wo sind unsere Toten? Wir Erwachsenen antworten darauf gerne mit einer Beziehung. "Bei Christus" sagte der Apostel Paulus. "Hier ruht in Gott" schreiben viele Menschen auf einen Grabstein. Kinder benennen gern den Raum ihres Vertrauens. "Alexanders Mutter ist im Himmel", meinte die kleine Helga.

"Freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind" heißt es in einem schönen biblischen Bild (Lukas 10,20). So meinen es wohl auch unsere Kinder. Wir können nicht verloren gehen, unser Name ist aufgehoben und bewahrt. Für immer bewahrt. (vgl. dazu die Arbeitshilfe 6, vor allem Seite 36ff.)
 

Miteinander reden

Im Gespräch mit Kindern geht es immer - wie in anderen Gesprächen auch, aber hier noch viel intensiver - um zwei Ebenen. Den meisten Menschen ist vor allem die Inhaltsebene vertraut. Auf dieser Ebene heißt es etwa: Was weißt du über unser Problem? Was lässt sich darüber sagen? Was gibt es an Erklärungen? Welche Gesichtspunkte sprechen dafür und welche dagegen? Welche Begründungen gibt es, und wie überzeugend sind diese Begründungen? Auf dieser Ebene diskutieren und argumentieren wir. Ein bisschen verkürzt könnte man sie auch die Kopfebene nennen.

Neben der Inhaltsebene und in der Regel in sie verwoben gibt es eine zweite Ebene, die Gefühlsebene. Hier geht es um andere Fragen. Etwa: Kannst du hören, was mir wichtig ist? Verstehst du mein Anliegen? Ist das, was ich sage, einfühlbar? Macht es Sinn, und komme ich bei dir an? Auf dieser Ebene geht es nicht um diskutieren und argumentieren, sondern um hören, um spüren und um annehmen. Wiederum ein bisschen verkürzt könnte man sie auch die Herzebene nennen.


 

Ganz wichtig ist, dass wir trauernden Kindern niemals allein auf der Inhaltsebene begegnen, sondern immer auch auf der Herzebene. Dass ein Gespräch für sie immer auch die Erfahrung von Gehör und von Resonanz und von Nähe darstellt. Auf dieser Ebene lassen wir Kinder spüren, dass wir dabei sind, dass wir beteiligt sind, dass wir uns auf sie einlassen.

Schauen wir uns ein Gesprächsbeispiel an. Die sechsjährige Monika spielt mit ihren Bauklötzen. Ganz unvermittelt spricht sie ihre Mutter an:

Monika: "Warum ist meine Omi gestorben?"

Mutter: "Du weißt doch, Monika, Omi war sehr schwer krank, und darum ist sie gestorben"

Monika: "Aber warum ist meine Omi gestorben?" (betont das Wort "warum" und stampft dabei mit dem Fuß auf)

Mutter: "Du hast Omi sehr lieb gehabt, und am liebsten hättest du sie nie hergegeben... Ich weiß wie weh es dir tut, dass deine Omi nicht mehr da ist"

Monika: (nickt heftig und spielt dann ruhig weiter)

In ihrer ersten Antwort ist Monikas Mutter ganz auf der inhaltlichen Ebene geblieben. Aber Monika war mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Jetzt merkt die Mutter, dass ihre Tochter nicht nach einer biologischen Begründung fragt, sondern danach, warum Menschen sterben, die wir lieb haben. Die Herzebene ist angesprochen. In ihrer zweiten Antwort geht sie ganz auf diese Ebene, und ihre Tochter fühlt sich angenommen und verstanden und ist´s zufrieden.

Ein weiteres Beispiel. Bitte achten Sie selbst darauf, wie sich das Gespräch zwischen Peter und seinen Eltern entwickelt, und wie dabei die verschiedenen Ebenen angesprochen sind.

"Peters Meerschweinchen ist gestorben. In die Trauer um den Verlust mischt sich auch die Frage: Warum musste mein Meerschweinchen sterben? Die Eltern versuchen Peter zu trösten: 'Es war doch schon so alt. Wir haben es gar nicht gemerkt, dass Putzi alt geworden ist. Wenn Tiere alt geworden sind, müssen sie sterben.' Aber Peter kann sich mit diesen Antworten nicht zufrieden geben: 'Aber Putzi war doch genauso alt wie das Meerschweinchen von Birgit, und das lebt noch! Warum ist jetzt mein Putzi gestorben und nicht ein anderes Meerschweinchen, das noch älter ist? Wir haben es doch immer gut versorgt, ihm immer gutes Futter gegeben! Und ich habe seinen Stall viel öfter sauber gemacht als Birgit - und trotzdem ist mein Putzi jetzt tot! Und warum hat Gott nicht dafür gesorgt, dass mein Putzi länger leben kann?" Die Eltern wissen nicht, was sie antworten sollen - sie nehmen Peter in den Arm, lassen ihn spüren, dass sie mit ihm trauern. Nach einer Weile meint die Mutter: 'Vielleicht hat Putzi Schmerzen gehabt, von denen es jetzt erlöst ist!' - 'Meinst du?' fragt Peter nachdenklich. Und die Mutter fährt fort: 'Auch wenn man sein Tier gut pflegt, weiß man nie, wie lange es leben wird. Jedes Lebewesen hat in sich eine innere Uhr, und niemand weiß, wann sie abgelaufen sein wird.'"

(Aus Arbeitshilfe 6, S.88)

Die Eltern antworten Peter zunächst auf der Inhaltsebene. Aber Peter ist mit dieser erklärenden Antwort nicht zufrieden. Er fragt nach und erzählt dabei, warum ihn seine Frage noch beschäftigt. Er hat sein Meerschweinchen doch so gut versorgt, viel besser als Birgit. Und trotzdem ist es jetzt tot. Jetzt kommt ein ganz wichtiger Schritt. Die Eltern lassen die Inhaltsebene los und begeben sich ganz auf die Herzebene. Sie lassen Peter spüren, dass sie mit ihm trauern! Und jetzt erst erscheint auch die Inhaltsebene sinnvoll: "Vielleicht hat Putzi Schmerzen gehabt..." Jetzt, nachdem er sich ganz verstanden fühlt, ist er bereit, sich auch auf diese Ebene einzulassen.

Mit trauernden Kindern sprechen. Bei solchen Gesprächen haben wir viel Freiheit. Es gibt nicht den richtigen Einstieg, die richtige Antwort, das wegweisende Modell. Es gibt viele Wege, die von unserem Herzen zum Herzen unserer Kinder führen. Ein paar Kennzeichen werden ihnen wohl gemeinsam sein:

1. So ehrlich und so persönlich wie möglich

Unsere Kinder sollen spüren, dass wir echt sind, dass wir authentisch sind, dass wir wahrhaftig sind. Wenn wir etwas nicht wissen, dann können wir das sagen. Sätze wie "Du, ich weiß es nicht" oder "Das habe ich mir auch schon oft überlegt" oder "Du stellst eine gute Frage. Ich wünschte, ich wüsste darauf eine Antwort..." sind keine Schande. Im Gegenteil, oft bringen sie uns einander näher, weil wir mit solchen Aussagen neben unseren Kindern stehen und nicht über ihnen. Wir sagen ihnen damit, dass wir auch unsicher sind, und dass wir mit ihnen suchen. Schön, wenn wir das auch aussprechen können. "Das müssen wir zwei jetzt miteinander überlegen" oder "Ich stelle mir das so vor..." oder "Ich glaube, dass es so sein könnte, was meinst du?"

2. Mit Wertschätzung und mit Respekt

Vor allem anderen wollen wir unsere Kindern wissen lassen, dass sie traurig und verzweifelt und zornig und was auch immer sein dürfen. Wir wollen sie spüren lassen, dass wir uns bemühen, uns in ihren Schmerz einzufühlen. Dass wir mit ihnen schweigen können, und dass wir mit ihnen trauern. Wir wollen sie nicht belehren oder an ihnen herumkorrigieren, sondern interessieren uns für ihr Erleben: "Wie war das für dich?" oder "Was ist da passiert?" oder "Was ist dann geschehen?" oder "Was stellst du dir denn vor?" oder " Wie denkst du selbst darüber?" Wir stellen solche offenen Fragen und hören zu. Sehr oft müssen wir gar nicht antworten. Aber vielleicht ist es schön, wenn wir danke sagen können. "Danke, dass du mir davon erzählt hast!"

3. Geduldig und mit Zuversicht

Trauernde Kinder haben einen Weg vor sich, der viel Geduld erfordert. Sie brauchen von seiten der Erwachsenen Geduld im kleinen und im großen, und sie brauchen vor allem die Zuversicht, dass dieser Weg sinnvoll ist. In der Regel teilt uns ein Kind mit, wenn es genug hat. Wenn wir unsicher sind, können wir uns vergewissern: "Möchtest du noch weitererzählen?" oder "Möchtest du, dass ich dich noch weiterfrage?" Oft ist es sinnvoll, ein Gespräch abzuschließen, aber eine Angebot zur Fortsetzung zu machen: "Es ist ganz wichtig, dass wir immer wieder miteinander sprechen. Wenn du weitermachen willst, dann kommst du wieder zu mir!" Zurückweisungen wie "Du fragst mir ja ein Loch in den Bauch!" oder "Hör doch mit der ewigen Quengelei auf" oder "Das verstehst du doch nicht!" vermitteln einem Kind: "Das, was du erlebst, taugt nichts, und es führt zu nichts!" Wenn wir an einem Punkt wirklich keine Zeit haben, oder wenn wir selbst zu ausgelaugt sind, dann sagen wir das offen und machen einen anderen Vorschlag: "Ich bin im Moment ganz müde und kaputt, ich lege mich jetzt ein bisschen hin, und wenn der große Zeiger auf unserer Küchenuhr wieder ganz oben ist, dann habe ich mich ausgeruht und habe für dich Zeit!"
 

Miteinander beten

Zu kaum einem anderen Zeitpunkt sind wir unseren Kindern so nahe, als wenn wir mit ihnen beten. Zu kaum einem anderen Zeitpunkt sind wir dem Leben so nahe, als wenn wir beten. Zu kaum einem anderen Zeitpunkt sind wir Gott so nahe, als wenn wir beten. In kaum einer anderen Mitteilungsform drücken wir unsere Gefühle, unsere Wünsche, unserer Träume und unsere Hoffnungen so innig und so persönlich aus wie im Gebet.

Die Klage der Hebräischen Bibel, des Alten Testamentes, gibt uns für das Gebet mit trauernden Kindern eine sehr schöne Orientierung. Die Klage, sagten wir, ist ganz persönlich und ganz konkret. Bildreich und ausdrucksstark benennt sie unser Leid. Der ganze Mensch ist dabei betroffen, seine Seele, sein Leib, sein Zusammenleben. Adressat der Klage ist nicht ein ferner, fremder, erhabener Gott, sondern der Gott, der uns nahe ist, der uns lieb hat, der Gott, den Jesus mit "Unser lieber Vater im Himmel" anredet.

Die Klage, so sagten wir auch, erschöpft sich nicht in der Schilderung der Not, sondern weist auf einen neuen Horizont hin, den Horizont der Zuversicht, des Vertrauens oder gar des Lobpreises. Es ist immer die gleiche Bewegung: den Schmerz benennen, die Traurigkeit in Worte fassen und sich - durch alle Trauer hindurch - in der Hoffnung festmachen.

Sie erinnern sich an Peter und an sein Meerschweinchen Putzi, von dem oben die Rede war. Aus dem Gespräch zwischen Peter und seinen Eltern entsteht das folgende Gebet:

"Dass unser Putzi tot ist, bedrückt uns sehr.
Es sitzt uns wie ein Kloß in der Kehle.
Wir haben gar keine Lust zum Spielen und grübeln:
Warum musste Putzi sterben?
Wir haben ihn doch so gern gehabt!
Warm hast du Gott das so kommen lassen?
Das verstehen wir nicht!
Gott, wir bitten dich: Las uns nicht im Stich!
Aber du, Gott, bist trotzdem unser Freund!
Wir vertrauen auf deine Hilfe und auf deinen Schutz!
Du bist doch wie die Sonne, die unser Leben hell macht!
Las uns auch wieder viel Schönes erleben!
Bleibe bei uns!"

(Arbeitshilfe 6, S. 104)
 

Weitere Beispiele:

"Lieber Gott, meine Katze ist tot. Ein Auto hat sie überfahren. Ich bin sehr traurig. Ich habe geweint. Es war eine schöne Katze, die schönste gewiss, die du je hast leben lassen. Nun ist sie tot. Ich habe keine Katze mehr. Für mich war die Katze kostbar. Für dich auch. Denn du schaust alles an, was ich lieb habe. Amen"

"Unsere Großmutter ist tot. Guter Gott. Wir sind sehr traurig. Wir müssen immer an sie denken: wir haben sie gern gehabt. Bitte, vergiss du sie nicht. Du hast sie ja auch lieb gehabt. Amen."

"Gott nun ist unser Immanuel tot. Wir können ihm nicht mehr helfen. Wir können nicht mehr bei ihm sein. Wir haben uns auf dieses Kind gefreut. Wir sind dankbar für jeden Tag, den wir mit ihm zusammensein durften. Warum musste unser Kind sterben? Wir hätten so gerne noch lang für es gesorgt. Wir können es nicht mehr sehen. Wir können es nicht mehr rufen. Wir können es nicht mehr hören. Wir können es nicht mehr in unseren Arm nehmen. Gott, vergiss du dieses Kind nie. Möge es bei dir bleiben, da wir nicht bei ihm sein können. Hab du es lieb. Amen"

(Marielene Leist, S. 180f.)


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9. Mit Kindern Trauer gestalten


Sehr oft drücken Kinder ihre Trauer zunächst einmal nicht in Worten aus, sondern im Tun, im Spiel, in Bewegungen, im Rückzug oder aber in der Suche nach körperlicher Nähe. Wir wehren dieses kindliche Verhalten nicht ab, sondern unterstützen es und arbeiten mit ihm. Wir nehmen es auf und bieten dieser Art, sich auszudrücken, eine Form und einen Rahmen an. Im folgenden finden Sie dafür Beispiele. Ideen und Anregungen, wie wir einem trauernden Kind nahe sein können.


Wir schenken Berührung

Patricks Mutter ist gestorben. Als sie krank war, lag er manchmal bei der Mama im Bett. Das war weich und warm.

Wir bereiten zusammen ein warmes, weiches Nest für Patrick. Wir legen eine Decke auf den Boden, mit Kissen und Kuscheltieren. Patrick kann sich in das weiche Nest legen. Die anderen Kinder sitzen im Kreis um Patrick herum. Sie rutschen zu ihm hin und legen ihm eine Hand auf und können ihm sagen: "Ich hab' dich lieb" oder "Maxi hat den Patrick lieb, Miriam hat den Patrick lieb usw."

Peters Vater ist gestorben. Peter flog seinem Papi immer entgegen, wenn er abends von der Arbeit kam. Im Kindergarten lehnt Peter körperliche Kontakte ab. Er entwindet sich oder stößt andere Kinder richtiggehend zurück. Die Kindergärtnerinnen nehmen Peter darin an und bitten auch die anderen Kinder um Verständnis. Nach einiger Zeit sucht Peter von sich aus die Nähe der anderen. Erst sehr scheu, dann aber immer intensiver.

Peter darf sich auf die Decke legen. Die Kindergärtnerinnen und ein paar andere Kinder knien um die Decke herum, fassen sie unter, heben sie ganz sacht vom Boden auf und wiegen Peter. Hin und her und hin und her. Ganz sanft legen sie die Decke wieder auf dem Boden ab. Dann dürfen alle - wenn er das mag - Peter berühren.

Beim Wiegen können die Kinder auch summen. Dies schafft so etwas wie einen Klangteppich, in dem sich Peter geborgen fühlt. Das Summen kann zum Schluss auch in ein Lied münden, mit dem die Übung dann ausklingt.

Julia hatte ein Kaninchen. Frühmorgens, ehe sie zum Kindergarten gebracht wurde, hat sie ihren Mümeli immer für ein paar Minuten aus dem Stall geholt und gestreichelt. Jetzt ist das Häschen gestorben.

Julia darf sich eine weiche Decke aussuchen und sich darauf auf den Bauch legen. Die anderen, jeweils vier bis sechs Kinder, knien im Kreis um sie herum. Jedes Kind legt seine Handflächen aneinander und reibt sie solange, bis sie ganz warm sind. Dann legen alle gleichzeitig ihre warmen Hände auf Miriams Körper, auf ihren Rücken, auf ihre Beine, ihre Arme oder ihren Kopf. Alle schließen die Augen. Wir öffnen die Augen wieder, nehmen unsere Hände wieder zu uns, sind noch einen kurzen Moment stille. Die Kindergärtnerin sagt: "Wir sind froh, dass du in unserer Gruppe bist."
 

Wir schenken Zuwendung

Nadines Bruder Michael ist gestorben. Er war zwei Jahre alt. Nächstes Jahr wäre er in den Kindergarten gekommen.

Wir malen ein Bild für Nadines Bruder: Was würden wir ihm heute erzählen, wenn wir ihn besuchen könnten? Was würden wir ihm zeigen? Jeder von uns malt ein kleines Bild für Michael. Wir setzen es dann zusammen zu einem ganz großen Bild: unser Bild für Nadines Bruder. Schade, dass er nicht mehr lebt. Schade, dass er nicht mehr in den Kindergarten kommen wird. Gemeinsam suchen wir nach einem passenden Platz, an dem wir das Bild aufhängen können.

Pauls Oma war nur wenige Wochen krank und ist dann gestorben. Paul hat sich sehr gewünscht, dass sie wieder gesund würde. Sie hat oft auf Paul aufgepasst, bis seine Eltern von der Arbeit kamen. Die Oma hat ihn manchmal vom Kindergarten abgeholt. Sie liebte Blumen.

Wir fertigen eine Collage für Pauls Oma. Aus buntem Papier reißen wir einen Frühlingsstrauß für sie. Oder wir schneiden aus Filz und Stoff ganz viele Blumen für Pauls Oma aus und kleben sie auf.

Tamaras Opa ist gestorben. Sie erzählt, dass er bis zuletzt gern gewandert und auf Berge gestiegen ist.

Wir bauen aus Bauklötzen oder basteln aus Papprollen (Eierkartons o.ä.) einen hohen Berg für Tamaras Opa. Einen Berg mit bunten, glänzenden Steinen. Wir stellen ihn an einen besonderen Platz, vielleicht neben das Fenster. Wer ihn anschaut, denkt an Tamaras Opa. Tamara kann sich mit ihrer Freundin neben den Berg setzen und ein bisschen von ihrem Opa erzählen.

Svens Papa ist gestorben. Er hat in einer Autowerkstatt gearbeitet. Manchmal hat er Sven in seine Werkstatt mitgenommen. Er durfte dann zuschauen.

Wir bauen gemeinsam eine Autowerkstatt. Wir überlegen uns, warum die Autos wohl in die Werkstatt müssen, und was die Mechaniker dort mit ihnen machen. Sven darf immer wieder erzählen, ob alles so stimmt, und ob das bei seinem Papa auch so gewesen ist.
 

Ein Trauertisch für Jürgen

Jürgen war fast ein Jahr lang im Kindergarten. Dann wurde er krank. Manchmal, wenn es ihm ein bisschen besser ging, kam er wieder zurück. Aber er war zu schwach. Nach ein, zwei Tagen musste er wieder zu Hause bleiben. Die letzten Tage seines Lebens verbrachte Jürgen im Krankenhaus.

Wir stellen einen Trauertisch auf. Darauf steht ein Photo von Jürgen. Dann liegt ein Spielzeug auf dem Trauertisch, das Jürgen besonders gern hatte. Die Eltern haben es uns geliehen. Es ist ein Fährschiff. Als sein Vater dieses Spielzeug brachte, erzählte er den anderen Kindern, wie Jürgen das Fährschiff anfangs in der Badewanne ausprobiert hat. Später seien die Eltern mit ihm zu einem kleinen Teich gegangen. Jürgen band eine Schnur an das Fährschiff, damit es nicht davonschwimmen konnte, und ließ es ins Wasser. Dann liegt noch ein Pulli auf dem Trauertisch. Jürgens Mutter gab ihn uns. Er sei sein Lieblingskleidungsstück gewesen, weil er so leicht und so weich ist.

Manchmal legen die Kindergartenkinder von sich aus etwas auf den Trauertisch. Jürgens Freund Klaus etwa brachte einen Ball. Mit diesem Ball habe er manchmal mit Jürgen gespielt, berichtete er. Andere Kinder bringen am Morgen ein Bild mit, das sie für Jürgen gemalt haben oder eines ihrer Kuscheltiere oder sonst etwas, was sie gerne auf den Trauertisch legen mögen.

Mit der Zeit kommt soviel zusammen, dass die Kindergärtnerinnen immer wieder einmal auch etwas abräumen müssen. Sie tun dies nicht stillschweigend, sondern verbinden es mit einem kleinen Ritual. Der Tisch, der sonst an der Wand steht, kommt in die Mitte. Alle Kinder bilden einen großen Kreis um ihn herum. Dann nennen die Kinder zwei, drei Gegenstände, die schon sehr lange auf dem Trauertisch liegen. Die Kindergärtnerinnen nehmen dann diesen Gegenstand herunter und geben ihm dem Kind zurück, das ihn auf den Tisch gelegt hatte. Sie verbinden dies mit einem Dankeschön und mit einer Erinnerung an Jürgen. "Danke, Klaus, dass du deinen Ball auf unseren Trauertisch gelegt hast. Danke, dass du uns erzählt hast, wie ihr zusammen gespielt habt. Du hast uns geholfen, an Jürgen zu denken, und wir haben gemerkt, wie sehr er uns fehlt." Klaus nimmt seinen Ball in Empfang.

Jetzt kommt ein anderes Kind an die Reihe. Anita hatte für Jürgen ein Bild gemalt. Sie darf noch einmal erzählen, was sie mit diesem Bild gemeint hat. Dann erhält sie es zurück: "Danke, Anita für dein Bild. Du hast dir soviel Mühe gegeben. Ganz viele Farben hast du auf dein Bild gebracht. Ich glaube, Jürgen hätte sich sehr darüber gefreut. Mit deinem Bild hilfst du uns, dass wir ihn nicht vergessen."

Auf jeden Fall steht eine Kerze auf dem Trauertisch. Immer wieder zünden wir sie an. Am Anfang ganz oft. Dann werden die Abstände ein bisschen größer. Wir bilden einen Kreis um den Tisch und denken an Jürgen. Manche Kinder erzählen etwas, was ihnen gerade einfällt. Andere stellen eine Frage. Manchmal sind wir aber auch einfach still und schauen der Flamme zu.

Einmal erzählt die Kindergärtnerin, dass sie Jürgens Eltern gefragt habe, wie das war, als Jürgen getauft wurde. Damals, am Taufstein, so hörte sie, habe der Pfarrer Jürgen eine Taufkerze geschenkt. An jedem der vier Geburtstage Jürgens wurde die Taufkerze angezündet. Am Schluss, in der Nacht, in der Jürgen starb, brannte die sie in seinem Krankenzimmer. Bis sie ganz abgebrannt war.

Ein andermal hat ein Kind, Elke, einen Stein aus ihrem Garten mitgebracht. Die Kindergärtnerin schlägt vor, doch mit dem Stein etwas zu machen, ehe er auf den Trauertisch gelegt würde. Die Kinder sind einverstanden und bilden einen Kreis. Elke darf den Stein dem Kind neben sich geben, und so wandert der Stein von Kind zu Kind. Jedes Kind hält ihn ein bisschen in seiner Hand und gibt ihn dann weiter. Am Schluss ist er wieder bei Elke angekommen. Aber jetzt fühlt er sich ganz anders an. Viel wärmer und gar nicht mehr so kantig. Die Wärme der Kinder ist in diesem Stein, den Elke nun auf den Trauertisch legt.

Einmal beim Spielen mit den Orff'schen Instrumenten kommt einem Kind die Idee, doch die Musik für Jürgen zu machen. So trommeln, summen, klingen, rasseln, tönen wir nun für Jürgen. Mit unseren Musik drücken wir aus, was wir fühlen. Nach einer Zeitlang sprechen die Kindergärtnerinnen Erinnerungssätze zur Musik. Einige der älteren Kinder helfen mit:

Jürgen, wir denken daran, wie du geboren bist. Alle haben sich gefreut...

Wir denken daran, wie du laufen gelernt hast. Es war gar nicht so einfach. Manchmal bist du hingefallen...

Wir erinnern uns, wie du zu uns gekommen bist...

Wir erinnern uns, wie du oft gelacht hast...

Wir erinnern uns, wie du krank warst und Schmerzen hattest...

Jetzt bist du gestorben. Wir sind traurig, dass du nicht mehr bei uns bist.

Wir denken an dich und an die Zeit, als du noch bei uns warst. Wir alle spielen eine kleine Musik für dich: Der Triangel spielt für dich... Das Tambourin spielt für dich... Die Rassel spielt für dich... Das Xylophon spielt für dich...Alle Instrumente spielen für dich!

Nach einiger Zeit, nach ein paar Monaten vielleicht, bauen wir den Trauertisch wieder ab. Nicht verstohlen und heimlich, sondern ganz bewusst. Das, was noch darauf liegt, nehmen wir herunter und geben es mit einem Dank zurück. Noch einmal erinnern wir uns des Trauerweges, den wir gegangen sind. "Wisst ihr noch, wie Jürgens Vater bei uns war und von dem Fährschiff erzählt hat... oder Jürgens Mutter mit dem Pulli... wisst ihr noch, wie das mit den Bildern war und mit dem Stein..." Noch einmal kommen wir miteinander ins Gespräch.

Zum Schluss können die Kindergärtnerinnen den Trauertisch aus der Mitte herausnehmen, wiederum bewusst und benannt: "Jetzt brauchen wir den Trauertisch nicht mehr. Wir haben viel von Jürgen gesprochen. Wir haben viel an ihn gedacht. Immer wieder haben wir einen Kreis um diesen Tisch gebildet. Heute räumen wir den Tisch auf. Jürgen ist jetzt ganz in unseren Herzen. Das Bild stellen wir auf die Kommode, und dort soll es noch - so haben wir es mit Jürgens Mutti ausgemacht -bis zu den großen Ferien bleiben. Die Kerze stellen wir zu dem Bild. Sie ist ja schon fast heruntergebrannt. Wenn ihr heute nach Hause geht, ist sie sicherlich ganz erloschen."

Es soll nicht so sehr ein "Abräumen" sein, sondern vielmehr ein "Zurücknehmen" des Trauertisches, ruhig, eingefühlt, respektvoll, bei dem die Kinder zuschauen und mitmachen. Schließen kann diese kleine Feierstunde etwa mit dem Segenslied, mit dem auch in den letzten Wochen so manche Andachtszeit beschlossen wurde: "Ausgang und Eingang..." Bei diesem Kanon können wir uns, wenn wir uns das zutrauen, sehr schön im Pilgerschritt bewegen: Wir stehen im Kreis, der jetzt keine Mitte mehr hat, denn den Trauertisch gibt es ja nicht mehr. Unsere rechte Hand legen wir auf die linke Schulter des Kindes vor uns. Wir beginnen dann mit dem rechten Fuß, u.z. im Rhythmus Schritt-Schritt-Wiegeschritt, Schritt-Schritt-Wiegeschritt...
 
 
 
 

Maria - Beispiel einer Begleitung

Maria hat im Alter von fünf Jahren miterlebt, wie ihr achtjähriger Bruder Markus im Sommer beim Spielen am Fluss in das Wasser fiel und ertrank. Jahrelang war dieses Erlebnis in ihr verschlossen. Im Spiel findet sie dann Schritt für Schritt einen Ausdruck.

Maria spielt gerne mit den Handpuppen und mit dem Kasperltheater. Ich sitze auf dem Boden und sehe ihr dabei ruhig zu. Sie lässt verschiedene Leute auftreten, den Seppl, die Großmutter und eine Krankenschwester. All diese Puppen aber werden von dem mächtigen Drachen bedroht. Seppl und die Großmutter und die Krankenschwester möchten sich gern mit dem Drachen verständigen. Sie versuchen ihm zu erklären, dass sie ganz lieb sind. Aber der Drache versteht ihre Sprache nicht. Er brüllt wüst umher.

Maria lässt die Handpuppen sein und nimmt ein Blatt Papier, das zufällig auf dem Boden liegt. Mit dem Finger "schreibt" sie einen Brief darauf. "Der kann vielleicht lesen", meint sie im Blick auf den Drachen. Behutsam lege ich ihr die Wachsmalkreiden hin. Maria beginnt in Krakelschrift zu "schreiben".

Ich nehme die Drachen-Puppe auf die Hand und lasse den Drachen ruhig zuschauen. Plötzlich fragt mich Maria: "Holst du mir die Wasserfarben?" Ich bringe Farben, Pinsel und Wasser. Dann streife ich wieder die Drachenfigur über meine Hand.

Maria sagt: "Der weiß nämlich gar nicht, was los ist" und dann, zum Drachen gewandt, "Gell, du weißt nicht, was los ist?" Pause. Dann fährt sie fort: "Etwas Arges ist passiert, oder?" Ganz langsam und nachdenklich beginnt Maria zu malen. Der Drache muss ihr zusehen...

Beim Malen erzählt sie dem Drachen: "Die Sonne ist rot wie in B., da wohne ich jetzt... (Pause) In der Erde, da feiern die Würmer ein Fest, sie rollen sich ein, wenn sie tanzen... (Pause) Der Marienkäfer... rot ist Glück, schwarz ist Unglück... (Pause) Die Schnecke ist groß und passt auf... (Pause) Ein Baum. Die Äpfel wachsen erst im September... (Pause) Himmel, da ist mein Bruder jetzt. Da ist viel Platz und die Sonne scheint warm... (Pause) Platz für Markus (gelbes Rechteck), den hat er sich gebaut, und ich bin nicht da... (Pause) Für meinen Markus hab ich noch Zeit... (Pause) Markus ist zwölf (Anmerkung: Markus wäre heute zwölf Jahre alt), der darf im Auto schon vorne sitzen." Während sie dies sagt, übermalt Maria die hellroten Sonnenstrahlen dunkelbraun.

Sorgfältig legt Maria ihr Bild auf die Heizung zum Trocknen. In den folgenden Wochen holt sie es immer wieder "zum Anschauen" hervor, wobei ihr sehr wichtig ist, dass ich es mit ihr ansehe, während sie mir irgendeine kleine Begebenheit von zu Hause erzählt.


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10. Mit Kindern abschiedlich leben


In unserem Leben gibt es Trauerzeiten. Zeiten, in denen wir jemanden verloren haben, der uns nahe stand oder etwas verloren haben, das uns wertvoll war. Es sind Abschiedszeiten, Abschiedspunkte, die immer wieder auftauchen. Daneben aber gibt es so etwas wie eine Abschiedslinie, die durch unser ganzes Leben geht. Deswegen gilt es, immer wieder adieu zu sagen und loszulassen. Mit Kindern abschiedlich leben, dazu wollen wir in diesem Kapitel (nicht umsonst ist es das längste in dieser Arbeitshilfe) ermutigen. Nicht nur, weil wir so besser für die großen Abschiedssituationen gerüstet sind. Das auch. Aber auch deswegen, weil wir nur so bewusster und tiefer leben können. Mit mehr Wertschätzung, mit mehr Dankbarkeit, mit mehr Nähe. 


Wenn wir Ihnen jetzt einige Anregungen geben, dann mit der Bitte, dass sie in Ihrer Situation ausprobieren, was Ihnen und Ihren Kindern möglich und hilfreich erscheint. Bitte übernehmen Sie, was Ihnen zusagt, und ändern Sie ab, wo sie etwas ändern möchten. Lassen Sie das eine oder andere weg oder ergänzen Sie etwas, was Ihnen wichtig erscheint. Seien Sie dabei erfinderisch! Wichtig ist, dass Sie sich bei einer Übung selbst sicher und wohl fühlen. Mag sein, dass Sie sehr vorsichtig und behutsam beginnen, mit ganz kleinen Schritten beginnen, und dann allmählich, in dem Maß, in dem Sie sich sicherer und freier fühlen, größere Schritte wagen.

Aber zunächst ein kurzes Innehalten. Abschiedlich leben hat viel mit unseren Gefühlen zu tun. Es lohnt sich, unsere Kinder hier immer wieder zu ermutigen und zu unterstützen. Dass es gut ist, zu fühlen, dass es gut ist, seine Gefühle anzunehmen, dass es gut ist, anderen mitzuteilen, wie wir gerade fühlen.
 

Exkurs: Gefühle

Der große amerikanische Kinderpsychologe Haim Ginott bringt es auf den Punkt: "Fische schwimmen, Vögel fliegen, und Menschen fühlen." Auf eine sehr anschauliche Weise wehrt er sich damit gegen die Bewertung der Gefühle. So, als ob es gute und schlechte Gefühle gäbe. Zum Menschen gehört das Fühlen, so wie das Schwimmen zu den Fischen gehört und das Fliegen zu den Vögeln. Punkt.

Natürlich kommt jetzt der Einwand: Wenn wir auf eine Bewertung der Gefühle verzichten, entziehen wir dann unserem Zusammenleben nicht jede Grundlage? Gehört nicht zum Fundament jeden menschlichen Miteinander eine Bewertung? Eine Übereinstimmung darin, dass es gute und schlechte Gefühle gibt? Die Antwort darauf heißt: Ja, wir brauchen eine Bewertung, aber die Bewertung setzt nicht bei den Gefühlen an, sondern bei dem, was wir mit unseren Gefühlen machen, bei unseren Handlungen. Hier gibt es ein "gut" und ein "schlimm".

Ein Beispiel. Wir dürfen einander sagen, dass wir uns ärgern, dass wir wütend sind, dass wir neidisch, eifersüchtig oder ängstlich sind. Wir dürfen unsere Gefühle ausdrücken. Sie sind weder gut noch schlecht. Sie sind einfach. Wir dürfen aber nicht zum Messer greifen und aufeinander losgehen! Wir dürfen einander nicht verletzen!

Zu diesem Grundgedanken kommen noch zwei Erfahrungen dazu. Die erste Erfahrung ist, dass Gefühle kommen und gehen. So ähnlich wie die Wolken am Himmel. Sie kommen, sie verweilen eine Zeit lang, und dann gehen sie wieder. Wenn wir uns das bewusst machen, dann können wir ein bisschen gelassener bleiben, wenn wir bei unseren Kindern starke Gefühle wahrnehmen. Sie sind da, sie haben ihre Zeit, aber sie gehen auch wieder. Wenn man sie gehen lässt und nicht allzu viel daran herummanipuliert!

Zweite Erfahrung: Gefühle sind immer wieder anders. Auch das haben sie mit den Wolken am Himmel gemeinsam, die sich immer wieder zu neuen Formationen finden. Heute fühle ich so, morgen fühle ich vielleicht ganz anders, und übermorgen habe ich wieder andere Gefühle. Auch dieses Wissen lässt uns Gefühle ruhiger und gelassener annehmen. Ich muss gar nicht so viel an ihnen herummachen. Das tue ich ja mit den Wolken auch nicht. Ich nehme sie wahr, ich beobachte sie eine Zeit lang und ich sehe, wie sie wieder weiterziehen, und bald tauchen neue Wolken auf.

Noch einmal die drei Grundelemente im Umgang mit Gefühlen:

- Alle Gefühle dürfen da sein

- Gefühle kommen und gehen

- Gefühle sind immer wieder anders

Nun kommen uns die Kinder hier auch sehr entgegen. Sie haben noch keine Kontrolle aufgebaut wie so viele Erwachsene. So eine innere Kontrollinstanz, die immer eingreift und befiehlt: Reiß´ dich zusammen! Las´ dich nicht gehen! Haltung bewahren! Die Zähne zusammenbeißen usw. Wir können gut bei der natürlichen Offenheit und Spontaneität unserer Kinder anknüpfen.

Wir bitten sie etwa, vier Gesichter zu malen, ein wütendes Gesicht, ein glückliches Gesicht, ein ängstliches Gesicht und ein trauriges Gesicht. Danach kommen wir miteinander ins Gespräch. Woran sehen wir, dass dieses Gesicht wütend, glücklich, ängstlich, traurig ist? Und dann: Was könnte der Grund dafür sein, dass dieses Gesicht so ist? Also: Dieses Kind ist wütend, weil.... Dieses Kind ist glücklich, weil... Dieses Kind ist ängstlich, weil... Und dieses Kind ist traurig, weil...

Ein weiterer Schritt: Was kann dieses Kind tun, wenn es wütend ist? Wie kann es anderen Kindern zeigen, dass es wütend, glücklich, ängstlich, traurig ist? Wie kann es das mit Worten zeigen? Wie ohne Worte?

Natürlich können wir für solche Übungen auch eine Kopiervorlage nehmen:

Wie sieht das Gesicht aus, wenn der Mensch Traurig ist? Wenn er ängstlich, glücklich, wütend ist?

(Daniela Tausch-Flammer, Lis Bickel, S. 134)

Aufmerksam leben

Zurück zu unseren Anregungen für ein abschiedliches Leben. Wir denken an drei Übungen. Sie können sie jeweils für sich nehmen oder aber auch gut miteinander verbinden. Es sind Ankommensübungen, Achtsamkeitsübungen und Vertrauensübungen. Ihnen allen gemeinsam ist der Übungsweg der Aufmerksamkeit. Immer wieder laden sie dazu ein, sich wahrzunehmen, sich anzunehmen und sich ernstzunehmen. Gemeinsam ist ihnen auch, dass es immer um ein Vertrauen zum Hier-und-Jetzt geht. Das Hier-und-Jetzt, das einen Anfang hat, das aber auch das Moment des Abschiednehmens in sich trägt.

Der Kreis

Sehr gerne wählen wir bei diesen Übungen als äußere Form den Kreis. Der Kreis ist eines unserer Ursymbole. Er ist ohne Anfang, ohne Ende, er führt in sich selbst zurück und ist daher ein Symbol für das Ganze, für die Einheit, für das Vollkommene. Er steht für den Himmel im Gegensatz zur Erde, für das Geistige im Gegensatz zum Materiellen. Als unendliche Linie ist er ein Symbol für die Zeit und für die Unendlichkeit. Drei ineinander verschlungene Kreise symbolisieren im Christentum die Dreieinigkeit Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist. In der Tiefenpsychologie C.G. Jungs ist der Kreis Symbol für die Seele, für das Ganze des Menschen, für das Selbst. Wenn wir im Kreis miteinander in Kontakt treten, mit Respekt und mit Wertschätzung füreinander, dann bekommen wir manchmal so eine Ahnung von Ganzheit, von Himmel, von Unvergänglichkeit.

Aber das ist alles Hintergrund. Im Vordergrund steht die Erfahrung, die ansatzweise auch schon kleinen Kindern zugänglich ist, dass wir gleich sind, wenn wir einen Kreis bilden. Es gibt kein Oben und kein Unten, es gibt kein Erstersein und Zweitersein und Letztersein. Sodann gehen wir nicht im Kreis auf, wir verlieren uns nicht im Kreis, wir bleiben wir selbst. Es hat jeder seinen Platz, aber wir sind nicht vereinzelt, nicht einsam, sondern verbunden. Schließlich kann man von jeder Stelle eines Kreises zu seiner Mitte kommen. Mit allem, was ich tue und sage und von mir gebe, komme ich in die Mitte. Ich bin Gleicher unter Gleichen und werde doch mit jedem Beitrag, der von mir kommt, Mittel-Punkt. Und wenn mein Nachbar etwas sagt, dann ist er Mittel-Punkt. Jeder ist für eine gewisse Zeit Mittel-Punkt und gibt dann den Platz wieder frei, damit ein anderer oder eine andere Mittel-Punkt werden kann. Auch die erwachsene Leiterin oder der Leiter nimmt an diesem Spiel von "Mittel-Punkt-Werden" und den "Mittel-Punkt-Freigeben" teil.

1.Ich bin da, und du bist da

Ankommensübungen

Wenn wir irgendwo ankommen, dann heißt das noch lange nicht, dass wir angekommen und ganz da sind. Vielleicht sind die Kinder am Morgen noch sehr müde und befinden sich irgendwo zwischen Bett und Kindergarten. Oder sie sind sehr aufgewühlt und sind noch ganz bei dem fürchterlichen Streit, den Mama und Papa gleich in der Frühe hatten. Vielleicht hat ein Kind am nächsten Tag Geburtstag und ist mit seiner Aufmerksamkeit schon längst am Geschenktisch.

Es hilft sehr beim Ankommen, wenn uns jemand Mut macht, wahrzunehmen, wo wir sind und auszusprechen, was uns bewegt. Wir Erwachsenen kennen von der Gruppenarbeit das Blitzlicht. Eine Runde, in der wir den anderen möglichst kurz, möglichst prägnant und möglichst persönlich mitteilen, was uns beschäftigt, und ob wir schon so ganz da sind. Es tut uns gut, wenn wir dies heraus-sprechen dürfen, und wenn die anderen uns zuhören und uns darin annehmen. In der Regel sind wir nach dieser Übung wacher, offener, hörbereiter, mehr präsent und anwesend als vorher. Als einzelne und als Gruppe.

Sich einen Platz suchen

Das gleiche gilt auch für Kinder. Wir beginnen wie bei einer Erwachsenengruppe so, dass wir uns einen Platz im Kreis suchen. Dass wir dann einmal gucken, wer neben uns sitzt, zur Linken und zur Rechten. Wer uns gegenübersitzt auf der anderen Seite des Kreises. Dass wir dann mit unseren Augen den ganzen Kreis abwandern. Dabei schauen, ob wir wirklich einen Kreis bilden oder mehr ein Ei oder eine Birne oder sonst was.

Danach wollen wir schauen, wie wir selbst sitzen. Wo die Füße, wo die Hände sind. Die Füße können wir am Boden abstellen. Wir spüren einmal, ob wir durch unsere Hausschuhe hindurch den Boden fühlen. Fühlt es sich hart an oder weich oder kratzig oder kuschelig... Dann gehen wir mit unserer Aufmerksamkeit zu unseren Händen. Wir schauen einmal, ob sie schon ruhig sind, oder ob es in ihnen noch kribbelt und krabbelt. Und wenn ja, wo? Mehr in den Fingern? Mehr im Handteller? Mehr in der Handwurzel? Danach sagen wir unseren Händen, dass sie jetzt ausruhen dürfen, und dass wir sie dazu in den Schoß legen.

Dann wollen wir still werden, ganz still, so dass wir dann vielleicht nur noch unser Atmen hören, ganz leise, oder das Atmen unseres Nachbarn, unserer Nachbarin. Vielleicht hören wir auch noch, wie es in unserem Bauch gluckert. Oder wir hören, wie draußen die Straßenbahn vorbeifährt und in den Gleisen quietscht.

Sich mitteilen

Dann gehen wir mit unserer Aufmerksamkeit ganz zu uns selbst. Wir überlegen uns: was ist heute schön für mich und was nicht? Oder: Worauf freue ich mich heute? Worauf nicht? Wovor habe ich Angst? Jetzt darf jeder und jede etwas dazu sagen. Und wir anderen hören alle zu. Und nach jedem Beitrag können wir fragen, ob alle den Stefan oder die Helga oder den Oliver verstanden haben, und wenn alle nicken, dann kommt der nächste dran.

Es sollte kein Tag vergehen, an dem wir nicht zumindest einmal auf diese oder eine ähnliche Weise innehalten und nachspüren und mitteilen, wo wir sind, und was für uns im Moment wichtig ist. Wir schlagen vor, dass das eine feste Zeit und eine feste Übung wird. Wir können dies gut am Morgen tun, wenn der Tag noch frisch und jung ist, wir können es am Abend tun, wenn der Tag sich neigt. Einmal ist es ein Ankommen, hinein in den Tagesbeginn. Das andere Mal ist es ein Ankommen am Tagesende. Das eine Mal wird es ein Vorbereiten, ein Sicht-Rüsten sein. So gehe ich in diesen Tag hinein. Ein anderes Mal wird es ein Abrunden sein, ein Zuendekommen, ein Bilanzziehen. So bin ich jetzt, so gehe ich aus diesem Tag heraus, so gehe ich in den Abend hinein.

Sehr schön kann man die Runde mit einem Vertrauenswort abschließen. Dies können ein paar spontane Sätze der Leiterin sein: "Es ist schön, dass ihr da seid, ich hab´ mich schon die ganze Zeit auf euch gefreut" oder "Ich bin gespannt, wie dieser Tag weitergehen wird!" Dies kann ein kurzes Gebet sein oder ein Lied.

Wer noch?

Am Ende solcher Übungen, wenn wir Menschenkinder zu Wort gekommen sind, kann man sehr schön den Kreis weiterziehen und fragen: Wer ist außer uns noch angekommen? Etwa, wenn wir aus dem Fenster schauen. Vielleicht ist der Wind angekommen? Woran merken wir das? Aha, an den Blättern, die sich an den Bäumen bewegen. Oder an dem Luftzug, der kaum merklich unter der Tür durchkommt. Oder, wenn der Wind ganz mächtig angekommen ist, dann merken wir es an seinem Heulen und Pfeifen.

Wer ist noch angekommen? Der Tag ist inzwischen angekommen. Woran merken wir das? Aja, es ist mittlerweile viel heller als noch vor einer Stunde. Wer ist noch angekommen? Die Sonne ist auch angekommen. Sie scheint, sie wärmt, sie leuchtet, sie blendet, sie spiegelt sich oder sie bringt zum Glänzen. Ob es wohl alle sehen können?

Wer ist noch angekommen? Vielleicht ist auch ein Überraschungsgast angekommen. Eine Spinne, die an der Wand hoch läuft. Ganz leicht und lautlos. Oder eine dicke Fliege, die durch das Zimmer brummt, die sich manchmal irgendwo niederlässt, so dass wir gar nicht wissen, ob es sie noch gibt. Aber dann auf einmal geht das Brummen wieder los...

Eine Identifikation

Wenn die Gruppe ein bisschen geübter ist, wenn Leitung und Gruppe schon ein bisschen Vertrauen zu dieser Art von Kommunikation gewonnen haben, dann kann man sich eine andere Art von Mitteilung und Anteilnahme erarbeiten. Eine Ankommensrunde mit einer Geste oder Gebärde oder in einer Bewegung oder in einer Körperhaltung. Vielleicht können kleine Identifikationen Vorübungen und Bausteine auf diesem Weg sein.

Ein Beispiel:

Leiter(in):"Wir haben uns bisher an jedem Tag erzählt, wie es uns geht. Eine oder einer von euch haben erzählt, und wir anderen haben zugehört. Mit unseren Ohren haben wir zugehört. Aber wir haben auch noch mit etwas anderem zugehört. Könnt ihr euch das vorstellen, womit wir zugehört haben?"

Vielleicht kommt es an dieser Stelle zu einem kleinen Gespräch.

"Könnt ihr euch vorstellen, dass wir auch mit unserem Herzen zugehört haben? Ja? (Pause) Legen wir doch alle mal eine Hand auf unser Herz? Hmhm, die meisten von uns wissen schon, wo unser Herz ist... Jetzt sind wir einmal ganz still, ganz still.... vielleicht kann dann unsere Hand etwas spüren..."

Die Kinder beschreiben, was sie spüren...

"Wie macht denn unser Herz, wenn wir ganz glücklich sind, wenn es uns ganz gut geht?"

Die Kinder beschreiben...

"Wie macht unser Herz, wenn wir ganz traurig sind. Könnt ihr euch das vorstellen?

Die Kinder beschreiben...

"Jetzt probieren wir mal ´was. Ihr nehmt eure Hand von eurem Herzen, und jetzt sind wir alle ein Herz. Stellen wir uns einmal als ein Herz auf... Schaut mal selbst, sind wir schon ein Herz, oder wo müssen wir noch etwas ändern, damit wir ein Herz sind... Jetzt, jetzt sieht man uns an, dass wir ein Herz sind...Und jetzt ganz still, ganz, ganz still. Stellt euch bitte vor, wir sind das Herz in einem Kind, dem es ganz gut geht... wie können wir das zeigen? Stellt es euch bitte einmal vor... Wie machen wir das, wenn es uns ganz gut geht? Wie schlagen wir dann? Aha, wir machen bummbummbummbumm... Gut, und jetzt sind wir in einem Kind, das ganz traurig ist. Spürt mal, wie ist das? Ich bin ganz traurig... Ich bin das Herz von einem Kind, das ganz, ganz traurig ist. Wie schlage ich dann? Wenn ich ganz traurig bin? Dann schlage ich nicht mehr bummbummbummbummbumm. Wie schlage ich dann? Hat jemand von euch eine Idee? Mag es jemand mal vormachen? Gut, du bist das Herz von einem Kind, das traurig ist. Aha, du machst, bumm...bumm...bumm...bumm...Hört ihr alle den Unterschied? Ja? Dann versuchen wir es alle einmal... bumm...bumm...bumm...bumm..."


Variationen

Wie sitzen wir, wenn wir traurig sind? Wie, wenn wir glücklich sind?

Wie gehen wir dann? Stehen wir doch einmal alle auf und gehen wir so, als ob wir ganz traurig sind!

Jetzt gehen wir einmal so, als ob wir ganz glücklich sind, ganz ausgelassen.

Jetzt teilen wir unsere Gruppe. Die eine Hälfte geht so, als ob sie ganz traurig ist, die andere Hälfte guckt zu. Wie ist das? Wir tauschen uns kurz aus. Dann wechseln wir die Rollen!

Wie liegen wir, wenn wir ganz glücklich sind? Wie liegen unsere Beine? Unsere Füße? Unsere Hände? Wie sieht unser Gesicht aus?

Wie liegen wir, wenn wir traurig sind? Wie liegen dann unsere Beine usw.


2.Ich bin da

Achtsamkeitsübungen

Wir erinnern uns noch gut an den Tag, an dem unser Sohn Tobias ein Lied aus dem Kindergarten mitgebracht hatte. Es war ein besonderes Lied. Ein Lied, das der ganze Körper mitsingen durfte. Freude und Trauer, unmittelbar nebeneinander, spiegelten sich in den Gesten und im Gesicht. Die Trauer des Verlierens und das Glück des Wiederfindens:
 

"Meine Hände sind verschwunden,
meine Hände sind nicht mehr da,
ei, da sind die Hände wieder, tralalalalalala,
ei, da sind die Hände wieder, tralalalalalala.

Meine Augen sind verschwunden,
meine Augen sind nicht mehr da,
ei, da sind die Augen wieder, tralalalalalala,
ei, da sind die Augen wieder, tralalalalalala.

Meine Ohren sind verschwunden,
meine Ohren sind nicht mehr da,
ei, da sind die Ohren wieder, tralalalalalala
ei, da sind die Ohren wieder, tralalalalalala..."
 

Kinder können noch staunen. Sie können noch staunen über ihren Körper, über ihre Umgebung, über den Schmetterling, über Himmel und Erde, über Sonne, Mond und Sterne. Kinder erfahren die Welt noch, als wäre sie neu. In der Inszenierung dieses Kinderliedes können auch wir großen Leute über unseren Leib und unsere Glieder staunen. Für einen Augenblick lassen wir unsere Hände auf dem Rücken verschwinden, für einen Moment bedecken wir unsere Augen, unsere Ohren, unsere Nase, unseren Mund und können so vielleicht neu ermessen, wie kostbar unserer Leib mit allen seinen Gliedern und Organen ist.
 

Da-sein

In den Achtsamkeitsübungen geht es darum, unser Da-sein zu spüren, unser In-der-Welt-sein, unser Im-Leibe-sein. Ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie wertvoll und wie gefährdet zugleich unser Leben ist. Und dies auf eine leichte, spielerische, absichtslose Weise. Solche Übungen sollten im Lauf der Zeit zu einer ganz vertrauten Erfahrung werden. Ein Gegengewicht gegen all das, was uns sonst umgibt. Gegen die Hektik, gegen die Oberflächlichkeit, gegen das ständige Sich-Vergleichen, gegen die Leistungsgebote schon im Kindesalter. Übend werden die Kinder lernen: Wie es mir gerade geht, was ich gerade erlebe, was gerade in mir und mit mir ist, das ist nicht gleichgültig, das ist nicht egal. Es ist wichtig und wertvoll und kostbar. Und daraus wird auf diesem Übungsweg ein "Ich bin wichtig. Ich bin wertvoll. Ich bin kostbar!" werden.

Bei einer Achtsamkeitsübung können mir Begegnungen helfen. Ich begegne etwa einem Stein oder einer Kastanie oder einem Blatt oder einer Schale Wasser. Im Spüren, im Ertasten, im Lauschen, im spielerischen Kennenlernen, im Dialog mit einem anderen Gegenstand erlebe ich mich, erfahre ich mich. Gerade in solchen Begegnungen können Kinder lernen, sich selbst liebevoll anzunehmen und gleichzeitig behutsam auf die Mitwelt und Umwelt zu antworten. Anregungen und Hilfen für derartige Übungen finden sich zu Genüge in der Literatur, wobei die Erfahrung der Leiterin oder des Leiters, vor allem die Selbsterfahrung, bei weitem die größte Hilfe darstellt.

Übergänge

Achtsamkeitsübungen sind Oasen eines aufmerksamen Lebens. Mitten in der Geschäftigkeit eines Tages. Mitten im Spielen, mitten im Reden, mitten im Toben. Dabei soll es allerdings nicht einen abrupten Wechsel geben. Wir werden deshalb einen Übergang gestalten. Wir können z.B. die Kinder einladen, sich einmal ganz bewusst zu werden, was sie gerade machen. Wir können sie zu einem Satz einladen, den sie sich in der Stille sagen. Also etwa "Ich knete gerade" oder "Ich blättere gerade in einem Buch" oder "Ich gehe gerade durch unser Zimmer". Wir können sie dann zu einem zweiten Satz einladen. Etwa: "... und jetzt höre ich damit auf" oder "... und jetzt mache ich eine Pause" oder "... und jetzt kommt etwas anderes" oder "... und jetzt sage ich meinem Buch, meiner Knetmasse, meinen Bauklötzen 'Auf Wiedersehen'".

Ein anderer Übergang lädt die Kinder ein, in dem, was sie gerade machen, fortzufahren, aber es einmal in Zeitlupe zu tun. Ganz, ganz langsam. Dabei einmal nachspüren, wie das ist und sich dann langsam davon verabschieden. Der Zeitraffer, die Beschleunigung, die Verstärkung wären wiederum andere Übergange. Wofür immer wir uns entscheiden, jedes Mal geht es darum, bewusst in eine Handlung hineinzugehen und bewusst aus ihr herauszugehen. Kontakt machen und Kontakt lösen, das sind Grundbewegung unseres Lebens. In aller Regel geschehen sie allerdings mechanisch, automatisch, unbewusst. Diesmal geht es darum, Kontakt und Kontaktlösung - unser Kontext heißt ja abschiedlich leben, loslassen, sich lösen, adieu sagen - bewusst und eingefühlt zu erleben.

Ein Apfel?

Aus der Bewegung heraus gehen wir in die Ruhe. Wir laden die Kinder wieder in den Kreis ein. Diesmal im Stehen. Wir überprüfen, ob wir tatsächlich schon einen Kreis formen. Versuchsweise können wir auch zunächst einmal in die Form hineingehen, die sich gerade andeutet. Also, wenn die Form gerade mehr an einen Apfel erinnert als an einen Kreis, dann verzichten wir auf eine Korrektur und gehen bewusst in die Apfelform. Wir bilden einen Apfel. Vor unserem inneren Augen stellen wir uns einen Apfel vor Wir können dann versuchen, unsere Vorstellung zu beschreiben, und dann versuchen wir, diese Form zu gestalten. Wir können dabei zwei Kinder einladen, sich unsere Bemühungen einmal von außen anzuschauen. Vielleicht von mehreren Seiten oder Positionen aus. Also einmal von links und dann von rechts und dann von einem Hocker aus usw. Die beiden Kinder sollen uns helfen, immer besser einen Apfel darzustellen. "Du musst noch ein bisschen nach vorne" und "Ihr drei seid der Stiel" oder auch "Wir wollen auch noch ein Kerngehäuse haben" und "In diesem Gehäuse sollen vier Kerne sein". Wenn wir schließlich die Form erreicht haben, dann gehen wir in die Stille und spüren nach. Und dann lösen wir diese Form bewusst auf. Wir schütteln unsere Füße aus, wir schütteln unsere Hände aus. Wir räkeln uns und strecken uns und gähnen und hüpfen auf dem Platz und lassen so die alte Form los.

Wenn wir die Apfelform oder irgendeine andere Form, die sich so angedeutet hatte, nicht abbrechen, sondern aufnehmen und zu einer abschließenden Gestalt bringen, dann werden die Kinder in einem neuen Ansatz müheloser und bewusster zur Gestalt des Kreises finden. Annehmen, was ist, mit dem arbeiten, was wir vorfinden, darum geht es immer wieder!

Stehen

Wir wollen an dieser Stelle eine Übung im Stehen vorstellen und dann zu einer Atemübung kommen. Wir stehen also im Kreis. Diesmal ist uns ein richtiger Kreis gelungen. Wir freuen uns an diesem Rund, das wir da zuwege gebracht haben und denken noch einmal an den Weg, den wir dabei gegangen sind. Jetzt also stehen wir da. Wir schauen einmal herum und nehmen war, wie wir dastehen. Die einen werden ihre Füße ganz nahe beieinander haben. Die anderen stehen breitbeinig da. Wieder andere stehen versetzt, so mit einem Standbein und einem Spielbein oder gar über Kreuz.

Sinn der Übung ist es, die Kinder zu einem guten Stehen zu führen. Sie sollen den Raum in Anspruch nehmen, der ihnen gebührt. Nicht mehr Raum, denn sonst würde es ein Leben auf Kosten anderer werden. Aber auch nicht weniger Raum, denn sonst würden sie gar nicht den Platz füllen, der ihnen zusteht. Sie sollen einen guten Stand haben. Wenn ich einen guten Stand habe, dann kann der Wind mir schon einmal ins Gesicht blasen. So schnell falle ich nicht um. Wenn ich allerdings einen schlechten Stand habe, dann kann mich auch ein Windhauch umwerfen. Das freilich sind weiterführende Gedanken, die im Moment noch ganz im Hintergrund bleiben.

Im Moment stehen wir als im Kreis. Wir haben wahrgenommen, wie unterschiedlich wir alle stehen. Offensichtlich gibt es da ganz viele Möglichkeiten. Aber jetzt wollen wir etwas ausprobieren. Wir laden die Kinder ein, einmal so breitbeinig wie möglich dazustehen. Dabei passen wir sehr auf, dass wir nicht umfallen. Wir passen auch auf, dass wir nicht in einem Spagat auf dem Boden sitzen. Wir stehen also ganz breitbeinig da. Und dann spüren wir einmal nach, wie wir jetzt dastehen.

Wahrscheinlich werden die Kinder es selbst benennen können. Sie stehen ziemlich wacklig da. Vielleicht kippen manche auch immer wieder um. Nein, wenn man so steht, hat man keinen festen Stand. Wenn uns ein anderes Kind auch nur antippt, dann fallen wir.

Von der Übertreibung gehen wir in die Untertreibung. Wir wollen also so dastehen, dass wir möglichst wenig Raum einnehmen. Möglichst wenig! Ganz eng soll es bei unseren Füßen werden!

Wir schauen uns jetzt einmal um. Viele Kinder werden die Füße unmittelbar nebeneinander haben, so dass nicht einmal mehr ein Blatt Papier dazwischen passt. Andere werden vielleicht auf einem Fuß stehen und den anderen leicht angewinkelt auf diesem Standbein abgestellt haben. Wie auch immer, wiederum spüren wir nach. Das Ergebnis ist ganz ähnlich wie bei der Übertreibung. Ganz zittrig und wacklig stehen wir da. Ein anderes Kind könnte uns mit seinem kleinen Finger umwerfen.

So, und jetzt wollen wir ausprobieren, wie wir gut dastehen können. Wir lassen die Kinder einfach einmal probieren. Sie sollen es ausprobieren. Mal so und mal so und dann wieder anders. Viele werden auf diese Weise selbst daraufkommen. Am besten stehen wir, wenn unsere Füße etwa im Hüftabstand auseinander sind und wenn sie möglichst parallel stehen. Dann haben wir von unserem Körperbau her den besten Stand. So schnell werden wir jetzt nicht fallen, und dennoch bleiben wir ganz in unserem Bereich und überschreiten diesen Bereich nicht. Auch das Kind neben mir zur linken und zur rechten hat noch gut Platz.

Wie gesagt, im Kindergarten geht es zunächst um ein gutes Stehen, das wir immer wieder üben können. Ganz allmählich wird diese Körperhaltung für eine Lebenshaltung durchlässig werden. Sie wird zum Gleichnis werden. Ich möchte so im Leben stehen, dass ich einen verläßlichen Stand habe, so dass mich so leicht nichts umwirft. Ich möchte aber auch so im Leben stehen, dass ich nicht auf Kosten anderer Menschen, auf Kosten der Mitwelt, auf Kosten meiner eigenen Person lebe. Ein Stand, der mich verwurzelt und gegründet sein läßt, von dem aus ich aber gut mit anderen in Beziehung treten kann. Nur wenn ich selbst gut stehe, kann ich auch einen anderen Menschen stehen lassen und eine andere Meinung und ein anderes Gefühl und ein anderes Leben.

Atmen

Atemübungen gehören zu den wichtigsten Achtsamkeitserfahrungen. Mehr als alles andere ist unser Atmen Sinnbild für unser Leben. Für das Hergeben und das Empfangen, für das Loslassen und für das Kommenlassen, für das Abschiednehmen und das neu Beschenktwerden. Ich atme ein und spüre, wie sich mein Leib für die nächsten Augenblicke mit Leben füllt. Dann atme ich aus und muß viel von diesem Leben wieder hergeben. Aber nur so kann ich neues Leben empfangen. Behielte ich den Atem für mich - man kann das gut ausprobieren -, dann würde ich eine sehr sinnvolle Balance aufgeben. Ich stünde - ganz buchstäblich - sehr aufgeblasen da. Mein Schwerpunkt würde nach oben rutschen, der ganze Mensch wäre nicht mehr im Lot. Ich wäre nicht mehr bei mir, ich wäre außer mir.

Wiederum: Dies ist für die Kinder Hintergrund. Mit ihnen beginnen wir ganz vordergründig, aber damit wird eine Basis geschaffen, dass sie sich nach und nach etwas von diesem Hintergrund erarbeiten können.
 

Atemübung im Stehen

Leiter(in): "Ihr steht jetzt alle ganz gut da. Ein ganz schöner Kreis...Schaut noch mal herum, ob das stimmt, was ich sage. Ob ihr diesen Kreis auch so sehen könnt...Und jetzt bleiben wir ganz bei uns. Unsere Hände dürfen ausruhen. Sie müssen nichts machen. Sie dürfen runterhängen. Ganz schwer hängen sie mit den Armen herunter...Unsere Füße sind nicht zu weit auseinander, aber sie stehen auch nicht zu eng beieinander. Sie stehen ganz gut. So, dass sie uns ganz gut tragen können. Sagen wir doch einmal unseren Füßen "danke". Danke, dass ihr so gut dasteht. Ganz leise, jede(r) für sich. Danke, dass ihr so gut dasteht. Danke, dass ihr mich so gut tragt... Und jetzt schauen wir noch einmal runter zu unseren Füßen, und dann lassen wir sie ein paar Minuten stehen. So gut, wie sie jetzt dastehen...

Ich möchte zusammen mit euch ganz nach oben gehen, fast ganz nach oben in unserem Körper. Ich möchte mit euch zu eurer Nase gehen... Und ihr alle wißt, die Nase, die atmet für uns. Immerzu. Sie atmet ein und atmet aus. Ein und wieder aus. Ein und aus. Jetzt haben wir gerade unseren Füßen danke gesagt, und ich glaube, unserer Nase können wir auch danke sagen. Danke, dass du für mich atmest. Ganz leise, jede(r) für sich...

Jetzt bitte ich euch, einmal aufzupassen, was mit der Luft passiert, die die Nase für uns einatmet... Hat jemand von Euch eine Idee?"

Es kommen verschiedene Antworten.

"Wir wollen einmal etwas ausprobieren...Dazu brauchen wir unsere Hände. Die sind jetzt ja ausgeruht und können uns jetzt ein bißchen helfen...Legt doch bitte einmal eine Hand auf euren Bauch... dahin, wo euer Nabel ist... ich mache es euch vor ...mit dem Handteller auf die Stelle, wo der Nabel ist...So... Diese Hand bleibt jetzt ein bißchen an dieser Stelle liegen... Gut... Jetzt zur anderen Hand. Die andere Hand, die brauchen wir jetzt auch. Die andere Hand legen wir auf unseren Rücken, und zwar genau gegenüber... Ich zeige es euch wieder...die andere Hand mit dem Handrücken auf unseren Rücken... So...Ganz schön, wie ihr das macht...Schaut mal, ob ihr jetzt etwas spürt..."

Die Kinder spüren Wärme oder ein Kribbeln oder eine Bewegung.

"Jetzt stellt euch bitte einmal vor, wir könnten die Luft, die wir durch die Nase einatmen, in unseren Bauch locken... dorthin, wo unsere Hände liegen... in den Bauch zwischen unseren Händen...stellt euch vor, hier sei ein Luftballon.... und wenn wir einatmen, dann blasen wir Luft in den Luftballon... und unser Luftballon wird ein bißchen dicker und noch ein bißchen dicker... probieren wir es einmal... könnt ihr das spüren, wie der Luftballon dicker wird..."

Von den Kindern kommen Rückmeldungen

"Gut... Jetzt achten wir einmal auf etwas anderen. Wir achten darauf, was passiert, wenn wir ausatmen...also: wir atmen ein, der Luftballon wird dicker, und jetzt atmet einmal langsam aus... was passiert?"

Die Kinder schildern, wie der Luftballon wieder kleiner wird

"Ganz gut. Und jetzt darf unser Mund ein bisschen ausruhen... und wir atmen durch die Nase ein, und wir atmen durch die Nase aus, und unsere Hände spüren für uns, wie der Luftballon größer wird und kleiner wird... und das machen wir jetzt ein paarmal... und jetzt probieren wir noch etwas. Unsere Arme und Hände sagen unserem Bauch und unserem Rücken "Auf Wiedersehen" und dürfen wieder herunterhängen...ganz schwer herunterhängen... und wir achten einmal darauf, ob wir immer noch den Luftballon spüren, wenn wir ein- und ausatmen... ein und aus... ein und aus...wenn ich einatme, dann bekomme ich Luft und mein Bauch wird rund wie ein Luftballon... wenn ich ausatme, dann gebe ich Luft her, sie strömt durch meine Nase nach außen... und mein Luftballonbauch wird kleiner...ein und aus... ein und aus...bleibt jetzt bitte noch ein bisschen stehen, ganz still, ganz still..."

Die Leiterin schlägt nach ein, zwei Minuten eine Glocke oder eine Klangschale an. Wenn der Ton verklungen ist, dann ist es wichtig, sich zu bewegen und gut aus der Übung herauszukommen. Also die Hände, die Füße ausschütteln, sich räkeln, sich strecken, gähnen usw.


Variationen

Wir können unsere Hände auch an den Hüften anlegen, und in diesen Raum hineinatmen.

Die Kinder können sich gegenseitig unterstützen. Dann arbeiten immer zwei zusammen. Das eine Kind legt dann dem anderen Kind die Hände an. Danach werden die Rollen gewechselt.

Die Atemübung kann auch im Sitzen oder im Liegen gemacht werden. Im Liegen werden beide Hände auf den Bauch gelegt.

Wenn wir ein bißchen geübter sind, dann erspüren wir nicht nur das "ein" und das "aus" unserer Atembewegung, sondern auch die Atempase zwischen dem "aus" und einem neuen "ein".

Wir können die Atembewegung auch so unterstützen, dass wir die Arme mit dem "ein" nach vorne oder auch zur Seite bis in Schulterhöhe heben und mit dem "aus" wieder sinken lassen.

Wir können durch die Nase einatmen, und dann mit einem stimmhaften "s" durch den Mund ausatmen.


3. Du bist da

Vertrauensübungen

"Urvertrauen" nennt Erik Erikson die erste Lebensaufgabe, die wir zu bewältigen haben. Bereits in den ersten Monaten lernen wir, ob es gut ist, auf der Welt zu sein, ob wir willkommen sind, ob für uns gesorgt wird, ob wir gehalten und geliebt sind. Es ist die verläßliche Gegenwart zumindest einer liebevollen Bezugsperson, die uns zu diesem Urvertrauen finden läßt. Du bist da, wenn ich Hunger habe. Du bist da, wenn ich mich allein fühle. Du bist da, wenn ich friere. Du bist da, wenn es in meinem Bauch drückt und bläht. Du bist da und kümmerst dich um mich.

Sehr bald muß dieses Urvertrauen schon ein bißchen weiter tragen. Du bist da, auch wenn ich ein Weilchen warten muß. Du bist da, auch wenn das Fläschchen erst aufgewärmt wird, und wenn es noch ein bißchen dauert. Du bist da, auch wenn du mein Schreien in der Nacht nicht sofort hörst und an meinem Bettchen stehst. Du bist da, auch wenn du abwartest, ob meine Unruhe sich vielleicht von selbst legt. Ich weiß, dass du da bist, und dass du dich um mich kümmerst, und dass du mich liebhast.

Bald kommt der nächste Schritt. Das erste Aufstampfen. Der erste Trotz. Das erste Nein. Und in all dem die Frage: Bist du auch dann noch da? Bist du da, wenn ich nicht mehr "das süße Kleine" bin, das Vorzeigebaby? Bist du da, wenn sich in mir etwas eigenes zeigt? Ein eigener Wille, ein Eigensinn, d.h. ein eigener Sinn, eine eigene Wahl? Bist du auch dann noch verläßlich da? Zu meiner Förderung, aber auch zu meinem Schutz?

Bekräftigungen

Und so geht es weiter. Unser Leben - es ist eine ständige Folge von Herausforderungen und Krisen. Aber das Vertrauen der ersten Jahre wird uns durchtragen. Auch in den großen Erschütterungen. Unser Glaube knüpft an solchen Erfahrungen an. "Und ob ich schon wanderte durch das finstere Tal, fürchte ich kein Unglück..." heißt es im 23. Psalm. "Moment mal," könnte ich dazwischenrufen, "warum in aller Welt fürchtest du kein Unglück? Du dort unten hast allen Grund, dich zu fürchten!" Er aber fährt fort "... ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir." Du bist bei mir! Die Erfahrung eines großen DU, das über unserem Leben steht.

Freilich, die Du-Erfahrung will immer wieder bekräftigt und bestätigt, vertieft und veranschaulicht werden. Du bist da. Du bist bei mir. Du bist verläßlich bei mir. Kinder versichern sich dessen immer wieder im Spiel. Blinde Kuh, Armer Schwarzer Kater, Hänschen, piep mal und viele andere Spiele enthalten solche Elemente. Auch die Vertrauensübungen haben diese spielerische Seite. Aber sie gehen dann doch auch über das Spielerische hinaus.

Es sind die frühen Erfahrungen, die in diesen Übungen lebendig werden. Gehalten werden, getragen werden, geführt werden auf der einen Seite und sich loslassen, sich fallenlassen, sich anvertrauen auf der anderen Seite. In beiden Rollen sollen sich die Kinder erleben, zu beiden sollen sie Zutrauen gewinnen. Alle guten, tragfähigen Beziehungen leben ja von diesem Rollenwechsel. Jede Freundschaft, jede Partnerschaft, jede Ehe. Einmal lebe ich mehr die eine Seite, vertraue mich an, lasse mich führen, lasse mich fallen. Dann lebe ich mehr die andere. Ich biete Führung an, biete Halt an, bin Stütze für einen anderen Menschen. Einmal habe ich viel Kraft und viel Energie und kann davon abgeben. Ein ander Mal bin ich schwach und kraftlos und brauche jemanden, dessen Stärke ich neben mir spüre. Einmal bin ich hilfsbereit und einmal bin ich hilfsbedürftig.

Sich zeigen

Wenn wir als Kinder in dieses Rollen-Spiel hineinwachsen, dann werden wir uns später darin leichter tun. In der Schule und in der Schule des Lebens lernen wir ja sehr einseitige Rollenspiele. "Ein Junge weint nicht" heißt eines davon. "Sei tapfer" heißt ein anderes. "Reiß´ dich zusammen" ein drittes, "Haltung bewahren" ein viertes, "Sich nicht gehen lassen" ein fünftes, "Doch wie´s da drin aussieht, geht niemand was an" ein sechstes usw. Uns allen fällt es wahrscheinlich leicht, auf diese Weise bis hundert zu zählen.

Wie schwer tun sich deswegen Menschen mit Sätzen wie "Du, nimm´ mich doch einmal in den Arm" oder "Bleib´ doch bei mir" oder "Setz´ dich doch bitte zu mir, es ist so schwer, für mich allein zu weinen." Wie schwer tun wir uns damit! "Ich brauche Hilfe" - darum geht es im Grunde genommen immer wieder. Und doch scheint dieser kleine Satz, dieses so urmenschlichen Bekenntnis, zum Schwersten zu gehören, was man in unserer Sprache sagen kann. In den Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes fällt immer wieder auf, dass Jesus sein Gegenüber fragt: "Was willst du?" Eine überflüssige Frage, könnte man meinen, bei einem Menschen, dessen Leid so ganz offenkundig ist. Aber anscheinend hat es einen tiefen Sinn, dass ich ausspreche, was mich bekümmert und was ich brauche. Dieses "... dass ich wieder sehen kann" oder "... dass ich gesund werde," dieses Ausprechen ist bereits ein Teil der Heilung.

Wie schwer tun sich Menschen aber auch mit der anderen Seite. Mit Sätzen wie "Laß deine Tränen fließen, ich bleib´ bei dir" oder "Sei traurig, sei verzweifelt, ich bin jetzt da" oder "Laß deinen Zorn heraus, ich kann es schon aushalten." Wiederum, das alles ist für die Kinder im Moment noch weit weg. Es ist Hintergrund. Vordergründig wird das Spiel um Nähe und Distanz sein. Das "Die-Augen-schließen" und das "Die-Augen-für-einen-anderen-offenhalten". Aber im Spiel und in der Übung werden wir Vertrauen zum Fühlen, Vertrauen zum Wünschen, Vertrauen zum Bitten und vor allem Vertrauen zur rechten Nähe eines anderen Menschen lernen.

Ich - Wir - Ich

Du bist da. Vertrauensübungen sind Partnerübungen. Dabei gibt es einen Dreischritt, und es ist sehr wichtig, hier sauber und klar zu arbeiten. Sonst kommt es zu Konfusionen, zu Überschneidungen und Vermischungen. Auf keinen Fall akzeptabel ist die Einstellung, es sind ja nur Kinder, es ist nicht so schlimm, wenn ich hier über manches hinwegsehe. Kinder haben den gleichen Anspruch auf Respekt und Wertschätzung wie große Leute!

In Kürze heißt dieser Dreischritt: Ich - Wir - Ich. Wir beginnen mit dem Ich. Wir bekommen ein Gespür für dieses Ich. Für seine Ausdehnung nach oben und nach unten, nach vorne und nach hinten, nach links und nach rechts. Für seine Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit. Dann kommt die Kontaktphase. Ich gehe hinüber in den Personbereich eines anderen Menschen. Dieses Hinübergehen in den Bereich eines anderen Menschen ist nicht selbstverständlich. Es darf kein Zugriff, kein Übergriff werden. Es ist ein Privileg, dass mir ein anderer Mensch erlaubt, ihm oder ihr nahezukommen. Das Wir, das in der Kontaktphase entsteht, darf kein vermischtes und kein verwischtes und kein erschlichenes und kein erbeutetes Wir sein. Es ist ein Wir, das mit Achtung für mein eigenes Personsein und das Personsein meines Gegenübers gefüllt ist. Nach der Kontaktphase kommt wieder die Rückkehr in den eigenen Personbereich. Das Wir ist aufgelöst! Ich bin wieder bei mir, bin ganz bei mir. Und meine Partnerin oder Partner ist wieder ganz bei sich. Wir sind wir Ich und Du.

Gehaltenwerden

Gerade bei den Vertrauensübungen kommt es auf ein langsames Hinführen an. Vertrauen ist etwas, was behutsam erarbeitet und dann liebevoll verwaltet werden will. Wir können etwa mit einer der Stilleübungen oder der Atemübungen beginnen, die wir kennengelernt haben. Dann kündigen wir eine neue Übung an. Wir bilden zwei Kreise, einen Außenkreis und einen Innenkreis und zwar so, dass sich immer zwei Kinder gegenüber sitzen.

Gehaltenwerden ist eine besonders tiefe Erfahrung, die durch unser ganzes Leben geht. Als Baby wurden wir immer wieder gehalten. Als kleines Kind nahmen uns Mutter und Vater immer wieder in den Arm. Später halten wir uns, wenn wir verliebt sind. Dann halten wir uns in Zeiten der Nähe. Und unsere große Hoffnung ist, dass wir auch gehalten werden und gehalten sind, wenn unser Leben zu Ende geht.

Wir sitzen uns also gegenüber, und vielleicht ist es bei dieser Übung gut, wenn wir sie zuächst einmal mit einem Kind vormachen. Der erste Schritt: Wir bleiben ganz bei uns. Spüren, wie wir sitzen. Spüren, wo unsere Füße sind, spüren die Sitzfläche, vielleicht die Rückenlehne. Dann spüren wir unser Atmen, das "ein" und das "aus" des Atems, das "ein" und das "aus". Dann nehmen die Kinder im Außenkreis eine Hand und reichen sie nach innen, so als ob sie dem Kind im Innenkreis "Guten Morgen" sagen wollten.

Die Kinder im Innenkreis ergreifen mit ihren beiden Händen die eine Hand, die ihnen entgegenkommt und bauen mit ihren Händen für diese Hand eine Höhle (wir können auch das Bild des Nestes verwenden). Sie umschließen sie und halten sie. Nicht mehr. Sie können dabei ihre Arme auf den Oberschenkeln oder Knien abstützen. Die Kinder im Außenkreis können einmal probieren, ob sie ihre Augen schließen möchten, und wie das ist. Die Leiterin wird noch einmal die Erfahrung benennen: "Ich spüre, dass ein anderes Kind meine Hand hält. Mit seinen Händen hat es eine Höhle für meine Hand gebaut, und in dieser Höhle darf meine Hand ausruhen. Ganz ausruhen. Meine Hand muß jetzt gar nichts machen. Sie darf ganz schwer sein, darf ganz still sein, darf sich ausruhen."

Nach einiger Zeit lösen sich die Hände und die Kinder spüren einmal nach. Wie sind meine Hände jetzt? Wie sind die Hände, die gerade ein Höhle gebaut haben? Vielleicht sind sie warm, vielleicht sind sie kalt. Vielleicht sind sie schwitzig. Vielleicht kribbelt es in ihnen. Und auch die Kinder im Außenkreis spüren nach: "ie ist meine Hand, die gerade in der Höhle ausruhen durfte? Fühlt sie sich ausgeruht? Geht es ihr gut? Ist sie noch ein bißchen warm von der Berührung? Und was ist mit meiner anderen Hand? Wie ist sie? Gibt es einen Unterschied? Vielleicht ist sie kühler. Vielleicht fühlt sie sich kleiner an. Vielleicht fremder. Nun soll auch für diese Hand eine Höhle gebaut werden, und wir wiederholen die Übung.

Dann tauschen wir die Plätze. Der Innenkreis geht jetzt in den äußeren Stuhlkreis und der Außenkreis geht auf die inneren Plätze. Und dann wieder der Dreischritt: Ich - Wir - Ich. Zum Schluß bilden wir dann einen großen Stuhlkreis und tauschen uns aus. Wie war es? Was war schön? Was nicht? Wie ist es uns ergangen?

Geführt werden

Leiter(in): "Wir machen wieder zwei Kreise. Einen, in dem die Kinder ein bißchen enger stehen und einen anderen Kreis außenherum... Beide Kreise wenden sich der Mitte zu. Die Kinder im äußeren Kreis sehen den Rücken eines Kindes aus dem inneren Kreis vor sich. Jedes Kind im Innenkreis hat also ein Kind, das hinter ihm steht. Dabei soll zwischen den beiden ein bißchen Abstand sein...Schaut mal bitte, wenn die Kinder im Außenkreis ihre Hand nach vorne ausstrecken, sollten sie das Kind vor sich nicht berühren... Es ist wichtig, dass wir alle Platz haben... Und jetzt schaut euch mal bitte um und guckt, wer hinter euch steht... ob es der Peter ist oder die Maria oder der Alexander... jedes Kind hat ein anderes Kind hinter sich... ihr könnt einander einmal zulachen oder zuwinken... hallo, du da, wir machen jetzt gleich etwas zusammen... und dann wendet euch wieder um, alle Kinder sehen jetzt zur Mitte.... gut so"

Vielleicht gibt es Fragen an dieser Stelle oder die Kinder möchten etwas sagen oder ihre Position verbessern

Leiter(in): "Jetzt vergeßt bitte für einen Moment alle anderen Kinder im Raum. Denkt einmal nur an Euch, nur an Euch selbst...Ich denke ganz allein an mich...Schaut dabei bitte einmal, dass ihr gut steht... das haben wir ja immer wieder geübt...die Füße ein bißchen auseinander, nicht zu weit, nicht zu eng... die Arme und die Hände hängen schwer herunter... die Finger zeigen zum Boden hin... und jetzt wollen wir etwas probieren... die Kinder im inneren Kreis bleiben ganz ruhig stehen und schließen bitte ihre Augen... Schaut mal, wie das ist, wenn eure Augen zu sind... vielleicht blinzelt ihr noch ein bißchen.... vielleicht zittern eure Augenlider noch ein bißchen ... laßt es einfach so, wie es ist... und wenn ihr es gar nicht mehr aushalten könnt, dann macht ihr die Augen wieder auf... Aber probiert einmal, ob ihr sie nicht ein bißchen geschlossen halten könnt...

Jetzt kommt die Aufgabe für die Kinder im Außenkreis... ihr geht auf das Kind vor euch zu und nehmt es bei der Hand... ganz zart, ganz behutsam, damit es nicht erschreckt... Moment, wartet noch bis ich euch sage, wie es dann weitergeht... Wenn ihr das Kind vor euch bei der Hand genommen habt, dann dürft ihr das Kind durch diesen Raum führen... Ihr müßt dabei gut aufpassen, weil ja das Kind seine Augen geschlossen hat und nichts sehen kann... Also ihr müßt ganz gut auf dieses Kind aufpassen, damit es sich nicht stößt, damit es sich nicht wehtut...

So jetzt geht erst einmal zu dem Kind vor euch und nehmt mit eurer Hand das Kind bei seiner Hand... Jetzt bleibt ihr noch einen Augenblick stehen... Vielleicht denkt ihr euch dabei: Schön, dass ich ein anderes Kind führen darf, und die Kinder, die jetzt die Augen zu haben, denken sich, schön, dass mich jetzt ein anderes Kind führt... so... und jetzt fangt bitte an, ganz langsam, ganz behutsam und geht mit eurem Kind durch das Zimmer...Achtet dabei auf die anderen Kinder, dass ihr nicht zusammenstößt, achtet auf die Spielsachen, die herumliegen, auf die Möbel... paßt gut aufeinander auf..."

Die Kinder setzen sich in Bewegung. Wenn es schwierig wird, wenn es zuviele "Zusammenstöße" gibt, dann führen wir die Übung - bitte ohne Enttäuschung oder gar Kränkung - zu Ende.

Leiter(in): "Das ist jetzt gar nicht so einfach... Bleiben wir doch bitte alle einmal stehen, genau an der Stelle, an der wir gerade sind...und spürt bitte einmal in euch hinein, wie das gerade war... was schön war, was schwierig war, was euch gefallen hat und was nicht... und jetzt öffnen auch die ihre Augen, die ihre Augen bis jetzt geschlossen hatten... Schaut euch mal um, ob noch alle da sind ... ob ihr alles wiedererkennt... und dann schütteln wir uns alle ein bißchen aus... so, wie wir das immer machen... und dann setzt euch doch alle auf den Boden und wir erzählen uns, wie es war..."

Die Kinder erzählen. Die Aufgabe der Leiterin ist hier vor allem, die Kinder gut zu Wort kommen zu lassen, nachzufragen, zu unterstützen und ihnen viel Anerkennung und Resonanz zu geben. Am Schluß kann noch einmal ein Lob stehen ("Toll, dass ihr mitgemacht habt...") und eine Verständigung für ein nächstes Mal ("Habt ihr denn Lust, das noch einmal zu probieren? Vielleicht so, dass dann die anderen Kinder, die heute ihre Augen offenhalten und aufpassen mußten, sich führen lassen dürfen?")

Sollte bereits der erste Versuch gut gelingen, dann kann die Leiterin dieses Geführtwerden ein paar Minuten zulassen und dann entscheiden, ob das erst einmal genügt, oder ob die Gruppe jetzt schon für einen Rollentausch bereit ist. Sehr wichtig sind Geduld, Unterstützung, Anerkennung und dann das saubere Ausklingenlassen zum Schluß. Also aus dem Wir heraus zum Ich, Abstand schaffen zu der Übung und sich gut austauschen. Bei diesem Schlußgespräch achten wir besonders auf "ungute" Erfahrungen. Wenn eine Angst hochkam, dann lassen wir uns davon erzählen. Wenn ein Erschrecken hochkam, dann lassen wir es beschreiben. Wenn ein Streit entstanden ist, dann schaffen wir Gehör für die unterschiedlichen Sichtweisen. Bitte denken Sie an den langen Atem. Vertrauen ist unsere erste Lebensaufgabe. Diese Aufgabe ist aber nie endgültig gelöst und abgehakt. Vertrauen bleibt eine lebenslange Herausforderung. Immer wieder ist es eine Entscheidung, ein Schritt: Ich will vertrauen, ich will mich anvertrauen, ich will mich dir anvertrauen, und ich werbe um dein Vertrauen, denn dein Vertrauen ist mir wichtig, es bedeutet mir viel.


Variationen

- Eine sehr vorsichtige und behutsame Partnerübung sieht so aus, dass ein Kind dem anderen einfach am oberen Rückenbereich, so auf den Schulterblättern, die Hände auflegt. Eine halbe Minute, nicht mehr. Die Wärme spüren, vielleicht den Atem spüren, die Berührung spüren. Dann wechseln. Diese schlichte "Rückenstärkung" kann eine ganz tiefe Erfahrung sein.

- Die Führungsübung kann man so ändern, dass jeweils zwei Kinder ein drittes Kind führen. Auf diese Weise wird Geborgenheit noch intensiver erfahren werden, aber u.U. auch Einengung und - bei den Führenden - Rivalität.

- Die Führungsübung kann man auch hin zu einer Achtsamkeitsübung erweitern. Das führende Kind sucht etwas aus, was es seinem Partner, seiner Partnerin zeigen will, also den Kanarienvogel im Käfig oder die blühende Topfblume. Es führt dieses Kind zu dem Gegenstand hin und bittet es dann, die Augen zu öffnen. Dann werden die Augen wieder geschlossen, und es geht weiter.

- Es ist auch gut möglich, dass das führende Kind ein oder zweimal bei dieser Übung innehält und das ihm anvertraute Kind mit geschlossenen Augen etwas mit den Händen ertasten läßt, etwa die Korkwand oder einen Holzreifen oder eine Kordel.


4. Auch andere sind da

Besuche in der Nachbarschaft

Alle Kindergärten machen Besuche in der Nachbarschaft. Dies ist gut und sinnvoll. Die Welt des Kindes wird auf diese Weise Schritt für Schritt, und dies im wörtlichen und im übertragenen Sinn, größer, weiter, reicher. Dabei sollten wir allerdings nicht nur an die Schokoladenseite im Stadtviertel denken. An diese natürlich auch und sicher auch in erster Linie. Also an den lauschigen Park, in dem man so schön herumtollen und Versteck spielen kann oder an den kleinen See, in dem man Enten, Schwäne und andere Wassertiere beobachten kann oder an das barocke Kirchlein mit all seiner verschwenderischen Pracht. Wir sollten auch nicht nur an die Abenteuerseite denken, obwohl auch diese bedacht werden will. Also das Feuerwehrhaus mit den Autos und mit all dem anderen Gerät oder die Polizeiwache mit den freundlichen Beamten oder die Brotfabrik, in der man miterleben kann, wie Semmeln und Brezen gebacken werden.

Zur Schattenseite hin

Wir möchten Mut machen, bei solchen Besuchen in der Nachbarschaft auch an die Schattenseite des Lebens zu denken, weil auch diese Seite zu unserer Welt gehört, und zwar auch zur Kinderwelt. Diese Welt ist nicht nur schön und abenteuerlich, sondern auch schlimm und traurig. Ja, gerade in der Begegnung mit der Schattenseite reifen wir in einer ganz besonderen Weise. Vielleicht gibt es in unserer Nachbarschaft ein Seniorenheim, vielleicht gibt es ein Krankenhaus, vielleicht gibt es einen Friedhof.

Das heißt jetzt beileibe nicht, dass wir unsere Kinder solchen Erfahrungen schutzlos aussetzen Das wäre in der Tat unverantwortlich. Nein, gerade bei solchen Begegnungen müssen sie unsere Begleitung, unsere Fürsorge, unsere Nähe spüren. Deswegen wollen diese Besuche sehr sorgfältig vorbereitet werden und sehr liebevoll nachbearbeitet werden. Wiederum sei betont, dass dabei der wichtigste Part uns Erwachsenen zukommt. Unserem Personsein.

Personare

"Person" - dieses Wort leitet sich von dem lateinischen "personare", "hindurchklingen", ab. Kinder haben ein ganz feines Gespür, was durch uns hindurchklingt. Das, was wir sagen, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Viel umfassender und genauer klingt es in unserer Körpersprache durch, in unseren Gesten, in unserer Mimik, in unserer ganzen Ausstrahlung. Wenn auf diese Weise durchklingt, dass wir selbst völlig unsicher sind oder voller Abwehr, dass uns ein solcher Besuch unangenehm ist, dass wir uns vielleicht davor fürchten oder gar ekeln, dann werden wir unseren Kindern wenig Heiles, wenig Versöhnliches weitergeben können.

Zur Besuchsvorbereitung gehört zunächst einmal eine Selbstprüfung. Wollen wir Erwachsenen, wir Mitarbeiterinnen im Kindergarten, diesen Besuch? Sind wir überzeugt davon, dass unsere Kinder dabei etwas Wesentliches lernen, etwas, was sie vielleicht anders gar nicht oder nur sehr viel schwieriger lernen können? Mag sein, dass wir da gar nicht so sicher sind. Wir merken, dass diese Besuchsidee zunächst einmal ganz viel in uns selbst auslöst. dass wir Zeit brauchen. dass wir im Team immer wieder darüber reden müssen, dass wir vor allem unsere kritischen, unsere ängstlichen Stimmen ernst nehmen. dass wir uns dabei gegenseitig unterstützen. Woher kommt dein Bedenken? Was macht dir Angst? Wie hängt das mit deiner eigenen Kindheit zusammen, mit deinen Erfahrungen?

Es ist also zunächst einmal ein Besuch bei uns selbst, und dieser Besuch bei uns selbst mag zum spannensten Teil der Vorbereitung gehören. Schön, wenn wir dann irgendwann sagen können: Jetzt, jetzt bin ich meiner Sache sicher, jetzt spüre ich festen Boden unter meinen Füßen, jetzt packe ich es an, jetzt kann ich unseren Kindern genügend Halt und Unterstützung geben! All die Mühe und Geduld mit mir selbst hat sich gelohnt!

Die Eltern gewinnen

Nun gibt es ein paar Schritte, die beachtet werden wollen. Zunächst einmal denken wir an die Eltern der Kinder. Am leichtesten ist es, wenn wir mit ihnen so eine Art Grundverständigung erreichen können. dass das Leben unserer Kinder gelingt, das wollen wir ja gemeinsam. Zu einem gelingenden Leben gehört, dass wir die Wirklichkeit wahrnehmen, und zwar die ganze Wirklichkeit. Die schöne Seite des Lebens und die schwere Seite, die beglückende Seite und die traurige Seite, die helle Seite und die dunkle Seite, die Tagseite und die Nachtseite. Wenn wir Kindern, etwa aus einem Schonungsbedürfnis heraus, eine Seite vorenthalten, dann lernen sie die Wirklichkeit eben nur ein-seitig kennen.

Die Eltern müssen uns an dieser Stelle engagiert erleben. Wenn wir die Kinder einladen und ermutigen, sich auch dem Schattenberich des Lebens zu stellen, dann wird diese Erfahrung in unsere Liebe, in unsere Sorgfalt eingebettet sein. Wir werden dabei unsere ganze pädagogische Kompetenz und unsere ganze Leidenschaft für das Leben einbringen.

Auch wenn es so eine Grundverständigung mit den Eltern gibt, wird es dennoch sinnvoll sein, sie als Freunde und vielleicht auch als Mitwirkende für ein bestimmtes Besuchsprojekt zu gewinnen. Ein Elternabend, ein Seminar, ein Workshop eignet sich dabei wohl besonders gut. Vielleicht gibt es Menschen, vertrauenswürdige Personen, die uns dabei helfen können. Wir wollen bei einer solchen Veranstaltung informieren, wollen werben, wollen einladen. Druck und Überredungen würden sich nicht auszahlen.

Den Besuchsort gewinnen

Unserer Erfahrung nach lassen sich die Menschen zu einer Mitarbeit gewinnen, wenn wir dies in einer freundlichen und persönlichen und überzeugenden Weise tun. Wir melden uns telefonisch an, schildern kurz unser Anliegen bei der Hausleitung, bei der Verwaltungsdirektion, bei der Friedhofsverwaltung und bitten um einen Gesprächstermin. Vielleicht sind Eltern eines Kindes bereit, bei diesem Gespräch dabeizusein. Vielleicht können wir auch außerhalb unseres Kindergartens einen Bündnispartner gewinnen, jemanden, der uns eine Tür öffnet, der ein gutes Wort für uns einlädt oder uns berät. Das kann z.B. der Klinikpfarrer oder der Gemeindepfarrer sein, das kann ein Stadtrat sein, ein Kinderarzt, ein Psychologe, ein Mensch, der eine gewisse fachliche Nähe hat und unsere Idee befürwortet.

In das Gespräch bringen wir dann unsere Vorstellung ein. Zu unserer "Hausaufgabe" mag eine Ideenskizze gehören. Wie sieht die Vorbereitung aus? Wie der Weg zum Besuchziel? Wie der eigentliche Besuch? Wie sind die Verantwortlichkeiten geregelt? Wie sieht der Heimweg aus? Wie soll die Nachbereitung geschehen? Noch einmal: wir wollen dabei nicht mit dem Kopf durch die Wand! Wenn wir Bedenken hören, dann nehmen wir sie ernst und fragen, wie wir gemeinsam diesen Bedenken Rechnung tragen können. Wenn das Vorhaben auf zu starke Vorbehalte stößt, dann schlagen wir vielleicht eine Bedenkzeit vor, so dass alle Betroffenen Zeit für weitere Überlegungen und Konsultationen haben.

Für eine gute Sache lohnt es sich immer, Geduld zu haben und sich Zeit zu nehmen. Eine sorgfältige Verständigung, in einem Protokoll festgehalten, ist immer besser als eine eilige Entscheidung, die durchgedrückt wurde.

Die Kinder gewinnen

Natürlich können wir einen Besuch einfach anordnen oder zumindest auf die Tagesordnung setzen. Viel schöner und fruchtbarer wird es sein, wenn wir neben den Eltern auch die Kinder gewinnen. Wenn wir sie interessieren und neugierig machen können. Dabei mögen Bilder helfen, Postkarten oder, noch besser, Photos, Dias, die wir selbst angefertigt haben. Eine Erzählung kann uns helfen. Vielleicht haben manche Kinder sogar Verwandte oder Bekannte dort und können unsere Erzählung ergänzen.

Am meisten motiviert eine persönliche Begegnung. Vielleicht können wir eine Krankenschwester in den Kindergarten einladen oder einen Arzt oder eine Seelsorgerin oder eine ehemalige Patientin oder einen Zivi, die berichten und erzählen. Sie könnten etwas aus ihrem Alltag mitbringen, eine Schwesternhaube, ein Fieberthermometer, ein Stethoskop, eine Stola, ein Fürbittenbuch usw. und würden damit ganz leicht einen Zugang zu den Kindern finden.

Wichtig ist der Zeitpunkt für unseren Besuch. Ein Friedhof ist im Herbst und vor allem zum Ende des Kirchenjahres anders als im Frühling. Die Stimmung ist besinnlicher, meditativer. In einem Krankenhaus oder in einem Seniorenheim ist es in der Advents- und Weihnachtszeit anders als in den Sommermonaten. Es ist mehr Gefühl da, mehr Sehnsucht, mehr Erwartung, mehr Aufmerksamkeit, aber wohl auch mehr Leid. Vielleicht finden wir dann noch einen besonderen Tag. Die Zeit um das Erntedankfest etwa, den Martinstag, die Woche vor dem Ewigkeitssonntag oder den Nikolaustag.

Die Kinder sollen dem Besuch nicht passiv entgegensehen, sie sollen ihn aktiv vorbereiten. Lieder können einstudiert, Gedichte können gelernt, Bilder können gemalt, Leporellos können angefertigt, Kerzen gebastelt und kleine Szenen können erfunden werden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! Dabei ist beiden Seiten geholfen. Die kleinen Besucher setzen sich immer wieder mit dem bevorstehenden Ereignis auseinander, und sie machen den Besuchten mit ihrem Mitbringsel eine Riesenfreude.

Exkurs: Ein Friedhofsbesuch

Früher war man wohl überwiegend der Ansicht, Kinder gehörten nicht auf den Friedhof. Zumindest nicht vor dem Schulalter. Wir meinen heute, dass auch ein Friedhof zur Wirklichkeit unseres Lebens gehört, und dass auch kleine Kinder diesen Ort kennenlernen dürfen. Allerdings soll dieser Besuch besonders sorgfältig vorbereitet und besonders liebevoll gemacht werden.

Es gibt zwei Extreme, denen wir nicht erliegen wollen. Das eine wre eine Dramatisierung, die die Kinder überfordern würde. dass Unfalltote manchmal schlimm entstellt sind, oder dass ein Leichnam langsam verwest, gehört auch zur Wirklichkeit, würde aber die Kinder überfordern. Deswegen sind wir an dieser Stelle sehr zurückhaltend. Das andere wäre eine Beschönigung. Wenn wir etwa den Friedhof nur als Park vorstellten, in dem es grünt und blüht, und in dem die Vögel singen, das wäre eine Beschönigung, eine Verharmlosung von Wirklichkeit.

Auch Vorschulkinder dürfen erfahren, auf eine einfache und wahrhaftige Weise erfahren, was im Tod und was nach dem Tod eines Menschen passiert. (Dies kann natürlich auch ohne einen geplanten Friedhofsbesuch geschehen!) Wir finden dabei die folgenden Zeichnungen sehr hilfreich. Wir können sie - in welcher Form auch immer - betrachten, können erzählen und mit den Kindern darüber ins Gespräch kommen. Die knappen Texte, die zu diesen Zeichnungen gehören, mögen dafür eine Orientierung sein.
 
 

Wenn ein Mensch stirbt...

Der Körper atmet nicht mehr.
Das Herz schlägt nicht mehr.
Der tote Körper wird kalt und steif. 

Der tote Körper braucht nicht mehr zu essen und zu schlafen.
Ihm ist nicht mehr kalt oder warm, und er braucht keine Luft mehr.
 


Manche Leute möchten ein Grab in der Erde.
 
 

Andere Menschen möchten,
dass ihr toter Körper verbrannt wird.
Die Asche kommt dann in eine Urne,
die auch ein kleines Grab bekommt.
 

Zur Beerdigung kommen alle Verwandte und Freunde -
und auch noch andere Menschen.

Wir alle denken noch einmal an den Toten,
sprechen von ihm und sind traurig,
dass er nicht mehr bei uns ist.

Mit unseren Blumen wünschen wir ihm alles Gute.

Wir danken ihm und sagen ihm, wie lieb wir ihn haben.

... und manchmal tut der Abschied so weh, dass wir weinen ...

(Daniela Tausch-Flammer und Lis Bickel, S. 123ff.)

Nachbereitung

Schon vor dem Besuch sollte das Team Überlegungen über die Nachbereitung anstellen. Der Leitgedanke dafür ist: Wir helfen den Kindern auszudrücken, was sich eingedrückt hat. Dies kann auf der Wortebene geschehen und auf der Gestaltungsebene. Dabei geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern mehr um die Frage: Was ist wann dran? Beantworten können wir die Frage am besten, wenn wir aufmerksam wahrnehmen, was in den Kindern und mit ihnen geschieht.

Ein sehr ruhiges Kind braucht vielleicht Hilfe, damit etwas laut werden darf. Ein sehr lautes Kind braucht umgekehrt eine Hilfe, damit sich auch einmal etwas setzen kann. Im allgemeinen werden wir die Erfahrung machen, dass die Kinder unsere Vorschläge zur Gestaltung gerne aufnehmen. Ob wir nun malen, ob wir Farbe auf das Papier fließen lassen, ob wir kneten oder reissen oder darstellen oder tanzen oder einfach miteinander reden, alles wird in Wertschätzung und Respekt für das geschehen, was wir erlebt haben und für die Menschen, die uns begegnet sind.

Jetzt wird uns vor allem auch das zugute kommen, was wir immer wieder übend erarbeitet haben. dass wir bei einem anderen Menschen sein können, mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele und mit all unserer Kraft und uns dennoch dabei nicht verlieren. Aus unserer eigenen Verankerung und Verwurzelung heraus können wir anderen Menschen Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Resonanz entgegenbringen, ohne uns dabei zu erschöpfen. Später einmal werden wir uns dafür einsetzen, dass es weniger Leid und weniger Schmerzen und weniger Sterben gibt und auch dies, ohne uns dabei zu verlieren und daran zu zerbrechen.
 

Texte und Lieder zum abschiedlichen Leben

Es ist sinnvoll, dass wir unsere Gefühle in unserer eigenen Sprache ausdrücken. dass wir dabei zu unserem ureigenen Stil, zu unserer ureigenen Handschrift ermutigt werden. Kinder müssen dieses Eigene erst entwickeln und entdecken und erarbeiten. Sie brauchen dabei all unsere Unterstützung und all unser Verständnis und all unsere Geduld. Nur so kann eine Persönlichkeit heranreifen, die deutlich und erkennbar ist, einzigartig und unverwechselbar. Allerdings wäre es sehr mühsam, wenn wir uns für unser Empfinden immer wieder selbst eine neue Form einfallen lassen müßten. Ich kann z.B. nicht an jedem Abend ein neues Lied komponieren. Deswegen freue ich mich, dass es so viele wunderbare Abendlieder gibt, in denen ich mich geborgen fühle. Es ist schön, auf Formen zurückgreifen zu können, die uns andere schenken. Das Spontane und das Bewährte, das Neue und das Traditionelle, beide haben ihren Sinn und ihre Zeit. Wir würden einsilbig werden, wenn wir auf eines der beiden Elemente verzichten müßten.

So ist es genauso sinnvoll, dass wir einen Schatz von Texten und Liedern und Geschichten haben, die für uns da sind, wenn wir sie brauchen. dass es Formulierungen gibt, die wir nicht neu erfinden müssen, sondern in die wir hineinschlüpfen können wie in einen wärmenden Mantel. dass wir nicht verstummen müssen, wenn uns selbst die Worte fehlen. dass es Bilder gibt, heilende Bilder, deren wir uns erinnern, wenn es in uns selbst ganz leer ist. Es macht unser Leben reicher, empfindungsreicher, ausdrucksreicher, wenn wir als Kinder Lieder und Texte lernen, die wir immer wieder singen und sprechen und beten und meditieren können. Worte, die uns halten, tragen, trösten, aufrichten und ermutigen. Wir lernen diese Texte nicht erst dann, wenn wir ganz unten sind. Dann sollen sie ja für uns da sein. Wir lernen sie und üben sie ein, wenn es uns gut geht.

Liebevolle Lebendigkeit

Einige Beispiele wollen wir im Folgenden vorstellen. Es sollen Beispiele sein, die zum eigenen Aufspüren von Texten und Liedern und Geschichten anregen wollen. Dabei gibt es ein paar Kriterien für das, was gut ist und für das, was lediglich gut gemeint ist. Was immer wir Kindern nahebringen, das ist der erste Gesichtspunkt, soll von einer liebevollen Lebendigkeit zeugen. Dies läßt sich genauer beschreiben:

- Es enthält eine Wertschätzung für das Hier und Jetzt unseres Erlebens. Also keine Aufspaltung, wie wir sie manchmal in der Tradition finden, in eine düstere Gegenwart ("Jammertal") und eine schöne Zukunft ("Freudensaal"). Diese Aufspaltung ist seelisch ungesund, und sie ist unbiblisch. Die Heilige Schrift betont an zahllosen Stellen das "Heute" des Lebens. Das Heute will ergriffen, gefeiert, gestaltet werden.

- Es enthält eine Wertschätzung unserer Wahrnehmung, unserer Neugierde, unserer Fähigkeit zu staunen. Also kein Mißtrauen, kein moralischer Zeigefinger, keine vorschnelle Bewertung. Wie unterschiedlich klingt es etwa in dem modernen Lied "Paß auf, kleines Auge, was du siehst..." und in Paul Gerhardts "Mein Auge schauet, was Gott erbauet..."

- Es enthält eine Wertschätzung für Leiblichkeit, Sinnlichkeit, Emotionalität, für die Ganzheit unseres Lebens. Also keine Aufspaltung in einen höheren Bereich des Geistigen und einen niederen des Körperlichen, keine Aufteilung in gute und schlechte Gefühle, keine Mißachtung und Verkümmerung unserer Sinnlichkeit.

- Es enthält ein Urvertrauen in das Leben jedes einzelnen Menschen und für unsere ganze Welt. Es geht nicht den Weg in die Bitterkeit, in die Resignation oder in den Zynismus, sondern bezeugt einen Horizont des Glaubens und der Liebe und der Hoffnung. Es weiß dabei von einem Du, das uns immer wieder liebevoll entgegenkommt.
 

Kinderlieder

Das folgende Lied beschreibt in ganz schlichter Weise die Welt der Kinder. Eine Welt, die noch ganz nahe am Paradies ist. Aber es ist keine heile Welt. Auch in dieser Welt der Pflanzen und Tiere, der Blumen und Bäume, der Freundinnnen und Freunde, gibt es die Erfahrung des Vergessenwerdens. Das Lied benennt diese Erfahrung und antwortet darauf - unter Aufnahme eines biblischen Bildes - mit einem Bekenntnis des Vertrauens.

 1.Ob Gott das grüne Blatt am Baum wohl vermißt?

Ich weiß, dass Gott das kleine Blatt nie vergißt.

Weil sein Name für alle Zeit,

weil sein Name in Ewigkeit

weil sein Name in seine Hand,

in seine Hand eingeschrieben ist.

2.... den bunten Schmetterling

3.... den kleinen Frosch im Teich

4.... den Vogel in der Luft

5.... die Blume auf dem Weg

6.... uns beide, Dich und mich

© Quelle unbekannt. Entnommen aus: Hannah Lothrop: Gute Hoffnung - jähes Ende.

Ein Begleitbuch tür~Eltern, die ein Baby verlieren. kösel Verlag, München, 5. akt. Auflage 1996.

(Weitere Lieder in Arbeitshilfe Nr.5: Mit Kindern singen)

Ähnlich empfehlenswert:

"Aus der Tiefe rufe ich..." in Arbeitshilfe "Mit Kindern singen", Seite 108f.

"Meinem Gott hehört die Welt..." ibid., Seite 110f.

"Deine Hände, großer Gott..." ibid., Seite 122f.

"Schenk uns Zeit..." in Arbeitshilfe "Feste feiern...", Seite 20

"Dafür will ich Dir danke sagen..." ibid. Seite 30

"Manchmal fühl ich mich allein..." ibid. Seite 55

"Weißt du, wieviel Sternlein stehen" EG

"Eingang und Ausgang, Anfang und Ende..." Evangelisches Gesangbuch
 

Kinderbücher

In den letzten Jahren ist eine ganze Reihe von Kinderbüchern erschienen, die von Sterben und Tod und von Trauer erzählen. Wir haben hier das Bilderbuch von Susan Varley ausgesucht, Leb wohl, lieber Dachs. Auf eine einfache und doch sehr poetische Weise vermittelt diese Erzählung, wie sehr der Tod zum Leben gehört. Sie vermittelt, wie wichtig die Erinnerung ist, und sie macht deutlich, dass unsere Trauer ein Ziel hat. Es ist eine sehr menschliche Geschichte.

Leb wohl, lieber Dachs

Der Dachs war verläßlich, zuverlässig und immer hilfsbereit. Er war auch schon sehr alt, und er wußte fast alles. Der Dachs war so alt, dass er wußte, er würde bald sterben.

Der Dachs fürchtete sich nicht vor dem Tod. Sterben bedeutete nur, dass er seinen Körper zurückließ. Und da sein Körper nicht mehr so wollte wie in früheren Tagen, machte es dem Dachs nicht allzu viel aus, ihn zurückzulassen. Seine einzige Sorge war, wie seine Freunde seinen Tod aufnehmen würden. Er hatte sie schon vorbereitet und ihnen gesagt, irgendeinmal würde er durch den Langen Tunnel gehen. Er hoffe, sie würden nicht zu traurig sein, wenn seine Zeit gekommen war.

Eines Tages beobachte Dachs, wie der Maulwurf und der Frosch den Hügel hinunterliefen. Während er ihnen nachsah, fühlte Dachs sich ungemein alt und müde. Nichts hätte er sich mehr gewünscht, als mit seinen Freunden umherzutollen. Doch er wußte, dass seine alten Beine es nicht erlaubten. Er schaute den beiden lange zu und freute sich, dass sie so vergnügt waren.

Als er nach Hause kam, war es schon spät. Er sagte dem Mond gute Nacht und zog die Vorhänge vor der kalten Welt draußen zu. Langsam näherte er sich dem wärmenden Feuer, das tief unter der Erde auf ihn wartete. Er aß sein Abendbrot und setzte sich dann an den Schreibtisch, um einen Brief zu schreiben. Als er fertig war, ließ er sich im Schaukelstuhl neben dem Kamin nieder. Er schaukelte sanft hin und her und war bald eingeschlafen. Und er hatte einen seltsamen, doch wundervollen Traum, wie er ihn nie zuvor geträumt hatte.

Dachs lief. Zu seiner höchsten Überraschung lief er munter dahin. Vor ihm öffnete sich ein langer Tunnel. Seine Beine trugen ihn kräftig und sicher dem Tunnel entgegen. Er brauchte keinen Spazierstock mehr, also ließ er ihn liegen. Dachs lief leicht und behende, schneller und immer schneller durch den langen Gang, bis seine Pfoten den Boden gar nicht mehr berührten. Er fühlte, wie er kopfüber stürzte, wie er hinfiel und sich überschlug, aber er tat sich überhaupt nicht weh. Er fühlte sich frei. Es war, als wäre er aus seinem Körper herausgefallen.

Am folgenden Tag versammelten sich seine Freunde vor dem Eingang am Dachsbau. Sie machten sich Sorgen, weil der Dachs nicht wie sonst herausgekommen war, um ihnen einen guten Morgen zu wünschen. Der Fuchs eröffnete ihnen die traurige Nachricht. Er sagte, dass Dachs tot sei. Dann las er ihnen den Brief vor. Darin stand nur: "Bin durch den langen Tunnel gegangen. Lebt wohl, Dachs."

Alle Tiere hatten den Dachs liebgehabt, und alle waren sehr betrübt. Besonders der Maulwurf fühlte sich allein und verlassen und furchtbar unglücklich.

Abends im Bett mußte der Maulwurf immer an Dachs denken. Tränen liefen ihm über die samtene Nase hinab, bis die Bettdecke klatschnaß war, die er zum Trost fest umklammert hielt. Draußen begann es zu schneien. Bald deckte eine dicke Schneeschicht die Behausungen der Tiere zu, in denen sie es die kalten Monate hindurch warm und gemütlich hatten. Der Schnee begrub das Land unter sich, aber er konnte die Traurigkeit nicht begraben, die die Freude des Dachses erfüllte.

Der Dachs war immer zur Stelle gewesen, wenn ihn einer brauchte. Die Tiere wußten nicht, wie sie jetzt ohne ihn zurecht kommen sollten. Dachs hatte ihnen gesagt, sie sollten nicht traurig sein. Aber das war schwer.

Als es anfing, Frühling zu werden, besuchten die Tiere einander oft und redeten von der Zeit, als Dachs noch lebte.

Der Maulwurf konnte besonders geschickt mit der Schere umgehen. Und nun erzählte er, wie Dachs ihn einst gelehrt hatte, aus einem zusammengefalteten Bogen Papier eine Maulwurfskette auszuschneiden. Er erinnerte sich, wie sehr er sich gefreut hatte, als ihm sein Meisterstück gelungen war: eine ganze lange Kette von Maulwürfen, die sich an den Pfoten hielten.

Der Frosch war ein glänzender Schlittschuhläufer. er erinnerte sich, wie Dachs ihm geholfen hatte, die ersten unsicheren Schritte auf dem Eis zu tun. Dachs hatte ihn behutsam über das Eis geführt, bis er sich sicher genug fühlte, um allein darüber hinzuflitzen.

Der Fuchs dachte an die Zeit, als er ein junges Füchslein war. Und wie es ihm nicht und nicht gelingen wollte, einen ordentlichen Krawattenknoten zu binden. Schließlich hatte ihm Dachs gezeigt, wie man es machte...

Der Dachs hatte Frau Kaninchen sein Spezialrezept fürLebkuchen gegeben und ihr gezeigt, wie man Lebkuchenkaninchen backte. Frau Kaninchen war in der ganzen Gegend für ihre Kochkunst berühmt. Als sie von ihrer ersten Kochstunde bei Dachs erzählte, konnte sie beinah den köstlichen Duft frisch gebackener Lebkuchen schnuppern.

Jedes der Tiere bewahrte eine besondere Erinnerung an Dachs - irgendetwas, was er sie gelehrt hatte, und was sie jetzt ausnehmend gut konnten. Dachs hatte jedem von ihnen ein Abschiedsgeschenk hinterlassen, das sie wie einen Schatz hüteten. Mit ihren verschiedenen Gaben konnten sie alle einander helfen.

Mit dem letzten Schnee schmolz auch die Traurigkeit der Tiere dahin. Sooft der Name des Dachses fiel, kam einem von ihnen eine neue Schmunzelgeschichte in den Sinn.

Eines warmen Frühlingstages wanderte der Maulwurf über den Hügel, wo er den Dachs zum letzten Mal gesehen hatte. Hier wollte er dem Freund für sein Abschiedsgeschenk danken. "Danke,Dachs", sagte er leise. Er war überzeugt, dass ihn der Dachs hörte. Und - vielleicht war es auch so.

Kindergebete

Wir haben hier Gebete ausgewählt, die das Kommen und Gehen, das Auf und das Ab unseres Lebens widerspiegeln und sich dabei der Geborgenheit und der Bewahrung in Gott gewiß sind (Siehe dazu auch die Arbeitshilfe Nr. 2: Mit Kindern beten).Da ist zunächst ein reines Kindergebet. Es ist für kleine und für große und wohl auch für ganz große Kinder gedacht:

"Wo ich gehe, wo ich stehe, bist du, guter Gott, bei mir.

Wenn ich dich auch niemals sehe,

weiß ich sicher, du bist hier."
 

Die folgenden Gebetsverse wurden von Erwachsenen geschrieben. Kinder werden nicht jede Zeile und jedes Bild begreifen, aber sie werden den Ton des Vertrauens und der Zuversicht aufnehmen. Dazu trägt sicher bei, dass alle drei Verfasser selbst der Nachtseite des Lebens begegnet sind und sich dennoch in ihrem Glauben gehalten und getröstet fühlten. Paul Gerhardt erlebte die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, Jochen Klepper schied unter dem unerträglichen Druck der Nationalsozialisten mit seiner Familie durch Suizid aus dem Leben. Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet.

"Abend und Morgen sind seine Sorgen;
segnen und mehren,Unglück verwehren
sind seine Werke und Taten allein.
Wenn wir uns legen, so ist er zugegen;
wenn wir aufstehen, so läßt er aufgehen
über uns seiner Barmherzigkeit Schein."

(Paul Gerhardt)

"Der du allein der Ew'ge heißt
und Anfang, Ziel und Ende weißt
im Fluge unserer Zeiten,
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten"

(Jochen Klepper)

"Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag,
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag"

(Dietrich Bonhoeffer)

Hier ist noch ein schönes Beispiel für ein freies Gebet an einem festlichen Punkt in diesem Kommen und Gehen unseres Lebens, an einem Geburtstag. Es ist eine kleine Liturgie für die ganze Kindergartengruppe:

"Guter Gott, heute wird Sandra fünf Jahre alt. Du hast ihr das Leben geschenkt.

Alle: Wir danken dir.

Am Anfang konnte sie noch gar nichts alleine tun. Du hast ihr Menschen gegeben, die sie versorgten. Ihre Mutter hat ihr zu trinken gegeben, ihr Vater hat sie ins Bettchen gelegt.

Alle: Wir danken dir.

Am Anfang konnte sie noch nicht sitzen und stehen und laufen. Jetzt kann sie rennen und springen und Fahrrad fahren.

Alle: Wir danken dir.

Guter Gott, wir wünschen Sandra gute Freunde und schöne Träume. Wir wünschen, dass sie gesund und vergnügt bleibt.Du kannst ihr das geben.

Alle: Wir danken dir. Amen"

(Aus: Arbeitshilfe Nr. 4, S. 37)

Biblische Geschichten

Unser Kommen und Gehen ist eingebettet in ein größeres Kommen und Gehen. Auch Sonne und Mond kommen und gehen, gehen auf und gehen unter, und in dieser Bewegung sorgt Gott für den verläßlichen Schutz unseres Lebens. Hier ist zunächst die Übertragung eines Lobpsalmes (Psalm 19). Schön, wie hier aus dem "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes..." ein Gespärch entsteht, in das am Ende auch die Kinder einbezogen werden:

"Ich habe gehört,

wie die Sonne geredet hat,

als sie unterging,

groß und rot.

Da hat sie gerufen:

Mond! Komm! Es ist Zeit!

Und dann kam der Mond,

silbern, zwischen den Wolken,

und sagte: Ich bin schon da!

Ich habe gehört,

als der Mond am Himmel stand,

wie er leise gesagt hat:

Sonne, du mußt bald kommen.

Es will bald wieder Tag werden.

Und die Erde möchte dich sehen.

Denn es ist schön auf der Erde,

wenn sie dein Licht hat.

Die Nacht war wie ein Haus,

in dem die Sonne schlief.

Und als sie aufwachte,

kam sie aus der Tür,

streckte sich und sagte:

Guten Morgen!

Und dann kam sie,

groß und hell, über die Dächer

und machte,

dass man die Häuser

und die Bäume

wieder sehen konnte.

Sie fing an zu laufen

und lief über den ganzen Himmel

und schaute in alle Häuser,

und als wir beim Mittagessen saßen,

war sie ganz hoch oben.

Am Abend ging sie wieder

in ihr Haus.

Und ehe sie die Vorhänge zuzog,

und den Laden herunterließ,

rief sie durchs Fenster:

Mond! Komm, es ist Zeit.

Der Mond und die Sonne reden mit dir,

Vater im Himmel,

wie wir es auch tun.

Und es ist schön,

dass du dich freust an dem,

was wir dir sagen."

(Heidi und Jörg Zink, S. 1f)

Eine gute Glaubensvergewisserung liegt in Jesu Abschiedserzählungen des Neuen Testamentes. Jesus hinterläßt uns Zeichen seiner Gegenwart. Eine Kindergartengruppe wird wahrscheinlich noch nicht das Abendmahl feiern, aber vielleicht können die Kinder nach einer solchen Erzählung miteinander Brot brechen und essen und so etwas von dem spüren, was gemeint ist:

"Als die Jünger mit Jesus am Tisch saßen, da spürten die zwölf: Das ist heute nicht nur ein festliches Essen, das ist heute etwas ganz Besonderes. Es war ihnen ganz seltsam zumute. Sie spürten etwas, wie sie es früher noch nie so stark gespürt hatten. "Wie gut ist es für uns, dass wir Jesus bei uns haben!" meinte einer zu seinem Nachbarn. Jesus war für sie wie ein guter Hausvater, als er das Brot auseinanderbrach, Gott für das Brot dankte und es an sie verteilte; als er den Wein in den Becher einschenkte, auch für den Wein das Dankgebet sprach und ihn an sie weiterreichte. Es war schon geheimnisvoll - sie saßen aufmerksam da, achteten sorgfältig auf alles, was Jesus tat, und hörten genau auf jedes Wort, das er sprach. "Ich bin nicht mehr lange so wie jetzt bei euch," sagte Jesus langsam. "So wie wir jetzt essen und trinken, ist es das letzte Mal. Aber in diesem Essen ist ein großes Geheimnis und eine große Kraft. Wenn ihr später das Abendmahl feiern werdet, dann sollt ihr euch an das erinnern, was ich jetzt zu euch sage. Ihr werdet spüren, dass ich trotzdem bei euch bin. Ihr werdet die Freude erleben, die ihr mit mir erlebt habt. Ihr werdet den Mut empfinden, der in euch gewachsen ist, solange ihr bei mir wart. Ihr werdet euch untereinander gern haben, so wie ich euch gern habe..."

(Aus: Arbeitshilfe Nr. 1, S. 64)


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11. Arbeit mit Eltern


Trauer ist eine Grunderfahrung unseres Lebens. Aber wo lernen wir zu trauern? Wo bekommen wir Hilfen, wo Ermutigung? Kaum irgendwo! So ist es nicht überraschend, dass wir allerorten auf Unsicherheit stoßen, auf Abwehr und Verlegenheit. Viele Eltern werden dankbar für eine Einladung zu einem Trauerseminar sein, werden sie doch von ihren Kindern immer wieder auf Tod und Sterben angesprochen. In einem geschützten Raum wollen wir uns für ihre Erfahrungen und für ihre Fragen Zeit nehmen. Wir skizzieren für Sie zwei Seminarabende für Eltern, einen Einführungsabend und einen Vertiefungsabend von jeweils etwa zwei Stunden.


Ein überschaubarer, persönlicher Rahmen scheint uns bei diesem Thema unerläßlich zu sein (Es sei denn, Sie denken mehr an eine Vortragsveranstaltung mit einem Referenten oder einer Referentin). Um der Intensität willen empfehlen wir Ihnen sehr, die Teilnahmezahl doch auf zwölf zu begrenzen. Im folgenden haben wir manche Passagen in wörtlicher Rede formuliert. Es sollen Beispiele sein. Bitte finden Sie Ihre eigenen Formulierungen.
 
 


"Dafür bist du nicht zu klein..."

Unseren Kindern trauern helfen
Ein Einführungsabend

 

Wir sitzen alle im Kreis. In der Mitte ein oder mehrere Symbole des Lebens, des Werdens und Vergehens (eine keimende Pflanze, Kastanien, Herbstblätter, Steine, Getreideähren, eine Uhr, eine brennende Kerze o.ä.).

1. Begrüßung und Einführung

Hier können Sie von Ihrem eigenen Bezug zum Thema, von ihren eigenen Erfahrungen und Fragen erzählen. Sie können auf das verweisen, was in der Mitte liegt. Danach machen Sie einen Vorschlag für den weiteren Verlauf des Abends und vergewissern sich, ob die Teilnehmer und Teilnehmerinnen damit einverstanden sein können.

2. Themenbezogene Vorstellungsrunde

"Jede und jeder von uns hat Erfahrungen mit Tod und Sterben. Zum Teil sind es Erfahrungen aus der eigenen Kindheit, zum Teil Erfahrungen mit den eigenen Kindern. Wenn Sie bitte einmal nachspüren: Wie und wo habe ich Tod und Sterben als Kind erlebt, und wie ist es mir damals damit ergangen? Welche Erfahrungen und welche Fragen bringe ich aus der Lebenswelt meiner Kinder heute mit?"

Nach einer Zeit der Stille laden wir zu einer Eingangsrunde unter dieser doppelten Fragestellung ein. (Sie können auch darum bitten, die Antworten auf einen Zettel zu schreiben. Die Zettel werden dann in die Mitte gelegt oder an eine Pinwand geheftet. Oder Sie halten das, was mündlich vorgetragen wird, stichwortartig an einer Wandzeitung fest). Wenn alle durch sind, schauen wir, ob jemand etwas nachtragen oder nachfragen möchte.

3. Wir hören eine Trauergeschichte

Hier denken wir an eines der Kinderbücher, etwa die Erzählung von Susan Varley, Leb wohl lieber Dachs oder an das Bilderbuch von Marit Kaldhof, Abschied von Rune. Die erste Geschichte kennen Sie schon. Das zweite Buch erzählt von Sara, die von ihrem besten Freund, Rune, Abschied nehmen muß. Beim gemeinsamen Spiel am Wasser ist er ertrunken. In einfühlsamen Worten wird die Zeit danach geschildert. Saras Entsetzen, ihr Schmerz, ihre Verzweiflung, ihre Trauer, ihr langsames Abschiednehmen bei der Beerdigung und beim Besuch am Grab. Bei ihren Eltern und Großeltern ist Sara mit ihren Fragen und ihrer Traurigkeit gut aufgehoben (siehe Literaturverzeichnis).

4. Murmelgruppen

Wir laden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem kurzen Nachspüren ein: Wie geht es mir mit dieser Geschichte? Was fällt mir auf? Was gefällt mir? Was überrascht mich? Welche Fragen kommen mir dazu? Dann bitten wir sie für gut zwanzig Minuten zum Gespräch in Trios. Bitte kündigen Sie auf jeden Fall noch einmal das Ende dieses Triosgesprächs an, z.B. mit einer Klangschale, und laden sie dann mit einem zweiten Ton noch einmal - die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bleiben in den Gruppen - zu einer kurzen Besinnung ein. Jeder und jede möge sich überlegen (damit es in der folgenden Pause nicht "wegflutscht"): Wo haben wir uns aufgehalten? Was war für uns wichtig? Was ist uns deutlich geworden? Wo möchten wir nachfragen? Was möchten wir den anderen mitteilen?

5. Pause

Nach den Kleingruppen haben wir etwa 20 Minuten Pause. Diese Zäsur, in der die Eltern zwanglos miteinander ins Gespräch kommen oder sich aber auch im Kindergarten umschauen können, ist sehr wichtig. Geben Sie dieser Zeit einen freundlichen Rahmen (Einladung zu einer Tasse Tee, zu Obst oder Gebäck usw.).

6. Freies Gespräch

"Jetzt kommen wir noch einmal auf Ihre Kleingruppe zurück. Noch einmal zu den Fragen am Schluß: Wo haben wir uns aufgehalten? Was war für uns wichtig? Was ist uns deutlich geworden? Wo möchten wir nachfragen?

7. Informationsteil

Wir stellen kurz dar, was Trauer heißt und gehen dann vor allem auf die Bedürfnisse von Kindern ein. Beispiele aus dem Alltag des Kindergartens.
 

8. Auswertung und Feedback

Wir denken noch einmal an die Erfahrungen und an die Fragen, die wir in dieses Seminar mitgebracht hatten. Wie geht es mir jetzt? Was ist mir klar geworden? Wo arbeitet es noch in mir? Wie möchte ich weitermachen?

9. Schluß

Ein meditativer Text, vielleicht zur (Kirchen-)Jahreszeit, ein Liedvers, ein Kindergebet, ein Segenswunsch o.ä. soll den Abend abrunden und beschließen
 
 

"Dafür bist du nicht zu klein..."

Unseren Kindern trauern helfen
Ein Vertiefungsabend

 

Wir haben wieder einen Stuhlkreis vorbereitet. Diesmal fehlt eine Mitte. Lediglich eine Kerze brennt auf einem Tisch oder einem Schränkchen, gut sichtbar, wenn man den Raum betritt. Die Anfangsteile formulieren wir in wörtlicher Rede, aber wiederum nur zur Orientierung. Bitte finden Sie die Worte und die Formulierungen, die zu Ihnen passen.

1. Begrüßung und Einführung

"Wir heißen Sie herzlich willkommen. Es ist schön, dass Sie da sind und sich Zeit für unser Thema nehmen. Sie kennen ja diesen Raum schon von unserem ersten Trauerabend. Im großen und ganzen sieht er noch so aus wie damals. Eine Änderung haben Sie sicher schon bemerkt. Wir haben heute keine Mitte, und das hat seinen Grund. Stärker noch als beim ersten Abend soll das Mitte werden, was Sie mitbringen. An Erfahrungen mitbringen, an Fragen mitbringen, an Wünschen mitbringen...."

2. Eingangsrunde mit einer Trauergeste

"Die meisten von Ihnen kennen sich ja schon vom ersten Abend. Darum wollen wir heute ein bißchen anders einsteigen. Wir wollen uns ein paar Minuten der Stille nehmen, und wir bitten Sie, sich einmal zu überlegen, was Sie heute mitbringen, und was Sie sich von diesem Abend erwarten. Erfahrungen, die Sie in der Zwischenzeit gemacht haben, Beobachtungen an sich selbst oder an Ihren Kindern, Fragen, die Ihnen neu gekommen sind. Dann wollen wir Sie noch um etwas anderes bitten. Wir bitten Sie, sich eine Trauergeste einfallen zu lassen. Eine Gebärde oder auch eine Körperhaltung, mit der Menschen ihre Trauer ausdrücken..."

Stille

"Ja, wenn Sie soweit sind, dann beginnen Sie bitte mit Ihrer Geste. Sie können auf dem Stuhl bleiben, der Raum in unserer Mitte gehört Ihnen, Sie können aus dem Kreis heraustreten, wie immer... Und, bitte, lassen Sie sich Zeit für Ihre Geste. Gehen Sie bewußt in die Gebärde hinein, lassen Sie sie eine Weile zu, und gehen Sie dann bewußt wieder aus der Geste heraus, und dann setzen Sie sich auf Ihren Stuhl und sagen Sie uns bitte, was Sie mitbringen... Bitteschön, wer möchte anfangen?"

3. Freies Gespräch im Plenum

Unsere Themen, unsere Fragen - liegen Sie weit auseinander? Oder geht es doch immer wieder um die gleichen Probleme? Wir formulieren noch einmal die Themen, die am meisten benannt worden sind.

In einem zweiten Schritt schauen wir noch einmal auf die Gesten. Gab es dabei eine große Vielfalt? Oder waren es einige wenige, die immer wieder auftauchten? Dann: Wie war das, einmal ganz auf die Wortebene zu verzichten und auf die Körperebene zu gehen?

In dieser Phase sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gut zu Wort kommen. Die Leitung achtet vor allem darauf, dass niemand dominiert, dass niemand draußen bleibt, und dass das Gespräch nicht zerfasert.

4. Kurzinformation: die drei Grundsätze der Trauerbegleitung

In diesem Abschnitt könnte eine Information zu dem Problem "Trösten und Vertrösten" kommen (siehe oben, Kapitel 7), sei es als mündlicher Vortrag, sei es mit Hilfe eines Arbeitspapieres. Hier sollten vor allem die drei Grundsätze einer Trauerbegleitung herausgearbeitet werden:

- Zum Schmerz hin

- Fließen lassen

- Ausdrücken, was sich eindrücken will

5. Weiterarbeit in Trios

Die Kleingruppen werden gebeten, diese Grundsätze in den Kinderalltag zu übersetzen. Wie können wir Kinder in ihrer Trauer begleiten, ohne sie zu überfordern, aber auch ohne sie zu unterfordern. Hier sind die Erfahrungen im Familienkreis wichtig, aber auch das, was die Kinder an Erlebnissen aus dem Kindergarten mitbringen.

6. Pause

Die Zäsur ist wieder für informelle Gespräche, aber auch für das Sich-umschauen in den Räumen des Kindergartens wichtig.

7. Vertiefung im Plenum

Zurück im Kreis sollten die Beiträge aus den Kleingruppen aufgenommen werden. Vielleicht lassen sich manche Fragen in einem kurzen Anspiel bearbeiten. Vielleicht gibt es auch Beispiele einer Trauerbegleitung mit Kindern, sei es aus dieser Arbeitshilfe, sei es aus der weiterführenden Literatur, die das eine oder andere veranschaulichen können. Wenn Beispiele aus dem eigenen Kindergartenalltag eingebracht werden, sollte man sehr mitbedenken, dass es auch für Kinder so etwas wie eine Intimsphäre gibt, die zu schützen ist. Wenn wir aus unserer eigenen Arbeit berichten, muß dies immer mit viel Feingefühl und Respekt und Zurückhaltung geschehen!

8. Schlußrunde

Wir denken noch einmal an unsere Geste am Anfang und an das, was uns eingangs bewegt hat und laden zu einer Schlussrunde ein. Wie geht es mir jetzt, am Ende dieses Abends? Was nehme ich mit nach Hause? Mit der Bitte um eine möglichst kurze, möglichst prägnante, möglichst persönliche Antwort.

9. Trauersegen

Wir schließen mit dem "Segen der Trauernden" (von Marie-Luise Wölfing). Er richtet sich sicherlich zunächst einmal an Erwachsene und fasst darin noch einmal schön zusammen, worum es geht. Der Ton, der Klang, der Geist, die Atmosphäre dieser Verse aber gelten für große und für kleine Leute. Sie alle, wir alle, leben davon. Und dies nicht nur in Zeiten der Trauer.
 
 

Segen der Trauernden

Gesegnet seien alle,
die mir jetzt nicht ausweichen.
Dankbar bin ich für jeden,
der mir einmal zulächelt
und mir seine Hand reicht,
wenn ich mich verlassen fühle.

Gesegnet seien die,
die mich immer noch besuchen,
obwohl sie Angst haben,
etwas Falsches zu sagen.

Gesegnet seien alle,
die mir erlauben,
von dem Verstorbenen zu sprechen.
Ich möchte meine Erinnerungen
nicht totschweigen.
Ich suche Menschen,
denen ich mitteilen kann,
was mich bewegt.

Gesegnet seien alle,
die mir zuhören,
auch wenn das,
was ich zu sagen habe,
schwer zu ertragen ist.

Gesegnet seien alle,
die mich nicht ändern wollen,
sondern geduldig so annehmen,
wie ich jetzt bin.

Gesegnet seien alle,
die mich trösten
und mir zusichern,
dass Gott mich nicht verlassen hat.

Oh Herr, birg du uns alle
in Deiner Hand;
nimm du dich unserer an.
Bei dir bleiben wir -
ganz gleich, ob wir noch leben
oder gestorben sind.

Amen

 

                                                                                                                                                                                                            Kleve im Dezember 1986
                                                                                                                                                         Marie - Luise Wölfing

 

 

The blessing of mourners

Blessed be all
 who do not avoid my company now.
 I am grateful to everyone
 who gives me a smile
and offers me their hand
when I feel lonely.
 Blessed be those
 who still visit me
despite their fear
of saying something wrong.
Blessed be all
who allow me
to speak of the deceased.
I would not want to keep
my memories silent forever.
I am looking for people
whom I can reveal
what moves me inside.
Blessed be all
who listen to me
even when
what I have to say
can be burdensome.
Blessed be all
who don't want to change me
but patiently accept me
the way I am now.
Blessed be all
who console me
and assure me
that God has not forsaken me.
Oh Lord,
shelter us in your hand
take care of us.
We shall abide with you
in life as in death.

Marie-Luise Wölfing, 47533 Kleve (Germany) december 1986
 translated 1994 by A.P. Wilcock, MA (Cantab.)

 



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Literaturhinweise


Sachbücher

Bobzin, Dorothea: Das behalt ich mir. Begegnungen mit Kindern im Krankenhaus, Lutherisches Verlagshaus, Hannover 1993

Brocher, Tobias: Wenn Kinder trauern, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1985

Brunner, Reinhard: Hörst du die Stille. Meditative Übungen mit Kindern, Kösel-Verlag München 1991

Freud Sigmund: Trauer und Melancholie, in: Mitscherlich Alexander u.a. (Hg.): Sigmund Freud, Studienausgabe III, Insel Verlag, Frankfurt 1975

Goldmann Posch, Ursula: Wenn Mütter trauern. Erinnerungen an das verlorene Kind, Kindler-Verlag, München 1988

Grollman, Earl: Mit Kindern über den Tod sprechen. Ein Ratgeber für Eltern, Christliche Verlagsanstalt, Konstanz 1991

Giudice, Liliane: Ohne meinen Mann. Aufzeichnungen einer Witwe, Kreuz Verlag, Stuttgart 1970

Harder, Maria Gabriela: Sterben und Tod eines Geschwisters, verlag pro juventute, Zürich 1991

Heidebrecht, Brigitte: Lebenszeichen, Köln 1980

Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand (Hg.): Dafür seid ihr noch zu klein. Kinder erfahren Sterben und Tod, Im Rheinblick 16, 55411 Bingen

Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland und Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Leben bis zuletzt. Sterben als Teil des Lebens. Impulse für Praxis und Gottesdienst, Bergmoser + Höller Verlag, Aachen 1996

Krebber, Ingetraut: Wer kennt meine Trauer? Wenn der Tod den Eltern ihre Kinder nimmt, Verlag Herder, Freiburg 1994

Kübler-Ross, Elisabeth: Interviews mit Sterbenden, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1969

Leist, Marielene: Kinder begegnen dem Tod, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1979

Lothrop, Hanna: Gute Hoffnung - jähes Ende. Ein Begleitbuch für Eltern, die ein Baby verlieren und alle, die sie unterstützen wollen, Köse-Verlag, München 1991

Mayer-Scheu, Josef und Kautzky, Rudolf (Hg.): Vom Behandeln zum Heilen. Die vergessene Dimension im Krankenhaus, Herder, Wien 1980

Noll, Peter: Diktate über Sterben und Tod, Piper, München 1987

Tausch-Flammer, Daniela und Bickel, Lis: Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. Ein Begleitbuch für Kinder, Eltern und Erzieher, Verlag Herder, Freiburg 1994

Pisarski, Waldemar: Anders trauern - anders leben, Gütersloh 1982

Schindler, Regine (Hg.): Tränen, die nach innen fließen. Mit Kindern dem Tod begegnen. Erlebnisberichte betroffener Kinder und Eltern, Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 1993

Stoddard, Sandol: Die Hospiz-Bewegung. Ein anderer Umgang mit Sterbenden, Lambertus Verlag, Freiburg 1987

Tamaro, Susanna: Geh, wohin dein Herz dich trägt, Diogenes Verlag, Zürich 1995

Verwaiste Eltern in Deutschland (Hg.): Verwaiste Eltern. Leben mit dem Tod eines Kindes. Schwerpunkt: Geschwistertrauer, Hamburg 1993

Wiesenhütter, Eckart: Blick nach drüben. Selbsterfahrung im Sterben, Gütersloh 1976

Zink, Heidi und Jörg: Wie Sonne und Mond einander rufen. Gespräche und Gebete mit Kindern, Kreuz Verlag, Stuttgart 1980

Kinderbücher

Donelly, Elfi: Servus Opa, sagte ich leise, Verlag Friedrich Oetinger, 1985

Kaldhol, Marit und Oyen Wenke: Abschied von Rune, Ellermann Verlag, München 1987

Ellermann, Heike: Der rote Faden, Lappan Verlag, Oldenburg 1992

Varley Susan: Leb wohl, lieber Dachs, Annette Betz Verlag, München 1984

Religionspädagogische Arbeitshilfen
(alle zu bestellen beim Diakonischen Werk Bayern, Pirckheimerstr. 6, 90408 Nürnberg, Fax: 0911-9354-299)

Heft 1 Frieder Harz: Biblische Geschichten. Eine Anleitung zum Erzählen, 1991

Heft 2 Frieder Harz: Mit Kindern beten. Situation klären - Praxis gestalten, 1992

Heft 3 Frieder Harz: Von der Taufe erzählen. Geschichten und Symbole, 1993

Heft 4 Heidi Mühle: Feste feiern. Erfahrungen, Hintergründe, Anregungen 1994

Heft 5 Frieder Harz: Mit Kindern singen.
Zugänge und Anregungen zu Liedern aus dem Evangelischen Gesangbuch, 1995

Heft 6 Frieder Harz: Mit Kindern von Gott reden, 1997

Heft 7 Das Sterben ins Leben holen. Kinder beim Trauern begleiten


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