| Als Polizist musst du ein gnadenloses Selbstwertgefühl haben,
oder ...
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| Warum zögere ich? Ist für Gedanken an ein
"Oder”, ist für meine Zweifel kein Platz im Polizeiberuf?
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| Absolut! Sonst gehst du unter, wirst zum Looser und kannst
einpacken.
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| Aber gnadenlos? Wird ein Mensch seines
Wertes nicht desto gewisser, je versöhnlicher er lebt?
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| Es darf für dich nur eines geben: Immer und in jeder Beziehung
dich zu behaupten, überlegen zu sein, aus jeder Lage hervorzugehn als
Sieger.
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| Wer immer als Sieger durchs Leben gehen
will, der wird kaum auf andere eingehen können. Dieser Anspruch macht
kompromissunfähig und letztendlich konfliktscheu, weil er keinen Spielraum
lässt.
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| "Spielraum” -- wenn ich das schon höre! In unserem Dienst gibt
es für Spielchen keinen Raum. Wenn irgendwo, herrscht hier der Ernst des
Lebens, der plötzlich für dich blutiger Ernst werden kann, wenn du die Dinge
nicht im Griff hast.
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| Jetzt meldet sich die Angst, die ich zwar
kenne, mir aber selten eingestehe. Klar ist dieser Beruf gefährlich.
Trotzdem darf ich nicht - mirnichtsdirnichts - jeden Bürger zum Verbrecher
stempeln.
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| Sagen wir mal so: Wer in diesem Beruf gesund bleiben will, der
muss seinem Gegenüber, und zwar jedem, mit gesundem Menschenverstand
begegnen.
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| Was, bitteschön, heißt hier gesund? Ist
denn, wer Misstrauen kultiviert, noch gesund? Werden dadurch nicht sein
Denken und Fühlen infiziert und alle seine Beziehungen, selbst die
intimsten, vergiftet?
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| Deshalb ist mein Reden seit jeher: Du musst alles Dienstliche
aus deinem Privatleben fernhalten. dort kannst du eine Gegenwelt entwerfen,
wo du ganz anders als im Dienst fühlen, entscheiden, handeln kannst...
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| Das ist doch Illusion. |
| ... selbstverständlich haben deine persönlichen Dinge
umgekehrt auch nichts im Dienst verloren.
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| Ist es ein Wunder, dass unter diesen
Umständen die Kollegialität leidet? Wie soll Wärme unter uns Kollegen
entstehen, wenn wir nicht über das sprechen, was uns wirklich umtreibt? Wir
bleiben uns fremd und sind meistens irgendwann neidisch aufeinander.
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| Sollst du dich etwa freuen, wenn einem andern was gelingt?
Wichtig ist, dass du selber Eindruck schindest ... sonst kommst du bei der
nächsten Beurteilung leicht ins Hintertreffen
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| Wenn ich nicht einmal mehr mit den Kollegen
frei und offen sprechen kann, bleib ich mit meinem dienstlichen Erleben und
den belastenden Gefühlen, die daraus folgen, ganz allein.
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| Ach was, du hast einen Auftrag, den das Gesetz vorgibt. Und
den gilt es, nach allen Regeln der Kunst zu erfüllen. Gefühle sind dabei nur
hinderlich und zu vermeiden.
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| Aber werde ich so dem Menschen, der ich
auch in Uniform bin, noch gerecht? Werde ich so meinen Mitmenschen gerecht?
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| Du kannst dich nicht darauf einlassen, dass der Mann zum
Beispiel, dem du wegen Trunkenheit den Führerschein abnimmst,
Berufskraftfahrer ist, eine Familie zu ernähren hat und wahrscheinlich
seinen Job verlieren wird. Das ist seine Sache. Dafür bist du nicht
verantwortlich.
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| Natürlich nicht. Aber lasse ich sein
Schicksal überhaupt noch an mich ran? Kann ich noch mitleiden mit ihm?
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| Nicht im Dienst! Wenn du dir jedesmal vorstellen solltest, in
welches Leid Menschen durch ihr eigenes Versagen oder durch das
unverantwortliche, gar kriminelle Handeln anderer geraten ... du würdest
glatt verrückt werden. Glaub mir, letztlich hilft Polizisten eines nur: Ein
gnadenloses Selbstwertgefühl.
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| Manchmal träume ich, ich wär ein Mensch,
der seinen Wert nicht ständig neu beweisen muss, sondern der - so wie er ist
- Gnade fände vor Gott und Menschen, so dass er dieselbe Gnade seinen
Mitmenschen erweisen könnte.
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| Das, mein Lieber, wäre wohl der Himmel, den ein Polizist
getrost den Pfaffen samt den Spatzen überlassen kann.
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| Wie sehr ich wünsche, dass jetzt schon alle
Menschen guten Willens wie in diesem Himmel lebten, damit sie ihre Erde
nicht Rücksichtslosigkeit und Rechtsbruch überlassen müssen -- und der
Polizei, die sich damit herumschlägt.
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Detlev Hapke, Polizeiseelsorger, 4. BPA Nürnberg
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Zuletzt überarbeitet von Hanjo v. Wietersheim am 9.10.97.