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Gefühle
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| Gefühle? | |
| Merk dir das eine: Ein Polizist kennt nur zwei Gefühle -- Hunger und Durst | |
| Aber ... | |
| Ein Bürger, den er soeben verwarnt hat, wird ausfällig? | |
| Er steckt das weg, ohne eine Miene zu verziehen. | |
| Bei einer Demo trifft ihn eine Stahlkugel? | |
| Er lässt sich behandeln. | |
| Der Chef kritisiert die Form seiner Anzeige? | |
| Er gibt sich verständnisvoll: So ein Federfuchser kann eben nicht aus seiner Haut. | |
| Das Kind, das unters Auto kam, stirbt. | |
| Hergottnochmal! | |
| Er schildert den Unfall betont sachlich. | |
| In einer Bedrohungssituation hat er geschossen und einen Menschen getötet; | |
| gegen ihn wird ein Untersuchungsverfahren eingeleitet. | |
| Er nimmt sich einen Anwalt. | |
| Obwohl er seiner Meinung nach längst dran gewesen wäre, wurde er wieder nicht befördert. | |
| Er lacht sich halb tot. | |
| Ein Kollege und guter Freund ist an Herzversagen gestorben. | |
| Er wiederholt zum hundertsten Male, wie oft er ihn angefleht hätte, kürzer zu treten. | |
| Heute hat er bereits der Obduzierung der dritten Leiche beiwohnen müssen. | |
| Er kippt jedesmal danach einen Schnaps. | |
| Der Schichtdienst macht ihn mit seinen 48 Jahren fast kaputt. | |
| Er redet sich und anderen ein, dass er nie etwas anderes sein wollte, als der Gendarm auf der Straße. | |
| Bei der Durchsuchung eines Heroinsüchtigen verletzt er sich an dessen Spritze. | |
| Er zuckt die Schultern: Berufsrisiko AIDS. | |
| Seine Frau und Kinder stehen täglich Ängste um ihn aus. | |
| Er wird überhaupt nichts mehr vom Beruf erzählen, um sie nur ja nicht aufzuregen. | |
| Der Verteidiger des Angeklagten macht ihn lächerlich, schreit ihn an, bezweifelt seine Glaubwürdigkeit. | |
| Er antwortet noch präziser als schon vorher. | |
| Ein Kollege wurde als Geisel genommen. | |
| Er ist ernstlich böse: Der Geiselnehmer wird es büßen. | |
| Eine Todesnachricht muss überbracht werden. | |
| Er ist anderweitig beschäftigt und steht dafür jedenfalls nicht zur Verfügung. | |
| Die Erinnerung an seine erste Aufnahme eines tödlichen Verkehrsunfalles steigt auf. | |
| Er erzählt lachend, wie er sich am Straßenrand übergeben musste. | |
| Ein Polizist kennt eben nur zwei Gefühle -- Hunger und Durst. | |
| Aber das Brot des Lebens ... das lebendige Wasser ... | |
| Er will, versteh das doch endlich, nur in Ruhe gelassen werden. | |
| Denn erstens hält er nichts von der Kirche. Im Dienst. Und zweitens ist er ein ganz normaler Polizist. |
Keiner verrät seine Gefühle ungestraft ... gesund bleibt nur, wer seine Gefühle zulässt ...
andernfalls können sie ihn zugrunderichten:
Er trinkt bis zur Besinnungslosigkeit, weil er sonst nicht einschlafen kann.
Er spürt, und er ist beileibe kein Einzelfall, Herzbeklemmungen und Magendruck, wenn er zum Dienst fährt.
Er, der nie krank war, leidet auf einmal an Magengeschwüren.
Er lässt unvermutete Aggressionen an seiner Frau und den Kindern aus, die ihm nachher leidtun.
Er legt Feuer in einem Mehrparteienhaus, weil, wie er sagt, er eine stagnierende Lebenssituation in Bewegung bringen wollte.
Er gehört zu den zwei von drei Beamten der bayerischen Polizei, die vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden müssen.
Er nimmt sich 1993 in Bayern sechzehnfach das Leben.
Ein Polizist kennt nur zwei Gefühle. Super oder beschissen.
Im ersten Fall ist er der Beamte, wie er im Buche steht. Im zweiten Fall redet er nicht darüber.
Eben deshalb ...
ist doch alles in schönster Ordnung.
Oder?
Detlef Hapke, Polizeiseelsorger an der 4. BPA Nürnberg, 1994
Zuletzt überarbeitet von Hanjo v.
Wietersheim am 31.05.99.
