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Die äußerste Entscheidung
Mir blieb fast das Herz stehen, als ich's hörte:
Bei einem Festnahmeversuch hast du einen Mann erschossen.
In Notwehr.
Was in dir wohl vorging, als er, der lange gesuchte
Straftäter, plötzlich sein Heil in der Flucht suchte und, nach einem Sprint
schon 15, 20 m dir voraus, sich zurückwandte, im Laufen halb dir zu, und du in
der Bewegung seines Armes, metallisch glänzend, eine Pistole zu erkennen
glaubtest?
War's Angst, was du empfandst?
Kreiste ein Gedanke nur in dir: Er oder ich? Jetzt geht's ums Leben, seines oder
meins? Schneller muss ich treffen, besser als er?
Oder warst du mit einem mal eiskalt und funktioniertest automatisch, wie in der
Ausbildung es wieder und wieder trainiert worden war, bis der Knall des
Schusses, der Rückschlag der Waffe, dich zu dir kommen ließ mit einem Gefühl der
Unausweichlichkeit?
Oder standest du, wie man oft sagen hört, auf einmal neben dir und sahst dir
kritisch zu, ob du den Regeln der Kunst genügtest?
ein Schrift vorgesetzt für sichern ...... die rechte Hand umschließt den
Waffengriff... lang am Abzug liegt der Indexfinger... die linke Hand fasst fest
das rechte Handgelenk von unten her... der Druckpunkt ist kaum zu ertasten...
schon bricht der Schuss, gefolgt von einem zweiten... zur Sicherheit. War's so?
Plötzlich, als du nach der Waffe des Gefallenen sahst,
sie nicht entdecktest, fieberhaft sie suchtest, überschwemmten dich Gefühle und
Gedanken:
Ist er tot? Das kann nicht sein! Ich wollte ihn nicht töten. Mein Gott, was ist
passiert? Warum liegt er so leblos da? Das wollt ich nicht! Ich musste doch ...
man muss was tun, ihn retten!... der legte auf mich an. Wo ist bloß die Pistole,
die verdammte? Das kann nicht sein... Was wird denn jetzt aus mir?
O Gott...
Menschen waren da, Passanten, Rettungsdienst,
Kollegen, und drängten sich, woher auf einmal?, von weit her ins Bewusstsein.
Dein Streifenpartner führte dich zur Seite. Man brachte euch zur Dienststelle.
Und allen, die fragten, jedem, der was zu sagen hatte, gabst du Bericht, dass in
der Hand dessen, der so bleich im Gras gelegen
und aus starren Augen dir Löcher in die Seele brannte, eine Pistole war.
,,Warum blieb er nicht stehn, als ich ihn anrief?", wundertest du dich.
,,Ich musste was tun. Der war gefährlich", beteuertest du.
,,Der ließ sich nicht aufhalten um keinen Preis", stöhntest du.
,,Der hätt mich glatt erschossen!" Sie nahmen dir die Waffe ab.
Vorgesetzte, Ärzte, Psychologen, Seelsorger kümmerten sich um dich. Hörten dir
zu. Blieben bei dir, wenn du schwiegst. Drängten nicht. Ließen dich. Keiner
zensierte deine Wut auf den Toten, der dir das angetan, und auf Gott, der's
nicht verhindert. Auch nicht die Zweifel an dir selbst, die dich zu überlegen
zwangen, ob der Schuss irgendwie hätte vermieden werden, anders treffen können.
Warum? Warum? Warum musste das passieren? Mir? Und jetzt?
Man kann mich doch nicht richten wie einen feigen Mörder!, dramatisiertest du.
Ich brach doch nicht das Recht, ich schuf ihm Geltung! Sie begleiteten dich nach
Haus und sagten der Familie, was geschehen, und auch, dass fremd du ihnen sein
könntest in den nächsten Stunden, Tagen. Später noch kamen sie mehrfach auf dich
zu und interessierten sich, wie sehr das schreckliche Erleben dich etwa
beherrschte. Sie waren da, vor unerwünschten Besuchern, hartnäckigen
Medienvertretern, dich abzuschirmen und für Ruhe zu sorgen, damit der Sturm in
deinem Inneren
sich austoben, abklingen konnte.
Der Presse ging's nicht schnell genug.
Man möge, bitteschön, berücksichtigen, dass eine Nachricht sich nur heiß
verkaufen lässt. Abgekühlt ist sie nichts wert. Zudem geht es um einen Toten,
von einer Polizeikugel getroffen. Da habe man das Recht ... die drängende
Pflicht, sofort die Öffentlichkeit ins Bild zu setzen.
Drum sei, wem sowas widerfährt, so nett, kopflos sich in Kamera und Mikrophon zu
stürzen.
Du verstandst die Welt nicht mehr. Woher das publizierte Mitleid mit dem Toten?
Warum die Jagd auf mich? Werden so in unserm Land Straftäter und Polizist
gewogen?
Die Kollegen von der Kripo fanden die Pistole des
Erschossenen in einer nahen Hecke. Sie hörten Zeugen.
Überprüften deine Waffe. Rekonstruierten das wahrscheinliche Geschehen. Ein
ballistisches Gutachten wurde bestellt. Ein neutrales!
Endlich das Verdikt. Der Staatsanwalt attestierte dir angemessenes Verhalten.
Und Glück. Die Täterpistole hatte Ladehemmung. Ein ums andere Mal betonst du
froh: Es gibt doch noch Gerechtigkeit.
Du leistest wieder Dienst mit der gewohnten Energie
und Umsicht. Manchmal freilich, sagtest neulich du wie nebenbei, wenn bei einer
Personenkontrolle du einem Menschen prüfend ins Gesicht blickst, treffen wie ein
Schlag die starren Augen jenes Toten dich, der dich zu schießen zwang. Dann
atmest du tief durch und, während du per Funk die Daten überprüfst, fasst du nach
der Pistole.
Pfarrer Detlev Hapke, Evang. Polizeiseelsorge
Nordbayern
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Zuletzt überarbeitet von Hanjo v. Wietersheim am 31.05.99.
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