"...denn damit könntet ihr mich wirklich trösten!"
Bitten eines Betroffenen an seine Begleiter
Anna-Margareta Oldenburg
Es ist in den drei zurückliegenden Tagen viel darüber gesagt worden, wie es in
den Gedanken und Gefühlen depressiver Menschen aussieht. Darüber hinaus sind
verschiedene medizinische und therapeutische Möglichkeiten und Hilfsangebote
aufgezeigt worden. Eine Frage aber blieb weitgehend unbeantwortet: Wenn ich
selber weder Arzt noch Therapeut bin, wie kann ich dann für den Depressiven eine
Hilfe sein, ohne selbst von Gefühlen der Niedergeschlagenheit und Ohnmacht
angesteckt zu werden oder in den Sog von Angst und Hoffnungslosigkeit zu
geraten?
Der Königsweg ist sicher, sich an die Betroffenen selbst zu wenden und sie zu
bitten, auszusprechen, wie sie sich Begleitung wünschen. Eine sehr kompetente
Empfehlung liegt uns von einem Mann vor, der unter einer "reaktiven Depression"
litt. Er verlor innerhalb kurzer Zeit seine Familie, seinen Besitz und seine
Gesundheit. Aber all dies nimmt er nicht klaglos hin:
"Woher nehm ich die Kraft, noch auszuhalten?
Wie kann ich leben ohne jede Hoffnung?
Ich selber weiß mir keine Hilfe mehr,
ich sehe niemand, der mich retten könnte.
Bekannte tun, als wäre ich ihnen fremd.
Die Freunde und Verwandten bleiben aus ..."
(Hiob 6, 11.13; 19, 13 b. 14 a)
Haben Sie ihn erkannt? Es ist Hiob, eine Symbolfigur des Leidens im Alten
Testament. Er bleibt in seinem Kummer nicht lange allein. Um ihn zu trösten,
besuchen ihn drei seiner Freunde:
"Dann setzten sie sich neben Hiob auf die Erde. Sieben Tage und Nächte blieben
sie so sitzen, ohne ein Wort zu sagen; denn sie sahen, wie furchtbar Hiob litt."
(Hiob 2, 13)
Schließlich ertragen die drei ihr tatenloses Zuschauen nicht mehr. Sie beginnen,
auf ihn einzureden, zu argumentieren. Sie versuchen, eine Erklärung für sein
Unglück zu finden. Sie weisen ihn zurecht, als er sich nicht aus seiner
Hoffnungslosigkeit reißen läßt.
Und damit verkehrt sich der Trost der Freunde ins Gegenteil. Sie sind noch eine
Belastung mehr für Hiob. Sie ertragen ihn nicht. Sie hören ihm nicht mehr zu.
Damit sind sie im Denken und Fühlen weit weg von ihm.
So wie Hiobs Freunde fühlen sich viele Menschen überfordert, wenn sie einem
Menschen in sehr dunklen Lebenssituationen beistehen und ihn begleiten wollen.
Sie fühlen sich hilflos, unsicher und peinlich berührt. Einige flüchten in
praktische Ratschläge, theoretische Exkurse und Belehrungen.
Anderen bleibt das Wort im Halse stecken. Dabei wäre das ein guter,
seelsorgerlicher Anfang! Das Wort, das im Halse stecken bleibt, ist dort gut
aufgehoben. Es geht ja um etwas ganz anderes als um glänzende Rhetorik.
So antwortet Hiob an dieser Stelle - stellvertretend für viele Belastete und
Leidende:
"Von dieser Art habe ich genug gehört!
Nur Last ist euer Trost für mich, nicht Hilfe!
Machst du nun endlich Schluss mit dem Gerede?
Was zwingt dich denn, mir ständig zu erwidern?
Die Freunde sagen mir, die Nacht sei Tag;
das Licht sei mir ganz nah, behaupten sie,
obwohl die Finsternis mich überfällt.
Wenn ihr doch einmal richtig hören wolltet!
Denn damit könntet ihr mich wirklich trösten!
Ertragt mich doch, gestattet mir zu reden ..."
(Hiob 16, 2.3; 17, 12; 21, 2.3a)
Für die Begleiter mag die Empfehlung, sich mit Ratschlägen zurückzuhalten,
zunächst entlastend sein, da sie sich nicht im Zugzwang fühlen müssen,
Soforthilfen parat zu haben. Erfahrungsgemäß fällt es nach einer gewissen Zeit
aber immer schwerer, eigene Harmoniebedürfnisse und verfrühte
Aufmunterungsversuche zurückzuhalten. Es ist nicht einfach, dumpfe
Hoffnungslosigkeit bei meinem Gegenüber so hautnah zuzulassen, weil vielleicht
auch in mir Saiten anklingen, die ich lieber für immer zum Verstummen gebracht
hätte. Aber glauben wir Hiob: Ratschläge, Empfehlungen, Erklärungen, Diagnosen
und Prognosen, seien sie noch so gut, wichtig und wahr, laufen ins Leere.
Im Alten Testament steht, was die Psychologie der Neuzeit wieder entdeckt hat:
Trost heißt nicht, den Kummer des anderen klein zu reden, die Tiefe der
Niedergeschlagenheit zu bagatellisieren. Trost heißt Raum geben; dem Raum geben,
was hinter den Worten steckt, all den negativen, beängstigenden, dunklen
Gefühlen. Es heißt auch, mehr hören als reden, selbst dann, wenn Ratschläge
erbeten werden.
Hiob hat das eindrucksvoll zusammengefasst: "Ertragt mich doch, gestattet mir zu
reden." Dabei geht es nicht um teilnahmslose Hinnahme, sondern um ein
partnerschaftliches Ernstnehmen der Verzweiflung, der Enttäuschung und der
versteckten Anklagen, - sofern der Depressive noch in der Lage ist, das
Aussprechen seiner Not als hilfreich zu erleben. Wenn er eine Mauer des
Schweigens um sich errichtet hat, dann gilt umso mehr: "Ertragt mich doch, ..."
und in Fortführung des Hiobzitats:
"... gestattet mir zu schweigen."
Dieses Aquarell zeigt Wege der Begleitung. Im Vordergrund kauert - in sich
zusammengesunken - Hiob. Anders als im biblischen Text orientieren sich die die
Freunde daran, was für ihn heilsam ist:
So kann Beistand darin bestehen:
- miteinander zu schweigen - im Respekt vor der Not des anderen,
- dem anderen die Hand zu reichen, ihn mit Zärtlichkeit zu ermutigen, sich
fallen zu lassen,
- für ihn oder - falls er dafür offen ist - mit ihm zu beten.
Ich wünsche Ihnen allen von Herzen Kraft und Energie, andere Menschen in dieser
Weise zu begleiten. Vor allem aber auch, dass Sie selbst in schweren Zeiten nie
ohne Trost sind.
(Bibelzitate aus: Die gute Nachricht. Stuttgart 1982, Bild: "Hiob": Aquarell von
Anna-Margareta Oldenburg)
Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Diakonie-Kolleg Bayern: "Am Leben leiden wie an einer Krankheit: Depression"
Dokumentation Fachtagung 1996, Diakonie-Kolleg Bayern, Postfach 12 03 20, 90332
Nürnberg.
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Überarbeitet von Hanjo v.Wietersheim am 9.12.97.
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