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Beraten, begleiten, bezeugen, beten
Der Auftrag der Seelsorge in der Notfallsituation
Von Oliver Gengenbach, Witten
Inhaltsverzeichnis:
Die Aufgabe
Beraten
Begleiten
Bezeugen
Beten
Schluss
Impressum
Die Aufgabe
Ich möchte heute zu Beginn des
Pastoralkollegs versuchen, grundsätzlich über den Auftrag der Seelsorge in der
Notfallsituation nachzudenken. Den Sinn eines solchen Versuchs sehe ich zum
einen darin, eine Art Landkarte zu erarbeiten und zu beschriften, die uns helfen
kann, unsere Grundlagen, Eindrücke und Erfahrungen in der Notfallseelsorge so zu
ordnen, dass wir uns nicht verlieren. Und zweitens, auf diese Weise beizutragen,
uns und anderen Rechenschaft zu geben über das, was unsere Sache ist und was
vielleicht auch nicht unsere Sache ist. Denn die Fragen danach nehmen zu,
beispielsweise im Zusammenhang mit anderen Angeboten wie
Krisenintervention-Teams.
Der Auftrag der Seelsorge in der
Notfallsituation - so habe ich das Thema formuliert. Ich habe damit das Wort
"Notfallseelsorge" auseinandergenommen. "Notfallseelsorge" ist gegenwärtig ein
unscharfer Begriff. Vor fünf Jahren, als wir begannen, hat er das neue
Arbeitsgebiet kirchlicher Seelsorgearbeit im Umfeld von Feuerwehr und
Rettungsdienst im ganzen bezeichnet. Inzwischen scheint sich eine Unterscheidung
einzubürgern, die die beiden großen Bereiche dieser Tätigkeit unterschiedlich
benennt: nämlich den einen Bereich, der die Begleitung der Einsatzkräfte
betrifft, als "Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst" - und als
"Notfallseelsorge" (im engeren Sinne) nur den anderen Bereich, der sich mit der
Betreuung und Begleitung der Betroffenen beschäftigt. In dieser Woche, in diesem
Aufbaukurs, geht es um die Betroffenen - auch das , was Krisenintervention
bezeichnet, hat mit Betroffenen zu tun -, nicht so sehr um die Einsatzkräfte.
Deshalb habe ich auch bei den Überlegungen heute schwerpunktmäßig die
Betroffenen im Blick, also die Begegnungen im Rahmen der Rufbereitschaft - nicht
so sehr die Einsatzkräfte.
Der Auftrag der Seelsorge in der
Notfallsituation - den Begriff so auseinanderzunehmen macht sofort zweierlei
deutlich: 1) Es geht um Seelsorge, wirklich um Seelsorge, wie wir sie auch in
anderen Feldern inhaltlich bestimmen würden. Seelsorge in unserem heute
gebräuchlichen (evangelischen) Verständnis meint "Dienst an der Seele in
unmittelbarem persönlichem Wirken" oder "die geistliche Betreuung des
einzelnen". In letzter Zeit werden auch institutionelle Aspekte bewusst mit
einbezogen. Worum es geht, ist also Seelsorge. Der Notfallseelsorger ist nicht
einfach Feuerwehrmann. Und was er tut ist nicht einfach Krisenintervention. Und
2) wird unsere Aufgabe bestimmt durch die spezifische Situation, in der
Seelsorge zu gestalten ist, nämlich die Notfallsituation, d.h. also ein
Geschehen im Rahmen des Rettungsdienstes oder anderer Hilfsdienste, die Menschen
in akuten Notlagen begegnen.
Der Auftrag der Seelsorge in der
Notfallsituation - etwas konkreter gefasst und vielleicht trotzdem noch so
allgemein, dass dies unbestritten am Anfang stehen darf, ist es, das Evangelium
von der Liebe Gottes in Jesus Christus zum Ausdruck und zur Gestalt zu bringen,
und zwar auch und gerade in Situationen von Leid, Schrecken, Tod und Gewalt.
Anders ausgedrückt: Der Notfallseelsorger ist Botschafter des Lebens an der
Stelle des plötzlich hereinbrechenden Todes. Er trägt eine Erfahrung, eine
Gewissheit, eine Hoffnung, einen Glauben in sich. Aus der Liebe Gottes kommend
wagt er sich an die Grenzen des Lebens. Freilich kann die Erfahrung verblassen,
die Gewissheit wanken, die Hoffnung müde werden und der Glaube verzweifeln. Aber
dies ist der Ausgangspunkt christlicher Seelsorge.
Wie aber kann das nun geschehen: Botschafter
des Lebens an der Stelle des Todes zu sein? Und da scheint mir, ist nun
sozusagen die Richtung genau umzudrehen. Von der Motivation her, von unserem
Zugang her, fangen wir mit Gott an, nehmen wir Gott im Herzen mit auf den Weg
zum Einsatz. Aber Gestalt und Ausdruck findet dieses unser Botschaftersein in
umgekehrter Weise: indem die Begegnung mit betroffenen Menschen ganz profan
anfängt und am Ende vielleicht nach einem längeren Weg, wenn es gut kommt, in
den Frieden und die Liebe Gottes hineinwächst.
Über diesen Weg möchte ich gleich nachdenken
unter vier Überschriften: Beraten - Begleiten - Bezeugen - Beten. Bevor
ich das tue, schildere ich zur Veranschaulichung kurz einen zurückliegenden
Notfallseelsorge-Einsatz, auf den ich später zurückkomme:
An einem Sommertag fuhr ich auf dem RTW
mit, Einsatzbegleitung bei der Berufsfeuerwehr Witten. Am Nachmittag wurden wir
zu einem Autobahn-Unfall gerufen - ein 35jähriger Mann hatte einen
Herzstillstand erlitten und war mit dem PKW an die Leitplanke geknallt. Die
Rettungsassistenten und der Notarzt reanimierten und brachen schließlich die
Behandlung erfolglos ab. Gemeinsam mit einem Polizeibeamten überbrachte ich die
Todesnachricht der Ehefrau, die mit ihrer Tochter in ihrer Wohnung war. Später
fuhren wir gemeinsam auf die Intensivstation. Frau W. nahm von dem Verstorbenen
Abschied, ich sprach Gebet und Aussegnung. Ich brachte Frau W. nachhause, und
auf dem Weg bat sie mich, die Beerdigung zu übernehmen.
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I) BERATEN
Wenn wir in eine Notfallsituation kommen,
ist nicht unsere erste Aufgabe, Verkündigung zu treiben. In der direkten Sprache
der Feuerwehr heißt das: Wir kommen nicht mit der Bibel voraus in den RTW
gestürzt. Das, was am Anfang unserer Bemühungen am Einsatzort stehen muss, ist
vielmehr zunächst das, was ich unter
Diakonie, unter tätiger Liebe verstehe, das also, was der Samaritaner auf
der Straße nach Jericho getan hat.
Im laufenden Einsatz, sofern ich überhaupt
dabei bin (was die Ausnahme ist), werde ich mich behutsam einfügen in das, was
andere - nämlich die Einsatzkräfte - schon vor mir längst und in der Regel gut
begonnen haben. Vieles ist denkbar, was getan werden muss, vom Reanimieren bis
zum Vertreiben von Schaulustigen - vieles ist auch denkbar, was ich tun
kann: vom Halten der Infusion bis zur Beruhigung von entsetzten Angehörigen.
Wenn viele Hände gebraucht werden, dann sind zunächst meine Hände
gefragt.
Sobald aber dann, wenn die Aufgaben
spezifischer verteilt werden können, scheint mir der Auftrag des Seelsorgers gut
mit "Beraten" zu beschreiben sein. Beratung ist ein Begriff, der in der Diakonie
bestimmte psycho-soziale Dienste bezeichnet (Beratungsstelle, Drogenberatung
usw.). Als Seelsorger, als Kirchenleute, als Gesprächskundige haben wir
vielfältige Möglichkeiten, die die Arbeit der Rettungsdienste ergänzen können.
Im Beispiel oben besteht das Beraten einmal
darin, den Polizeibeamten zur Seite zu stehen bei der Aufgabe, die rechtlich und
auch faktisch die ihre ist, nämlich eine Todesnachricht zu überbringen. Beraten
ist auch das behutsame Gespräch, das herauszufinden versucht, welcher Wunsch bei
der Familie besteht: Sollen wir den Verstorbenen noch einmal, jetzt gleich?,
aufsuchen, um von ihm Abschied zu nehmen? Beratung setzt Kenntnisse voraus: Wo
ist der Verstorbene? Kann man ihn da besuchen? Muß dort, in diesem Fall auf der
Intensivstation, eventuell angerufen werden?
Insofern ist Beraten auch Vermitteln können,
aus der Kenntnis verschiedener "Welten" heraus: Was darf und muss die Polizei
(z.B. Spuren sichern, Zeugenaussagen sammeln, den Hinterbliebenen unangenehme
Fragen stellen)? Was hat der Rettungsdienst gemacht (Schilderung der Reanimation
im RTW: "Nein, Schmerzen hat er nicht mehr gehabt!")? Wer ist zu
benachrichtigen? Wann soll der Bestatter gerufen werden? Und ist eine
christliche Beerdigung möglich? Hierhin gehört bei anderen Einsätzen auch das
Vermitteln weiterer Hilfsmöglichkeiten: bei Evakuierungen z.B. Gemeindehäuser
und Verpflegung, oder in anderen Fällen Therapeuten, Suchteinrichtungen,
Gemeindekreise, ambulante Pflege, oder oder. Die Seelsorger haben durch ihre
Stellung immer noch flächendeckende Vernetzungs- und Vermittlungsmöglichkeiten
im sozialen Bereich wie kaum jemand sonst.
Auch das, was in einem größeren Horizont als
die Aufgabe der Notfallseelsorge betrachtet werden kann, ist unter Beratung zu
subsumieren: nämlich in der Gesellschaft auf bislang vernachlässigte Aspekte
hinzuweisen und damit Türöffner zu sein für Arbeitsbereiche, die später
staatlich geregelt werden müssen. Besonders die Stressbearbeitung für
Einsatzkräfte und die Einbeziehung psychischer Aspekte in der Notfallmedizin,
die wir zur Zeit stellvertretend übernehmen, werden langfristig nicht mehr
kirchliche Aufgaben, sondern staatliche sein müssen.
Der erste Teilauftrag der Notfallseelsorge
ist also: Beraten. Das heißt: Seelsorge darf in der Notfallsituation nicht
überheblich, nicht ahnungslos, nicht fremd, nicht unwissend und nicht
inkompetent sein. Sie muss sich professionalisieren, vor allem in
Psychotraumatologie und Krisenintervention.
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II) BEGLEITEN
Aus dem Beraten kann ein Begleiten werden, und
auch dies wird in aller Regel zum Auftrag der Seelsorge gehören.
Koinonia - Gemeinschaft: Freude und Leid, Fragen und Gewissheiten teilen.
Begleiten ist mehr als Beraten, Helfen, Retten: denn es gibt die starre
Helfer-Opfer-Distanz auf. dass sich an dieser Stelle etwas Entscheidendes
verändert, spüren die Einsatzkräfte sehr genau; deshalb wehren sie sich gegen
die Erwartung, sie sollten am Leid der Betroffenen Anteil nehmen. Ich selbst
kann inzwischen gut nachvollziehen, was Einsatzkräfte übereinstimmend so
beurteilen: nicht so sehr der unbekannte, womöglich entstellte Verkehrstote im
Straßengraben geht einem nach, sondern vielmehr der Angehörige in seiner
Wohnung, der mir ein Bild von der Verstorbenen zeigt und fragt: Warum? und Was
soll jetzt werden?
Begleiten heißt: neben her gehen, das
Oben-unten aufgeben. Es hat mit Hinsehen zu tun, mit aktivem Zuhören, mit reden
lassen, mit gemeinsamem Aushalten von Schweigen und Ratlosigkeit, von Zweifeln,
unbeantworteten Fragen und Hilflosigkeit, von Schmerz und Traurigkeit, auch mit
gemeinsamem Klagen. Erst später dann mag einmal sichtbar werden, dass die
gemeinsam ausgehaltene Hilflosigkeit das Hilfreiche war - in dem Moment habe ich
teil an der Leere und dem Schmerz, und das ist kein schönes Gefühl.
Es gibt eine beeindruckende Szene in Hermann
Hesses Erzählung "Narziss und Goldmund", die den Charakter einer angemessenen
Begleitung in Notfallsituationen verdeutlicht. Hesse beschreibt in dieser im
Mittelalter spielenden Geschichte, wie das Mädchen Lene aus der Hölle einer von
Pest heimgesuchten Stadt kommt und nun mit diesem Manne, der Goldmund heißt,
durch Wiesen und Wälder wandert. Und dann:
"Sie marschierten...weiter, schweigend
zuerst, dann allmählich fing das Mädchen zu sprechen an,... es sei so grausig
gewesen da drinnen in der Peststadt, nicht zu sagen. Und sie fing an zu erzählen
und ihr Gemüt von den traurigen und scheußlichen Bildern zu entladen, die sie
hatte sehen müssen... Vielerlei Schlimmes hatte sie zu erzählen; niemand
unterbrach sie,... und Goldmund blieb still und gleichmütig, er ließ das
Grausige sich entleeren und sagte nichts dazu. Was sollte man da auch sagen?"
Begleiten hat mit dem zu tun, was Carl
Rogers, der Begründer der Gesprächstherapie (der aus einer sehr frommen Familie
stammt und auch christliche Theologie studiert hatte), als Empathie bezeichnet
hat, als Mich-einfühlen in den anderen, die Gefühle des anderen teilen. Und das
heißt wirklich: die Gefühle des anderen habe ich ein Stück weit auch. In den
Einsätzen der Notfallseelsorge sind das immer sehr unangenehme Gefühle wie
Angst, Trauer, Schmerz, Verzweiflung, Wut, Scham, Selbstvorwürfe,
Aussichtslosigkeit. Der tiefenpsychologisch geschulte Krankenhausseelsorger
Wolfgang Wiedemann spricht vom Seelsorger als "Container": Er nimmt Gefühle des
anderen in sich auf, hat sie dann in sich, und trägt sie mit sich weiter.
Einer trägt des anderen Last (Gal 6,2), und zwar real!
Einzuschieben ist an dieser Stelle die
Anmerkung, dass das, was ich hier unter Begleiten fasse, in der durch Rogers
geprägten Psychotherapie im counseling, in der Beratung mit gemeint ist. Ebenso
ist die Haltung des Begleitens auch integraler Bestandteil der sich an dieser
Methode orientierenden Seelsorge, der beratenden Seelsorge. Aber anders als in
der Notfallseelsorge ist das Setting der Seelsorge z.B. im Krankenhaus oder in
Beratungsstellen eines, das eine viel größere Distanzierung des Seelsorgers
zulässt. Das Charakteristische an der Notfallseelsorge ist, dass der Seelsorger
nicht nur im Nachhinein über den Schrecken des Erlebten spricht und es
aufarbeiten hilft, sondern dass er den gegenwärtigen Schrecken selbst miterlebt.
Deshalb halte ich es für hilfreich, die Haltungen des Beratens und Begleitens zu
unterscheiden und ersteres für die distanziertere, letzteres für die
teilnehmendere Haltung zu verwenden.
Seelsorge kann im Unterschied zur
medizinischen Tätigkeit des Rettungsdienstes und zum Brandschutz und zur
technischen Hilfeleistung der Feuerwehr ihren Auftrag nicht erfüllen ohne die
Schwelle zur Begleitung zu überschreiten, ohne also selbst an dem Schrecken und
Schmerz teilzuhaben.
Im Beispiel oben bestand meine Art der
Begleitung im Erleben der Reanimation im RTW und im Aufsuchen der Familie,
besonders aber dann in der gemeinsamen Fahrt zum Krankenhaus und dem
Abschiednehmen von dem Verstorbenen auf der Intensivstation. (Der
anwesende Arzt, kompetent und einfühlsam sonst, hat das nicht ausgehalten, er
ging in die distanziertere Haltung der Beratung zurück, konnte nicht schweigen,
als die Ehefrau sagte: "Aber du schläfst doch nur, du bist ja ganz warm, bist
nicht tot." Da musste er sagen: "Aber das fühlen Sie doch, dass er kalt ist!")
Diese Begleitung fand dann ihre Fortsetzung in der Bitte von Frau W., diesen Weg
mit ihr nun auch bis zum Ende zu gehen, und so habe ich in diesem Fall die
Beerdigung übernommen.
Die zweite Teilaufgabe der Notfallseelsorge
ist also: Begleitung. Das heißt: Notfallseelsorge bleibt nicht in der Distanz zu
den Betroffenen, traut sich selbst an den Ort des Schreckens, hält sich
psychisch nicht alles vom Leib, gibt nicht "von außen" gute Ratschläge,
widersteht der Versuchung, Menschen zu funktionalisieren und den Einsatz
technokratisch abzuarbeiten.
(Weil die Notfallseelsorge mit der
Begleitung selbst eine große Last übernimmt, muss der Notfallseelsorger sich
sehr bewusst sein, was er da tut. Denn er ist selber sehr verletzlich, zumal
sich im Seelsorgeberuf gerade die Empfindsameren finden dürften. Deshalb heißt
Ernstnahme dessen, was Begleitung beinhaltet, auch: Notfallseelsorger und
Notfallseelsorgerinnen sind nicht ahnungslos, was ihre eigene Verletzlichkeit
angeht, sie schätzen ihre Leidens- und Aufnahmefähigkeit realistisch ein, sie
sorgen für eigene Entlastung für die Zeit ihres Bereitschaftsdienstes und
besonders nach Einsätzen sowie für regelmäßigen Austausch und Supervision, und
sie arbeiten nicht ohne eine Beauftragung seitens ihrer Dienststellen.)
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III) BEZEUGEN
Begleitung ist zunächst einmal ein Geschehen
zwischen Menschen. Seelsorge setzt aber voraus und rechnet damit, dass die
zwischenmenschliche Beziehung umschlossen ist von der Beziehung Gottes zu den
Menschen. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist mit auf dem Weg.
Dabei ist die Beziehung Gottes, das Umschlossensein von seiner Nähe, freilich
nicht in der Weise ablesbar und beschreibbar wie die Ausdrucksformen der
zwischenmenschlichen Beziehung. Aber es ist zu rechnen damit, dass sich jede
Begegnung zu einer vielleicht gemeinsamen Gottesbegegnung öffnen könnte. Diese
Möglichkeit kommt zum Ausdruck etwa in dem Wort "Wo zwei oder drei versammelt
sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18,20) oder in der
Emmausgeschichte (Lk 24,13-35).
Damit zu rechnen ist etwas anderes als diese
Gottesbegegnung eigenmächtig herstellen zu wollen. Damit zu rechnen heißt
Signale aufzunehmen, Fragen zu hören, Atmosphäre zu erspüren, behutsam darauf zu
achten, ob zu Beraten und Begleiten noch eine neue Dimension hinzutreten will,
nämlich die Dimension der Re-ligio, der Beziehung zu Gott. Solche tastende
Vorsicht ist in der Notfallsituation sehr wichtig. Nichts ist gräulicher als ein
Gebet, das vorbei an echter Begegnung in den Raum gesprochen wird. Nichts ist
sinnloser als aufgesetzte religiöse Floskeln, die Antworten geben zu einem
Zeitpunkt, an dem die betroffenen Menschen noch nicht einmal so weit sind, die
Frage formulieren zu können. In der akuten Notfallsituation ist der psychische
Verarbeitungsprozess noch ganz am Anfang. Eine kognitive Bewertung, wozu auch
gegebenenfalls ein religiöser Deutungsversuch gehört, setzt in der Regel erst
viel später ein (vgl. das geflügelte Wort: "Darüber muß ich erst mal
schlafen.").
Wie aus Beraten und Begleiten Bezeugen
wachsen kann, ohne aufgesetzt zu sein, das wird auf berührende Weise deutlich,
wenn wir uns noch einmal Goldmund mit seiner Lene ansehen. Sie erinnern sich:
Lene erzählte all das Schreckliche, Goldmund ließ das Grausige sich entleeren,
er ging still neben ihr her und sagte lang nichts. Und dann geht es so weiter:
"Schließlich wurde Lene müde, und der
Strom versiegte, die Worte gingen ihr aus. Da begann Goldmund langsamer zu gehen
und fing ganz leise zu singen an, ein Lied mit vielen Strophen, und mit jeder
Strophe wurde seine Stimme voller; Lene fing zu lächeln an... Und Lene summte
schon beim zweiten Lied leise mit und fiel bald mit voller Stimme ein..."
Das ist ein wunderbares Bild, wie aus
Beraten und Begleiten Bezeugen erwachsen kann. Auch wenn es im kognitiven Sinne
nichts zu sagen gibt, so bleibt es doch nicht bei einem beklemmenden Schweigen,
bei einer verzweifelten Grabesruhe und hilflosen Sprachlosigkeit. "Da begann
Goldmund langsamer zu gehen und fing ganz leise zu singen an..." Still und leise
und langsam beginnt das Lied. Nicht laut und aufgesetzt, sondern von innen her,
vom Herzen her. Lene fängt zu lächeln an, stimmt ein, und der Gesang wird lauter
mit der Zeit. Das Leben hat noch einmal gesiegt und geht weiter. Der Trost
besteht nicht in einer Erklärung des Unerklärlichen, sondern im Trotzdem des
Singens, das weniger trotzig als verblüfft darüber ist, dass es in all der
Trauer und all dem Schrecken doch weitergeht.
Vielleicht lässt sich das Zeugnis, das
angesichts von schrecklichem Leid, von Angst und Tod am Platze ist, am ehesten
mit einer Musik vergleichen, mit einer Melodie Gottes, einer Stimme des Sieges
über den Tod. Einer Stimme, die nicht über den Schrecken und den Tod hinwegtönt,
ohne das Grauenvolle ernstzunehmen.
Das Bezeugen, das Kerygma, die
martyria wird konkret so aussehen, dass wir sparsam mit Worten sind
("Weniger ist mehr."), nur das sagen, wohinter wir wirklich stehen können, dass
wir Ausrufe wie "So einen Gott kann es nicht geben!" nicht mit einer
theologischen "Richtigstellung" beantworten, dass wir Gebet und Segen auf eine
Weise anbieten, die es dem anderen möglich macht, dieses Angebot ohne
Schuldgefühl oder Scham auch abzulehnen, dass wir alles Amtsgehabe weglassen und
nicht über eigene Fragen und Zweifel hinwegpredigen.
Bisher war von der Form, nicht von den
Inhalten des Zeugnisses die Rede. Ich denke auch, dass gerade in
Notfallsituationen nicht so sehr die Inhalte das Problem sind, sondern die
Authentizität des Zeugen: es muss stimmig sein. Aber natürlich müssen wir uns
auch inhaltlich mit den Fragen auseinandersetzen, die solche Begegnungen
aufwerfen und nach Möglichkeit zu Antworten kommen, die nicht nur für uns
stimmig sind, sondern auch theologisch verantwortet. "Seid allezeit bereit zur
Verantwortung für jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die
Hoffnung, die in euch ist." (1.Petr 3,15). In der Notfallseelsorge verdichten
sich viele zentrale Themen christlicher Verkündigung. An der Schnittstelle
zwischen Leben und Tod geht es hier so dicht wie selten sonst um Hoffnung
angesichts des Todes, um Schuld und Vergebung angesichts von Versagen, um
"gerechtfertigt sein" auch bei nicht oder unvollkommen erbrachter Leistung, um
die Nähe Gottes auch im Leiden, aber auch um die Hybris des sich allmächtig
wähnenden Menschen. Die Kirche hat der Gesellschaft wichtige Antworten
anzubieten, davon bin ich überzeugt. Dazu gehört mindestens das Wissen von Gebot
und Grenze, das Wissen von Gnade, das Wissen vom Heiligen, die Ernstnahme der
Möglichkeit von Schuld, und die Gestalt Jesu von Nazareth.
Wie wir inhaltlich hier zu Antworten finden,
das wird sicherlich bei jedem und jeder von uns anders ausfallen und das wird
auch nie fertig sein, sondern sich im Laufe des Lebens verändern. Je nach der
eigenen religiösen Sozialisation, theologischen Richtung und persönlichen
Erfahrung wird es da Unterschiede geben. Es ist jetzt nicht der Ort, alle diese
Themen durchzubuchstabieren. Wir sollten das aber in der Zukunft verstärkt tun,
denn bisher ist in der Aufbauphase der Notfallseelsorge dazu noch relativ wenig
gearbeitet worden.
Zum Bezeugen gehört übrigens auch die
ethische Aufgabe. Wie in jeder Institution, so besteht auch im Betrieb der
Notfallmedizin permanent die Gefahr, dass der Mensch zur Sache, die Begegnung
zum Handwerk und die Hilfe zur bloßen Einnahmequelle verkommt. Achtsam zu sein
für die bedrohte Würde des Menschen und höflich, kundig und bestimmt darauf
hinzuweisen - auch das gehört zur Aufgabe der Notfallseelsorge gegenüber
Einsatzkräften und anderen Beteiligten. (Man sollte sich freilich besonders hier
jeder Überheblichkeit enthalten, denn auch die Notfallseelsorge selbst ist
ständig in der Gefahr, technokratisch den Menschen ihr gegenüber zu verfehlen.)
Das ist also die dritte Teilaufgabe der
Notfallseelsorge: Bezeugen. Notfallseelsorge beschränkt sich nicht auf Beraten
und Begleiten, ist nicht nur Krisenintervention, sondern rechnet mit der Öffnung
zur Gottesbegegnung. Sie bleibt nicht stumm bei Sinnfragen wie der Frage nach
dem Tod oder nach Schuld. Die Notfallseelsorge ist dabei in der Form behutsam,
nicht vorlaut und vollmundig, sie ist aber inhaltlich gut vorbereitet.
Was die Dimension des Bezeugens bedeuten
kann, und zwar sowohl der Form wie dem Inhalt nach, ist für mir sichtbar
geworden bei dem Einsatz, von dem ich erzählt habe. Als ich ein knappes Jahr
nach dem Unfall Frau W. anrief und sie zum Gedenkgottesdienst für Verkehrsopfer
einlud, da sagte sie zu mir: "Herr Pfarrer, das Kreuz, das habe ich seither an
jedem Tag in meiner Handtasche mitgenommen, und ich trage es immer mit mir."
Dieses Kreuz, ein kleines aus Messing, hatte ich ihr am Unfalltag gegeben, zum
Festhalten. Auf diesem Kreuz steht nur ein Satz: "Ich bin bei Euch alle Tage".
Es hat mich sehr berührt, dass durch meine
Hand dieses Kreuz in der Tasche von Frau W. zum Segen für sie geworden ist - ein
Geschenk auch für mich, das mir in mancher müden Stunde Kraft gibt für die
Aufgabe, der wir uns stellen.
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IV) BETEN
Die Aufgabe der Notfallseelsorge ist
unvollständig beschrieben, wenn nicht ein Viertes hinzukommt, nämlich das Gebet
(leiturgia). Sich im Gebet an Gott, den Schöpfer und Vater Jesu Christi
zu wenden, kann gemeinsam mit den Betroffenen und Angehörigen, kann auch mit
Einsatzkräften, kann aber auch allein durch den Notfallseelsorger geschehen.
dass ein gemeinsames Gebet nur vorgeschlagen
werden kann und die Möglichkeit es abzulehnen gegeben sein muss, ist mir
selbstverständlich. Aber als Angebot gehört es für mich zur zentralen Aufgabe
des Notfallseelsorgers. Wir wenden uns gemeinsam an Gott, bringen gemeinsam
unsere Fragen, unser Erschrecken, unseren Schmerz, unsere Klage, unsere Bitten,
unsere Hoffnung vor Gott. In der Regel wird der Notfallseelsorger
stellvertretend auch für die Betroffenen sprechen. Das ist eine große
Verantwortung, die Einfühlung in deren Gefühlswelt erfordert. Im Gebet stehen
wir den Betroffenen nicht mehr wie bei Beraten und Bezeugen gegenüber, sondern
schauen wie beim Begleiten in dieselbe Richtung: war es beim Begleiten die
Notsituation, der Tod, so ist es im Gebet nun Gott und seine Wirklichkeit, von
der wir umfangen sind.
Im Gebet können wir auch unsere eigene Last,
unsere Sorge, unseren Schmerz, unsere Fehler loslassen und abgeben. Und das
haben auch wir Notfallseelsorger sehr nötig, nicht nur die Betroffenen.
Das Gebet als Bestandteil der
Notfallseelsorge zu sehen, hat auch mit unserer grundsätzlichen Haltung zu tun:
es lehrt uns Demut, schützt uns vor der Versuchung des Hochmuts (Wie sind wir
wichtig!), lehrt uns Fehlerfreundlichkeit und weist uns an die Gemeinschaft mit
Gott, mit unseren Amtsgeschwistern, mit den Einsatzkräften, mit Familie und
Freunden. Ohne das Gebet droht gerade in der Notfallseelsorge, die in so hohem
Maße mit den Insignien von Macht und Wichtigkeit verbunden ist, die
Selbstüberschätzung und deren in der Psychologie so eindringlich beschriebene
Kehrseite: der tödlichen Verzweiflung.
Das ist nun also die vierte Teilaufgabe der
Notfallseelsorge: das Gebet zu pflegen. Notfallseelsorge legt das Schicksal der
Betroffenen und auch eigenes Tun, Lassen und Leiden in Gottes Hand. Sie vergisst
nicht die eigene Verletzlichkeit, ist wachsam gegenüber der Verführung durch
Macht und Wichtigkeit und bemüht sich um Demut und heitere Gelassenheit.
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Schluss
So gibt es also vier Dimensionen in der
Notfallseelsorge, wenn wir danach fragen, wie die Rolle der Seelsorge in der
Notfallseelsorge zu füllen ist: Beraten (diakonia), Begleiten (koinonia),
Bezeugen (martyria/kerygma) und Beten (leiturgia). Im Beraten und Begleiten ist
unser Blick gerichtet auf die Situation des Schreckens und des Todes; das
Bezeugen und Beten dagegen weist uns an die Auferstehung, an den irdisches Leben
und Sterben umschließenden Lebenszusammenhang in Gott. Sind wir im Beraten und
Bezeugen Gegenüber der Betroffenen, sehen wir im Begleiten und Beten mit ihnen
in dieselbe Richtung.
Zuletzt möchte ich noch eine Bemerkung
anschließen: Dies alles so aufzuschlüsseln, macht vielleicht Sinn, weil es
hilft, unser Tun zu durchdenken. Aber es darf nicht so verstanden werden, als
sei immer alles und in jeder Situation am Platze und von uns zu verlangen. Es
ist mehr eine Richtlinie, ein Leitfaden, hinter dem ich immer wieder
zurückbleibe. Oft gelingt nicht das, was theoretisch doch sinnvoll und
not-wendig wäre - in allen vier Bereichen. Für das sorgfältige Beraten fehlt mir
manchmal die Kompetenz und der Fleiß. Das wirkliche Begleiten findet manchmal
seine Grenze in meiner eigenen Distanz und womöglich meiner emotionalen
Erschöpfung. Für das angemessene Bezeugen fehlt mir manchmal die Einfühlung und
der Mut. Und vor die Frage des Betens gestellt bin ich entweder zu zaghaft oder
zu vollmundig.
Wir erleben Grenzen. Aber dass wir uns auf
dieses schwere Gebiet der Notfallseelsorge wagen, das können wir tun aufgrund
der Zusage Gottes: "Ich bin bei euch alle Tage." Die Seelsorge bei Betroffenen
in Notfallsituationen ist Kernaufgabe kirchlicher Seelsorge. Gott segne, was wir
tun und lassen.
zurück zum Anfang
Erarbeitet und Gehalten von
Pfarrer Oliver Gengenbach am
12.11.1997.
Für das Internet bearbeitet von
Hanjo v.Wietersheim
am 26.10.98.
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