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"Die Sinnfrage in
Notfallsituationen –
Existenzielle Fragestellungen
in Krisen im Horizont von Spiritualität und Religion"
Vortrag auf der 3. Fachtagung
Notfallseelsorge und Krisenintervention am 11.3.2000 in Weilburg
von
Thomas Zippert
Download mit Anregungen zur
Gruppenarbeit (Word 7.0-Datei im Winzip-Archiv)
Liebe Kolleginnen und Kollegen in
Krisenintervention und Notfallseelsorge!
herzlichen Dank für die Einladung
und die Bitte um einen Vortrag zum gewaltigen Thema "Die Sinnfrage in
Notfallsituationen – Existenzielle Fragestellungen in Krisen im Horizont von
Spiritualität und Religion". Vorweg gesagt: Ich werde dieses Thema nicht im
entferntesten erschöpfend behandeln können. Es gibt keine einfachen Antworten
auf Sinnfragen. Auch der Horizont verschiedener Formen von Spiritualität und
Religion ist ebenso unüberschaubar wie die Vielzahl der Notfälle. Jeder ist
einzigartig und jeder wirft bei jedem Beteiligten andere Fragen auf.
In fünf Schritten möchte ich mit
Ihnen einige Pfade durch dieses reichlich unübersichtliche und diffuse Feld
suchen.
1. These: Mitarbeitende in
Feuerwehr und Rettungsdienst erfahren sich und ihre Tun häufig als extrem
sinnvoll. Dennoch sind sie immer wieder schlimmen Erfahrungen von Sinnlosigkeit
ausgesetzt.
Was gibt es Schöneres,
Befriedigenderes, Erfüllenderes, Erhebenderes – eben Sinnvolleres, als einem
anderen Menschen das Leben zu retten. Ich vermute, davon träumen viele in
Feuerwehr und Rettungsdienst. Auch ich selber. Es ist wohl eine der stärksten
Motivationen zum Mitmachen. Wenigstens dabei gewesen zu sein und mitgeholfen zu
haben – auch das ist ja schon was. Die Folgen von Verletzungen oder Krankheiten
zu lindern, die Heilung durch schnelles und kompetentes Eingreifen zu
beschleunigen, auch – das jetzt eher zu den Feuerwehrleuten gesagt – Sachwerte
zu retten und Schaden in Grenzen zu halten, das alles ist sinnvoll und "macht
Sinn", wie es so schön auf Neudeutsch heißt.
Diese Andeutungen mögen genügen,
um zu verdeutlichen, was "Sinn" meint. "Das, was Du oder Deine Kameradinnen und
Kameraden getan haben, war gut, hat geholfen, hat nicht Leben zerstört, sondern
gerettet. Das, was Du getan hast, war nicht leicht, manchmal extrem anstrengend
und gefährlich, aber erfolgreich." Das ist Sinn. Sinn: das ist "die einer Sache,
einer Handlung oder einem Ereignis beigelegte werthafte Bedeutung." Diese
Wertungen sind klare Antworten auf die Sinnfrage.
Auf der anderen Seite weiß jeder
von uns, dass dies nicht immer so ist. Oft ist es zwecklos – und das heißt
zugleich: sinnlos – mit einer Reanimation zu beginnen. Zu lange dauerte der Weg
zum Einsatzort, zu schlimm waren die anderen Verletzungen, zu alt oder krank der
Patient oder die Patientin. Oft bleibt es nur noch übrig, den Tod festzustellen
oder die Leiche zu bergen.
Besonders schlimm ist es, wenn
Tote noch so aussehen, als würden sie leben oder schlafen, z.B. bei
CO-Vergiftungen oder beim plötzlichen Kindstod. Es sieht so aus, als wäre noch
was zu tun möglich. Aber wir wissen: Da ist es zwecklos, was zu tun. Da ist es
nicht mehr "sinnvoll", das zu tun, was Feuerwehrleute und Rettungsdienste
gelernt und immer wieder geübt haben. Wenn nichts mehr getan werden kann, kann
auch kein Sinn mehr erfahren werden. Denn die Sinnfrage beantwortet sich für uns
meist durch die positive Bewertung unseres Tuns.
Der Tod macht keinen Sinn,
sondern beendet jegliche Suche nach Sinn, ist letzte Sinnlosigkeit. "Da kann man
nichts mehr machen" – "Da ist nichts mehr zu tun", sagen einige dann am
Einsatzort. Manchmal fragen wir uns auch: "Ist es sinnvoll, dieses oder jenes
Leben zu retten, wenn lebenslange Behinderung und Beeinträchtigung oder gar Koma
auf unabsehbare Zeit drohen?". Was treibt uns, einen Suizidanten in sein
zerstörtes Leben zurückzuschicken, das er oder sie doch ein für allemal hinter
sich lassen wollte?
Denn fraglos klar ist doch wohl:
Sinnvoll ist das Leben und die Liebe, die Gesundheit und der Genuss, die Arbeit
und der Erfolg, ein Ziel zu erreichen oder einen Traum zu verwirklichen, und
natürlich zu feiern bei jeder – sinnvollen – Gelegenheit, um nur das m.E.
Wichtigste zu nennen. Das Leben soll Spaß machen, soll sich lohnen und bejaht
werden können, eben "Sinn machen".
Das alles beendet der Tod, jäh
und plötzlich oder langsam und auf Raten. Er nimmt uns das, was wir für sinnvoll
halten. Er stellt alles, was vorher sinnvoll war, in Frage. Also ist er sinnlos.
Wenn wir eine mit "Warum" beginnende Frage hören, ist meist etwas, was vorher
sinnvoll war, zusammengebrochen. Die Sinnfrage stellt sich neu. Wenn man eine
Antwort hätte, müsste man nicht fragen: Warum ist dies geschehen?
Darüber hinaus stellt der Tod
gerade diejenigen in ihrer Kompetenz in Frage, deren Beruf bzw. Berufung es ist,
ihn zu bekämpfen und zu besiegen, wenn sie denn eine Niederlage einstecken
müssen, zumindest keinen Erfolg bei ihrem Tun hatten.
Feuerwehrleuten,
Rettungsdienstlern und Ärzten, auch den Angehörigen, Hinterbliebenen und oft
auch den Zeugen eines solchen Notfalls bleibt nichts anderes übrig, als diese
Sinnlosigkeit auszuhalten. Das führt zur zweiten These:
2. These: Sinnlosigkeit
auszuhalten, ist sehr anstrengend. Stattdessen geben wir uns oft mit
fragwürdigen bis "unsinnigen" Sinngebungen zufrieden.
Es ist sehr anstrengend, nur noch
zusehen oder zuhören zu können, wenn Menschen sterben oder sehr schwer
Verletzungen erleiden und aushalten müssen. Gerade in diesen Situationen stellen
wir die ja die Fragen, die mit "Warum...?" oder "Wozu...?" beginnen.
Sinnlosigkeit fragt nach Sinn und sucht neuen Sinn, wo nichts mehr sinnvoll ist
oder alte Sinn zerbricht.
Fragen ohne Antwort auszuhalten,
ist schwer. Und so gehen wir innerlich und äußerlich auf die Suche. Denn eine
Antwort auf diese Frage würde uns Erleichterung verschaffen. Fragt sich nur, wie
lange.
Und wir werden fündig auf der
Suche nach Sinngebungen für zunächst einmal sinnlose Situationen. Einige dieser
Sinngebungen möchte ich Ihnen nennen und auf Folie zeigen. Als Notfallseelsorger
und Pfarrer und Medienkonsument habe ich da Einiges gehört bzw. haben sich mir
selber einige dieser Antworten aufgedrängt. Sie selber könnten wahrscheinlich
noch mehr nennen. Sinngebungen sind so vielfältig wie die Situationen, die dazu
nötigen, nach einem Sinn zu suchen.
Ich möchte drei Dimensionen
unterscheiden: Sinngebungen gibt es
a) im Blick auf die Betroffenen
b) im Blick auf den Umgang mit
dem Notfall seitens der Einsatzkräfte
c) im Blick auf das Selbstbild
der Einsatzkräfte.
a) Sinngebungsversuche im Blick
auf die Betroffenen:
1) "Der ist doch selber schuld!"
"Das hat er sich selber zuzuschreiben!" – so sagen wir, wenn jemand im
Vollrausch gegen einen Baum fährt. Der Sinn ist klar: "Wer nicht hören will,
muss fühlen." So ist das im Leben. Aber wer so denkt, fragt nicht weiter. Es sei
denn, es handelt sich um Freunde und Angehörige.
2) Oft steht dann bei einem
solchen Verkehrsunfall etwas von einem "tragischen Unfall" in der Zeitung oder
der Todesanzeige. Das mag stimmen, wenn ein Besoffener noch andere Unbeteiligte
mit in den Tod gerissen hat. Für ihn selber ist diese Sinngebung im präzisen
Sinn falsch. Denn tragisch ist ein Todesfall nur dann, wenn zwei positive
Sinngebungen, Gesetze, Normen, Ziele einander ausschließen bzw. in Frage
stellen, z.B. wenn ein Helfer bei der Rettung eines Anderen ums Leben kommt.
Oder wenn ein Leitender Notarzt vor der Frage steht, wem er die begrenzten
medizinischen Mittel zukommen lässt: So oder so - die Rettung des Einen bedeutet
den Tod des Anderen. Oder wenn der Tod eines Einzelnen nötig ist, damit viele
andere keinen Schaden nehmen – denken Sie an die, die den Reaktor von
Tschernobyl abgedichtet haben.
3) Manchmal sprechen wir von
einem schlimmen "Schicksalsschlag" oder allgemein von "Schicksal", "Kismet" o.ä.
Und Schicksalsschläge wecken entweder besonderes Interesse, um nicht zu sagen
Neugier bis Gafferei. Wir staunen erschreckt bis entsetzt, was alles geschehen
kann. Wir oder die für unsere Neugier tätigen Journalisten suchen nach Ursachen,
warum sich das Schicksal so oder so erfüllt oder von seiner
grausam-unverständlichen Seite zeigt. Oder – und das trifft m.E. eher für
Einsatzkräfte zu. Wir wenden uns resigniert bis zynisch oder gar hartherzig ab
und sagen: "Das isso" (ist so).
Ähnlich kann es klingen, wenn man
hört: "'s war Gottes Wille!" – Dazu mehr bei der letzten These!
4) Wenn aber junge Leute mit
überhöhter Geschwindigkeit sich selber zu Schaden bringen, ist das nicht
Schicksal oder Tragik sondern eher Leichtsinn und Dummheit. Tragik wäre es nur
dann, wenn Autofahren und Rasen, wenn Mobilität überhaupt auf derselben Stufe
wie das Recht auf Leben stehen würde. Der Verkehr fordert seine
"Verkehrs-Opfer", so wie früher die Götter Menschenopfer gefordert haben, damit
sie gnädig gestimmt sind, damit die Ernte gelingt, ein Vergehen gesühnt wird
oder eben der Verkehr brummen kann. – Ohne zu prüfen, ob diese Opfer in einem
irgendwie gearteten sinnvollen oder nachweisbaren Verhältnis zum jeweils
angestrebten Ziel – in diesem Fall Mobilität – stehen. Nur dann wäre es im
präzisen Sinn ein "Opfer".
5) Diese Sinngebung eines Todes
als "Opfer" ist weiter verbreitet, als uns meist bewusst ist. Das Unwort des
letzten Jahres "Kollateralschaden" weist auf dasselbe Phänomen: Dem guten Zweck,
einen Diktator aus dem Weg zu räumen, werden nicht nur Sachwerte, sondern auch
ein paar Menschenleben geopfert, verharmlosend als "Kollateralschäden"
bezeichnet.
6) n Diskussionen früherer Jahre
nannte man das "Restrisiko" oder noch früher sagte man: "Wo gehobelt wird,
fallen Späne" bzw. machte die Millionen sinnloser Toter aus den beiden
Weltkriegen des letzten Jahrhunderts zu "Helden", die für Volk und Vaterland
starben. Ich habe das nie verstanden.
Das alles sind mehr oder weniger
fragwürdige bis unsinnige Sinngebungsversuche im Blick auf offensichtlich
sinnlose Situationen für Betroffene.
7) Es gibt auch positivere
Sinngebungsversuche, wenn wir sagen: "Es wird schon wieder" oder "Das Leben geht
weiter" oder "Nach Regen kommt Sonnenschein".
Ich möchte mich nicht über diesen
Versuch einer Sinngebung lustig machen. Es sprechen ja viele Beobachtungen und
Erfahrungen dafür, dass es so ist. Aber leider kann man das erst im Nachhinein
und mit viel Abstand sagen. Denn für die Betroffenen wechselt sich das nicht so
einfach ab. Das, was sie an Schlimmem erfahren, wirkt nach und schmerzt und
verwächst sich nicht so einfach wieder – da mag die Sonne so viel scheinen wie
sie will. Das Leben kann auch ohne mich weitergehen. "Die Zeit heilt viele
Wunden", aber eben nicht alle und nicht sofort; manchmal dauert es eben seine
Zeit und Narben bleiben zurück.
b) Sinngebungsversuche im Blick
auf die Einsatzkräfte.
1) "Da musst Du durch" – "Damit
musst Du fertig werden" – "Das muss ein Feuerwehrmann oder eine
Rettungsassistentin verkraften können". Ich vermute, Sie alle kennen diese
Sprüche von sich selber, von Vorgesetzten oder alten "Kämpen". Schlimme Notfälle
sind dazu da, dass wir uns bewähren, dass wir sie durchstehen und nachher
kräftiger als vorher sind, nach dem Macho-Motto: "Was uns nicht umbringt, das
macht uns nur härter."
Inzwischen wissen wir, dass das
nicht stimmt. Traumatische Ereignisse hinterlassen untilgbare Spuren in unserer
Seele, ja in unserem Gehirn. Davon sind die Fachzeitschriften der
Psychotraumatologen voll. Auch bei der Fachtagung der UKH im November 1999 in
Kirchheim war von der Verbreitung der PTSD ausführlich die Rede. Wenn wir
schlimme Notfälle erlebt haben, gehören sie fortan zu unserem Leben dazu. Sie
sind Teil von uns. Sie werden uns begleiten in Träumen und Erinnerungen und
wachsenden Empfindlichkeiten. Und sie werden regelmäßig wach, wenn wir mit neuen
schlimmen Situationen konfrontiert werden. Es kann doch kein Zufall sein, dass
bei jeder Einsatznachbesprechung immer auch von früheren schlimmen Erfahrungen
die Rede war.
Es ist also genau umgekehrt: Wir
werden nicht immer härter, sondern irgendwann bringt ein Tropfen das Fass zum
Überlaufen. Irgendwann haben wir nicht mehr die Kraft, alles wegzudrängen und
unter Verschluss zu halten, was uns auf der Seele oder gar auf dem Gewissen
liegt.
2) Es gibt bei Einsatzkräften
noch eine andere Art Sinngebungsversuche, die ich für ähnlich fragwürdig halte:
Ein Einsatz wird "abgearbeitet" –
der Kreislauf oder die öffentliche Ordnung ist wieder "unter Kontrolle",
"stabilisiert" oder "wiederhergestellt". Oft meint man sagen zu müssen oder
sagen zu können: Die Folgen eines Notfalls seien "überwunden", man habe das
traumatische Ereignis "bewältigt", abgesehen von den paar "Opfern" und
"Hobelspänen".
Hören Sie, was diese Sprache
verrät: "abarbeiten, wiederherstellen, überwinden, bewältigen, unter Kontrolle
bringen" usw. Auch in diesen Worten drücken sich Sinngebungsversuche aus, aber
einseitig solche, die Sinn im Tun, im aktiven Handeln sehen, auch wenn das oft
ziemlich unrealistisch ist. Man sollte genauer nachfragen: "Was genau wird
wiederhergestellt? Wer genau von wem bewältigt? Was kann abgearbeitet werden –
und was nicht? Was bleibt übrig und was hängt nach?" Welchen Sinn hat es, einen
Einsatz "abzuarbeiten", selbst wenn es nur darum geht, Trümmer einzusammeln und
Dreck wegzuräumen?
Dahinter scheint die Vorstellung
zu stehen, man könne eine traumatisierendes Ereignis oder eine traumatisierende
Vergangenheit bewältigen oder gar überwältigen, so wie man einen Angreifer von
Angesicht zu Angesicht oder hinterrücks "überwältigt". Traumatische Erinnerungen
kann man nicht "bekämpfen". Sie lassen sich nicht "be-" oder "überwältigen". Das
zeigt der Blick auf die Folgen der Kriegs- Flucht und Vertreibungserfahrungen.
Die Behandlungszimmer der Therapeuten sind immer voller von denen, denen jetzt
ihre Erfahrungen von 1939-45/46 zu schaffen machen. Oft auch kommen die Kinder
und Enkel dieser Menschen, weil sie unter dem leiden, was der Krieg ihren Eltern
angetan oder ihre Eltern im Krieg anderen angetan haben.
Nur ein Beispiel: Im Pflegeheim
fängt eine 85jährige Dame plötzlich an, um sich zu schlagen und wie wild zu
schreien, als Pfleger sie ausziehen und waschen wollen. Jetzt, 50 Jahre später
erst, kommt ihr wieder ins Bewusstsein zurück, wie das war, als sie von
russischen Soldaten ausgezogen und vergewaltigt wurde.
Es ließen sich viele andere
Beispiele nennen, vor allem solche von schweigenden Kriegsteilnehmern oder
solchen, die nur die Heldentaten erzählen, aber nicht die Untaten und das
Sinnlose. Dies Beispiel soll zeigen, wie wenig sich Vergangenheit "bewältigen"
lässt. Auch hier ist es eher umgekehrt: Sie überwältigt uns immer wieder, und
zwar meist dann, wenn wir schwach sind oder schwach werden – und das werden wir
alle irgendwann.
Damit will ich eine These
andeuten, die ich hier nicht vertiefen kann: Im kollektiven, mehr oder weniger
bewussten Gedächtnis unseres Volkes lagern unzählige Erfahrungen und
Traumatisierungen schlimmster Ohnmacht, aber auch Schuld. Die wirken weiter bis
ins "dritte und vierte Glied" der Generationenkette (wie es in den Zehn Geboten
heißt). Erst jetzt können wir uns trauen, den einen oder anderen scheuen Blick
auf die Traumatisierungen zu werfen, und zwar sowohl auf die von damals als auch
auf die von heute. In unserer Seele hängen beide aber eng zusammen. Es kann doch
kein Zufall sein, dass Notfallseelsorge dann Thema wird, wenn die
Kriegsgeneration und die von ihr ausgebildete und geprägte Generation in den
Ruhestand gehen!
c) Sinngebungsversuche im Blick
auf die Einsatzkräfte selber
1) Diese Sprache verrät noch
mehr, wenn wir überlegen, welches Selbstbild hinter diesen Sinngebungsversuchen
steckt: Es ist der "Kämpfende Held", der "Ritter", der zum Retter wird oder der
Retter der eigentlich ein Ritter ist (wieder diese Bildsprache aus dem
Krieg...), der Menschenleben rettet oder heilt, der Katastrophen verhindert oder
deren Folgen eindämmt, der, der anpackt und zupackt und bei Einsatz des Lebens
Erfolg hat. Der viel aushalten und ertragen kann, der nicht nur body-building
gemacht hat, sondern offensichtlich auch soul-building. Seine Seele und seine
Gefühle sind hinter so viel (Muskel-)Paketen versteckt, dass man sie gar nicht
mehr erkennen kann. Er packt so zu, dass er selber bald ganz zugepackt ist.
Mir scheint dieses gewiss
überzeichnete Bild nicht sonderlich realistisch, auch nicht sehr weit
verbreitet. Wer eine Weile bei Feuerwehr und Rettungsdienst mitarbeitet,
verliert dieses Bild ziemlich bald oder wird an seinen überzogenen Erwartungen
scheitern oder von ihnen enttäuscht werden. Die Medien jedoch erneuern es
beinahe jeden Abend, und nicht nur Sonntags um 19.10 Uhr bei Hans Meiser. (Oder
haben Sie dort mal von einem gescheiterten Rettungsversuch und dem Umgang damit
gehört?)
Sinnvolle Selbstbilder gibt es
immer dann, wenn noch was getan, am besten erfolgreich getan werden kann. So
verschiebt sich die Frage nach Sinn und Sinngebung in die nach Macht und
Ohnmacht: Wer irgendwie noch Macht hat, etwas zu tun, kann auch seinem Tun Sinn
beilegen. Wer ohnmächtig ist und nichts mehr tun (bzw. nur noch aufräumen kann),
hat es da schwerer. Untersuchungen belegen: Je schlimmer die
Ohnmachtserfahrungen von Betroffenen aber auch von Helfern sind, um so stärker
sind die posttraumatischen Belastungsreaktionen. Ohnmacht ist eben sehr schwer
auszuhalten. Da entdecken wir in der Regel keinen Sinn. Das muss aber nicht so
sein – davon später.
2) Es gibt noch eine zweite Art,
diesmal fataler Sinngebungsversuchen im Blick auf die Einsatzkräfte selber:
Helfer bzw. Helferinnen, die anderen helfen, aber eigentlich selber Hilfe
bräuchten, die Nächstenliebe üben, aber eigentlich selber auf der Suche nach
Liebe und Bestätigung sind. Nicht dass Helfen und Nächstenliebe an sich schlecht
wären, aber sie dürfen sich in Notsituationen nicht allein an dem orientieren,
was der Helfer oder die Helferin für sich und ihr Ego brauchen, sondern der oder
die andere in Not. Es gibt Helfertypen, die anderen mit genau dem helfen wollen,
was sie eigentlich für sich selber bräuchten. Weil sie selber von irgendetwas
belastet sind, haben sie kein Auge oder Ohr dafür, was der andere wirklich
braucht. Sinnvoll können sie ihr Handeln immer dann erleben, wenn es ihnen
selber gut tut.
Ein Beispiel: Ein männlicher
Helfer leidet unter Einsamkeit, vielleicht nach einer Ehescheidung oder dem Tod
der Partnerin, und ist auf der Suche nach Gemeinschaft, vielleicht nach neuer
Partnerschaft. Wenn so jemand eine junge Frau betreut, die gerade ihren Mann
verloren hat, könnten einige Dinge durcheinander gehen. Es könnte sein, dass
dieser Helfer sehr genau zu wissen meint, was diese Frau braucht, weil er es für
sich so erfahren hat oder ersehnt. Vielleicht aber braucht diese Frau etwas ganz
anderes als dieser Mann, z.B. Stille oder Zeit für sich allein.
Es kann aber auch sein, dass
dieser Mann vielleicht genau der richtige ist, weil er viel genauer als andere
ahnt, wie es dieser Frau geht. Vielleicht kann er viel intuitiver und klarer
erfassen, was sie braucht. Das weiß man vorher nicht.
Denn häufiger liegen die Dinge
nicht so klar zu Tage. Nicht immer sind einem die blinden Flecken bewusst, die
es verhindern, die anderen so zu sehen, wie sie sind. Menschen sind so
unterschiedlich und erleben selbst ähnliche Situationen so unterschiedlich, dass
man nur im Ausnahmefall sagen kann: "Was mir hier geholfen hat, das wird anderen
auch helfen."
3) Das gibt den Blick frei für
einen dritten Sinngebungsversuch im Blick auf die Einsatzkräfte einschließlich
der Notfallseelsorger/innen selber. Es muss nicht immer der Helferkomplex sein.
Aber irgendetwas ist für mich sinnvoll an meinem Engagement in
Hilfsorganisationen, und zwar unabhängig von dem, was unsere Aufgabe ist und dem
was Menschen in Notsituationen suchen und brauchen – Auch wir selber suchen
etwas in diesen Notsituationen und brauchen etwas. Kurz gefragt: Was suchen Sie
für sich in Notsituationen? Anerkennung und Selbstbestätigung – mag sein.
Adrenalin-Stöße? Auf Dauer machen die auch nicht satt. Kindheitsträume als
Feuerwehrmann, natürlich auch. Ich liebe diese roten (und auch die weißen und
blauen) Autos.
Mir selber wird immer klarer,
dass es mit der Vergangenheit meiner Eltern zu tun, die Krieg und Flucht (beide
sind Flüchtlinge) als Kinder und Jugendliche erlebt haben. Meine Mutter schlief
nicht, wenn die Sirene ging – ich tue es jetzt auch nicht. Und ich kann mir seit
meinen Notfallseelsorge-Einsätzen besser vorstellen, was meine Mutter vor dem
Krieg in Schlesien, im Krieg und dann auf der Flucht erlebt hat und worüber sie
bis heute nur andeutungsweise sprechen kann, und wenn, dann unter Tränen.
M.a.W.: Notfallseelsorge hat
etwas mit unserer jeweiligen individuellen Biographie samt ihrer Abhängigkeit
von den großen aber genauso häufig auch den kleinen geschichtlichen Katastrophen
der Geschichte zu tun. Was – das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Ich
könnte mir einen Austausch darüber sehr bewegend vorstellen. Vielleicht ist ja
heute Nachmittag etwas möglich.
Freilich: Auch wenn hier für mich
einiger Sinn liegt – ich muss mir dessen so klar wie möglich bewusst sein, damit
ich in Notfallsituationen nicht meine Wünsche und Bedürfnisse auf die
Betroffenen projiziere, sondern suche, was denen helfen könnte.
Immer wichtiger wird mir als
Notfallseelsorger eine vierte Form der Sinngebung: nicht Held oder Helfer oder
biographische Sinngebung welcher Art auch immer, sondern Beistand.
Damit sind wir bei der dritten
These:
3. These: Notfallseelsorge und
Krisenintervention werden zwar immer mehr zu einem selbstverständlichen und
notwendigen Teil des Einsatzgeschehens. Aber sie sind nicht dazu da, irgendeine
Sinnlücke zu schließen. Zugespitzt formuliert: Notfallseelsorge und
Krisenintervention "machen keinen Sinn" – bestenfalls helfen sie, ihn zu suchen.
Hin und wieder höre ich die
Erwartung, dass Notfallseelsorge "Sinn stiften" oder "Trost spenden" sollten, so
als wären Notfallseelsorgerinnen und –seelsorger "Sinnstifter und Trostspender"
– so wie es die Krankenhausseelsorge erzählt: "Ist es schon so weit, Herr
Pfarrer?" Oder: "Jetzt hilft nur noch beten!"
Wie es den
Kriseninterventionskräften ergeht, weiß ich nicht. Ich vermute, die Erwartungen
sind nicht ganz dieselben. Aber zu "intervenieren", auf deutsch: "dazwischen zu
gehen", wird auch nicht immer gelingen oder angesagt sein.
Hier lauert m. E. die größte
Gefahr der Fremd- und Selbsteinschätzung von Notfallseelsorge. Notfallseelsorge
schließt nicht da nahtlos an, wo die anderen Einsatzkräfte aufhören. Nach dem
Motto: "Auch die psychische Seite kriegen wir noch in den Griff!" – "Jetzt sind
Sie dran, Herr Pfarrer!"
Ich weiß nicht, wie das geht:
"Sinn stiften". Ich kann eine Stiftung machen oder stiften gehen, aber mit dem
Sinn verhält es sich anders. Ich kann ihn nicht machen, nur suchen und
hoffentlich finden. Ich krieg ihn nicht in den Griff. Es ist umgekehrt: Er
erschließt sich mir und dann kann ich möglicherweise sagen: "Ja, so ist es für
mich."
Mit dem "Trost spenden" ist es
ähnlich. Ich kann Geld oder auch Sakramente spenden oder etwas als tröstlich für
mich entdecken. Aber beides zusammen geht nicht. Es gab wohl eine Zeit, da
hatten die Pfarrer zu jeder Zeit einen passenden oder unpassenden Bibel-Spruch
auf den Lippen, den sie reihum "spenden" konnten. Aber jeder halbwegs
aufmerksame Zeitgenosse weiß: Das funktioniert nicht – und die Pfarrerinnen und
Pfarrer tun es auch nur noch sehr selten. Genauso wenig wie die Mediziner mehr
herumlaufen und nur noch Beruhigungstabletten einwerfen wollen. Auch das ist
eine Karikatur.
Was aber tut Notfallseelsorge
dann? Sie "macht keinen Sinn", weil man Sinn nicht machen kann. Sie hilft
Sinnlosigkeit auszuhalten und Menschen beizustehen, für die der Sinn ihres
Lebens erst einmal zusammengebrochen ist. Sie macht sich – wenn denn genügend
Zeit ist und Notfallseelsorge in normale Seelsorge übergeht – gemeinsam mit
diesen Menschen auf, den Sinn zu suchen, der ihnen hilft, der wirklich zu ihren
passt. Notfallseelsorge weiß, dass niemandem wirklich geholfen ist, wenn man ihn
mit irgendeinem Sinn abspeist oder Sinnlosigkeit mit irgendeinem Spruch oder
einer Floskel zukleistert. Sie nimmt Sinnlosigkeit als Sinnlosigkeit wahr und
Ohnmacht als Ohnmacht – wir sagten ja eben, dass beides miteinander
zusammenhängt. Aber sie sucht auch nach Sinnfragmenten, nach dem, was für den
oder die Betroffene tragfähig sein oder einen – immerhin vorläufigen – Halt
darstellen könnte. Und Notfallseelsorge sorgt dafür, dass Menschen beim ersten
Teil dieser Suche nicht allein bleiben.
Solche Sinnlosigkeit auszuhalten,
ist sehr anstrengend. Und Notfallseelsorger sind genauso wie andere in der
Versuchung, diese Sinnlosigkeit vorschnell mit ihren jeweils eigenen
Sinngebungsversuchen zu füllen.
Ich weiß nicht, wie es anderen
geht: Ich selber kann solche Sinnlosigkeit nur dann wahrnehmen und zulassen und
aushalten, wenn ich selber für mich Halt spüre, Vertrauen habe und die Hoffnung,
dass auch für sie irgendwo ein Sinn verborgen ist, auch wenn sie gegenwärtig für
sich keinen Sinn sehen. Ich kenne den nicht. Ich kann ihn auch nicht für sie
finden. Aber ich kann wieder anstoßen, nach dem zu suchen, was den anderen gut
tut und hilft und Halt gibt.
Das heißt aber. Als
Notfallseelsorger oder –seelsorgerin, als Mitarbeitende in einem
Kriseninterventionsteam muss ich für mich einige Sinnfragen geklärt haben, damit
ich anderen nicht meine Probleme aufhalse. Es geht dabei vor allem um meine
Einstellung zum Leiden und Tod, zu Macht und Ohnmacht. Wir sahen ja: Sinn
erfahren wir immer dann relativ fraglos, wenn wir nicht leiden sondern leben,
wenn wir noch Macht und Möglichkeiten haben, etwas zu tun.
Das führt zur vierten These:
4. These: Zwei Sinngebungen von
Leiden und Ohnmacht stehen einander spannungsvoll gegenüber. Leiden und Ohnmacht
müssen entweder vermieden oder bekämpft werden. Oder sie müssen ausgehalten
werden und haben einen Sinn in sich. Nur wer diese Spannung für sich und andere
offen hält, wird im Notfall adäquate Antworten auf die Sinnfrage finden können.
1) Dass Leiden zu bekämpfen und
zu vermeiden ist, gehört zu menschlichen Urimpulsen. Es ist beeindruckend, was
die Medizin in den letzten hundert Jahren geschafft hat, um Leiden zu bekämpfen,
zu verhindern oder zu lindern. Jedenfalls für die Menschen auf der
Nordhalbkugel.
Ebenso sind die Erfolge von
Feuerwehren und Rettungsdiensten beeindruckend, die es ja auch erst seit 100-150
Jahren halbwegs flächendeckend gibt, jedenfalls in Europa. Leiden im einzelnen
und Katastrophen im großen sind dazu da, dass wir unseren Verstand,
Einfallsreichtum, unser Organisationstalent und unsere Solidaritätsbereitschaft
fordern und erproben und bewähren. Es reizt uns, die Grenzen unserer Macht,
unserer Fähigkeiten und Kompetenzen immer weiter hinauszuschieben gegen
kreatürliche – und immer mehr auch menschliche – Unbill, gegen
Ohnmachtserfahrungen und Hilflosigkeit. Leiden und Ohnmacht sind nie an und für
sich gut. Ihr Sinn besteht darin uns herauszufordern, etwas dagegen zu
unternehmen.
Dass war und ist nicht überall zu
allen Zeiten und an allen Orten so gewesen. Menschen anderer Zeiten und Kulturen
gehen mit Leidens- und Ohnmachtserfahrungen anders um als wir. Das zeigt ein
Blick in die Zeit des 30jährigen Krieges ebenso wie auf die Südhalbkugel heute
(z.B. Mocambique).
Bei uns in Europa gibt es eine
uralte Tradition gegen Leiden zu kämpfen. Seit Jesus Kranke heilte und ihnen
nicht irgendeinen Sinn ihrer Krankheit aufschwatzte, seit er uns die Geschichte
vom barmherzigen Samariter und seiner spontanen Hilfsbereitschaft erzählte,
haben viele Heilige und noch mehr normale Christenmenschen Nächstenliebe geübt:
Kranke von den Straßen geholt, sie gepflegt und nach Möglichkeit ihre Leiden
gelindert. Die heilige Elisabeth mit ihrem Hospital in Marburg ist da nur ein,
wenn auch leuchtendes Beispiel.
2) Das ist der eine Pol, der uns
heute besonders nah und wichtig ist, jedenfalls in den Hilfsorganisationen, den
Medien, der Gesellschaft.
Mir scheint, als hätten wir den
anderen Pol auf dieser Skala vergessen oder tabuisiert oder ihn ungeprüft unter
Ideologieverdacht gestellt, so als wäre jede Sinngebung von Leiden gleich eine
ungerechtfertigte Vertröstung (oder lächerliche "Trostspende").
Der andere Pol der
Leidenshinnahme, der Sinngebung von Ohnmachts- und Schulderfahrungen, scheint
den Kirchen naturgemäß besonders nahe zu stehen. Bis hin zur Leidensmystik, die
die Gottesbegegnung im Leiden sucht und erfährt. Dass dies historisch nur die
halbe Wahrheit ist, hatte ich bereits gesagt. Die Kirche steht – nicht nur mit
ihre Krankenhäusern – in der großen abendländischen Tradition der
Leidensverhinderung und –bekämpfung. Aber eben nicht nur. Sie hat in diesem
zweiten Pol sozusagen ihr zweites Standbein. Und nur auf zwei Beinen steht sich
gut.
Ich selber beginne mich dieser
Dimension erst langsam zu nähern. Wie kann man von Sinn in Notsituationen, beim
Leiden und Sterben von Menschen reden?
Erste Annäherung: Leiden,
Erleiden, Hinnehmen und Empfangen sind unreduzierbare Grunddimensionen unseres
Lebens. Fast möchte ich sagen: Alle wesentlichen, grundlegenden Dinge machen wir
nicht - sie geschehen mit uns und an uns:
Wir werden geboren, ohne dass man
uns fragt, wann und wo und mit welchen Eltern. Wir sterben irgendwann, auch wenn
wir das nicht wollen, egal ob es an der Zeit ist oder davor oder viel zu lange
ersehnt. Und wir können uns abstrampeln, wie wir wollen – ob uns jemand unsere
Liebe erwidert und seine Liebe schenkt, steht nicht in unserer Macht. Und die
Leidenschaften können wir zwar eine Weile zurückdämmen – letztlich haben sie uns
im Griff und bestimmen unser Wollen und Fühlen.
Zweite Annäherung: Unsere Aufgabe
besteht darin, das hinzunehmen und zu akzeptieren und etwas daraus zu machen. So
ist es auch, wenn wir leiden und Dinge und Ereignisse nur noch ohnmächtig
hinnehmen können.
Leiden nicht sofort zu bekämpfen
oder gekränkt nach den Ursachen, nach dem "Warum" zu fragen, sondern es
auszuhalten, zu tragen, kurz: leiden zu können – das könnte eine
Herausforderung, eben eine sinnvolle Aufgabe sein. Vielleicht fällt sie Frauen
leichter, weil sie regelmäßig und ungefragt mehr oder weniger schlimme Schmerzen
aushalten müssen.
Aber es ist schwer, sich der
Aufgabe zu stellen, nichts mehr machen zu können, außer die Dinge hinzunehmen,
wie sie sind, auch wenn es wehtut und die Trauer einen niederdrückt.
Deshalb wird mir es immer
wichtiger, dass sich Hinterbliebene und Angehörige, aber auch ich selber mich
von Verstorbenen verabschieden kann, persönlich und immer häufiger auch
liturgisch durch Aussegnung. Das hilft mir, der Situation eine Gestalt zu geben.
Diese Form des Abschieds ist der Würde des Menschen angemessener als die mehr
oder weniger hilflose Bergung und Verlastung von Leichen. Das Bergen von
Leichen, das Abschiednehmen ist sehr, sehr sinnvoll. Dieses Tun steckt voller
Sinn, weil uns das vor Augen treten kann, was uns mit dem Verstorbenen
verbindet.
Dritte Annäherung: Etwas kommt
für mich hinzu, etwas ganz Wesentliches. Ich spreche jetzt als Pfarrer und
Christ, und mich interessieren die Erfahrungen anderer Christenmenschen oder
auch Nichtchristen:
Seit ich Notfallseelsorge
betreibe, sind mir Sterben, Tod und Auferstehung Jesu Christi wichtiger
geworden. Das Kreuz Jesu nimmt genau diese Erfahrung auf, dass es Situationen
gibt, in denen ich nichts mehr machen kann, sondern nur noch hinnehmen kann, was
geschieht. Ich mag zwar anderes wollen und gut finden. Aber es geht auf dieser
Welt nicht immer alles nach meinem Willen. So war es auch bei Jesus. "Nicht mein
Wille, sondern Dein Wille geschehe." So betet Jesus in Gethsemane. So ähnlich
steht es auch im Vaterunser und so bete und denke ich es oft beim Einsatz. Das
tut weh. Das ist eine Kränkung unseres Stolzes. Da scheinen wir mit all unseren
professionellen Kompetenzen am Ende.
Aber wenn ich nichts mehr tun, ja
nicht einmal etwas Sinnvolles wollen kann, dann besteht die Chance Gott neu zu
erfahren. Wenn ich nicht mehr dauernd betriebsam, fleißig und hilfsbereit
beschäftigt bin, kann ich den wieder spüren, der mich geschaffen hat, aber im
Stillen wirkt. Gott ist im Leiden und sterben manchmal direkter erfahrbar. Ist
der friedliche Gesichtsausdruck mancher Verstorbener wirklich nur Einbildung
möglicherweise oder ein Vorschein von dem, was kommt?
So werden mir auch die
Erfahrungen der ersten Jüngerinnen und Jünger wieder plausibel, dass Gott so
stark und mächtig ist, nicht nur Leben zu nehmen (diese dunkle Seite Gottes
erfahren wir ja oft in Notsituationen), sondern Leben auch im Tod und durch den
Tod hindurch zu bewahren und zu erneuern, ja irgendwann einmal in einer anderen
Dimension der Wirklichkeit neu zu erschaffen. Gott ist im Leiden und Sterben,
auch im Trauern mit dabei. Er packt uns einiges auf die Schultern, aber er hilft
uns beim Aushalten und Tragen. Er gibt uns so die Kraft auch daran zu wachsen,
weil Leidenserfahrungen zum Leben dazugehören. Und irgendwann schenkt er uns das
Leben wieder neu – anders, als man es mal wollte, hier oder dort.
– Das klingt so ähnlich wie "Nach
Regen kommt Sonnenschein" oder "Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von
irgendwo ein Lichtlein her." Mag sein – wieso auch nicht?
Es geht mir um allgemein
menschliche Erfahrungen, die sich unterschiedlich ausdrücken können. Ich bleibe
bei meiner nicht besonders originellen, sondern reichlich traditionellen Sicht
der Dinge, weil sie sehr realistisch ist (der Regen kann lange dauern und die
Ohnmacht kann sehr schlimm sein). Aber sie hat mir geholfen und hilft mir.
Ich habe den Eindruck, auf dieser
Seite der polaren Spannung könnten die Rettungsdienste und Feuerwehren mehr
lernen – auf jener die Theologen. Es kommt darauf an die Spannung auszuhalten,
damit man weder in blinden Aktionismus noch in falschen Quietismus, in
Trostspenderei verfällt, sondern erkundet, was möglich ist. Wie mag es Ihnen
gehen? Für mich ist dieser Gedanke in Worten des schwäbischen Theologen
Friedrich Christian Oetinger (1702-82) zusammengefasst – es ist zugleich die
letzte These, in Form eines Gebets:
5. Gebet: "Gib mir die
Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Weisheit, das eine vom
andern zu unterscheiden."
Die Spannung zwischen
Gelassenheit und Mut, zwischen Leidensbekämpfung und Leidenshinnahme also ist
unreduzierbar. Es kommt darauf, herauszufinden, was wann dran ist. Und dafür
braucht es Zeit und Gelegenheit. Das Gebet kann so ein Ort sein, zunächst einmal
für mich, möglicherweise auch für Betroffene. Dieses Gebet zeigt, dass
Gott auf beiden Seiten dieser polaren Spannung, dieses Kontinuums von Mut bis
Geduld steht. Für Christen ist also zunächst einmal offen, was Gottes Wille ist.
Er lässt sich nicht "definieren" (zu deutsch: eingrenzen). Er zeigt sich in
jeder Situation für jeden und jede anders.
Hinzunehmen haben wir, aber dann
auch kräftig zu nutzen und zu entwickeln, dass er uns mit Kraft, Fähigkeiten,
Mut, Vernunft, Phantasie und anderem begabt hat. Leider so, dass wir in die
Entwicklung noch hier und da ein wenig harte Arbeit stecken müssen, und
Rückschläge und Irrwege nicht ausgeschlossen sind.
Er hat es wohl auch gewollt, dass
wir uns hier ein sinnvolles Leben mit Liebe, mit Gesundheit und Genuss, auch mit
Arbeit und Erfolg, mit Zielen, Träumen und Wünschen, mit Anspannungen und
Entspannungen, auch mit Rückschlägen und Neuanfängen einrichten.
Er ist aber auch der Schöpfer,
der uns das Leben wieder nehmen kann, weil er uns als endliche, sterbliche
Wesen geschaffen hat. Irgendwie, meist indirekt, ist er auch für Katastrophen,
Krankheiten und Seuchen, auch für unsere Dummheit und unseren Leichtsinn
verantwortlich, auch wenn der Anteil der vom Menschen verursachten Katastrophen
ständig steigt. Bevor wir aber gelassen und geduldig die Hände falten oder in
den Schoß legen, möchte er, dass wir wirklich auszuloten, was noch zu ändern
ist, dass wir erkunden, wie groß unser Freiheits- und Handlungsspielraum
tatsächlich ist, wie sich selbst in unserm Umgang mit dem Unabänderlichen noch
ein Stück Entscheidungsfreiheit zeigt: Wir können mit Gott oder dem Schicksal
hadern und in Bitterkeit verfallen, weil es nicht das ist, was wir wollten. Wir
können aber auch sehen, was wir draus machen können, wenn wir die Dinge
akzeptieren, wie sie sind und das Bestmögliche draus machen.
Gott ist aber auch der, der uns
den Folgen unserer Taten oder Unterlassungen aussetzt, ob wir wollen oder nicht.
Er ist ein unerbittlicher Richter. Es reicht, wenn er uns als Kollektiv den
unseren Taten aussetzt – oder uns anspornt, Schlimmeres zu vermeiden.
Und er ist der, der uns erlösen
und zu sich nehmen kann, wenn hier auf Erden wirklich nichts mehr läuft, in ein
Reich, wo es kein Leid und keinen Tod mehr gibt. Der Tod für die Hinterbliebenen
ein harter Schnitt, für die Sterbenden aber eine Verwandlung. Manche nennen den
Tod den "Geburtstag im Himmel". Manchmal erleben wir so etwas schon vorher, wenn
es uns gelingt, ein Menschenleben zu retten und zu bewahren oder wenn uns für
uns selbst ein Neuanfang nach Krankheiten oder Krisen glückt.
(S) Einige Sätze zur
wiederholenden Zusammenfassung:
Notfallseelsorge macht keinen
Sinn – sie hilft ihn suchen und – geb's Gott – ihn finden. Denn Sinn ist nur
etwas individuell Erlebbares, auch wenn er sich aus kollektiven Quellen und
Traditionen speist.
Auf einem anderen Blatt steht,
wovon sich Notfallseelsorgerinnen und –seelsorger,, auch Mitarbeitende in KIT's,
selber getragen wissen, was für sie der Sinn Ihres Tuns in Notfallsituationen
ist. Denn wir alle bezeugen ohne Worte durch unser faktisches Tun, von welchem
Sinn wir leben, wissen aber, dass wir niemandem unsern Sinn aufschwatzen dürfen
oder können.
Notfallseelsorge und
Krisenintervention müssen die Spannung von Macht und Ohnmacht, Leidensbekämpfung
bzw. –verhinderung auf der einen Seite und Leidenshinnahme und –annahme auf der
anderen Seite im Blick behalten und versuchen, sie fruchtbar zu machen, indem
sie Menschen in Not beistehen und bei ihrer Neuorientierung erste Hilfe für die
Seele leisten. Leiden und Ohnmacht nicht nur wegzureden oder hinzunehmen,
sondern als Aufgabe anzunehmen – das ist ziemlich schwer.
© Thomas Zippert 2000
Für das Internet bearbeitet von
Hanjo v.Wietersheim.
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